EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

Sammelrezension Alphabetisierung und Grundbildung – Teil II

Anke Grotlüschen / Rudolf Kretschmann / Eva Quante-Brandt / Karsten D. Wolf (Hrsg.)
Alphabetisierung und Grundbildung. Band 6
Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften
Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2011
(240 S.; ISBN 978-3-8309-2471-5; 29,90 EUR)
Birte Egloff / Anke Grotlüschen (Hrsg.)
Alphabetisierung und Grundbildung. Band 7
Forschen im Feld der Alphabetisierung und Grundbildung. Ein Werkstattbuch
Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2011
(244 S.; ISBN 978-3-8309-2463-0; 29,90 EUR)
Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. Joachim Bothe (Hrsg.)
Alphabetisierung und Grundbildung. Band 8
Funktionaler Analphabetismus im Kontext von Familie und Partnerschaft
Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2011
(264 S.; ISBN 978-3-8309-2536-1; 19,90 EUR)
Anke Grotlüschen / Wiebke Riekmann (Hrsg.)
Alphabetisierung und Grundbildung. Band 10
Funktionaler Analphabetismus in Deutschland
Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2012
(300 S.; ISBN 978-3-8309-2775-4; 36,90 EUR)
Alphabetisierung und Grundbildung. Band 6 Alphabetisierung und Grundbildung. Band 7 Alphabetisierung und Grundbildung. Band 8 Alphabetisierung und Grundbildung. Band 10 Im Folgenden wird die in der letzten Ausgabe der EWR begonnene Besprechung der vom Bundesverband Alphabetiserung und Grundbildung e.V. herausgegebenen Reihe „Alphabetisierung und Grundbildung“ [1] für die Bände 6 bis 8 und 10 fortgesetzt. (Band 9 ist bislang noch nicht erschienen.)

Noch deutlicher als die ersten fünf Bände legen die Bände 6 bis 10 ihren Fokus auf das Thema Analphabetismus und Erwerbsarbeit. Mit Ausnahme von Band 8 referieren sie Forschungsansätze und Ergebnisse des Projektverbundes lea.-Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften, welcher in der ersten Förderphase des BMBF-Förderschwerpunktes „Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ (2008 bis 2010) gefördert wurde.

Band 6 gibt Einblicke in die forschungstheoretischen Grundlagen des Projektverbundes lea.-Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften, insbesondere in die sonder- und berufspädagogischen Grundlagen der Förderdiagnostik und Kompetenzmessung, auf deren Basis die lea.-Diagnostik, das Kompetenzverfahren „Leseverständnis“ (KLV) entwickelt wurde. Kritisiert wird, dass bisherige Alphabetisierungsangebote oft an den Voraussetzungen und Interessen Erwachsener vorbei gehen. Es sei unklar, wie Erwachsene schriftsprachliche Fähigkeiten erwerben. Anke Grotlüschen formuliert, dass dafür oft mit Schulmaterial gearbeitet werde, welches nicht nur die Lebenswelten Erwachsener außer Acht lasse, sondern Erwachsene darüber hinaus zu kindlichen und unselbstständigen Teilnehmenden mache. Ausgehend davon wirft sie einen Blick in die Geschichte der Literalitäts- und Alphabetisierungsforschung. Sie sucht dabei – auch im internationalen Raum – nach Begriffsbestimmungen, die für eine moderne Alphabetisierungsarbeit in Deutschland verwendbar sein könnten. Die Autorin macht deutlich, dass Literalität nicht als ein dichotomes Modell im Sinne von „kann lesen – kann nicht lesen“ verstanden werden kann. Literalität bewege sich vielmehr in einem Kontinuum. Diese Befunde übersetzt Grotlüschen in ein hierarchisches Literalitätsmodell, welches sich – abweichend vom Mainstream – an einem mündigkeitsorientierten Kompetenzbegriff (Heinrich Roth) orientiert. Literalität meint in diesem Sinne die Fähigkeit zur Bildung eigenständiger Urteilskraft.

