EWR 9 (2010), Nr. 5 (September/Oktober)

Markus Dederich / Heinrich Greving / Christian Mürner / Peter Rödler (Hrsg.)
Heilpädagogik als Kulturwissenschaft
Menschen zwischen Medizin und Ökonomie
Gießen: Psychosozial-Verlag 2009
(282 S.; ISBN 978-3-8379-2054-3; 29,90 EUR)
Heilpädagogik als Kulturwissenschaft Nach den − ebenfalls im Psychosozial-Verlag erschienenen Sammelbänden über „Heilpädagogik als Kulturthema” [1] und „Heilpädagogik als Kulturtechnik” [2] legen dieselben Herausgeber einen dritten Band vor − mit Aufsätzen zur „Heilpädagogik als Kulturwissenschaft”.Die insgesamt siebzehn Beiträge stammen wiederum von den Herausgebern sowie von weiteren Vertreterinnen und Vertretern des Faches, wobei fünfzehn Autoren lediglich zwei Autorinnen gegenüber stehen. Die Aufsätze werden den drei Themenkreisen „Ökonomisierung” (5), „Medizinisierung” (ebd.) sowie „Heilpädagogik als Kulturwissenschaft” (ebd.) zugeordnet; im Folgenden gehe ich auf drei ausgewählte Beiträge des dritten Teils ein, weil sich hier nach meinem Dafürhalten die kulturwissenschaftlichen Perspektiven am deutlichsten artikulieren, bevor ich den Band abschliessend im Kontext der erwähnten Trilogie positioniere.

Von besonderem Interesse ist nach meinem Dafürhalten zunächst Andreas Möckels „Historischer Rückblick” (188ff), welcher die Entwicklungslinien der „Heilpädagogik im Dienste von Medizin und Ökonomie” (ebd.) untersucht: Ausgehend von der Frage nach den Relationen zwischen den genannten Disziplinen setzt sich der Beitrag mit den ersten Einrichtungen für gehörlose und für blinde Kinder im 18. Jahrhundert auseinander und stellt Bezüge sowohl zur Armenhilfe bzw. zur Ökonomie wie auch zur Heilkunde bzw. Medizin her, geht auf die Auswirkungen der Rassenideologie des Nationalsozialismus ein und reklamiert eine (Heil)Pädagogik, welche „Erziehung und Bildung behinderter Kinder” (201) als „ethisches und wissenschaftliches Problem” (ebd.) versteht und sich in Praxisfeldern wie in Theoriebezügen der Zusammenarbeit mit Medizin, Ökonomie, Politik und weiteren Disziplinen stellt und gewachsen zeigt.

Jan Weissers Beitrag über „Grenzen und Entgrenzungen in der Sonderpädagogik − neue Strategien der Wissensbildung” schlägt im Weiteren mit Blick auf aktuelle Literatur zur Sonderpädagogik einen „Musterwechsel von der Reflexion erster auf die Reflexion zweiter Ordnung” vor, welcher an einem Beispiel empirischer Wissensforschung erläutert und erörtert wird: Anhand der Themen von Beiträgen, welche von 1990 bis 2003 in vierzehn deutschsprachigen sonderpädagogischen Zeitschriften erschienen sind, wird das Verhältnis von Wissen und Fach untersucht und die Idee einer „Transdisziplinären Problemmodellierung” (259) formuliert, welche ihrerseits in eine „Praxeologische Heuristik” (262) mündet, in der „gruppale Prozesse und Erkenntniskritik und -gewinn ” (ebd.) im Hinblick auf transdisziplinäre Problemlösungen miteinander interagieren.

