EWR 11 (2012), Nr. 5 (September/Oktober)

Ursula Reitemeyer / Jürgen Helmchen (Hrsg.)
Das Problem Universität
Eine internationale und interdisziplinäre Debatte zur Lage der Universitäten
Münster: Waxmann 2011
(250 S.; ISBN 978-3-8309-2558-3; 29,90 EUR)
Das Problem Universität Hochschulen unterliegen seit einigen Jahren gravierenden Umgestaltungen, die an der internationalen Wettbewerbsförmigkeit und Beschleunigung von Wissensproduktion nachvollziehbar werden. Die Vermittlung von Wissen tendiert dabei zur buchstäblichen Vermarktung von Wissen: Die Autonomisierung von Hochschulen zielt dabei mehr auf marktförmige Konkurrenzsetzung denn auf demokratisch-freiheitliche Formen der Vergesellschaftung, so insgesamt weite Teile der Kritik [1]. In einem derartigen Modernisierungsprozess ändert sich die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft grundsätzlich. Aus diesem Grund ist es nach Auffassung der Herausgeber/innen des vorliegenden Bandes notwendig, „diesen sich langsam anbahnenden und dann plötzlich zuschlagenden Paradigmenwechsel zu rekonstruieren – und zu reflektieren, während er sich vollzieht“ (9). Die Herausgeber/innen, beide Professor/innen am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster, publizieren hier eine interdisziplinär und international ausgerichtete Ringvorlesung mit dem Titel „Universität am Scheideweg“ aus dem Sommersemester 2010. Sie stellt die Frage nach „der Zukunft der Universität in den Zeiten ihres Verschwindens“ (7) und ist ausdrücklich auf die „Verteidigung eines pädagogischen Ethos“ (10) ausgerichtet.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel mit je vier Beiträgen. Im einleitenden Teil werden das vollständige Programm der Ringvorlesung und die Abweichungen zur Buchpublikation dargestellt. Thematisch führen Jürgen Helmchen und Ursula Reitemeyer in den Themenkomplex der dynamischen Modernisierung von hochschulischer Bildung ein und verweisen mahnend auf die dieser Modernisierung inhärenten, zunehmend marktförmigen Orientierungsmuster, die in weiten Teilen außerhalb einer Logik von Wissenschaft liegen und damit „das Prinzip Universität“ (9) letztlich zu zersetzen drohen.

Im ersten Kapitel „Das Prinzip Universität“ werden Prämissen eines wissenschaftlichen Ideals auf der Grundlage historischer Bestimmungen gesellschaftlicher Funktionalität der Universität rekonstruiert und diese auf Problemstellungen akuter Transformationsprozesse bezogen. Ursula Reitemeyer beschreibt die Genese der modernen Universität als „hohe Schule“ (21) und argumentiert, dass mindestens entlang der zunehmenden Trennung der wissenschaftlich originären Tätigkeiten „Forschen“ und „Lehren“ rekonstruierbar sein müsste, wie der sinnbildliche Geburtsort Bologna auch zur vermeintlichen Grabstätte dieser traditionsreichen Idee zu werden droht. Volker Ladenthin unterscheidet sinnvolle von einfach zweckgebundenen Verhältnissen der Schaffung von Wissen an der Universität, deren Grad und Ausrichtung der faktischen Abhängigkeiten zu jeder Zeit wissenschaftlich wie ethisch reflektierbar und öffentlich zugänglich gemacht werden sollten. Jürgen Helmchen kommentiert den gegenwärtigen Modernisierungsprozess der Universität: Ausgehend von der These, dass diese spezifische Ausbildungsinstitution seit je her bestimmten im Kern eigenen Interessen an Output folgt, erklärt er die jüngsten Entwicklungen von externen Steuerungsmechanismen in Lehre und Studium und ihre zunehmend anfrageorientierte Ausrichtung als unpassend. Jens Birkemeyer wendet sich der inflationären Rhetorik der Chancen des „Wissensmarkts Hochschule“ zu, dessen reale Tendenzen eines Austausches von kritischer durch verwertbare Bildung in Form einer „Gegenrealität“ (90) mindestens zu reflektieren ist.

Im zweiten Kapitel „Studentischer Protest“ wird aus der Sicht von (ehemaligen) Studierenden die Rolle der eigenen Statusgruppe für eine potentielle Neujustierung von Universität, die grundsätzliche Beteiligung an und Bildung von wissenschaftlichem Wissen, thematisiert. Tim Zumhof zeigt anhand diverser zeitlich versetzter Beispiele, wie studentische Äußerungen und Darbietungen von Protest als begründete Kritik an den herrschenden Bedingungen verstanden werden und dabei Ausdruck für die Form und das Maß einer gelingenden Sozialisation in eine kritische Wissenschaft sein können. Markus Bohlmann erläutert die Bedeutung „des sozialen Phänomens der Kritik“ (130), indem er anhand einer Analyse der zentralen Aussagen vergangener Studierendenproteste zeigt, wie weit gerade bei dieser Praktik Intention und Wirkung auseinander liegen können. Tobias Fabinger benennt vor dem Hintergrund einer bildungskritischen Reflexion eigener empirischer Eindrücke die Folgen der veränderten Studienbedingungen an Hochschulen als substanziellen Ausbau von umfassenden Strukturen zur Förderung von sozialer Ungleichheit und dem resultierenden Ausschluss einer potenziell „wirkliche[n] Elite“ (143). Ulrich Thöne fordert für die breite Hochschullandschaft Maßnahmen zum Erhalt des Zugangs zur Hochschule für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, so dass die Universität ihrer gesellschaftspolitischen Funktion gerecht wird.

