EWR 9 (2010), Nr. 3 (Mai/Juni)

Frauke Janz / Karin Terfloth (Hrsg.)
Empirische Forschung im Kontext geistiger Behinderung
„Edition S“
Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2009
(324 S.; ISBN 978-3-8253-8338-1; 19,00 EUR)
Empirische Forschung im Kontext geistiger Behinderung Der vorliegende Band nimmt die zahlenmäßig geringe Forschungstätigkeit im Bereich empirischer Arbeiten innerhalb der Sonderpädagogik zum Anlass, um vor allem im Bereich geistiger Behinderung dieses Desideratum zu benennen und eine Bestandsaufnahme vorzunehmen.

Dass es sich hierbei um eine spannungsreiche Fragestellung handelt, zeigt das kritische Zitat von Wember auf Seite 14: „Theorie siegt über Empirie, Vorlieben führen zu Ignoranz. Wissenschaftliche Belege werden nicht oder nur selektiv wahrgenommen, wenn sie nicht in das geliebte Theoriegefüge passen, oder sie werden schlicht und ergreifend nicht weiter als wichtig erachtet.“

In ihrer Einleitung beschreiben die Herausgeberinnen zunächst die deutschsprachige empirische Forschungssituation und konstatieren eine Veränderung der Forschungsperspektiven mit dem Ziel, Menschen mit geistiger Behinderung am Forschungsprozess zu beteiligen. Die Frage der empirischen Arbeiten über Personen mit einer geistigen Behinderung habe sich zu einer Frage mit bzw. von Personen im Sinne der PAR (Participation Action Research) verändert (13). So ist auch das methodische Spektrum in den folgenden Beiträgen sehr breit und zeigt die Vielfalt alternativer empirischer Möglichkeiten. Das Methodenrepertoire reicht von der quantitativen Metaanalyse, der Einzelfallanalyse, Längsschnittstudien zu qualitativen Interviews, Interaktionsanalysen, mehrperspektivischen Video- und Konversationsanalysen.

In seinem Plädoyer für mehr quantitative Forschung kann Sarimski in dem vorliegenden Band Mittels Zeitschriftenanalyse (21 ff.) belegen, dass nur 5,1 % aller im Bereich geistiger Behinderung erschienenen Arbeiten quantitative Methoden nutzen, von denen er sich zu Recht mehr wünscht.

Die drei folgenden Artikel bearbeiten das Thema ‚Wohnen bei geistiger Behinderung’ (Hahn, Fischer, Seifert), wobei es sich um die Dokumentation und Auswertung einer zehnjährigen Längsschnittstudie in einem Wohnprojekt und der damit verbundenen Ablösung der jungen Menschen mit einer geistigen Behinderung von ihren Eltern handelt, die mittels Interviews und Beobachtungsleitfaden ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit detaillierter qualitativer Forschung liefern. Seifert untersucht in ihrem äußerst sensiblen Beitrag die Angebotsstruktur in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung.

In seinem Beitrag zur der Beschreibung der kontrollierten Einzelfallanalyse zeigt H. Mühl, wie bei einem Design mit N=1 quantitative Ergebnisse über den sog. Grundratenvergleich zu ermitteln sind, die die Effekte einer Verhaltensmodifikation bei scheinbar irreversiblen Verhaltensmustern wie z. B. dem selbstverletzenden Verhalten anzeigen können. Die beiden folgenden Beiträge beschäftigen sich mit der Forschungssituation der FC (Facilitated Communication) und zeigen äußerst redlich, wie schwierig diese Interaktion/Kommunikation zu erfassen ist, bei der es offensichtlich nicht ausreicht, den Stützer ‚blind‘ zu machen, weil auch unbewusste Prozesse die durch das Stützen eindeutig beeinflussbare Interaktion zu steuern scheinen. Der Beitrag von Alfaré belegt die Notwendigkeit multimodaler Kommunikationsanalysen, bei denen die bislang dominante verbale Bezugsebene um Aspekte der Prosodie, Mimik, Blickorganisation, Gestik und Körperpositur ergänzt wird, wobei diese Aspekte sowohl systematisch als eigene Ausdruckebenen wie auch in ihrer Relation untereinander und zum Verbalen berücksichtigt werden. Ein transkribiertes Konversationsprotokoll zur FC (146 ff) belegt, wie viel in den erwähnten Modalitäten in wenigen Sekunden passiert.

