EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

Ulf Over
Die interkulturell kompetente Schule
Eine empirische Studie zur sozialen Konstruktion eines Entwicklungsziels
Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2012
(182 S.; ISBN 978-3-8309-2568-2; 32,90 EUR)
Die interkulturell kompetente Schule Die Bedeutung von Schule als Integrationsumfeld und Integrationsmedium für die nachwachsende kulturell heterogene Generation ist unstrittig. Die Erfolgsbilanz der Schule fällt dagegen ernüchternd aus, wenn man die anhaltende systematische Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern entlang sozialer Differenzlinien betrachtet, die ein wesentlicher Indikator für schulische und gesellschaftliche Integration darstellt. Erziehungswissenschaftlich und soziologisch orientierte Forschungen widmen sich in vielfältiger Weise dieser Diskrepanz. Das Schulsystem als Ganzes, die implizierten systematischen Hürden und mögliche Ursachen der anhaltenden Defizite werden beforscht. Während die Identifikation von Risikofaktoren in den Erklärungsmodellen stetig ausdifferenziert wird, liegen allerdings nur wenig empirisch gesättigte Aussagen zur kompetenten Handlungspraxis der Lehrerinnen und Lehrer, einer zentralen Akteursgruppe im schulischen Handlungsfeld, vor. Hier ist nun die Studie von Ulf Over zu lokalisieren, der insbesondere die Lücke füllen möchte, nicht über Lehrpersonen zu forschen, sondern sie selber in ihrer Expertise zur Sprache zu bringen. Er führte an einer Bremer Gesamtschule in einem von ihm sogenannten Brennpunktstadtteil Interviews mit den Pädagoginnen und Pädagogen, die deren Sichtweise auf eine interkulturell kompetente Schule fokussierten. In einem mehrstufigen Interpretationsverfahren, in welchem als ein Schritt die virtuelle Interaktion der Beteiligten rekonstruiert wurde, verfolgt Over das Ziel, die kollegial verankerte Theorie zur interkulturellen kompetenten Schule sichtbar zu machen. Offen muss hierbei allerdings bleiben, ab welchem Abstraktionsgrad die Beschreibung, Analyse, Gruppierung und Interpretation von Lehreräußerungen nicht doch wieder der monierten Forschung „über“ Lehrer/innen zuzurechnen ist.

Mit diesem Buch veröffentlicht Ulf Over seine Dissertation, die im Rahmen eines umfassenderen Forschungszusammenhangs an der Universität Bremen entstanden ist. Dabei ging es darum, Sichtweisen von Lehrkräften zur interkulturellen Kompetenz in Schulen zu erheben und aus den aufgezeigten Differenzen zwischen dem formulierten Ist- und Ideal-Zustand ein schulspezifisches Anforderungsprofil für die Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen zu entwickeln (vgl. auch [1]).

Theoretisch formuliert Over zwei grundlegende Bezugspunkte: Den einen bildet das „persönliche Konstrukt“ nach George A. Kelly, einer psychologischen Theorie zur Konstruktion von Realität und zur individuellen Orientierung innerhalb dieser. Dieses auf den Einzelnen bezogene Konzept dehnt Over in seiner Reichweite auf die Gesamtgruppe der Interviewten aus: Over geht von einem kollektiv geteilten Konstrukt – in diesem Fall der interkulturell kompetenten Schule – aus, das sich in seinen Augen durch die virtuelle Bezugnahme der Einzelinterviews als kollektiv hervorgebrachtes Konstrukt verstehen und als solches aus den Interviews rekonstruieren lässt. Den zweiten Bezugspunkt bildet Helmut Fends „Neue Theorie der Schule“. Over möchte allerdings das von Fend übernommene soziologische Erklärungsmodell der Handlungsweisen institutioneller Akteure durch seinen in der Psychologie verankerten Zugang erweitern.

Methodisch stützt sich die Arbeit Overs auf eine Interviewtechnik aus der Psychologie (Repertory-Grid-Technik). Die Interviews werden mit einem ebenfalls in der Psychologie verankerten Interpretationsverfahren ausgewertet. Das verwendete Verfahren (nextextpertizer) stützt sich auf mathematische Korrelationen, mit Hilfe derer eine Vielzahl von Einzelaussagen zu Clustern und Themenfeldern geordnet werden. Das Verfahren ist darauf angelegt, Binnenbezüge innerhalb und zwischen den Interviewaussagen auszurechnen und graphisch darzustellen.

