EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Eva Borst
Theorie der Bildung
Eine Einführung
Baltmannsweiler: Schneider 2009
(212 S.; ISBN 978-3-8340-0540-3; 16,00 EUR)
Theorie der Bildung Wer Eva Borsts Werk „Theorie der Bildung. Eine Einführung“ zur Hand nimmt, könnte im ersten Moment der Befürchtung anheimfallen, es handle sich hierbei um ein weiteres Einführungswerk, derer es – so mag man meinen – doch bereits genügend gibt. Die im bildungstheoretischen Denken geschulte Leserin sollte doch bereits wissen, dass der Begriff der Bildung von den historischen Bedingungen beeinflusst ist, unter denen er entstanden ist. Zudem kann es nicht den Bildungsbegriff schlechthin geben, ein jeder ist Kind seiner Theorie, d.h. abhängig von jenen theoretischen Überlegungen, die seinen Urheber dazu veranlasst haben, Bildung so und doch nicht anders zu denken. Auch das weiß die Bildungstheoretikerin. Warum also soll ein Werk, das scheinbar bloß neu fokussierend ein so „abgearbeitetes“ Thema aufgreift, noch gelesen werden?

Eva Borst beginnt ihre Abhandlung über die Theorie der Bildung zunächst mit der Einführung und Erläuterung ihrer methodischen Herangehensweise an den Begriff der Bildung (Kap. 1). Es gelingt ihr zu verdeutlichen, weswegen sich in Zeiten von PISA und Co. eine Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Aspekt des Bildungsbegriffs nicht nur lohnt, sondern warum gerade diese Auseinandersetzung notwendig dafür ist, bildungspolitische wie bildungstheoretische Richtungsstreits der Gegenwart in ihrer Bedeutung und ihrer Auswirkung auf das pädagogische Handeln in den Blick nehmen zu können. Borst verdeutlicht, dass Vergangenes nicht notwendigerweise reaktionär sein muss, sondern dass sich in manch „moderner“ Überlegung zahlreiche konservative und reaktionäre Denküberlegungen verbergen (10). Mehr noch: Nicht alles Vergangene darf zwangsläufig als „überholt“ betrachtet werden. Die Autorin zeigt auf, dass jede aktuelle pädagogische Strömung im Lichte ihrer historischen Verortung zu sehen ist – dass also heute mehr denn je eine Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff und dessen Geschichte notwendig ist.

Wenn bedacht wird, dass die Autorin zudem die Kritische Theorie als Paradigma und Methode ihres Werkes erachtet, so ist die politische Bedeutung des Werkes nicht mehr von der Hand zu weisen. Im Original heißt es dazu: „Theorie ist nie unpolitisch. Auch wenn sie das behauptet, so ist in ihr eine politische Kraft dialektisch aufgehoben, die den eigenen Standpunkt zwar zuweilen verschleiert, ihn aber nicht zu tilgen vermag“ (107). Gerade die Tatsache, dass Eva Borst dies für ihre theoretischen Überlegungen deutlich herauszuarbeiten vermag, führt zur Anerkennung, dass diese „Einführung“ wohl nicht bloß Einführung in die Bildungstheorie ist, sondern darüber hinaus auch eine politische Bedeutung in sich birgt. Diese paradigmatische Verortung wird in den einzelnen Kapiteln des Werkes sichtbar, wenn Borst ihre Überlegungen einerseits auf das Verhältnis von Bildung und Geschlecht, andererseits auf das Verhältnis von politischer Ökonomie und Bildung fokussiert. Anhand dieser beiden Fokusse gelingt es Borst, den immanent widersprüchlichen Charakter von Bildung zu verdeutlichen [1].

In gewisser Weise kann „Theorie der Bildung“ als Einführungswerk verstanden werden, allerdings nicht ob der Tatsache, dass dieses Werk eben nur bestimmte Theorieströmungen aufgreift und andere aus Gründen der didaktischen Reduktion auslässt. Dies muss nicht notwendigerweise den Charakter eines Einführungswerkes ausmachen. Vielmehr ist jede wissenschaftliche Auseinandersetzung damit verbunden, dass der Autor einen Fokus setzt, gewisse Aspekte in den Blick nimmt und andere außen vor lässt. Insofern könnte man Borst vorwerfen, ihr expliziter Hinweis auf „Unvollständigkeit“ im Vorwort wäre möglicherweise wissenschaftliche Koketterie mit dem sokratischen scio me nescire (7). In dieser Rezension wird der Begriff „Einführung“ jedoch anders verstanden:

Dieses Werk ist insofern als Einführungswerk zu sehen, weil es der Autorin gelingt, methodisch wie theoretisch äußerst fundiert eine Hinführung an den Begriff der Bildung zu vollziehen, die gerade für StudienanfängerInnen beispielgebend sein kann.

