EWR 7 (2008), Nr. 4 (Juli/August)

Adrian Schmidtke
Körperformationen
Fotoanalysen zur Formierung und Disziplinierung des Körpers in der Erziehung des Nationalsozzialismus
Münster / NewYork / München / Berlin: Waxmann 2007
(287 S.; ISBN 978-3-8309-1772-4; 29,90 EUR)
Körperformationen Die mit dem vorliegenden Buch veröffentlichte Dissertation ist dem Ziel verpflichtet, einen Beitrag zur pädagogischen Historiografie des Nationalsozialismus unter Nutzung von Bildern als Quellen der Erkenntnis zu leisten. Die Arbeit widmet sich im Besonderen „der Körperlichkeit des Educandus in der Erziehung“ (1). Vor allem interessiert den Autor die Frage der bildlichen Darstellung von Geschlechterrollen und deren Verortung in Körpern, die Frage der Existenz eines „bestimmten historischen Körperhabitus im Nationalsozialismus“ sowie die „nach Habitualisierungen der nationalsozialistischen Ideologie in den Körpern der Educandi“ (1). Für die Antwort auf diese Fragen kann sich Schmidtke als Basis seiner Forschungsarbeit auf einen Bestand von 7000 Fotografien stützen, den er zusammengestellt hat.

Die Arbeit gliedert sich grob in zwei Teile: im ersten Teil (Kapitel 2-4) präsentiert der Autor seine theoretischen Zugänge; im zweiten Teil (Kapitel 5-8) werden Aufbau, Durchführung und Ergebnisse seiner bildanalytischen Forschungen dargelegt. In seiner theoretischen Fundierung behandelt der Autor zuerst vor allem die gängigen Diskurse zur Thematik des Körpers in der Erziehung. Er spannt den Bogen von den Körperdiskursen in der Erziehungswissenschaft, über die Problematik von Körper und Disziplin, den Körper in Gesellschaft und Institutionen zu Körper und Institution im Nationalsozialismus am Beispiel der NS-Eliteerziehung. Im darauf folgenden Kapitel mit der Thematik „Geschlecht und Erziehung“ werden zunächst die Genderdiskurse innerhalb der Erziehungswissenschaft dargelegt, danach, konzentriert auf das Verhältnis von Körper und Geschlecht, die allgemeinen Diskussionen um soziales und biologisches Geschlecht kurz angerissen, historische und sozialwissenschaftliche Befunde zu geschlechtsspezifischer Körperwahrnehmung als forschungsleitend eingeführt sowie konstruktivistische Theorien zum Verhältnis von Geschlecht und Körper behandelt. Anschließend führt er in Forschungsergebnisse zur Nacktgymnastik ein, um diese mit Foucault als Disziplinierungsinstrument zu deuten und illustriert dieses u.a. an den geschlechterdifferenzierenden Übungen.

Den zweiten Teil des Buches eröffnet der Autor mit einem Resümee über die Forschungen zu Funktion und Bedeutung von Fotografien als Quelle in der erziehungswissenschaftlichen Forschung. Nach einer Darstellung der Rolle und Funktion von Fotografie im Nationalsozialismus, die er als überaus bedeutsames Propagandamedium begreift, arbeitet Schmidtke zunächst die Spezifik von Fotografien an sich, dann aber auch als – leider immer noch sehr skeptisch behandelte – Quelle für die Bildungsforschung überhaupt heraus. Schmidtke verteidigt sie jedoch als eine Möglichkeit des neuen, andersartigen und innovativen Zugangs zu historischen Phänomen, die mit traditionellen Materialien und methodologischen Zugängen nicht vollends erfassbar seien. Anschließend stellt er mit der Erläuterung der ikonografisch-ikonologischen Einzelbildanalyse und der seriellen Bildanalyse seinen methodischen Zugriff dar, der sich im Wesentlichen an den im erziehungswissenschaftlichen Forschungskontext erarbeiteten und erprobten Methodensets von Ulrike Pilarczyk und Ulrike Mietzner anlehnt [1].

Nach einem Zwischenfazit konkretisiert Schmidtke nunmehr sein Forschungsvorhaben in Hinsicht auf die Fotoanalysen. Er verspricht, NS-Spezifisches für die Bereiche „Bildgestaltungsmittel und Formationen“, „Institutionelle Kontexte“, „Körper und Disziplin“, „Körper und Geschlecht“ und „Individualität und Typus“ (162ff.) herauszuarbeiten. Leider wird weder an dieser Stelle noch später das verwendete Material nach seiner Provenienz und internen Struktur näher beschrieben. Erwähnt wird lediglich, dass der Quellenkorpus in zwei Schritten angelegt wurde: zunächst als Material der NS-Zeit und danach mit Fotografien für die Zeit vor 1930. Hauptauswahlkriterium sei das Motiv der Darstellung von Kindern bzw. Jugendlichen gewesen. Mit diesen Angaben bleiben neben der Provenienz aber letztlich auch die Kriterien der Auswahl der Fotografien für die konkreten Forschungsarbeiten weithin im Dunklen; hinzu kommt, dass aus dem Fundus von 7.000 Bildern nur 1.000 für die Interpretation überhaupt in Betracht gezogen wurden – ein Schritt der Materialreduktion, dessen Begründung methodologisch ebenfalls unklar bleibt. Undeutlich bleibt auch, welche Fotografiesorte in welcher quantitativen Gewichtung vorliegt (z.B. professionell-offizielle oder professionell-künstlerische oder gar institutsinterne Fotografie von professionellen, semiprofessionellen oder Amateur-Fotografen). Lediglich das Abbildungsverzeichnis verrät, dass es vor allem einschlägig bekannte professionelle Fotografen/innen wie Liselotte Purper, Arthur Grimm und Carl Weinrother sind, deren zumeist offiziell-öffentliche propagandistische Fotografien (gefunden im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz und im Deutschen Historischen Museum) Schmidtke analysiert.

