EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Martin Wellenreuther
Forschungsbasierte Schulpädagogik
Anleitungen zur Nutzung empirischer Forschung für die Schulpraxis
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2009
(253 S.; ISBN 978-3-8340-0535-9; 19,80 EUR)
Forschungsbasierte Schulpädagogik Auf den ersten Blick irritiert die neue Publikation von Martin Wellenreuther. Vor allem, weil das Inhaltsverzeichnis in weiten Teilen vertraut erscheint. Warum dieser Eindruck entstehen kann, erklärt der Autor in seinem Vorwort selbst: Das Buch baut, so Wellenreuther, auf seiner 2004 erschienen Publikation „Lehren und Lernen – aber wie?“ auf [1]. Er führt aus, dass sein neues Buch „auf etwa der Hälfte der Seiten“ (IX) Texte bzw. Themen enthält, die auch im vorherigen schon zu lesen waren. Die Frage, was bei dieser Publikation – außer dem Titel – neu ist, gilt es daher vor allem zu klären. Ebenso aber auch, wie diese einzelnen Veränderungen vom Autor begründet werden. Wellenreuther selbst gibt an, dass sich der Akzent seines neuen Werkes „noch mehr auf die Anwendung experimenteller Forschung auf schulische Lernprozesse verlagert“ (ebd.) hat. Offensichtlicher für diejenigen, die „Lehren und Lernen – aber wie?“ kennen, ist aber zunächst eine andere Veränderung: Das Werk wurde radikal gekürzt und kommt nun mit lediglich 253 Seiten (gegenüber den vormals 518 Seiten) aus. Gezielte Textvergleiche zeigen, dass nicht einfach nur einzelne Passagen entfernt, sondern vor allem viele Wiederholungen entfallen sind. Diese textlichen Veränderungen führen dazu, dass – gemessen am Vorgänger – viele Inhalte noch verständlicher und übersichtlicher wurden.

Vollkommen gestrichen hat Wellenreuther das Kapitel 2 (Methodologische Probleme empirischer Unterrichtsforschung), das Kapitel 3 (Pädagogische Leitbilder und schulisches Lernen) und das Kapitel 9 (Handlungsorientierter Unterricht) des vorherigen Buches. Breiter behandelt er im neuen Buch stattdessen die „Prozesse der Aneignung neuen Wissens“ über das Arbeitsgedächtnis und die Verankerung im Langzeitgedächtnis. Ebenso erweitert wurde der Blick auf die Schulbuchforschung und das Kapitel zum Klassenmanagement.

Wie bereits in seinem älteren Werk beginnt Wellenreuther seine Betrachtungen über das Lehren und Lernen im ersten Kapitel mit Darstellungen zur TIMS-Studie, der internationalen Studie zu den Schulleistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften. Diese Ausführungen sind im Vergleich mit den anderen Kapiteln kurz gehalten. Sie beziehen sich fast ausschließlich auf die TIMS-Studie der 1990er Jahre. Dies verwundert, denn es liegen ohne Zweifel mittlerweile weitere Studien vor, die in dieser 2009 erschienenen Publikation hätten aufgeführt werden können.

Daran anschließend folgen zwei Kapitel, in denen grundlegende Ausführungen zum Lernen und Gedächtnis zu finden sind, z.B.: Wie wird neues Wissen angeeignet? Welche Bedeutung hat das Arbeitsgedächtnis beim schulischen Lernen? Wann ist Üben effektiv? Diese Kapitel zeigen die theoretischen Grundlagen, auf die in den weiteren Kapitel zurückgegriffen wird. Auf Grund dieser theoretischen Einordnung könnte das Buch auch weiterhin den Titel „Lehren und Lernen – aber wie?“ tragen, wie es das vorherige Werk tat. „Forschungsbasierte Schulpädagogik“ erscheint dagegen für die folgenden Kapitel etwas weit gefasst, da nur einige, wenn auch zentrale, Bereiche des Lehrens und Lernens behandelt werden.

Ab dem vierten Kapitel („Verständlich erklären“) geht Wellenreuther direkt auf die Schulpraxis, insbesondere das Lehren und Lernen ein. Eindrucksvoll ist hierbei beispielsweise die Gegenüberstellung von Mathematikschulbüchern aus „Ländern mit hoher und niedriger Kompetenz“ (99), wie die Ergebnisse in internationalen Studien umschrieben werden. Die farbig abgedruckten Schulbuchseiten zeigen anschaulich, wie unterschiedlich Aufgaben gestellt werden können. Dies zeigt auch, wie unterschiedlich Lernprozesse durch Schulbücher initiiert werden können. Viele Unterrichtsmaterialien werden nach wie vor nicht lernförderlich entwickelt, sondern bergen in sich bereits Schwierigkeiten für die Lernenden. Vor allem Studierende können mit Hilfe dieser Beispiele Anregungen für eigene Unterrichtsversuche erhalten.