Grotlüschens Überlegungen sind die Grundlage des Kompetenzverfahrens „Leseverständnis“ (KLV), welches von Rudolf Kretschmann genauer vorgestellt wird. Es wird angenommen, dass es Schüler gibt, die die allgemeinbildende Schule verlassen und nicht über ausreichende literale Kompetenzen verfügen. Das entwickelte Verfahren soll diesen Menschen, sofern sie sich auf dem Weg in das oder bereits im Arbeitsleben befinden, Möglichkeiten zum nachträglichen Literalitätserwerb eröffnen. Den Bezugsrahmen dafür stellen verschiedene Diagnosemodelle dar. Einige von ihnen werden in den folgenden Beiträgen vorgestellt.

Im Beitrag von Alisha M.B. Heinemann wird ein Einblick in die Entwicklung der Alpha-Levels und in die darauf beruhende „erwachsenengerechte Diagnostik“ des KLV gegeben. Speziell in Deutschland sei Alphabetisierung auf die Grundschule beschränkt, folglich gäbe es kein Material, welches Bezug nimmt auf die Arbeits- und Berufswelt. Mit dem lea.-Universum werde dies nun gewährleisten (93). Das lea.-Universum beschreibt erwachsene Personen in der Arbeitswelt. Zusammen mit Grotlüschen erörtert Heinemann im folgenden Beitrag die Bestimmung der Schwierigkeitsgrade und Levels. Das KLV orientiert sich an insgesamt 6 Levels. Level 6 entspricht etwa Level 1 des International Adult Literacy Survey (IALS), wie es auch von PISA verwendet wurde.

Im zweiten Teil des Bandes geht es um konkrete Anwendungsfelder der lea.-Diagnostik. Karsten D. Wolf, Ilka Koppel und Kai Schwedes übersetzen die lea.-Diagnostik in eine Onlineversion. Eva Anslinger und Eva Quante-Brandt berichten über die Anwendung von Kompetenzfeststellungsverfahren im beruflichen Übergangssystem. Ihr Ziel ist es, Anknüpfungspunkte für die Förderung der Literalität junger Erwachsener zu finden, um im zweiten Schritt Lernmaterialien zu entwickeln, die dazu motivieren sollen, Lesen und Schreiben zu lernen. Dafür erörtern die Autorinnen die motivationale Ausgangslage betroffener Jugendlicher. Diese, so ihr Ergebnis, seien im Übergang von der Schule in den Beruf noch sehr motiviert, ihre Lese- und Schreibfähigkeiten zu verbessern, insbesondere dann, wenn konkrete Ziele wie das Erreichen eines Ausbildungsabschlusses in Aussicht stehen. Aus den Herkunftsfamilien der Jugendlichen heraus komme diese Motivation nur bedingt. Sie könne deshalb nur in den Bildungsinstitutionen erzeugt werden. Zusammen mit Anjuscha Jäger und Moritz Müller erörtern die Autorinnen im folgenden Beitrag den Förderkontext, das berufliche Übergangssystem, genauer. Sie gehen dabei zum einen auf die Rahmenbedingungen des Fördersystems ein, zum anderen beschreiben sie die Heterogenität und die unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen der Jugendlichen im Übergangssystem sowie die daraus resultierenden Herausforderungen und auch Hemmnisse für den Schriftspracherwerb.

