EWR 7 (2008), Nr. 6 (November/Dezember)

Letizia Gauck
Hochbegabte verhaltensauffällige Kinder
Eine empirische Untersuchung
(Studien zur Hochbegabung; Bd. 2)
Berlin: Lit 2007
(193 S.; ISBN 978-3-8258-0505-0; 18,90 EUR)
Hochbegabte verhaltensauffällige Kinder Die Untersuchung von Letizia Gauck fügt sich in eine Reihe aktueller Erscheinungen zum Thema Hochbegabung ein, ist aber an der Schnittstelle zwischen Hochbegabung und Verhaltensauffälligkeiten angesiedelt. Sie verweist darauf, dass die empirische Basis zum Verhältnis von Hochbegabung und auffälligem Verhalten jedweder Art noch marginalen Charakter hat. Eine bedeutende Ursache dafür ist die Uneinigkeit der Forscherinnen und Forscher, die empirische Untersuchungen durchgeführt haben, darüber, wie denn Hochbegabung zu definieren sei. Die Autorin beschränkt sich in ihrer eigenen Untersuchung aus zwei Gründen auf die intellektuelle, abstrakt-logische Hochbegabung. Erstens gibt es besonders für diese Art der Hochbegabung, im Gegensatz zur musischen, sprachlichen oder sportlichen Hochbegabung, wenig konkrete Fördermöglichkeiten. Zweitens lässt sich die intellektuelle Hochbegabung mittels Intelligenztests wissenschaftlich gut erfassen. Letizia Gauck stellt zunächst die zentrale Fragestellung dar, gegliedert in drei – in der aktuellen Forschung noch unbeantworteten – Hypothesen.

Aus ihrer Erfahrung in einer an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität angegliederten Beratungsstelle für Hochbegabung ergeben sich folgende Untersuchungsbereiche: Primär interessiert die Frage, ob sich hochbegabte Verhaltensauffällige im Ausmaß und in der Art ihrer Verhaltensauffälligkeiten von verhaltensauffälligen Normalbegabten unterscheiden. Weitere Fragen der Studie beschäftigen sich mit der sozialen Integration und den Schulleistungen der untersuchten Personengruppen. Anschließend wird der Interessenschwerpunkt auf das Kompetenzerleben der Eltern hochbegabter verhaltensauffälliger Kinder gelenkt und die Frage zu beantworten versucht, ob auch in dieser Hinsicht Unterschiede vorherrschen. Eine spezifische Fragestellung konzentriert sich auf Unterschiede im kindlichen Verhalten und daran anknüpfend der elterlichen Bewertung abhängig von einer vermuteten beziehungsweise tatsächlichen Hochbegabung. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen eine Entscheidung darüber bringen, ob es als sinnvoll erachtet werden kann, eine hochbegabungsspezifische Diagnostik zu entwickeln und über spezifische Interventionsansätze nachzudenken.

Bevor es um die konkrete Studie geht, stellt die Autorin eine umfassende Literatur- und Quellenübersicht zum Thema Hochbegabung und Verhaltensauffälligkeit vor. Diese wird um zwei zusätzliche Blickwinkel erweitert. Zum einen wird die Literatur zusammengefasst, die sich mit der Sichtweise der Eltern hochbegabter Kinder befasst, zum anderen die Literatur zur Sichtweise der Eltern, bei deren Kindern sich eine vermutete Hochbegabung nicht bestätigt hat.

Die Gruppen der Kinder, die in der Studie untersucht wurden, sind wie folgt gegliedert: Als erstes Kinder mit vermuteter Hochbegabung, deren Eltern aufgrund dessen eine spezielle Beratungsstelle aufsuchten und bei denen sich im Verlauf zeigte, dass diese Kinder tatsächlich eine Hochbegabung haben. Als zweites Kinder, die mit ihren Eltern aus demselben Anlass eine Beratung aufsuchten, bei denen sich die vermutete Hochbegabung aber nicht bestätigte. Als dritte Gruppe (1. Kontrollgruppe) wurden normalbegabte Kinder in die Untersuchung aufgenommen, die mit ihren Eltern in eine Beratungsstelle kamen und als vierte Gruppe (2. Kontrollgruppe) wurden normalbegabte Kinder aus Schulklassen ausgewählt, deren Eltern keine Beratung in Anspruch nahmen. Alle Kinder waren zum Zeitpunkt der Untersuchung im Grundschulalter.

Als Untersuchungsdesign wählte Letizia Gauck ein multimethodales Vorgehen. Neben Fragebögen an die Eltern wurden auch die Klassenlehrerinnen befragt sowie die Personen, die in der Beratungsstelle die Diagnostik zur Feststellung einer Hochbegabung durchgeführt hatten. Tests und Fragebögen, die innerhalb der Studie zur Anwendung kamen, fokussieren auf die Intelligenz des Kindes sowie auf das Verhältnis des Kindes zur Hauptbezugsperson und deren Sichtweise auf das Verhalten des Kindes. Das Verhalten des Kindes aus Sicht der Klassenlehrerin wurde ebenso mittels Fragebogen ermittelt wie die Einschätzung der beteiligten Untersucherinnen. Die Auswahl der Testverfahren und die Begründung für das Vorgehen werden von der Autorin ausführlich dargelegt.