Auch im fünften Kapitel („Klassenmanagement, Leistungsmessung und Motivierung“) zeigt Wellenreuther praxisnah auf, wie Lernprozesse verbessert werden können. Das „Frageverhalten des Lehrers“ wird hierbei ebenso in den Blick genommen wie „Techniken der Klassenführung“. Gut eingebunden in den erläuternden Text stehen hier einige „Checklisten“, die nicht nur für Berufsanfänger wertvoll sind. Wie die Übernahme einer ersten Klasse gut funktionieren kann oder wie Lernzeit effektiv vergrößert werden kann, wird hier kurz und übersichtlich erläutert.

Die „direkte Instruktion“ und die „Förderung durch Gruppen- und Tutorenarbeit“ werden im sechsten und siebten Kapitel thematisiert. Hierbei benennt Wellenreuther auch „offene Probleme der Gruppenarbeit“. Wer noch nicht weiß, was ein Gruppenpuzzle ist, erfährt es hier sehr praxisnah. Die Hinweise zur schulischen Anwendung werden in ihrem jeweiligen Forschungskontext vorgestellt, um ihre Wirksamkeit nicht nur zu postulieren, sondern zu belegen. Denn die jahrzehntelange Propagierung von Unterrichtsmethoden, ohne diese empirisch zu überprüfen, klagt der Autor immer wieder in seinen Ausführungen an.

Der Autor zeigt vor allem im 8. Kapitel auch eigene Sichtweisen auf das aktuelle Schulsystem bzw. dessen mögliche Veränderung („Das Bildungssystem reformieren – aber wie?“). Hierbei muten jedoch Sätze wie „Die deutsche Schulpädagogik hat sich seit der Dissertation von H. Aebli (1949) kaum noch weiterentwickelt“ (226) merkwürdig an, zumal somit pädagogische Vertreter, nicht nur die so genannte moderat-konstruktivistische Didaktik, die sich seit mehreren Jahren auf Jean Piaget bzw. dessen Schüler Hans Aebli beziehen, offensichtlich nicht einbezogen werden. Nach Wellenreuther ist vor allem zu beklagen, dass die „experimentelle Grundlagenforschung in der deutschen Pädagogik“ nach wie vor „ein Schattendasein“ fristet (227). Wer daran Schuld trägt, ist für Wellenreuther keine Frage: „Die Verwurzelung geisteswissenschaftlichen Denkens in der Schulpädagogik“ ist für ihn der Grund, warum es in Deutschland bislang nicht zu einer nachhaltigen Bildungsreform kam (235). Publikationen, die den „offenen Unterricht“ differenziert reflektieren, werden beispielsweise von Wellenreuther nicht zur Kenntnis genommen, obwohl er explizit diesen bzw. seine Vertreter kritisiert.

Ohne Zweifel, vor allem Straffungen in einigen Kapiteln, aber auch die textlichen Veränderungen machen das neue Werk lesbarer als seinen Vorgänger. Positiv anzumerken ist auch, dass es wiederum ein Personen- als auch ein Sachregister am Ende des Buches gibt. Ganz im Sinne einer sinnvollen Vermittlung beginnen zudem alle Kapitel mit einem Überblick, der das Wichtigste kurz zusammenfasst, und alle enden mit einer leicht verständlichen Zusammenfassung. Die Publikation fasst in den einzelnen Kapiteln insgesamt gut zusammen, was bislang mit Hilfe von empirischer Forschung zu einigen Bereichen insbesondere zum Lehren und Lernen erforscht wurde. Sie bietet daher eine gute Diskussionsgrundlage für Studierende und Lehrende über das, was „guten“ Unterricht kennzeichnet.

[1] vgl. die Besprechung des Buches in: EWR 3 (2004), Nr. 4 (http://www.klinkhardt.de/ewr/89676771.ht...)
Eva Gläser (Osnabrück)
Zur Zitierweise der Rezension:
Eva Gläser: Rezension von: Wellenreuther, Martin: Forschungsbasierte Schulpädagogik, Anleitungen zur Nutzung empirischer Forschung für die Schulpraxis. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383400535.html