Band 7 stellt die Ergebnisse einer Studie zum Verbleib von Teilnehmenden an Alphabetisierungskursen vor. Die Verbleibsstudie setzt sich zusammen aus einer Akzeptanzstudie, einer Panelstudie, einer Biografiestudie und einer Interdependenzstudie. Die Autoren stellen fest, dass es bisher keine Informationen zum Verbleib der Teilnehmenden nach ihrem Kursbesuch gibt. Es ist unbekannt, welche Auswirkungen der Besuch auf die Fähigkeit der Teilnehmenden zur eigenständigen Lebensbewältigung hat. Den Sammelband eröffnet die „Akzeptanzstudie“. Sie fragt nach der Notwendigkeit einer erwachsenengerechten Diagnostik. In verschiedenen Beiträgen wird betont, dass unklar sei, ob und welche diagnostische Verfahren in Alphabetisierungskursen eingesetzt würden. Es sei fraglich, was mit den gewonnen Ergebnissen dieser Verfahren geschehe. Diagnostik werde dabei zunächst mit dem Messen von Lernständen assoziiert. Deshalb stoße es bei Lehrenden und auch innerhalb der Zielgruppe immer wieder auf Kritik.

Im Folgenden werden die Begriffe Literalität, Diagnostik, Kompetenz, Analphabetismus und Akzeptanz reflektiert. Bonna und Nienkemper betrachten bspw. Akzeptanz aus ökonomischer und soziologischer Sicht. Die im Werkstattbuch vorgestellten Ergebnisse resultieren aus einer Befragung von Kursleitenden. Bonna und Nienkemper sowie Grotlüschen diskutieren die erhobenen Daten zur Akzeptanz, zum Einsatz und zur Bekanntheit von Diagnoseverfahren in Alphabetisierungskursen. Es zeigt sich, dass ihr Einsatz unter förderdiagnostischen Aspekten auf eine hohe Zustimmung trifft, während die selektive Diagnostik eher abgelehnt wird (46). Ergänzt werden die Ausführungen von Grotlüschen u.a. durch einen Beitrag von Schmidt-Lauf, Popp und Sanders, welche als Unterstudie der Akzeptanzstudie die regionalen Besonderheiten in Bezug zur Akzeptanz von Diagnostik in Alphabetisierungskursen setzten.

Die Autoren der AlphaPanel-Studie erörtern in ihrem Beitrag die Gruppe der Teilnehmenden, deren Motivation und Integration in das gesellschaftliche Leben genauer. Sie gehen dabei zum einen auf die Zusammensetzung der Lernenden sowie deren berufliche und soziale Teilhabe ein, zum anderen beschreiben sie Brüche im Schriftspracherwerb unter Einbezug der Lese-Rechtschreib-Störung als einer möglichen Ursache für funktionalen Analphabetismus. Funktionale Analphabeten, so ein Ergebnis, seien relativ gut eingegliedert, was das Phänomen der kaum wahrgenommenen Analphabetismusproblematik in der Gesellschaft erklären würde (109). Gemeinsam mit TNS Infratest und der Humboldt-Universität zu Berlin wurde dafür ein Längsschnitt mit insgesamt drei Erhebungswellen durchgeführt. Die Ausführungen des Beitrags beruhen auf den Ergebnissen der ersten Erhebungswelle.

Natalie Pape u.a. berichten über die Forschungsarbeit der Studie „Interdependenzen von Schriftsprachkompetenz und Aspekten der Lebensbewältigung“. Ziel dieses Teilprojekts sei es, neben durchführbaren Herangehensweisen in der Alphabetisierungsforschung auch Möglichkeiten der Kooperation von Forschung und Praxis (129) aufzuzeigen sowie die Beziehung zwischen Illiteralität und Lebensbewältigung zu untersuchen. Erfasst wurden die Daten mit zwei qualitativen Befragungen im Abstand von einem Jahr. Als Instrumente zur Erfassung der Lese- und Schreibleistung kamen die Hamburger Schreibprobe (HSP) und die Würzburger Leise Leseprobe (WLLP) zum Einsatz. Die Autorinnen Deneke und Horch erörtern die gewonnenen Strategieprofile der HSP als einen möglichen Lösungsansatz für eine individuelle Förderung in der Alphabetisierungsarbeit. Für eine optimale Förderung des Lernprozesses sei es wichtig, die Ergebnisse gemeinsam mit den Lernenden zu reflektieren. Einen Einblick in die persönlich wahrgenommene Veränderung der Schriftsprachkompetenz von Kursteilnehmenden gibt Ingeborg Reese. Kursteilnehmende, so ihr Ergebnis, nehmen einen Zuwachs ihrer Schriftsprachkompetenz, ihres Selbstbewusstseins sowie eine positive Selbstkritik wahr (171).

