EWR 9 (2010), Nr. 5 (September/Oktober)

Stefan Groß
Zwischen Politik und Kultur
Pädagogische Studien zur Sache der Emanzipation bei Klaus Mollenhauer
Würzburg: Königshausen & Neumann 2010
(206 S.; ISBN 978-3-8260-4244-7; 29,80 EUR)
Zwischen Politik und Kultur Dass Kinder und Jugendliche ein Mitspracherecht an ihrer Erziehung genössen; dass eine an dieser Maßgabe ausgerichtete Erziehung sich zugleich an Demokratisierungsprozessen orientiere und darin ihre politische Dimension gewinne – solche Standpunkte mögen bisweilen und mancherorts für angezogene Augenbrauen sorgen oder auch belächelt werden, aber als besonders abwegig gelten sie wohl kaum noch. Indes: Um heute etwas despektierlich belächelt werden zu können, mussten sie erst in der deutschen Nachkriegsgesellschaft verankert, ja als mögliche pädagogische Normalitätsauffassungen etabliert werden. Eben jene Verankerung einer alternativen, an Demokratie und Emanzipationsprozessen orientierten Pädagogik ist mit den Labels „kritische Erziehungswissenschaft“ oder auch „kritisch-emanzipatorische Pädagogik“ fest verwoben. Aber am deutlichsten noch mit einem Autor, der den erziehungswissenschaftlichen Diskurs ab den späten Sechziger- bis in die Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein in Deutschland prägte. Dem Werk Klaus Mollenhauers (1928-1998) gilt die hier besprochene Dissertation von Stefan Groß.

Im Titel „Zwischen Politik und Kultur: Studien zur Sache der Emanzipation bei Klaus Mollenhauer“ kündigt sich aber bereits eine Spannung an, die das Werk Mollenhauers durchkreuzt und ihn auch zu einer in mehrfacher Hinsicht umstrittenen Figur in der Geschichte der Erziehungswissenschaft macht. Mit „Politik“ und „Kultur“ nämlich sind die beiden thematischen Achsen benannt, an denen sich das Werk Mollenhauers nicht nur in eine Früh- und eine Spätphase untergliedern lässt, sondern an denen sich auch die Diskussionen um seine Beiträge zur Erziehungswissenschaft, damit auch jene Spannungsmomente der erziehungswissenschaftlichen Debatte überhaupt nachzeichnen lassen.

In der Frühphase, die von den späten Sechziger- bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hineinreicht, war es Mollenhauers Verdienst, nicht nur zur Grundlegung einer kritischen Erziehungswissenschaft beizutragen. In dieser Phase heimste Mollenhauer sich denkbar viel Gegenreden von Wolfgang Brezinka ein, als wiederum dem Begründer einer kritisch rationalen und an naturwissenschaftlichen Verfahren orientierten Erziehungswissenschaft.

Als Indikator wiederum für Mollenhauers Spätphase und einen daran gebundenen thematischen Wechsel, der reichlich Kritik nunmehr von Seiten kritischer Erziehungswissenschaftler provozierte – so sprach Andreas Gruschka beispielsweise seinerzeit von „Treulosigkeit“, T.S. Scheilke sogar irritierenderweise von der „Treulosigkeit gegenüber den Adoptivkindern der kritischen Pädagogik“ [1] –, kann spätestens die 1983 erstmals veröffentlichte Vorlesung „Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung“ [2] gelten.

Hier nämlich bezog sich Mollenhauer augenscheinlich und aus Sicht seiner Kritiker wieder auf Grundmotive der geisteswissenschaftlichen Pädagogik – so eben auf das Ansinnen, unter der Kategorie „Kultur“ geistes- und kulturgeschichtliche Selbstvergewisserungsprozesse für die Disziplin anzustoßen –, die er Ende der Sechzigerjahre scharf in Angriff genommen hatte wegen ihrer Blindheit für politische Belange und deren Hineinwirken in die Erziehungs- und Bildungspraxis. Die Konsequenz, die Mollenhauer einstmals zog, war eine Bestimmung der Pädagogik als politische Praxis, was vorrangig für die Sozialpädagogik relevant wurde. Der späteren Hinwendung zu kulturgeschichtlichen Fragestellungen wurde so der Vorwurf zuteil, sie sei affirmativ und also gegen das Konzept einer kritischen Pädagogik gestellt.

