EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Wolfgang Hörner / Barbara Drinck / Solvejg Jobst
Bildung, Erziehung, Sozialisation
Opladen & Farmington Hills: Budrich 2008
(221 S.; ISBN 978-3-8252-3089-0; 16,90 EUR)
Bildung, Erziehung, Sozialisation Dieses Gemeinschaftswerk des AutorInnentrios Hörner, Drinck und Jobst zielt darauf ab, die drei zentralen Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft für Studienanfänger und Prüfungsvorbereitung „leicht verständlich“ – so der Klappentext – darzustellen. Inhaltlich gliedert sich der Band in drei vom Umfang her ungefähr identische Themenblöcke: Wolfgang Hörners Ausführungen zum Bildungsbegriff, Barbara Drincks Beschäftigung mit dem Erziehungsbegriff und Solvejg Jobsts Auseinandersetzung mit dem Sozialisationsbegriff. Auffällig ist dabei, dass zwar durch Verweise auf vorangehende oder nachfolgende Kapitel Bezüge zwischen diesen drei thematischen Einheiten hergestellt werden, eine Einleitung jedoch ebenso fehlt wie ein Schlussteil oder auch ein Schlagwortverzeichnis. Dafür wird am Ende jeden Kapitels ein kurzes Fazit gezogen und Wiederholungs- sowie Reflexionsfragen sollen die LeserInnenschaft zur Überprüfung des eigenen Lernforschritts animieren. Zudem werden zu den einzelnen Kapiteln und Themenblöcken jeweils weiterführende bzw. vertiefende Literaturtipps gegeben.

Ansatzpunkt für Hörners Überlegungen zum Bildungsbegriff ist eine Frage, die dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass am Leipziger Standort der AutorInnen der B.A.-Studiengang lediglich auf das Lehramt vorbereitet, nämlich: „Welche Inhalte sind es wert, durch schulische Institutionen an die jüngere Generation vermittelt zu werden?“ (9) Zur Klärung dieser Frage wird in einem ersten Schritt der Alleinstellungscharakter des deutschen Bildungsbegriffs durch Bezugnahme auf slawische Sprachen relativiert. Anschließend werden Differenzen zwischen den Begriffen „Bildung“ und „Erziehung“ herausgearbeitet und der Einfluss gesellschaftlicher Kontexte auf das jeweils zeittypische Bildungsverständnis anhand der Beschäftigung mit Bildungskonzeptionen der griechisch-hellenistischen Antike (Isokrates, Platon) und des deutschen Neuhumanismus (Schiller, Humboldt) veranschaulicht.

Im zweiten Kapitel wird vor dem Vergleichshorizont europäischer Nachbarländer die Herausbildung des deutschen dualen Systems der Berufsausbildung nachgezeichnet. Zudem werden bildungstheoretische und bildungspolitische Versuche zur Überwindung der Trennung von Allgemein- und Berufsbildung – nämlich der Sprangersche Bildungsbegriff und das auf Marx und Engels basierende, am Beispiel der DDR illustrierte Konzept der polytechnischen Bildung – debattiert.

Im nachfolgenden Kapitel 3 geht Hörner einer von ihm konstatierten „deutliche(n) Diskrepanz“ (38) zwischen dem historischen und dem im aktuellen Alltagsverständnis anzutreffenden Bildungsverständnis nach, für die er den in der Nachkriegszeit bestehenden Einfluss des US-amerikanischen Education-Begriffs verantwortlich macht. Darüber hinaus werden die Humankapitaltheorie und deren Erweiterung in der Kapitalientheorie Bourdieus beschrieben, bevor in Kapitel 4 zum Abschluss des Themenblocks „Bildung“ unterschiedliche Konzeptionen zur Ausgestaltung und Steuerung heutigen Unterrichts – das aus der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik hervorgegangene Modell Klafkis und das in Opposition dazu entstandene Robinsohn-Modell – dargestellt werden.

Mit Kapitel 5 wechseln Thema und AutorInnenschaft: Barbara Drinck setzt mit ihren Ausführungen zum Themenblock „Erziehung“ ein. Ihr Ausgangspunkt sind Überlegungen zur Abgrenzung von Erziehung und Sozialisation, die zur Frage nach der Erziehbarkeit des Menschen überleiten, für die mit Kant, Locke und Salzmann drei unterschiedliche Antworten angeboten werden. Die weiterführende Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Erziehung und nach den diese beeinflussenden Werten und Normen verhandelt Drinck ausgehend vom Extrembeispiel der so genannten „wilden Kinder“ in dem Unterkapitel „Pädagogische Anthropologie“ unter Berufung auf Tinbergen, Gehlen, Portmann und Kant.