Die Autoren der „Qualitativen Biographiestudie zur Lebenssituation ehemaliger Teilnehmer“ untersuchen die Biografie der Kursteilnehmenden und setzen diese in Bezug zum Kursbesuch. Ziel sei es, die Auswirkungen des Kursbesuches auf die aktuelle Lebenssituation zu untersuchen (175). Egloff diskutiert die Dauerteilnahme, die Kursunterbrechung oder den Kursübergang sowie das „Drop-Out“ als eine mögliche Beschreibung der „Kursbindung“ (180f). Kursteilnehmende, so ihr Ergebnis, werden selbstbewusster und seien eine heterogene Gruppe. Der Kursbesuch habe im Hinblick auf die individuelle Entwicklung oft eine unterstützende Funktion. Dies sei eine mögliche Begründung für die Dauerteilnahme an Alphabetisierungskursen. Schimpf erörtert in ihrem Beitrag den Kursleitenden-Teilnehmenden Konnex unter Einbeziehung des Interviewmaterials und der Feldbeobachtungen und reflektiert diesen in Bezug auf die aktuelle wissenschaftliche Diskussion in der Erwachsenenbildung.

Band 8 der Reihe dokumentiert die achte Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland: Familie – Partnerschaft – Generationen“ vom 28. bis 30. Oktober 2010 in Weinheim. Ihre Fragestellung war, wie soziale Beziehungen, z. B. Familie, Partner, Freunde etc., Lernprozesse prägen, insbesondere den Erwerb der Schriftsprache. Der Tagungsband beschäftigt sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem funktionalen Analphabetismus, zum einen mit den Faktoren seiner Entstehung, aber auch, wie er sich im alltäglichen Leben oder in der Partnerschaft zeigt. Um die Entstehung von funktionalem Analphabetismus zu verstehen, müssen verschiedene Faktoren wie die Herkunftsmilieus oder Familie näher betrachtet werden.

Der Band ist in drei große Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel „Grundlagen – Forschungsergebnisse – Erfahrungen“ besteht aus zehn verschiedenen Beiträgen. Peter Hubertus betrachtet die Rolle der Familie und die dort entstehenden Probleme im Lesen und Schreiben. Er zeigt in seinem Beitrag, wie wichtig Vertrauenspersonen für funktionale Analphabeten sind. Vertrauenspersonen helfen, die Herausforderungen unserer schriftsprachlich geprägten Gesellschaft zu bewältigen. Die Betroffenen sind sich über ihre fehlenden Kompetenzen durchaus bewusst, sehen allerdings immer nur dann Handlungsbedarf, daran etwas zu verändern, wenn die Vertrauenspersonen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Sven Nickel beschreibt in seinem Artikel „Familie und Illiteralität“ den Einfluss der Familie auf das Bildungsverhalten von Kindern (16).Er diskutiert die Literalität bzw. Illiteralität aus soziologischer Perspektive und greift dabei den pädagogisch-anthropologischen Generationsbegriff auf. Dieser unterscheidet zwischen vermittelnder und aneignender Generation. Eltern gehören zwar zur vermittelnden Generation, verfügen Kinder jedoch über eine höhere Literalität, kann sich das Verhältnis von vermittelnder und aneignender Generation verschieben.