Das dritte Kapitel „Universität in Europa und den USA“ umfasst Eindrücke und Einschätzungen von Akteur/innen außerhalb Deutschlands unter Bezugnahme auf empirische Daten und politische Programme, so dass andere Hochschulsysteme in ihrer Entwicklung und im Verhältnis zum deutschen betrachtet werden können. Jürgen Oelkers erläutert, dass in der Schweiz weniger die Entwicklungen im tertiären Ausbildungsbereich als vielmehr die Veränderungen des gesamten Erziehungssystems debattiert werden und dabei nicht ein tradiertes Bildungsideal, sondern die empirische Erforschung als Grundlage für die politische Entscheidung institutioneller Ausgestaltungen dient. Ulrich Grothus vergleicht das US-amerikanische mit dem deutschen Hochschulsystem anhand des Umgangs mit konkreten Themen und Anlässen, aus dem nicht zuletzt die gegenseitige Nicht-Übertragbarkeit von schematischen Lösungskonzepten resultiert. Benjamin Ravid stellt die institutionellen Grundstrukturen einer höheren Bildung im US-amerikanischen Gesamtsystem vor und hebt dabei beispielhaft die Bedeutung privater Einrichtungen hervor, die ein besonderes Potenzial zur persönlichen Identifizierung mit der Alma Mater böten und so zum Gelingen einer akademischen Sozialisation beitragen würden. Marie-Thérèse Maurer bilanziert für Frankreich „eine tiefgreifende Machtverschiebung […] und radikale Veränderung der Zielsetzung der Universitäten“ (233) und stellt fest, dass gegenüber dem gegenwärtig noch andauernden Transformationsprozess die Zustimmung spürbar abgenommen hat, was sie mit Problemen der Umsetzung und real zu erlebenden Folgen der Veränderungen begründet.

Die im vorliegenden Buch leitende Haltung der Problematisierung zielt gleichermaßen auf die zu erkennende Welt wie auf das in ihr sich erkennende Selbst. Dieser Haltung kommt eine Bereitschaft konsequenten und begründeten Zweifelns zu. Der vorliegende Sammelband setzt kritisch beim Verschwinden dieses Habitus an und weniger bei der buchhalterischen Bilanzierung zum späteren Abgleich im Wettbewerb irgendeines Marktes. Hier liegt mindestens der erste, immer wieder aufscheinende Anschluss an Jacques Derrida, der eine unbedingte Universität denkt, welcher ein „bedingungslose[s] Recht zu hinterfragen“ zukommt [2].

Die Beiträge des Bandes sind in ihrer Sichtweise und Analyse der Situation auffallend homogen, was mitunter einer argumentativen Ausdifferenzierung nicht zuträglich ist, wohl aber die Formierung einer „Gegenposition“ unterstützt. In diesem Zusammenhang wäre eine Dokumentation der Diskussionen in der Ringvorlesung, welche möglicherweise auch die Bezüge der Vorträge untereinander hätte einholen können, gewinnbringend gewesen. Die Schwierigkeit der Realisierung integrierender Vielfalt zeigt sich auch in der Auswahl der Beitragenden; denn lediglich zwei Wissenschaftlerinnen und eine Person aus der Statusgruppe der Studierenden sind an diesem Band beteiligt.

Das formulierte Ziel der Verteidigung eines pädagogischen Ethos hat in der Mehrzahl der Beiträge seinen Ort in der Verbindung von Wissen schaffendem Handeln und Verantwortung. Damit verknüpft ist die wiederholte Problematisierung des Verhältnisses von Forschung und Lehre, das von einer zunehmenden Ablösung gekennzeichnet ist. Obgleich dieser Punkt wiederholt kritisch aufgegriffen wird, so auch vom erziehungswissenschaftlichen Fakultätentag [3], bleibt dieser vor allem im Interaktionszusammenhang von Lehren und Lernen an Hochschulen bemerkenswert folgenlos. In diesem Sinne gilt es (weiterhin) eine „schöne neue Bildung“ [1], wie sie die gegenwärtige oder auch zukünftige Hochschule herzustellen vermag, kritisch (erziehungs-)wissenschaftlich in den Blick zu nehmen.

Dem Buch gelingt es die allgemein-gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft zu befragen und die Diskussion um die Transformation der Universität einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese Veröffentlichung ist vermutlich vor allem für die Personen interessant, die sich zur Institution „Universität“ und ihrer traditionsreichen und immer noch vielversprechenden Idee einer konsequenten und grundsätzlichen Kritik im Modus diskursiver Problematisierung bekennen.

[1] Ingrid Lohmann/Sinah Mielich/Florian Muhl/Karl-Josef Pazzini/Laura Rieger/Eva Wilhelm (Hrsg.): Schöne neue Bildung? Zur Kritik der Universität der Gegenwart. Bielefeld: transcript 2011.
[2] Jacques Derrida: Die unbedingte Universität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001.
[3] Wolfgang Nieke (Vorsitzender des Erziehungswissenschaftlichen Fakultätentages): Was ist exzellente Lehre? – Die Antwort der Erziehungswissenschaft: Wissenschaftsdidaktik statt Hochschuldidaktik. Veröffentlicht am 18.11.2008; URL: http://www.ewft.de/files/08-%20Exzellenz%20der%20Lehre%20-%20Wissenschaftsdidaktik%20statt%20Hochschuldidaktik.pdf
Benjamin Klages (Potsdam)
Zur Zitierweise der Rezension:
Benjamin Klages: Rezension von: Reitemeyer, Ursula / Helmchen, Jürgen (Hg.): Das Problem Universität, Eine internationale und interdisziplinäre Debatte zur Lage der Universitäten. Münster: Waxmann 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 5 (Veröffentlicht am 12.10.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383092558.html