Eben hierum handelt es sich bei Stefan Groß’ Beitrag zur noch spärlichen Mollenhauer-Forschung um einen Zugewinn, denn indem er die „Sache der Emanzipation“ als Grundmotiv des Mollenhauer’schen Oevres herausstellt – so die Logik des Titels, die sich erst bei Würdigung des Untertitels ergibt –, postuliert er damit zugleich, die Kategorie „Emanzipation“ sei auch für sein Spätwerk grundlegend, und keinesfalls, wie es ihm seine Kritiker vorwarfen, von ihm preisgegeben worden. Um diese These zu untermauern, bedarf es einmal des systematischen Herangehens an das Gesamtwerk Mollenhauers. Zum anderen stellt die Studie damit einen Kontext in Aussicht, in dem Anschlussfragen an auch gegenwärtig diskutierte Probleme der Allgemeinen Pädagogik zu stellen wären – so z.B. diese nach dem Gegenstand und der Begründbarkeit der Pädagogik. Groß verabsäumt es bedauerlicherweise, dem letzten Gesichtspunkt ein Kapitel zu widmen; dem ersten Aspekt hingegen genügt sein mehr als 180 Seiten umfassendes Buch allemal.

Doch zur Studie im Einzelnen: Mit seiner frühen Aufsatzsammlung „Erziehung und Emanzipation“ [3] von 1968, so Stefan Groß, sei es Mollenhauer gelungen, „stellvertretend für den Anspruch einer ganzen Generation junger Erziehungswissenschaftler, pädagogisches Denken zunächst und vor allem in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Bedingungen und Voraussetzungen von Erziehung und im Wechselspiel mit dem Handlungsfeld der Politik zu sehen“ (22).

Einerseits sei der Erfolg, der dem Band innerhalb von neun Jahren sechs weitere Auflagen bescherte, kaum zu übersehen, doch andererseits erweise sich der Status, „den die Aufsatzsammlung inzwischen aus wissenschaftlicher Perspektive besitzt, […] als durchaus ambivalent“ (ebd.). So sei es Mollenhauer zwar offenkundig gelungen, „die schwelenden Probleme und thematischen Auseinandersetzungen der damaligen Diskussion modellhaft auf den Begriff zu bringen“ (ebd.). Und das heißt nun: Mollenhauer hat sie auf einen politischen Begriff gebracht. Zum andern aber ließen sich nicht nur „Erziehung und Emanzipation“ „ausdrücklich fragmentarisch-postulative Züge“ (23) attestieren. Mit seinen „kleinen Denkformen, Collagen und Mischtechniken“ – hier greift Groß eine Formulierung Mollenhauers auf, die er im Vorwort seiner „Vergessenen Zusammenhänge“ gefunden hatte – „wurde Mollenhauer immer wieder zum Stichwort- und Ideengeber der pädagogischen Zunft“ (185).

Jene frühe politische Phase indessen – so Groß fürderhin – sei zum einen im Kontext der akademisch-pädagogischen Ablösung von der geisteswissenschaftlichen Pädagogik (H. Nohl, W. Flitner, vor allem aber E. Weniger) zu sehen. Andererseits liege hier ein forschungsmethodischer Selbstverständniswandel begründet: In Abkehr von einer ideengeschichtlich und philologisch orientierten Hermeneutik sei es fortan darum gegangen, „einen Rückgriff auf empirische Grundlagen und konkrete Erscheinungsformen von Erziehung“ zu erlauben, was sich aber nach Mollenhauer erst dann als „‚kritisch’ im emanzipatorischen Sinne“ erweise, „wenn [jener Rückgriff, A.A.] sich selbst nicht auf einen positivistisch-deskriptiven Zugang zur Erziehungswirklichkeit beschränkt, sondern die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen als deren immer schon vorhandene Voraussetzungen begreift – und zwar sowohl was den Forschungsgegenstand wie auch den eigenen wissenschaftstheoretischen Standpunkt betrifft“ (26).