In ihrem Beitrag „Analphabetismus im Alter“ diskutieren Jürgen und Annerose Genuneit den bisher kaum wahrgenommenen Analphabetismus der 50- bis 65-Jährigen in Deutschland. Der Beitrag „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – und Uwe?“ ist ein Gespräch von Bettina Lübs mit dem Ehepaar Sabine und Uwe Boldt. Uwe Boldt war funktionaler Analphabet. Er und seine Frau berichten im Interview über ihre Schulzeit. Insbesondere Uwe beschreibt seine Schwierigkeiten, die er mit dem Lesen und Schreiben hatte. Deutlich wird dabei, wie wichtig die Familie für den Erwerb von Lesen und Schreiben im Kindesalter und wie wichtig das Interesse von Eltern an den schulischen Leistungen von Kindern ist. Eindrucksvoll gibt das Paar in diesem Gespräch Einblick in seine Beziehung und wie es mit dem funktionalen Analphabetismus von Uwe umgegangen ist.

Im zweiten Kapitel werden sechs „Projekte zur Lese- und Schreibförderung im Kontext von Familien und Generationen“ vorgestellt. Das Berliner Pilotprojekt „AlphaFamilie – Generationsübergreifendes Lernen in der Alphabetisierung“ entwickelt zum einen Programme für Familien mit Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren, bei denen die Kompetenzen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben eher weniger ausgeprägt sind. Zum anderen richten sich die Programme an Familien, in denen mindestens ein Elternteil über geringe literale Kompetenzen verfügt. Die bestehenden oder aber auch noch zu entwickelnden Förderprogramme sollen dazu beitragen, dass Literalität als soziale Praxis in den Familien gestärkt wird. Bspw. sollten Eltern mit geringer Literalität bei der Frühförderung ihrer Kinder unterstützt werden. Der Beitrag „Vorlesen in Familien“ – ein sozialpräventives Projekt mit literaturtherapeutischem Ansatz des „Zentrums für Literatur“ an der Phantastischen Bibliothek Wetzlar von Bettina Twrsnick, stellt ein nicht herkömmliches „Vorlese-Projekt“ vor. Es nimmt die Eigeninitiative und Eigenmotivation von bildungsferneren Familien in den Blick. Dieses sozialpräventive Projekt zielt darauf ab, die Eltern zu stärken. Dies setzt es mit einem literaturtherapeutischen Ansatz um. Therese Salzmann stellt in ihrem Beitrag „Förderung der Lesesozialisation in Familien mit Migrationshintergrund“ das Projekt „Schenk mir eine Geschichte – Family Literacy“ vor. Dieses Projekt richtet sich an Eltern mit 2- bis 5-jährigen Kindern, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen und an die Kinder wie Eltern gleichermaßen. Das Besondere dieses Projektes ist, dass es nicht auf Eltern zielt, die von Analphabetismus betroffen sind. Vielmehr liegt der Fokus auf der Frühförderung der Erstsprache für die Entwicklung sprachlicher und literaler Fähigkeiten in der Familie.

Ein weiteres Projekt, das in diesem Band vorgestellt wird ist „SIMBA – gemeinsam Bildung schaffen“. SIMBA meint Sprachförderung Integrieren, Miteinander Bildung Anstreben. Eltern sollen mit Hilfe dieses Ansatzes stärker in die Bildungsprozesse ihrer Kinder eingebunden werden, indem sie einen Einblick in den Schulalltag ihrer Kinder erhalten. Sie sollen so für die schulischen Vorgänge und Gegebenheiten sensibilisiert werden. Brigitte Jacobi stellt anschließend das Projekt „Deutsch in den Ferien“ vor. Es richtet sich an Kinder von Vätern und Müttern in Integrationskursen. Die Idee dafür entstand aus der Notwendigkeit, den Integrationskursteilnehmenden während der Unterrichtszeiten in den Sommerferien ein Betreuungsangebot für ihre Kinder anbieten zu können. Das letzte Projekt „Text-Checker“ wird von Christiane Möller-Bach und Brigitte Mundt vorgestellt. Dieses richtet sich an Schüler von Bielefelder Gesamt-, Haupt-, Förder- und Realschulen. Teilnehmende des Projektes sind Schüler ab Klasse 7, bei denen ein Förderbedarf deutlich wird. In Fördergruppen erhalten sie die Möglichkeit, ihre schriftsprachlichen Fähigkeiten außerhalb des regulären Unterrichts zu trainieren und zu verbessern. Negativattributionen und negative Selbstkonzepte sollen verändert und dadurch die Motivation zum Gebrauch der Schriftsprache verbessert werden.