Bereits im Inhaltsverzeichnis wird expliziert, von welchen Begrifflichkeiten „Bildung“ abgegrenzt wird und von welchen bildungstheoretischen Überlegungen sich die Autorin bewusst distanziert. Genau jene Explikation ist es letztendlich, die Borsts’ Lektüre wissenschaftlich legitimiert: es gelingt ihr nämlich, zu zeigen, wie sie in ihrer Arbeit vorgeht [2], welche Aspekte der Theorie sie daher in den Blick nimmt und welche sie – aufgrund dieser theoretischen Positionierung – nicht berücksichtigen kann. Damit wird verhindert, dass am Ende der Lektüre der Eindruck entsteht, gewisse Aspekte wären – aus bloßer Beliebigkeit bzw. mangelnder Sorgfalt – nicht berücksichtigt worden.

Vor dem Hintergrund dieser Abgrenzungen und Distanzierungen erarbeitet die Autorin in den Kapiteln III-IX historische Markierungen zum Bildungsbegriff, deren Auswahl zunächst altbekannt scheint. In einem ersten Schritt werden in Kapitel 3 sowohl die Bedeutung der griechischen Antike für den heute bestehenden Bildungsbegriff wie auch dessen Beeinflussung durch seine Verflechtung mit dem Christentum verdeutlicht (28ff). Was allerdings unter der modernen Bildungsidee verstanden wird, sei, so Borst, stark durch den Einfluss der Aufklärung geprägt (Kap. 4). Diese sei es letztendlich, die Bildung als Anspruch des einzelnen Menschen auf Mündigkeit verstanden habe. An dieser Stelle zeigt die Autorin Bezug zu dem eingangs von ihr gesetzten Fokus auf das Verhältnis von Bildung und Geschlecht. Sie verdeutlicht, dass jener Bildungsbegriff jedenfalls männlich konnotiert war, denn Frauen waren Männern auch zur Zeit der Aufklärung nicht gleichgestellt (43).

Innerhalb der Aufklärung stellt Borst nun zwei konträre Strömungen vor, die theoretisch jeweils unterschiedlich fundiert waren: einerseits die Strömung des Philanthropismus (47ff), auf der anderen Seite Wilhelm von Humboldt, dessen neuhumanistischer Bildungsgedanke bis heute in vielfach verzerrter Weise Gesellschaft und Bildungspolitik zu erregen vermag (56ff). Ohne nun näher auf die Bedeutung der einzelnen Strömungen eingehen zu wollen, zeigt sich bereits an der Auswahl der wissenschaftlichen Theorien, dass Borst in weiten Teilen der Auswahl Heinz-Joachim Heydorns folgt, der ebendiese Theorien in seinem zentralen Werk „Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft“ (2004) – ebenfalls bildungshistorisch argumentierend – heranzieht.

In Kapitel V, in dem Borst den Bildungsbegriff der geisteswissenschaftlichen Pädagogik in den Blick nimmt (91ff), zeigt sich, wie methodisch durchdacht das vorliegende Werk ist. „Theorie der Bildung“ ist – im Gegensatz zu manch anderem Einführungswerk – nicht bloß eine beliebige Aneinanderreihung verschiedener Theorieströmungen, die in ihrer jeweiligen Eigentümlichkeit kaum kontrastiert werden. Vielmehr zeichnet es sich durch seine dichte inhaltliche Verwobenheit aus. Die Autorin zeigt, inwiefern die einzelnen theoretischen Strömungen aufeinander aufbauen und inwieweit sie einander in Frage stellen und Überlegungen der anderen Strömung jeweils obsolet werden lassen. Weil die Autorin sich methodisch an der Kritischen Theorie ausrichtet, ist Kapitel 5 insofern ein Schlüsselkapitel, weil es zeigt, ob die Methode tatsächlich auch diejenige ist, für die sie eingangs ausgegeben wurde. Denn gerade die geisteswissenschaftliche Pädagogik ist es, die von Vertretern der Kritischen Theorie, bzw. von Kritischen Erziehungswissenschaftlern ob ihrer Undifferenziertheit gegenüber politischen Regimes angegriffen wird. Tatsächlich ist Borsts Kritik an der geisteswissenschaftlichen Pädagogik damit eine, die sie als Kritische Erziehungswissenschaftlerin kennzeichnet, weil sie deutlich macht, wo denn Schwachstellen dieser theoretischen Strömung liegen, die sie letztendlich zu einer willfährigen Tochter der nationalsozialistischen Ideologie werden lassen (106).