Der sehr ausführliche Ergebnisteil beginnt mit der Auswertung der Verhaltenseinschätzung der Kinder durch die Eltern. Hoch- und normalbegabte Kinder unterscheiden sich demnach nicht in Art und Ausmaß ihrer Verhaltensauffälligkeiten voneinander. Jedoch sind die beiden Gruppen häufiger verhaltensauffällig als die Kinder, deren Eltern keine Beratungsstelle aufgesucht hatten. Im nächsten Schritt wurden die Ergebnisse der Lehrerinnenbefragung zum Verhalten der Kinder ausgewertet. Diese schätzten das Verhalten der hoch- und normalbegabten Kinder, die in einer Beratung vorstellig geworden waren, ebenfalls als differenziert zu beiden Kontrollgruppen ein, sahen aber zusätzlich noch in allen Testbereichen außer in den Gebieten soziale Probleme und Delinquenz Unterschiede zwischen den hochbegabten und den normalbegabten Kindern. Neben Eltern und Lehrerinnen wurde die Verhaltenseinschätzung der Untersucherinnen ausgewertet. Diese sahen keinen signifikanten Unterschied zwischen hoch- und normalbegabten Beratungsstellenkindern und konnten aufgrund nicht vorliegender Daten keine Aussage zu den Kontrollgruppen treffen.

Die weitere Auswertung im Ergebnisteil bezieht sich auf die Items „soziale Integration“ und „Schuleinstellung“, auf das „Gefühl des Angenommenseins durch die Lehrerin“ und auf die „Schulleistungen“. Weitere Hypothesen bezogen sich auf die Fragen nach Underachievement, elterlicher Kompetenzübertragung und elterlichem Stresserleben. Einen Schwerpunkt hat Letizia Gauck in ihrer Untersuchung auf erwartungswidrig nicht hochbegabte Kinder gelegt, da zu diesem Personenkreis bisher keine empirischen Untersuchungen vorliegen. Ausführlich wurden die Daten ausgewertet und noch einmal hinsichtlich der Items sozialer Integration und Schuleinstellung, Schulleistung und dem Kompetenz- und Stresserleben der Eltern präzisiert.

Im Abschlussteil fasst die Autorin die wichtigsten Ergebnisse tabellarisch zusammen, um den Leserinnen und Lesern einen komprimierten Überblick über die wesentlichen Resultate zu geben. Diese sehr strukturierte Tabelle fokussiert in drei Spalten auf die gestellte Hypothese, die Beantwortung der Frage, ob es Unterschiede zwischen den Gruppen gibt oder nicht und abschließende Bemerkungen. In der letztgenannten Kategorie werden Besonderheiten und Ausnahmen in den Untersuchungsergebnissen konkretisiert. Diese Form der Tabelle führt Letizia Gauck separat für jede der an der Studie beteiligten Gruppen auf und schafft damit eine gelungene Zusammenfassung der Vielzahl von Ergebnissen, welche im Rahmen der Arbeit zustande kamen.

Gauck kommt im Diskussionsteil der Arbeit ausführlich auf die einzelnen untersuchten Felder zu sprechen und analysiert besonders anschaulich ambivalente Ergebnisse der Untersuchung. Fragen, die sich innerhalb der Studie ergaben, werden durch umfassende Literaturrecherche zu beantworten versucht. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es ihrer Ansicht nach nicht notwendig erscheint, spezifische Interventionen für die Familien mit hochbegabten Kindern zu entwickeln. Sie fordert jedoch besondere Informations- und Beratungsangebote und eine gezielte Diagnostik, bezogen auf die Interaktion der hochbegabten Kinder mit Mitschülerinnen und Mitschülern und mit Lehrerinnen und Lehrern sowie den Eltern im Kommunikationsprozess mit der Schule.

Die zukünftige Entwicklung dieses Sektors hat für Letizia Gauck mehrere Schwerpunkte. Sie fordert unter anderem eine sorgfältige Evaluation möglicher Beratungsangebote und weitere notwendige empirische Untersuchungen mit größeren Stichproben als bisher. Zudem erweitert sie den Forschungsfokus um gesellschaftliche, kulturspezifische und ethnische Fragestellungen in der Relation zu den vielfältigen Themen innerhalb der Hochbegabtenforschung und zeigt somit denkbare Wege der Forschung auf. Erwähnenswert sind das umfassende Literaturverzeichnis sowie der übersichtliche Anhang, in dem sich alle Unterlagen und Fragebögen finden, die innerhalb der Studie zur Anwendung kamen.
Ulrike Fickler-Stang (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ulrike Fickler-Stang: Rezension von: Gauck, Letizia: Hochbegabte verhaltensauffällige Kinder, Eine empirische Untersuchung (Studien zur Hochbegabung; Bd. 2). Berlin: Lit 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382580505.html