Im dritten Kapitel „Lernangebote – Methoden – Beratung“ stellt Jürgen Genuneit zunächst ein Unterrichtskonzept zum Thema „Liebe und Trennung“ vor. Diese emotionalen Themen beeinflussen in ihren unterschiedlichen Facetten den Unterrichtsalltag sowie die Verhaltensweisen der Lernenden (161). Genuneit vertritt die Auffassung, dass sie, wenn diese Themen offen angesprochen werden und Inhalt von Unterricht sind, ihre Brisanz verlieren und sich positiv auf den Lernerfolg auswirken können. Im Projekt „a3 – Alphabetisierung, Arbeitswelt, Ausbildung“ werden Themenhefte konzipiert, die sich mit Alltagsthemen beschäftigen, um den Unterricht abwechslungsreich gestalten zu können. Die Autorinnen Heidrun Schumacher und Katrin Stoffeln stellen die Themenhefte „Eltern werden - Eltern sein“ vor. Ute Jaehn-Niesert untersucht in ihrem Beitrag den Sinn systemischer Beratung und Therapie für Alphabetisierung und Family Literacy.

Britta Büchner stellt in ihrem Beitrag „Lese-Schreib-Schwierigkeiten in der Familie begegnen“ das Internetprojekt LegaKids.net vor. Dieses Projekt richtet sich an Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Im Rahmen dieses Projekts wurde das Lese-Rechtschreib-Monster Lurs als zentrale Figur geschaffen. Lurs steht exemplarisch für die Probleme des Lesens und Schreibens. Die Kinder lernen spielerisch das Monster, also Lese- und Schreibschwierigkeiten zu bekämpfen. Sie lernen, dass sie nicht unbesiegbar sind. Für Eltern, Lehrkräfte und erwachsene Betroffene, wird ein Informationsportal mit verschiedenen Materialien und Tipps entwickelt.

Abschließend werden in diesem Band die Bernburger Thesen fortgeschrieben. Karen Schramm formuliert außerdem eine kritische Stellungnahme zu fünf Jahren Integrationskurse und Alphabetisierung. Zudem wird ein Podiumsgespräch zum Thema „Erfolge, Schwierigkeiten, Ausblick“ zu fünf Jahren Integrationskurse und Alphabetisierung mit Alexis Feldmeier, Peter Hubertus und Karen Schramm vorgestellt. Der achte Tagungsband schließt mit den Berichten und Auswertungen der Fachtagung in Weinheim.

Band 10, als bislang letzter Band der Reihe, referiert die Ergebnisse der leo.-Level-One Studie. Die leo.-Level-One Studie – durchgeführt an der Universität Hamburg unter Leitung von Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann und Klaus Buddeberg – geht der Frage nach der „Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland“ sowie der Bedeutung schwacher Lese- und Schreibkompetenzen für die Möglichkeit zu gesellschaftlicher Teilhabe nach.
Im Rahmen der Studie wurde eine repräsentative Erhebung innerhalb der erwerbsfähigen Bevölkerung durchgeführt. Durch Zusammensetzung und Größe der Stichprobe sowie Vergleiche mit Zusatzerhebungen wie dem Alphapanel erlaubt die leo.-Level-One Studie erstmals Aussagen zum Analphabetismus für die gesamte Bevölkerung und ermöglicht außerdem eine differenzierte Betrachtung der Schriftsprachkompetenzen auf den unteren Alpha-Levels. Die Reichweite der Aussagen ist ein Novum, denn bisherige Erkenntnisse stützen sich vorwiegend auf Daten aus Befragungen mit Teilnehmenden aus Alphabetisierungskursen, die, wie sich in der leo.-Studie herausstellt, eine sehr spezifische Gruppe innerhalb der Analphabeten darstellen und so zu einem verzerrten Bild über die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland führen.