Im nun folgenden Analyse- und Ergebniskapitel stellt Schmidtke zunächst für seine 300 Einzelbildanalysen ausgewählte Einzelaufnahmen ausführlich mit dem Viererschritt der von Pilarczyk/Mietzner für die Fotoanalyse modifizierten ikonologisch-ikonografischen Bildanalyse (Panofsky) vor und formuliert damit erste Hypothesen. Danach präsentiert er die Ergebnisse seiner seriellen Analysen ebenfalls mit Hilfe der Darstellung und Interpretation ausgewählter beispielhafter Aufnahmen aus den gebildeten Serien.

Sein Fazit konzentriert sich vorrangig auf die oben zitierten Leitbegriffe für die Bildanalyse. Neben dem eher erwartbaren Ergebnis, dass kaum eine Darstellung von Individualität zu finden ist, betont Schmidtke den Befund einer erstaunlichen Vielfalt der Darstellungen und von weit weniger ideologisch ausgerichtetem Perfektionismus als bisher vermutet. Gründe dafür deutet Schmidtke aber leider nur an, z.B. unter Verweis auf Gestaltungsfreiräume einzelner Bildautor/inn/en, auf disparate Auftrags- und Verwendungskontexten sowie auf den unterschiedlichen Grad des Offiziellen. Aus den im Buch selbst dargelegten Forschungsergebnissen sind diese Interpretationen nicht direkt nachvollziehbar. Besser gelingt ihm dies bei den herausgearbeiteten Aspekten geschlechtsspezifischer Bildgestaltung. So sind Fotografien von Jungen oft mit den NS-Machtsymbolen ausgestattet und werden in der formalen Gestaltung von Diagonalen und Fluchtlinien, die ins Licht oder in den freien Raum hinein führen, dominiert, was Schmidtke als geschlechtsspezifische Zuschreibung von religiösem Pathos, Auserwähltheit und Zukunft interpretiert. Bei der Darstellung von Jungen beim Sport dominieren Kraft, Mut und Athletik, während Mädchendarstellungen – ebenfalls beim Sport – auch Harmonisierung und die Ästhetisierung der Bewegungen favorisieren. Die gestalterischen Mittel sind hier Kreise, die das Subjekt in formale Strukturen einbinden und Fluchtpunkte, die im Dunklen oder im Boden liegen. Schmidtke deutet die Mädchenfotografien als romantisch-verklärend, „Bodenständigkeit und Erdverbundenheit“ verkörpernd und mit Körperformationen ausgestattet, die Schutz und Geborgenheit bieten sollen.

Insgesamt bekräftigt er im Fazit die bekannte Hochschätzung des Körpers im Nationalsozialismus, da die quantitativ vorherrschenden fotografischen Motive Sport, Gymnastik, Spiel und paramilitärische Übungen waren. Er sieht hierin einen Zugriff auf den Körper, der mit seiner permanenten, z.T. auch nackten Sichtbarkeit im Sinne Foucaults diszipliniert und normalisiert werden sollte. Auch bestätigt er G. Miller-Kipps These von der Uneinheitlichkeit und Ambivalenz der weiblichen Leitbilder im Nationalsozialismus (insbesondere für den BDM) auch für die Jungen, stellt jedoch für den visualisierten männlichen Typus eine klarere Linie als für den weiblichen fest.

Die Spezifik der bildlichen Körperformationen des Nationalsozialismus werden durch Schmidtkes Forschungsarbeit „einsehbarer“, vor allem in Hinblick auf die Kategorie Geschlecht. Den überaus reichhaltigen Quellenkorpus von 7000 eingesehenen und davon 1000 für die Interpretation genutzten Fotografien hat Schmidtke m.E. aber leider methodisch nicht konsequent genutzt oder gar voll ausgeschöpft. In der Analyse wird z.B. das Zusammenspiel von intendiertem und tatsächlichem Bildausdruck als Analyseperspektive nahezu vollständig vernachlässigt, die Verbindung dieser Fragen mit der Differenz der Fotosorten und -provenienzen und mit den verschiedenen Auftrags- und Verwendungszusammenhängen bleibt ebenfalls unerörtert. Damit verschenkt Schmidtke Erkenntnispotential, das in der Methode bereitliegt, auf die er sich beruft und das für eine fotoanalytische Untersuchung gerade des Selbstbildes von Diktaturen und ihrer Akteure ganz unentbehrlich ist. Eine solche Arbeit steht trotz der hier vorliegenden Forschung nach wie vor aus.

[1] Pilarczyk, Ulrike/Mietzner, Ulrike (2005): Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Bad Heilbrunn.
Jane Schuch (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jane Schuch: Rezension von: Schmidtke, Adrian: Körperformationen, Fotoanalysen zur Formierung und Disziplinierung des Körpers in der Erziehung des Nationalsozzialismus. Münster/NewYork/München/Berlin: Waxmann 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 4 (Veröffentlicht am 06.08.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383091772.html