Mit anderen Worten hebt Groß den Status des Frühwerks Mollenhauers im Hinblick auf das hervor, was heute und im Rückblick als „sozialwissenschaftliche Wende“ gilt. Zudem verdeutlicht er den engen Zusammenhang, den darin die Kategorien Emanzipation, Kritik und Politik eingehen. Jener dicht gewobene Zusammenhang sei insbesondere für das Werk Mollenhauers konstitutiv gewesen und hierin liege sein disziplingeschichtlicher Status begründet.

Wenn schon nicht die Verkaufszahlen für die Durchschlagkraft von „Erziehung und Emanzipation“ in der pädagogischen Debatte seit Ende der Sechzigerjahre sprächen, so zumindest die Kontroversen, für die das Buch recht bald sorgte (vgl. 22). In diesem Kontext sei es Mollenhauers Verdienst gewesen, mit der programmatischen Einführung des Emanzipationsbegriffes „einer ganzen Epoche rückblickend ihre Signatur“ (22) gegeben zu haben.

Doch die Debatte um ihn entzündete sich in der späten Schaffensphase erneut – Groß datiert sie ab 1982 etwa (vgl. 99f.) –, als Mollenhauer nämlich den Begriff „Kultur“ nun ins Zentrum seiner Erörterungen rückte. Er versuchte nun, so Groß, einer Entwicklung entgegenzusteuern, die mit dem Programm einer kritisch-emanzipatorischen Pädagogik und der damit einhergehenden sozialwissenschaftlichen Wende selbst erst ins Werk gesetzt worden sei: „Die erfahrungswissenschaftliche Position sozialwissenschaftlicher Empirieforschung wie auch das Wissenschaftsverständnis kritischer Provenienz bleiben in der Tragweite ihrer theoretischen Erklärungsansätze für Mollenhauer deshalb ausschnitthaft verkürzt, weil sie die Geschichtlichkeit pädagogischen Denkens nicht konstitutiv in ihren Horizont mit aufnehmen“ (101). Das freilich musste zu Beginn der Achtzigerjahre eine Provokation für alle darstellen, die sich ihrerseits dem Programm einer kritischen Erziehungswissenschaft verpflichtet sahen und dabei nicht vergessen hatten, dass ‚kritische Erziehungswissenschaft’ auch bedeutete: die Herauslösung aus einer historisierenden Hermeneutik und die Hinwendung zur empirischen Tatsachenforschung. Der anfangs in Erinnerung gerufene Vorwurf der „Treulosigkeit“ z.B. ist in diesem Kontext zu deuten.

Die Diagnose wiederum, dass Mollenhauer hier schlechterdings zu eben jener geisteswissenschaftlichen Pädagogik zurückgekehrt sei, als deren scharfzüngigster Kritiker er sich in den 1960er Jahren etablierte, sei nicht zutreffend, stellt nun Stefan Groß heraus. Damit liefert er der systematischen Begründung seines Untertitels („Pädagogische Studien zur Sache der Emanzipation bei Klaus Mollenhauer“) auch die Hauptthese mit: Der Emanzipationsbegriff – so das Ergebnis eines systematischen Nachweises, der sich über das gesamte sechste Kapitel (145-186) erstreckt – stelle sich als das wichtige Glied (185) heraus, durch das sich die „Querverbindungen und Zusammenhänge“ (ebd.) im ansonsten doch sehr zersplitterten und fragmentarischen Werk Mollenhauers zu erkennen geben würden. So stelle nicht nur der Emanzipationsbegriff für Mollenhauer eine Aufforderung dar, „die Tradition der Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten, den analytischen Blick auf Strömungen, Tendenzen und mögliche Gefahren der Gegenwart zu richten und zugleich immer auch Handlungsspielräume für die Zukunft zu öffnen“ (ebd.) – sondern das Werk Mollenhauer und die subtile Architektur von Emanzipation als eines pädagogischen Begriffes mache dies als Grundproblem und Aufgabe für die Erziehungswissenschaft so recht erst verständlich.

