EWR 16 (2017), Nr. 4 (Juli/August)

Julia Košinàr / Sabine Leineweber / Emanuel Schmid (Hrsg.)
Professionalisierungsprozesse angehender Lehrpersonen in den berufspraktischen Studien
Münster / New York: Waxmann 2016
(264 Seiten; ISBN 978-3-8309-3477-6; 34,90 EUR)
Professionalisierungsprozesse angehender Lehrpersonen in den berufspraktischen Studien Den schulpraktischen Studien wird in der Professionalisierung angehender Lehrkräfte eine zentrale Bedeutung beigemessen. Dies geht mit der Etablierung erweiterter Praxisphasen in der Lehrerbildung einher. Den großen Erwartungen und Ansprüchen, die sich mit erweiterten Praxisphasen verbinden, steht ein Mangel an Evidenz zu deren Wirksamkeit gegenüber. Der durch die Internationale Gesellschaft für Schulpraktische Studien (IGSP) herausgegebene Sammelband widmet sich dieser Thematik. Dieser erste Band einer neuen Schriftenreihe hat zum Ziel, Theorie, Entwicklung und Forschung im Rahmen der schulpraktischen Studien eine Plattform zu eröffnen und damit einen kontinuierlichen wissenschaftlichen Austausch zu sichern.

Die 15 Beiträge des Bandes sind in einen einleitenden Teil und drei thematische Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt finden sich vier Beiträge mit Untersuchungen zu Teilbereichen des beruflichen Selbstverständnisses angehender Lehrkräfte. Der zweite Abschnitt enthält fünf Beiträge, die sich Fragen von Professionalisierungsprozessen im Spannungsfeld zwischen individuellen Voraussetzungen und kontextuellen Bedingungen widmen. Im dritten Abschnitt finden sich drei Beiträge, die Konzepte zur professionellen Entwicklung thematisieren. Im Folgenden werden die einzelnen Abschnitte und deren Beiträge näher vorgestellt.

In den einleitenden Beiträgen führt zunächst Urban Fraefel in die Publikationsreihe und deren Bedeutung ein. Daran anschließend führen die Herausgeber_innen Julia Košinàr, Emanuel Schmid und Sabine Leineweber in die Zielsetzungen des Bands ein und stellen dessen Bedeutung für die Professionalisierungsforschung heraus. Daran anschließend geht Georg Hans Neuweg der Frage nach, welches Verhältnis von Theorie und Praxis für die Professionalisierung angehender Lehrkräfte zielführend sei und welche Rolle die „Praxis“ als Lerngelegenheit innerhalb der Lehrerbildung in ihrer Eigenlogik spielen könne.

Im ersten inhaltlichen Block finden sich Beiträge zum beruflichen Selbstverständnis angehender Lehrkräfte. Thomas Fischer, Andreas Bach und Kathrin Rheinländer stellen die Ergebnisse einer Studie zu Einstellungen Lehramtsstudierender zum Theorie-Praxis-Verhältnis vor. Die Befunde weisen darauf hin, dass im Praxissemester zwar Veränderungen eintreten, dass der Anspruch einer Theorie-Praxis-Verzahnung aber nicht realisiert wird. Johannes König, Martin Rothland, Sarantis Tachtsoglou, Stefan Klemenz und Jasmin Römer berichten Ergebnisse einer längsschnittlichen Ländervergleichsstudie, in der Veränderungen der Berufswahlmotivation Studierender im Laufe der ersten beiden Ausbildungsjahre unter Berücksichtigung unterschiedlicher Ausbildungsprogramme untersucht werden. Die Befunde zeigen, dass sich proximale Motive innerhalb der ersten Ausbildungsjahre verändern können. Positiv wirken sich hierauf Ausbildungsmodelle aus, die einen starken schulpraktischen Fokus haben. Janina Pawelzik, Maria Todorova, Miriam Leuchter und Kornelia Möller berichten Ergebnisse einer quantitativen Studie zu den Selbstwirksamkeitsüberzeugungen Studierender in Bezug auf naturwissenschaftlichen Unterricht in der Grundschule, die durch Praktikumsbetreuungen entsprechend weitergebildeter Lehrkräfte aufgebaut werden können. Benita Affolter, Lena Hollenstein, Christian Brühwiler und Horst Biedermann berichten Befunde zu den Veränderungen berufsbezogener Überzeugungen unter besonderer Berücksichtigung schwieriger Situationen wie z.B. Unterrichtsstörungen.