Eröffnet wird Band 10 mit dem Hauptbeitrag von Grotlüschen, Riekmann und Buddeberg. Darin wird eine Einführung in die Thematik des Analphabetismus sowie eine international vergleichende Zusammenfassung der Hauptergebnisse der leo.-Level-One Studie gegeben. Im folgenden Beitrag widmen sich die Autoren den methodischen Herausforderungen bei der Erstellung der Studie. Frauke Bilger, Robert Jäckle, Bernhard von Rosenbladt und Alexandra Strauß gehen anschließend vertiefend auf die Gestaltung des Studiendesigns, der Durchführung und der Bestimmung der Level-Grenzen der leo.-Level-One Studie ein. Mit dem Ziel, die leo.-Ergebnisse mit den Daten des Alphapanels zu vergleichen, setzen sich Rainer Lehmann, Ulrike Fickler-Strang und Elisabeth Maué in ihrem Artikel mit der Bestimmung schriftsprachlicher Fähigkeiten von Teilnehmenden in Alphabetisierungskursen auseinander. Anke Grotlüschen vergleicht im folgenden Beitrag die Beschäftigungssituation von Teilnehmenden in Alphabetisierungs-Kursen (Alphapanel) mit den Teilnehmern der leo.-Studie. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den beiden Stichproben: In Kursen finden sich vermehrt Personen mit sehr geringen Alpha-Levels und sehr ungünstiger sozioökonomischer Situation. Der Unterschied der Betroffenen außerhalb der Kurse zur Gesamtbevölkerung sei eher gering. Kursteilnehmende stellten also einen sehr spezifischen Teil der Gruppe funktionaler Analphabeten dar, der die Gesamtheit funktionaler Analphabeten nur unzureichend abbilde(152f). Daher müsse angenommen werden, so die Autoren, dass die literale Kompetenz und die Lebenssituation bzw. die Fähigkeit zur Alltagsbewältigung funktionaler Analphabeten zumindest partiell schlechter eingeschätzt wird, als sie tatsächlich ist.

So bringt die leo.-Level-One Studie – im positiven Sinne – teils überraschende Erkenntnisse. Insgesamt zeichnet sie jedoch ein alarmierendes Bild zur Literalität in Deutschland. 7,5 Mio. Menschen bzw. 14,5 % der erwerbsfähigen Bevölkerung können nicht ausreichend lesen und schreiben. Betroffen sind keineswegs nur bildungsferne und sozial schlechter gestellte Menschen. Funktionaler Analphabetismus findet sich in allen Teilen der Gesellschaft: bei Männern und Frauen aller Bildungsniveaus, bei jungen und alten Menschen, bei deutschen Muttersprachlern und bei Zweitsprachlern. Die leo.-Level-One Studie zeigt auch auf, dass die Wahrscheinlichkeit, von funktionalem Analphabetismus betroffen zu sein, für verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich hoch ist.

Im zweiten Teil des Bandes werden die Ergebnisse einer differenzierten Betrachtung hinsichtlich bedeutsamer Einflussfaktoren auf das Risiko, von funktionalem Analphabetismus betroffen zu sein, vorgestellt. So zeigt Grotlüschen Zusammenhänge zwischen Literalität und Erwerbstätigkeit auf. Analphabetismus sei kein Ausschlusskriterium für Erwerbstätigkeit, so die Autorin. Analphabeten seien häufiger erwerbstätig als bisher angenommen, wenngleich die Arbeitslosenquote deutlich höher liege als im Bevölkerungsdurchschnitt. Erkennbare Unterschiede gebe es vor allem in der Art der Beschäftigung und der Bezahlung, welche für funktionale Analphabeten meist ungünstiger ausfiele. So seien bei ungelernten und körperlich schweren Tätigkeiten sowie in prekären Beschäftigungsverhältnissen deutlich mehr Betroffene zu finden als in sicheren Beschäftigungsverhältnissen mit anspruchsvollen Tätigkeiten. Riekmann nimmt eine vertiefende Betrachtung der Lebenssituation funktionaler Analphabeten vor. Interessanterweise kommt sie zu dem Ergebnis, dass funktionale Analphabeten weniger von sozialer Exklusion betroffen sind, als bisher angenommen wurde, und sich ihre Lebenssituation nicht wesentlich von der der Gesamtbevölkerung unterscheidet.