In den vier Kapiteln zu den theoretischen Kontexten seiner Studie skizziert Ulf Over letztlich die gesamte Breite denkbarer Ansätze, die sich von deskriptiven Darstellungen über empirische Studien bis zu theoretischen Überlegungen erstrecken und die den Zusammenhang von Migration, Schule, Chancengleichheit und Umgangsweisen mit kultureller Differenz berühren oder auch nur der Beschreibung unterschiedlicher Forschungszugänge in der Pädagogik dienen sollen. Zunächst geht es um die kulturelle Vielfalt in der Schule der Einwanderungsgesellschaft, in einem weiteren Kapitel um die begrifflichen Grundkonzeptionen der Arbeit selber („Kultur“, „Schulkultur“ und “interkulturelle Kompetenz“). Dieses Kapitel mündet in Überlegungen zur interkulturellen Kompetenz in der Schule, die im Anschluss an Jürgen Bolten (2007) und Darla K. Deardoff (2006) als kollektive, schulspezifische Kompetenz entwickelt wird. Interkulturelle Kompetenz lässt sich so nur als spezifische Kompetenz einer Schule erheben, beschreiben und qualifizieren.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt – analog dem nextextpertizer Verfahren – in großen Teilen graphisch gestützt. Der sozial geteilte Bedeutungsraum des Kollegiums wird anhand von drei Achsen aufgespannt, denen drei Diskursbereiche zugeordnet sind: erstens die Haltung zur kulturellen Vielfalt, die zwischen Abgrenzung und Offenheit changiert; zweitens der Umgang mit kultureller Vielfalt in der Schule, der sich zwischen Überlastung und aktivem Gestalten aufspannt und schließlich drittens die Zuschreibung von Verantwortung, die z.T. eher als Veränderungsdruck gegenüber der Institution oder gegenüber den Schülerinnen und Schülern angesiedelt ist. Der Analyse des kollektiv entwickelten Kompetenzmodells zugrunde gelegt ist zudem eine allgemeines Entwicklungsmodell von Schule (früher, in der Gegenwart und in der Zukunft), aus dem Ist- und Soll- bzw. Idealzustände abgeleitet werden. Aus der Analyse der Daten lassen sich vier empirische Gruppen innerhalb des untersuchten Kollegiums herausdestillieren, zwei von ihnen lokalisieren die notwendigen Veränderungen auf dem Weg zu einer ideal interkulturell kompetenten Schule eher auf der Schülerseite, zwei auf der der Institution und je eine liegt näher am Pol der Überlastung bzw. an dem des aktiven Gestaltens. Mit den Diskursbereichen sind dann auch die Diskrepanzen und Ansatzpunkte für weitere Entwicklungen im Kollegium benannt, die im Prozess zur interkulturell kompetenten Schule zu einem Konsens getrieben werden sollten. Ein äußerst knappes Diskussionskapitel sowie eine Zusammenfassung und ein Ausblick schließen das Buch ab.

Dem Buch hätte eine sorgfältigere Gestaltung, sowohl was eher formale Aspekte (Erklärung von Abkürzungen, Aufteilung von Abbildungen auf Text und Anhang, ein vollständigeres Literaturverzeichnis), aber auch, was seine inhaltliche Gesamtkomposition betrifft, wohlgetan. Im Großteil der Studie, welcher der Darstellung des Forschungskontextes gewidmet ist, werden eine Vielzahl von Einzelfragen angeschnitten, z.T. gefährlich kurz einzelne Titel paraphrasierend. Entscheidend fehlt hier ein innerer sukzessiver Zusammenhang dieser Embleme und eine Einbeziehung des dort Dargelegten in die Bearbeitung des eigenen, empirisch erhobenen Materials. Die Rückbezüge im Diskussionsteil, in der Zusammenfassung und im Ausblick sind sehr marginal. Vermisst wurden auch Überlegungen zu denkbaren Aus- und Wechselwirkungen des erhobenen Modells einer interkulturell kompetenten Schule, etwa im Zusammenspiel mit weiteren Akteursgruppen, unterschiedlichen Kontextfaktoren oder verschiedenen Rahmenbedingungen. Letztlich bleibt es der Leserin bzw. dem Leser selbst überlassen, zu überlegen, an welcher Stelle und mit welchen Konsequenzen diese Studie sinnvoll in der Forschungslandschaft zu verorten ist. Ein Vorschlag hierfür könnte lauten, dass exemplarisch die Äußerungen eines Schulkollegiums zu gegenwärtigen Einschätzungen und Zielvorstellungen relevanter interkultureller Kompetenz erhoben, zusammengeführt und auf Konsistenz wie Bruchlinien hin untersucht wurden, woraus sich Ansatzpunkte für die Entwicklung dieser Schule und für weitreichendere Forschungen zu Konstellationen an weiteren Schulen ergeben. Ob damit die Ebene der Kompetenz, die neben den explizierbaren Wissenskonstruktionen auch Handlungsdispositionen, Fähigkeiten und implizite, handlungsleitende Wissensbestände umfasst, erreicht ist, und ob das dargelegte Modell, wie vom Autor beansprucht auf der theoretischen Ebene angesiedelt werden kann, ist allerdings fraglich.

[1] Over, Ulf / Mienert, Malte (2010): Dimensionen Interkultureller Kompetenz aus Sicht von Lehrkräften. In: Interculture Journal 12, S. 33-50
Susanne Timm (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Susanne Timm: Rezension von: Over, Ulf: Die interkulturell kompetente Schule, Eine empirische Studie zur sozialen Konstruktion eines Entwicklungsziels. Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383092568.html