Im zweiten Block finden sich Beiträge, die sich Fragen von Professionalisierungsprozessen im Spannungsfeld zwischen individuellen Voraussetzungen und kontextuellen Bedingungen widmen. Sabine Weiß, Thomas Lerche und Ewald Kiel berichten Ergebnisse einer explorativen Studie, in der sie die Wahrnehmung des Referendariats im Zusammenhang mit der Gestaltung beruflicher Identität untersuchen. Der Beitrag bezieht sich auf die zweite Phase der Lehrerbildung und passt insofern nicht unmittelbar in den Aufbau des Bandes, der überwiegend die erste Phase thematisiert. Julia Košinàr, Emanuel Schmid und Nicole Diebold berichten Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Teilstudie, in der mittels einer Typenbildung die Bearbeitung von Anforderungen der Studierenden dargestellt wird. Manuela Keller-Schneider berichtet Befunde zur Wahrnehmung und Bewältigung der beruflichen Anforderungen Studierender in unterschiedlichen Praxisphasen. Aus den Befunden lässt sich ein stärkender Effekt einer sukzessiven Steigerung der Komplexität der Aufgaben ableiten. Stephan Otto geht der Bedeutung des Erstgesprächs zwischen Mentorierenden und Studierenden in den Schulpraktika nach. Anhand zweier kontrastierender Fälle werden unterschiedliche Arten eines Erstgesprächs dargestellt. Anke B. Liegmann, Kathrin Racherbäumer und Minh-Ly Do berichten erste Befunde zur Frage, inwieweit im Praxissemester Professionalisierungsprozesse im Umgang mit Heterogenität von Schülerinnen und Schülern angestoßen werden können. Anhand zweier kontrastiver Fallbeispiele zeigt sich, dass der Umgang mit Heterogenität in Praxisphasen in den Hintergrund zu treten scheint.

Im dritten Abschnitt finden sich drei Beiträge, die unterschiedliche Konzepte zur professionellen Entwicklung thematisieren. Regula von Felten zeigt anhand von Fallbeispielen, wie die Reflexion von Theorie und Praxis durch die Arbeit mit Video-Blogs unterstützt werden kann. Ein Beitrag über den Quereinstieg von Erzieherinnen erscheint in diesem Band zunächst nicht einschlägig, lässt sich jedoch durch die unterschiedlichen Strukturen der Bildungssysteme der einzelnen Länder erklären, da sich in der Schweiz die Professionalisierung angehender Erzieherinnen für die Vorschulstufe auch an den Pädagogischen Hochschulen vollzieht. Der Quereinstieg stellt thematisch eine Engführung dar angesichts der sonst breiten Grundanlage des Bandes. Sabine Schlag und Viola Hartung-Beck beschreiben in ihrem Beitrag die Förderung der Reflexionskompetenz Studierender während des Praxissemesters durch Lerntagebücher. Erste Analysen zeigen, dass die Reflexionen der Studierenden überwiegend bei beschreibenden Reflexionen bleiben. Sandro Biaggi, Kathrin Krammer und Isabelle Hugener beschreiben in ihrem Beitrag Erfahrungen und Befunde mit dem Einsatz von Lernjournalen und Unterrichtsvideos zur professionellen Unterrichtswahrnehmung.

Der Sammelband liefert insgesamt eine inhaltlich sowie methodisch breit und ausgewogen (qualitativ-empirische, quantitativ-empirische und konzeptionell orientierte Beiträge) angelegte Zusammenschau einzelner relevanter Bereiche der berufspraktischen Studien. In vielen Beiträgen wird die Reflexionsfähigkeit der Studierenden als zentrales Ziel und gleichzeitig die besondere Herausforderung der schulpraktischen Studien herausgehoben. Häufig berichten die Autor*innen über die Problematik der Theorie-Praxis-Verzahnung und stellen deren explizite Bedeutung heraus. Sie weisen einhellig darauf hin, dass die Verzahnung sich auch im Rahmen der schulpraktischen Studien nicht gleichsam von selbst vollziehe und es daher einer besonderen Begleitung der schulpraktischen Anteile bedürfe. Kritisch angemerkt werden kann die Auswahl der Beiträge im dritten Teil, die einseitig zugunsten des Instruments „Lerntagebuch“ ausfällt. Wünschenswert wäre hier eine breitere Anlage durch die Vorstellung unterschiedlicher Instrumente und Konzepte zur Begleitung der schulpraktischen Ausbildungskomponenten, um deren Potenziale für die schulpraktischen Studien aufzuzeigen und um eine größere Pluralität bei den Instrumenten der Begleitung der Schulpraxis zu gewinnen.

Insgesamt ist der Band gut strukturiert und informativ. Die einzelnen Forschungsberichte stellen den Forschungsstand zum jeweiligen Thema konzise dar und bieten einen guten Einblick in die Thematik. Da unterschiedliche Beiträge sich mit teilweise überschneidenden Themen beschäftigen, kommt es an einigen Stellen zu Redundanzen. Wünschenswert wäre ein explizierter Bezug zu den zu Beginn des Bandes vorgestellten Ansätzen zur Professionalität im Lehrerberuf, die hier als „roter Faden“ durch den Band hätten dienen können. Eine Zusammenschau der einzelnen Beiträge oder eine Rückführung auf die Theorien zur Professionalität bleibt auch am Ende des Bandes aus, sodass die einzelnen Beiträge abgesehen von ihrem inhaltlichen Bezug auf schulpraktische Studien weitgehend unverbunden nebeneinanderstehen. Gleichwohl gibt der Band einen detaillierten Einblick in die Bedeutung der schulpraktischen Studien sowie in deren Gehalt für die Professionalisierung angehender Lehrkräfte und kann damit als Anstoß zur weiteren empirischen und konzeptionellen Beschäftigung auch mit anderen Facetten der schulpraktischen Studien dienen.
Lina Feder (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Lina Feder: Rezension von: Košinàr, Julia / Leineweber, Sabine / Schmid, Emanuel (Hg.): Professionalisierungsprozesse angehender Lehrpersonen in den berufspraktischen Studien. Münster / New York: Waxmann 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383093477.html