Als Kritische Erziehungswissenschaftlerin bietet Borst nun in Kapitel 6 (Kritische Theorie und Bildung), in Kapitel 7 (Kategoriale Bildung und kritisch-konstruktive Erziehungswissenschaft) sowie in Kapitel 8 (Kritische Bildungstheorie: Heinz-Joachim Heydorn) eine Antwort auf die vorangegangenen Kapitel, in denen sie theoretische Strömungen und deren blinde Flecken vorstellt. Auch an dieser Stelle soll hier wieder die Methode der Autorin fokussiert werden: So kann eine Kritische Bildungstheorie, wie sie von Heydorn vertreten wird, kaum inhaltlich nachvollzogen werden, wenn nicht zunächst das Konzept einer Kritischen Theorie, wie sie von Adorno und Horkheimer geprägt wurde, dargelegt wird. Borst zeigt auf, dass Kritische Theorie insofern nicht als Bildungstheorie im genuinen Verständnis gelesen werden darf, weil in dieser theoretischen Strömung versucht wird, nachzuzeichnen, wie sich der neuhumanistische Bildungsbegriff unter dem Einfluss einer kapitalistischen Gesellschaft gewandelt hat. War dessen letztes Ziel einst, den Menschen „zu sich selbst kommen zu lassen“ (111), so zeigen Adorno und Horkheimer auf, wie sehr dieser Begriff immer schon in gesellschaftliche und vor allem in politische Zusammenhänge verwoben war.

Wolfgang Klafkis Theorie der „Kategorialen Bildung“ wählt Borst, um an dieser Bildungstheorie, die übrigens gemeinsam mit der Theorie Heydorns eine der wenigen eigenständigen Bildungstheorien der Nachkriegszeit darstellt, zu zeigen, wie sehr diese Theorie immer noch einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik verhaftet ist (137ff). In gewisser Weise kann dieses Kapitel als retardierendes Moment gelesen werden, bevor sich die Autorin in einem abschließenden Kapitel jener Bildungstheorie widmet, die ihre gesamte Studie latent fundiert: der Theorie Heinz-Joachim Heydorns. Die theoretische Auseinandersetzung mit dessen Theorie mündet in Borsts Abschlusskapitel, das sich „Anerkennungstheoretische Grundlagen von Bildung“ nennt (183). Theoretisch begründet auf Heydorn entfaltet die Autorin eine Theorie der Anerkennung, die zu zeigen sucht, weswegen dieser Begriff in postmodernen Gesellschaften eine zentrale Bedeutung erhalten soll.

Eva Borst bietet mit „Theorie der Bildung. Eine Einführung“ auf der einen Seite einen methodisch wie theoretisch fundierten Überblick über die Entwicklung des Bildungsbegriffs, auf der anderen Seite zeigt sie anhand historischer Stationen auf, wie sich ein kritischer Bildungsbegriff, wie er in Heinz-Joachim Heydorns Theorie vertreten wird, aus den einzelnen bildungstheoretischen Überlegungen heraus fast zwangsläufig entwickeln musste. Somit ist dieses Werk Einführungswerk – und zugleich geht es weit darüber hinaus, weil es insbesondere dem in Kritischer Theorie geschulten Leser nochmals einen stringenten Überblick bietet, aus welchen theoretischen Strömungen heraus sich der Bildungsbegriff einer Kritischen Bildungstheorie entwickelt hat. Gleichzeitig aber kann es für weniger geschulte Leserinnen einen ersten Einstieg in die geschichtliche Entwicklung des Bildungsbegriffs bieten, der vor allem Angelpunkte der Entwicklung in den Blick nimmt.

Offen bleibt bei der Lektüre allerdings die Frage, weswegen Borst das Kapitel „Anerkennung und Bildung“ an den Schluss ihrer Ausführungen stellt. Vielmehr erschiene es konziser, das Werk mit dem Bildungsbegriff der Kritischen Erziehungswissenschaft enden zu lassen. So nämlich entsteht der Eindruck, als wäre zu guter Letzt noch etwas angefügt, was in den Hauptfokus des Buches nicht so recht passen will. Insgesamt wird die Autorin auch ihrem eigenen Bildungsanspruch gerecht, wenn sie schreibt: „Der Begriff einer kritischen Bildung umfasst mehr, denn Bildung soll die Individuen mit Hilfe eines historisch-gesellschaftlichen Wissens zur Urteilsfähigkeit führen und mit Handlungsfähigkeit ausstatten“ (198). Durch diese Lektüre kann die Vermittlung eines solchen Wissens für das Studium der Erziehungswissenschaften jedenfalls gewährleistet werden.

[1] Dem in Kritischer Theorie geschulten Leser verdeutlicht bereits diese Überlegung die theoretische Ausrichtung der vorliegenden Studie. Vgl. u. a. Heinz-Joachim Heydorn (2004): Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Büchse der Pandora.

[2] Somit wird Borst der genuinen Bedeutung von methodos (griechisch) gerecht, bedeutet dieser Begriff doch in seiner ursprünglichen Bedeutung Weg bzw. richtiger Weg.
Susanne Tschida (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Susanne Tschida: Rezension von: Borst, Eva: Theorie der Bildung, Eine Einführung. Baltmannsweiler: Schneider 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383400540.html