Die nächsten beiden Arbeiten beschäftigen sich mit den Eltern von Kindern mit schweren Behinderungen (Sarimski/Wiebel) in dem Projekt BiVoS bzw. mit einer Störung aus dem Autismusspektrum (Cordes/Cordes). Sarimski und Wiebel zeigen mittels mikroanalytischer Videostudien die Bedeutung und Anfälligkeit früher Eltern-Kind-Interaktionen für den späteren Umgang mit einem behinderten Kind und machen darauf aufmerksam, dass eine gestörte Interaktion eine zusätzliche Erschwernis der Eltern-Kind-Situation nach sich zieht bzw. umgekehrt, welche positiven Möglichkeiten in einer bewusst gestalteten Interaktion für die zukünftige Familiensituation liegen.

Cordes/Cordes weisen auf die Bedeutung frühdiagnostischer Möglichkeiten bei autistischen Kindern hin und berichten über Längsschnittergebnisse aus dem Lovaas-Programm, einer frühen verhaltenstherapeutischen Intensivtherapie. Anschließend geben sie einen sehr informativen Überblick über Pilotprojekte zu Elterntrainingsprogrammen, die alle positive Ergebnisse zeigen. Die weiteren drei Texte (Mittermair, Terfloth/Lamers, Pixa-Kettner) sind dem sozialen Umfeld gewidmet (soziale Netzwerkkarte, nachschulische Angebote und Elternschaft). Die Netzwerkkarte steht in der Tradition eines ressourcenorientierten Beratungs- und Förderverständnisses und soll, diagnostisch eingesetzt, die sozialen Kontakte abbilden helfen. Die Studie von Terfloth/Lamers dient der sehr differenzierten Erfassung von beruflichen Möglichkeiten von Menschen mit einer schweren oder mehrfachen Behinderung. Die Situation von Eltern mit einer geistigen Behinderung hat in den letzten 15 Jahren in Deutschland mehr Beachtung gefunden, nicht zuletzt durch die Arbeiten der Arbeitsgruppe um Pixa-Kettner/Bargfrede. Sie plädieren im Sinne der Handlungsforschung für eine Beteiligung der Eltern am Forschungsprozess, wie es ebenso auch für die Arbeit von Markowetz und Schuppener gilt. Markowetz möchte Handlungsforschung zur Lösung sozialer Probleme einsetzen, Schuppener nähert sich der Frage nach der Identität von Personen mit dem Ziel bzw. der Programmatik, dass durch partizipative Forschung be-hinderte Menschen ent-hindert werden könnten (316). Der Beitrag von Hennicke über Möglichkeiten der Kooperation zwischen Psychiatrie und der Geistigbehindertenpädagogik fällt etwas aus dem unterschiedliche Methoden reflektierenden Rahmen. Es handelt sich um eine informative Fallstudie, die eine multimodale Diagnostik und eine gelungene Zusammenarbeit zwischen den genannten Disziplinen beschreibt.

Der vorliegende Band versteht es, die von Wember eingangs zitierte Kritik und Spannung innerhalb der einzelnen Forschungstraditionen und -linien in äußerst produktiver und anregender Weise aufzugreifen. So ist ein insgesamt sehr lesenswerter Band entstanden. Er zeigt, welche Methoden im Bereich geistiger Behinderung auf hohem empirischem Niveau zur Anwendung kommen. Er zeigt auch, dass die deutsche Forschungssituation in diesem Feld weit besser zu sein scheint als ihr Ruf.
Christiane Hofmann (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christiane Hofmann: Rezension von: Janz, Frauke / Terfloth, Karin (Hg.): Empirische Forschung im Kontext geistiger Behinderung, „Edition S“. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.06.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382538338.html