In Kapitel 6 wird der Erziehungsbegriff über Etymologie, Grundgesetz, Bürgerliches Gesetzbuch und Sozialgesetzbuch konkretisiert, was angesichts der disziplinären Verortung des Werkes überrascht. Ausgehend von ethologischen Vergleichsstudien werden dann die Geschichte der Kindheit und die Entwicklungslinien der familiären Erziehung vom Mittelalter bis hinein ins 20. Jahrhundert unter Bezugnahme auf prominente Pädagogen wie Comenius, Fröbel oder Rousseau umrissen. Die Entwicklung der Disziplin wird unter Verweis auf zentrale Gedanken von Trapp, Herbart und Schleiermacher skizziert. Auffällig bei diesem historischen Überblick ist zum einen der fragmentarische Charakter, zum anderen aber auch der Umstand, dass die jüngere und jüngste Vergangenheit unterbelichtet bleiben: So werden beispielsweise unter der Überschrift „Umerziehung nach 1945“ die Grundzüge des von den Alliierten initiierten Umerziehungsprogramms aufgezeigt und zwischen Ost- und Westdeutschland bestehende Unterschiede bei dessen Umsetzung betont; Ausführungen bezüglich der Folgejahre fehlen jedoch. Stattdessen schreibt das Fazit von Kapitel 6 geistesgeschichtlichen Entwicklungen entscheidenden Einfluss auf Theorien zu (vgl. 111).

Dementsprechend werden im nachfolgenden Kapitel 7 praxisgestaltende Erziehungskonzeptionen verhandelt. Bedingungsfaktoren von Erziehungsverhältnissen, zentrale Ergebnisse der Erziehungsstilforschung und Auswirkungen spezifischer Erziehungsmethoden werden diskutiert. Beispielhaft vorgestellt werden dabei Konzept und Praxis der antiautoritären Erziehung sowie Untersuchungsergebnisse der Mitautorin Solvejg Jobst zu den im Rahmen der DDR-Erziehung bestehenden Wechselbeziehungen zwischen Elternhaus und Schule. Gegenwärtige Entwicklungen werden durch die Präsentation von vier aktuellen Erziehungsprogrammen – STEP, Triple P, Familienkonferenz (Th. Gordon) und „Starke Eltern - starke Kinder“ – aufgezeigt. Eine kritische Würdigung dieser Konzepte erfolgt allerdings nur ansatzweise. Stattdessen werden zum Ende des Kapitels rezeptartig „entwicklungsfördernde Leitlinien für die Erziehung“ (132) aufgeführt. Dass Gattungsgrenzen zwischen Fachbuch und Ratgeber überschritten werden, zeigt sich auch, wenn im Fazit des Kapitels gefordert wird: „Für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer ist es notwendig, sich mit den Fragen der familialen Erziehung auseinandergesetzt zu haben, um die Auswirkung elterlicher Erziehungsfehler auf das Verhalten der Kinder zu erkennen und die Ursachen kindlichen Fehlverhaltens nicht dem Charakter des Kindes zuzuschreiben“ (133). Frappierend und wissenschaftlich nicht zu begründen ist, in welch eindimensionaler Weise hier der Familienerziehung innewohnende Potentiale ausgeblendet werden.

Konsequenterweise wird daraufhin in Kapitel 8 die Schule als Sozialisationsinstanz ausgewiesen, der die Aufgabe zukomme, unterstützt durch außerschulische Institutionen Versäumnisse der Familienerziehung auszugleichen. Außerdem wird in diesem Kapitel bezogen auf die frühe Kindheit die Problematik der in Ost- und Westdeutschland differierenden Betreuungsangebote entlang quantitativer Daten andiskutiert. Zum Abschluss gelangt der Themenblock schließlich mit einem Überblick über das Feld der sozialpädagogischen Institutionen und dessen gesetzliche Rahmung.
Im Themenblock „Sozialisation“ bestimmt Solvejg Jobst eingangs unter Berufung auf Hurrelmann den Menschen als ein aktives Subjekt, das sich produktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt (vgl. 160). Anschließend gibt sie einen Überblick über die Phasen des Sozialisationsprozesses und illustriert am Beispiel von Bronfenbrenners „Ökologie der menschlichen Entwicklung“ die Vielschichtigkeit der Mensch-Umwelt-Beziehungen (vgl. 161). Im weiteren Verlauf werden in drei getrennten Unterkapiteln als Beispiele für unterschiedliche Lesarten des Phänomens Sozialisation die strukturfunktionalistische Sicht, die Perspektive des Symbolischen Interaktionismus und die historisch-materialistische Sicht präsentiert, kritisch reflektiert und zueinander in Bezug gesetzt.