Die Studie von Stefan Groß liefert einmal einen systematischen Zugang zu einem höchst bedeutungsvollen pädagogischen Gesamtwerk, indem sie ihre Struktur am Emanzipationsbegriff gewinnt. Man möchte kritisch einwenden: Dies sei für Mollenhauer nahe liegend und also nicht gerade kreativ. Schließlich habe ja keiner wie er auf Emanzipation als pädagogischer Zielsetzung insistiert. Diese Kritik wäre allerdings nicht auf der Höhe des Buchs von Stefan Groß angesetzt, gerade weil die Bedeutung des Emanzipationsbegriffes für die Interpretation auch des Spätwerkes bislang unterschätzt wurde. So gelingt es Groß auch aufzuzeigen, dass selbst die Kritik Mollenhauers mit dem Mittel einer ihm unterstellten „Treulosigkeit“ der Konzeption seiner Pädagogik nicht adäquat ist. Insofern stellt das Buch von Stefan Groß auch zum anderen die Perspektive auf das Werk Mollenhauers neu ein.

Kritisch bleibt allenfalls zweierlei hervorzuheben, sofern man an dem passagenweise etwas lehrmeisterlich geratenen Stil keinen Anstoß nehmen möchte: Groß zeigt sich ein wenig zu sehr von biographischen und autobiographischen Dokumenten affiziert – so z.B. Interviews und Diskussionsprotokollen mit Mollenhauer, aber auch autobiographischen Dokumenten aus seiner Feder –, wo eine kritische historische Überprüfung, womöglich auch eine entsprechende sozialgeschichtliche Einordnung jener Daten hätte Erkenntnis erweiternd sein können.

Zweitens: Mit sechs Kapiteln auf gut 180 Seiten (1. Einleitung, 2. Zum Begriff der Emanzipation und seiner pädagogischen Implikationen, 3. Strukturmerkmale des Emanzipationsbegriffs bei Klaus Mollenhauer, 4. Systematische Weiterentwicklungen, 5. Kulturelle Wende, 6. Modifikation – Kontinuität – Bruch? Querverbindungen zur Sache der Emanzipation) ist das Werk zwar übersichtlich geraten, doch lässt es zahlreiche Fragen offen, die es selbst implizit oder explizit erst aufwirft. Diese Fragen hätten nicht gezwungenermaßen noch gesondert behandelt werden müssen, doch zumindest zusammengetragen und für Anschlussforschungen geordnet werden können. So wäre es beispielsweise interessant gewesen zu erfahren, welche Anschlussmöglichkeiten Groß im Hinblick auf das Verhältnis von geisteswissenschaftlicher Pädagogik und kritischer Erziehungswissenschaft sieht, wie er den Einfluss der Theorien Schleiermachers, Plessners und Meads auf Mollenhauer genauer einschätzt, und auch welche Bedeutung Mollenhauers Biographie in sozialgeschichtlicher Hinsicht für das Verständnis seines Werkes zukommt. Werden diese Fragen zwar allesamt von Groß zumindest in Randbemerkungen angesprochen, so hätte er die Chance gehabt, der folgenden Mollenhauer-Rezeption wichtige und über „die Sache der Emanzipation“ hinaus gehende Impulse zu geben.

[1] Vgl. Kaufmann, B. et al. (Hrsg.): Kontinuität und Traditionsbrüche in der Pädagogik. Ein Gespräch zwischen den Generationen. Weinheim / Basel: Beltz 1991, 83ff.

[2] Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung. Weinheim / München: Juventa 1983.

[3] Mollenhauer, K.: Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen. Weinheim / München: Juventa 1968
Alex Aßmann (Mainz / Heidelberg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Alex Aßmann: Rezension von: Groß, Stefan: Zwischen Politik und Kultur, Pädagogische Studien zur Sache der Emanzipation bei Klaus Mollenhauer. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 5 (Veröffentlicht am 13.10.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978382604244.html