Buddeberg untersucht den Zusammenhang zwischen Literalität, Alter und Geschlecht. Er gelangt zu der Feststellung, dass Männer zwar häufiger von funktionalem Analphabetismus betroffen sind als Frauen, das Merkmal Geschlecht jedoch insgesamt nur wenig Einfluss auf die zu erwartende literale Kompetenz hat. Ein ähnlich geringer Einfluss zeigt sich auch hinsichtlich des Alters. So könne die Vermutung, dass vor allem jüngere Menschen unzureichend literalisiert sind, nicht bestätigt werden. Im Gegenteil müsse angenommen werden, dass sich durch mangelnde schriftsprachliche Praxis in Beruf und Alltag ein Kompetenzverlust vollzieht, der in höherem Lebensalter stärker zutage tritt. Der Beitrag von Buddeberg und Riekmann thematisiert die Bedeutung der Erstsprache für die Literalität, der Beitrag von Grotlüschen und Sondag die der Schulbildung. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass dies die wichtigsten Prädiktoren seien. So stellen ein fehlender Schulabschluss und eine andere Erstsprache als Deutsch die höchsten Risiken dar, von funktionalem Analphabetismus betroffen zu sein. Bilger untersucht das Weiterbildungsverhalten funktionaler Analphabeten und kommt dabei zu dem Schluss, dass wenig literalisierte Menschen zwar bildungsfern, jedoch nicht bildungsabstinent seien. Den Abschluss des Bandes bildet die Auseinandersetzung Robert Jäckles und Oliver Himmlers mit dem Verhältnis zwischen Ökonomie und Analphabetismus.

Die Ergebnisse der leo.-Level-One Studie zeigen insgesamt, dass funktionaler Analphabetismus in Deutschland ein gesellschaftliches Problemfeld darstellt, in dem künftig noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist. Sowohl die korrigierte Gesamtzahl der Betroffenen als auch die Erkenntnisse zu deren gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten deuten darauf hin, dass Ausmaß und Konsequenzen mangelnder Schriftsprachkenntnisse bisher falsch eingeschätzt wurden.

Die hier rezensierten Bände sind wie die Reihe insgesamt für Forschende im Bereich der Alphabetisierungsarbeit in der beruflichen Bildung und am Arbeitsmarkt zu empfehlen. Sie erhalten hier Einblicke in das methodische Vorgehen und die Ergebnisse des o.g. Projektverbundes. Sie finden darin auch die zentralen Ergebnisse der leo.-Studie, die erstmals verlässliche Ergebnisse zum Problem des funktionalen Analphabetismus‘ in Deutschland vorlegt. Das Signal, dass das Thema Analphabetismus nicht nur, aber insbesondere in der beruflichen Bildung größere Beachtung verdient, ist eindeutig.

[1] http://www.klinkhardt.de/ewr/97838309186...
Henriette Hanisch, Dietmar Heisler, Claudia Müller, Anne Schrön (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Henriette Hanisch, Dietmar Heisler, Claudia Müller, Anne Schrön: Rezension von: Grotlüschen, Anke / Kretschmann, Rudolf / Quante-Brandt, Eva / Wolf, Karsten D. (Hg.): Alphabetisierung und Grundbildung. Band 6, Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2011. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383092471.html