Schliesslich gehören für mich auch Christian Mürners Ausführungen zum „kulturwissenschaftlichen Stellenwert von erzählenden Textteilen” (239ff) in Gestalt so genannter Fallgeschichten unter dem Titel „Narrative Heilpädagogik”(ebd.) zu den besonders aufschlussreichen und wegweisenden Beiträgen des Sammelbandes: Obwohl auch hier Texte aus der Heil- und Sonderpädagogik den Forschungsgegenstand konstituieren, geht es im Aufsatz von Christian Mürner nicht um innovative Strategien der Wissensbildung, sondern vielmehr um traditionelle Formen der Wissensvermittlung: Am Beispiel ausgewählter „Fallstudien aus Hauptwerken der Heilpädagogik”(ebd.) von Heinrich Hanselmann, Paul Moor u.a. werden deren vermittelnde Leistung zwischen Theorie und Praxis, individueller Erfahrung und generellen Erkenntnis „rekonstruiert, referiert und interpretiert” (ebd.). Auch hier geht es also um Reflexionen unterschiedlicher Ordnung − mit vielfältigen Bezügen und faszinierenden Perspektiven.

Soweit meine Überlegungen zu drei ausgewählten Beiträgen des Buches. Als Ganzes gesehen ist der Sammelband zweifellos gehalt- und damit auch anspruchsvoll, denn die Beiträge erörtern medizinische und ökonomische Aspekte heilpädagogischen Denkens und Handelns mehrperspektivisch, aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit wechselnden Bezügen zu Praxisfeldern wie zu Referenztheorien aus Philosophie, Soziologie und weiteren Disziplinen; Leserinnen und Leser werden denn auch vor allem jene Beiträge aufsuchen und daraus wiederum in erster Linie jene Abschnitte lesen, welche sich mit ihren aktuellen Fragen und eigenen Interessen verbinden lassen.

Abschliessend werfe ich nochmals einen Blick auf die Trilogie der Heilpädagogik als „Kulturwissenschaft” (Dederich u.a. 2009), als „Kulturtechnik” (Dederich u.a. 2006) und als „Kulturthema” (Greving u.a. 2004): Jeder der drei Bände beinhaltet zwischen zwölf und siebzehn Beiträge; dies ergibt insgesamt vierundvierzig Aufsätze. Während die Zahl der Beiträge pro Band variiert, ist die Struktur der drei Bände identisch: Der jeweils dritte von drei Teilen fokussiert das Thema des Bandes, während die beiden voran gehenden daraufhin orientiert sind. So wird „Heilpädagogik als Kulturthema” (Greving u.a. 2004) ausgehend vom „Wandel der Zeichen” (5) über „Gesten im Blickpunkt” (ebd.) anvisiert, während Beiträge über „Entwicklungslinien” (Dederich u.a. 2006, 5) und „Handlungsfelder” (ebd.) zur Auseinandersetzung mit „Heilpädagogik als Kulturtechnik” (ebd.) führen.

Zusammen mit dem vorliegenden dritten Band, der wiederum drei Teile umfasst und „Heilpädagogik als Kulturwissenschaft” über „Ökonomisierung” und „Medizinisierung” ansteuert, ergibt sich zwar nicht ein Handbuch in drei Bänden, aber doch ein kohärentes Ganzes: Mit den je eigenständigen und zugleich thematisch, strukturell und formal miteinander verknüpften Aufsatzsammlungen haben die Herausgeber einen Weg gewählt, der perspektivisch fokussiert ist und zugleich offen bleibt − in verschiedene Diskurskontexte und Denkrichtungen!

[1] Heinrich Greving / Christian Mürner / Peter Rödler (Hrsg.) (2004): Zeichen und Gesten. Heilpädagogik als Kulturthema. Gießen: Psychosozial-Verlag.

[2] Markus Dederich / Heinrich Greving / Christian Mürner / Rödler, Peter (Hrsg.) (2006): Inklusion statt Integration. Heilpädagogik als Kulturtechnik. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Johannes Gruntz-Stoll (Basel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Johannes Gruntz-Stoll: Rezension von: Dederich, Markus / Greving, Heinrich / Mürner, Christian / Rödler, Peter (Hg.): Heilpädagogik als Kulturwissenschaft, Menschen zwischen Medizin und Ökonomie. Gießen: Psychosozial-Verlag 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 5 (Veröffentlicht am 13.10.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978383792054.html