Die beiden nachfolgenden Kapitel beleuchten exemplarisch je ein Sozialisationsfeld: In Kapitel 10 werden basierend auf einem interdisziplinären Familienbegriff unterschiedliche Vorstellungen zu den Funktionen von Familie – von Parsons, Schneewind und der Frankfurter Schule – offeriert. Daneben wird die historische Entwicklung der modernen Familienformen nachvollzogen und die Bedeutung der Familie für die kindliche Entwicklung und die primäre Sozialisation erörtert. Kapitel 11 gilt dann dem Sozialisationsfeld Schule. Im Anschluss an Überlegungen zur Relevanz der Schule für die so genannte „sekundäre Sozialisation“ werden zwei gegensätzliche theoretische Perspektiven auf den heimlichen Lehrplan – namentlich Parsons’ Konzept der schulischen Sozialisation und der von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron formulierte konflikttheoretische Ansatz – verglichen. Zudem werden unter Verweis auf empirische Studien die Rolle des Lehrers bei der Erfüllung der schulischen Reproduktionsfunktion und die daraus erwachsenden Konsequenzen für das Lehrerhandeln näher betrachtet.

Kapitel 12 thematisiert die „Entwicklung von Identität als zentrale Herausforderung in der Jugendzeit“ (201): Unterkapitel 1 bestimmt die Jugendphase als eine zwischen Kindheit und Erwachsenenleben anzusetzende, historisch-kulturellen Veränderungen unterworfene Sozialisationsphase, auf die die Gleichaltrigengruppe und altersspezifische Entwicklungsaufgaben prägenden Einfluss nehmen. Unterkapitel 2 eröffnet durch die Darstellung der Konzeptionen von Goffman, Erikson und Habermas unterschiedliche theoretische Perspektiven auf die Identitätsentwicklung.
Mit einem kurzen Rückblick auf das Kapitel 12 endet das Werk dann unvermittelt.

Das Bild, das sich im Rückblick auf das Gesamtwerk ergibt, ist ein ambivalentes: Die Idee, die zentralen Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft in einem Werk gemeinsam zu bearbeiten, ist viel versprechend. Ansprechend ist auch die Praxis, komplexe Zusammenhänge durch Tabellen und Grafiken zu veranschaulichen und Zusatzinformationen zu Personen, historischen Entwicklungen oder Fachtermini in „Informationskästchen“ zu geben. So können auch Studienanfänger und Studienanfängerinnen den Ausführungen folgen. Skeptisch stimmt dagegen die Zusammenstellung dieser Ausführungen: Anzuzweifeln ist beispielsweise, ob die referierten (bildungs-)historischen Fragmente ausreichen, um Studienanfängerinnen und Studienanfängern zumindest einen ersten Eindruck von der Entwicklung des Gegenstandsfeldes zu vermitteln. Und auch mit Blick auf die referierten aktuellen Diskussionen bleiben Desiderate offen: Bei der Thematisierung von Erziehbarkeit und Anthropologie beispielsweise werden neuere Positionen ausgeblendet. Bei der Präsentation der aktuellen Elternprogramme unterbleibt eine systematische kritische Würdigung der Konzeptionen, die gerade für Studienanfänger und Studienanfängerinnen Modellcharakter für eigene Analysen haben könnte. Die hochaktuelle Debatte um die Frühpädagogik wird zwar als Thema wahrgenommen, jedoch werden vorrangig die Betreuungsquoten in Ost- und Westdeutschland einander gegenüber gestellt und keine Vergleiche auf konzeptioneller Ebene vorgenommen. Da die einzelnen Kapitel und Unterkapitel darüber hinaus teilweise übergangslos aneinandergereiht sind, dürfte das Werk eher geeignet sein für fortgeschrittene Studierende, die aufgrund ihrer bereits erworbenen Wissensbestände in der Lage sind, die angesprochenen „Leerstellen“ eigenständig zu ergänzen.

In Kauf genommen werden muss auf jeden Fall, dass das Werk sich insbesondere an Lehramtsstudierende richtet und diesen streckenweise konkrete Handreichungen für den künftigen Berufsalltag zu geben versucht.
Jeanette Bair (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jeanette Bair: Rezension von: Hörner, Wolfgang / Drinck, Barbara / Jobst, Solvejg: Bildung, Erziehung, Sozialisation. Opladen & Farmington Hills: Budrich 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382523089.html