EWR 8 (2009), Nr. 4 (Juli/August)

Thomas Ködelpeter/Ulrich Nitschke (Hrsg.)
Jugendliche planen und gestalten Lebenswelten
Partizipation als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008
(262 S.; ISBN 978-3-8350-7016-5; 35,90 EUR)
Jugendliche planen und gestalten Lebenswelten Die politische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen erfreut sich in jüngster Zeit wieder verstärkter Aufmerksamkeit. Der vorliegende Sammelband macht die heterogenen Stimmungslagen sichtbar, die dafür ursächlich sind. Das Interesse stammt aus einer beachtlichen Zahl von größeren und kleineren Beteiligungsprojekten, die seit ein paar Jahren von öffentlichen Trägern, Stiftungen sowie Kinder- und Jugendverbänden durchgeführt wurden und immer neue Anregungen, Methoden und Standards hervorgebracht haben. So enthält der Band u. a. informative Beschreibungen und Analysen einer Partizipationskampagne des Bundes „Projekt P – misch Dich ein“ (Franziska Wächter/Claudia Zinser), über den Jugendwettbewerb in Marzahn-Hellersdorf im Rahmen des Stadtumbaus Ost (Ina Herbell), über lokale Aktionsprogramme und Planungsbeteiligungsverfahren in München (Marion Schäfer/Katja Tebbe), Hamburg (Rixa Gohde-Ahrens), Velbert (Renate Schieferstein) und in Österreich (Karin Standler).

Zudem wird das öffentliche Unbehagen an der insgesamt unzulänglichen Beteiligungskultur in Deutschland stärker. Auch zwei Jahrzehnte nach der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention scheint es trotz aller Berichtspflichten und Aktionspläne in der Bundesrepublik mit dem dritten „P“ („participation“, neben „provision“ und „protection“ die dritte Säule der Kinderrechte) nicht so recht voranzugehen. Die Debatten um ein Wahlrecht für junge Menschen sind bislang ebenso folgenlos geblieben, wie der Streit um eine Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. Auch wo es bereits entsprechende rechtliche Verpflichtungen gibt, wie z. B. im Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990/91 (§ 8 SGB VIII) oder im berühmten Paragraphen 47 f der Gemeindeordnung des Landes Schleswig-Holstein („Die Gemeinde muss bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen“), scheint das notorische Vollzugsdefizit auf. So wird geschätzt, dass sich 80 bis 90 Prozent der Kommunen in Schleswig-Holstein nicht um diese Pflichtaufgabe kümmern und wenn sie Kinder und Jugendliche beteiligen, dann oft zu spät und letztlich folgenlos, weil Entscheidungen bereits zuvor getroffen wurden, wie Michael Freitag in seiner Bilanz über zehn Jahre Beteiligungsverpflichtung feststellt. Keineswegs besser dürfte es um die obligatorische Beteiligung bei der Kinder- und Jugendhilfeplanung stehen. Jedenfalls sind wir in der Bundesrepublik noch meilenweit von einer Situation entfernt, in der die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an ihren Angelegenheiten zu einer selbstverständlichen, durch entsprechende Institutionen und Ressourcen garantierten Angelegenheit geworden ist.

In einer aktuellen Stellungnahme zur „Partizipation von Kindern und Jugendlichen – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ vom Juni 2009 konstatiert treffend das Bundesjugendkuratorium (vgl. BJK 2009), der Stand der Entwicklung sei „gekennzeichnet durch ‚Beteiligungsinseln’ und ‚gute Praxisbeispiele’, die sich mit ihren positiven Merkmalen und partiellen Erfolgen umso schärfer von der ‚grauen Wirklichkeit’ des Partizipationsgeschehens abheben. Die Mehrzahl der Ansätze und Verfahren zur Partizipation hat den Status von zeitlich begrenzten Projekten; es fehlt an struktureller Nachhaltigkeit“ (23) [1]. Vor allem die Regelinstitutionen (Kindertageseinrichtungen, Schulen etc.) seien kaum berührt.

Wer angesichts dieser Ausgangslage nicht an der eher wachsenden Kluft zwischen Hochglanz-Bekenntnissen und real existierender Beteiligung verzweifeln will, wird sich über jede Veröffentlichung freuen, die dazu beiträgt, die Argumente für mehr Kinder- und Jugendbeteiligung zu schärfen und ihre praktischen Möglichkeiten zu demonstrieren, um damit immer wieder erneut auf die provozierende Kluft zwischen der großen Partizipationsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen einerseits und den relativ geringen und wenig wirkungsvollen realen Beteiligungsangeboten andererseits aufmerksam zu machen.

Der von Thomas Ködelpeter und Ulrich Nitschke herausgegebene Sammelband „Jugendliche planen und gestalten Lebenswelten“ erfüllt diese Aufgabe auf anregende und besondere Weise. Im Zentrum des Bandes stehen vor allem die transnationalen Impulse für das deutsche Beteiligungsgeschehen. Ein erster Schub ist von der lokalen Agenda 21 des Rio-Umweltgipfels von 1992 ausgegangen, der auch in der Bundesrepublik zahlreiche kommunale Agenda-Prozesse ausgelöst hat. Von einer breiteren Öffentlichkeit oft unbemerkt, haben Initiativen von und mit Kindern und Jugendlichen einen bemerkenswerten Anteil an den lokalen Nachhaltigkeitsdebatten. In einer Evaluierung der kommunalen Agenda 21-Prozesse in Bayern im Jahr 2003 meldeten Verantwortliche vor Ort zudem verstärkten Bedarf an Projekten mit Kindern und Jugendlichen an, so Karolina Gernbauer. Mit der UN Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ (2005-2014) und anderen transnationalen „Good Governance“-Initiativen haben solche Impulse, Kinder und Jugendliche auch praktisch an lokalen Prozessen in Richtung nachhaltige Entwicklung zu beteiligen, eine deutliche Stärkung erfahren.

Aus diesen Programmen stammen einige der im Band vorgestellten Beteiligungsprojekte zur Stadt- und Regionalentwicklung, die teilweise grenzüberschreitenden Charakter (etwa in der Bodenseeregion – Manfred Walser) aufweisen. Am eindrucksvollsten dürften jedoch die Initiativen sein, die durch die Praxis kommunaler Beteiligungshaushalte in Brasilien ausgelöst wurden. Was in Porto Alegre 1989 begann und danach auch in anderen Städten des Bundeslandes Rio Grande do Sul umgesetzt wurde, ist zu einem erfolgreichen Exportprodukt Brasiliens geworden. In Europa bedienen sich mehrere Hundert und in der Bundesrepublik mehr als 30 Kommunen der dort initiierten kommunalen Beteiligungshaushalte. Dass diese Bürgerhaushalte pädagogisch reflektiert auch Kinder und Jugendliche als Akteure einbezogen haben, ist von den Nachahmern des Nordens nur selten beachtet worden (vgl. Streck 2006) [2]. Die Beiträge von Danilo Streck und Sergio Herbert vermitteln einen Eindruck von der pädagogischen Sorgfalt, mit der „beteiligungsferne“ Schichten, aber auch Kinder und Jugendliche – meist über ihre Schulen – über die Budgetplanung in die Gestaltung ihres Gemeinwesens einbezogen wurden.

Die Vorstellung, dass in einer Stadt ein erheblicher Teil des Haushalts von Kinder- und Jugendvertretungen verwaltet und gestaltet werden könnte, mag bei Kämmerern und Kommunalvertretungen in Deutschland ungläubiges Erstaunen auslösen, im brasilianischen Barra Mansa hat man dies gewagt (vgl. Barceló 2005) [3]. Der Kontrast zum Probesitzen auf Stadtratsbänken, auf das Partizipation von Kindern und Jugendlichen hierzulande oft symbolisch ausgedünnt wird, könnte nicht größer sein. Ist doch bereits die Vorstellung ein Graus, dass erwachsene Bürgerinnen und Bürger in das Allerheiligste repräsentativen Politikverständnisses eingreifen könnten: die Haushaltsplanung. Immerhin enthält der Sammelband Berichte von Versuchen in diese Richtung, wie im Bürgerhaushalt des Berliner Bezirks Marzahn-Hellersdorf und im Quartiersbudget in Bremen-Tenever.

Die präsentierten brasilianischen Erfahrungen, aber auch die deutschen Versuche, Stadtentwicklung durch Kinder und Jugendliche voranzubringen, stimmen an einem wichtigen Punkt überein. Es kommt nicht nur darauf an, Kinder und Jugendliche mit entsprechenden Rechten, Ressourcen und Freiräumen auszustatten, um nachhaltige Beteiligung zu ermöglichen. Mindestens genauso bedeutsam sind die Verfahren, Methoden und „Kulturen des Lernens“, auf die sich die Beteiligungsinitiativen stützen können. Dazu braucht es engagierte und kompetente Moderatorinnen und Moderatoren, die helfen, die vielfältigen Hindernisse zu überwinden, vor denen anspruchsvolle Beteiligungsprozesse auch heute stehen. Nicht zuletzt an solchen Menschen, die in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Kommunen als „Ermöglicher“ und „Kümmerer“ unterwegs sind und sich dem Ziel gelingender Beteiligung verpflichtet wissen, scheint es heute noch weitgehend zu fehlen. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn in einem abschließenden Beitrag von Martin Baumgartner-Heppner, Bernward Benedikt Jansen, Martina Leidinger und Berit Nissen auf die Ausbildung von ProzessmoderatorInnen für Kinder- und Jugendbeteiligungsprojekte eingegangen wird.

Der vorliegende Band hat seine Stärken in der Horizonterweiterung in Richtung transnationale Entwicklungen. Der analytische Tiefgang der Beiträge ist sehr unterschiedlich. Die Formate reichen von anregenden Praxisberichten bis zu anspruchsvollen Evaluationsergebnissen. Da der Sammelband weder für die internationale noch für die nationale Ebene eine systematische Übersicht zu geben versucht, überwiegt das Anregungspotential. Schade ist, dass dem sehr lebendigen transnationalen Prozess in Sachen Kinderrechte und Kinderpolitik, der durch die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vor zwanzig Jahren ausgelöst wurde, kein eigener Schwerpunkt gewidmet wurde.

[1] Bundesjugendkuratorium (2009): Partizipation von Kindern und Jugendlichen – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums. München
[2] Streck, Danilo R. (2006): Erziehung für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Oberhausen
[3] Barceló, Marta (2005): “Reality Check on Children’s Participation in the Governance of Barra Mansa, Brazil”, in: Children, Youth and Environments Jg. 15, Heft 2, S. 169-184
Roland Roth (Magdeburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Roland Roth: Rezension von: Ködelpeter, Thomas / Nitschke, Ulrich (Hg.): Jugendliche planen und gestalten Lebenswelten, Partizipation als Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 4 (Veröffentlicht am 31.07.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383507016.html