EWR 12 (2013), Nr. 2 (März/April)

Rita Braches-Chyrek
Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon
Professionalisierung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit
Opladen: Barbara Budrich 2013
(340 S.; ISBN 978-3-8474-0015-8; 36,00 EUR)
Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon Die Autorin knüpft mit dem vorgelegten Werk an die aktuell verstärkt geführte Debatte um den disziplinären und professionellen Stellenwert der Sozialen Arbeit an. Mit Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon beleuchtet sie drei der bedeutendsten Pionierinnen im Professionalisierungs- und Disziplinbildungsprojekt der Sozialen Arbeit und eröffnet damit aus drei Gründen ein vielversprechendes Forschungsfeld: Erstens geraten auf diese Weise ganz verschiedene, mitunter auch konkurrierende, aber dennoch sich verschränkende Traditionen der sozialen Arbeit in den Blick, die – jede auf ihre Weise – einen umfassenden Beitrag zur Entfaltung der Sozialen Arbeit als Praxis und als Wissenschaft geleistet haben. Zweitens wird deutlich, wie wichtig es ist, den transatlantischen Austausch innerhalb der Sozialen Arbeit zu beleuchten, um ein Verständnis für ihre spezifische Ausprägung in Deutschland entwickeln zu können. Und drittens wird unterstrichen‚ dass ‚Geschlecht‘ als Analysekategorie eingesetzt werden muss, um die Wissenschafts- und Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit angemessen rekonstruieren zu können.

Braches-Chyrek entwickelt ein anspruchsvolles Forschungsprogramm. Ihr geht es nicht nur darum, die jeweiligen Beiträge der drei Pionierinnen zur Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit aufzuarbeiten. Darüber hinaus will sie die sozialpolitischen Ideen rekonstruieren, mit denen sie die Arbeiten von Addams, Richmond und Salomon eng verbunden sieht, ihre Werke in die jeweiligen historischen Kontexte einbetten, ihren fachpolitischen Austausch nachweisen und die Konsequenzen ihrer Leistungen für das aktuelle Selbstverständnis Sozialer Arbeit betrachten (10f). Dabei lässt sie sich von den theoretischen Konzeptionen Bourdieus leiten, die ihr dazu dienen, die Beiträge einerseits als Entwicklung von innovativen Wahrnehmungs- und Denkschemata zu interpretieren, welche einen Zugang zu fremden Sinnwelten erlauben, und andererseits danach zu fragen, wie sich die Frauen im Rahmen Sozialer Arbeit wichtige Positionen im sozialen Raum erschließen und Deutungskompetenz für Fragen mit öffentlicher Relevanz erlangen (18f).

Anschließend erläutert Braches-Chyrek den Forschungsstand und beschäftigt sich eingehend mit den Veröffentlichungen zu den drei Pionierinnen. Dabei erstaunt, dass die Autorin für den deutschsprachigen Raum eine bislang unzureichende Auseinandersetzung mit den von ihr bearbeiteten Traditionslinien der Sozialen Arbeit konstatiert (20), aber Arbeiten unerwähnt lässt, die wichtige Anschlussstellen für ihre eigene Argumentation eröffnen – wie etwa von Fritz Schütze und Gerhard Riemann zu Mary Richmond und ihrem Entwurf des Case Work [1], von Ingrid Miethe zu Jane Addams und den Hull House Maps and Papers [2] und von Walburga Hoff zu Alice Salomon und den Familienforschungen der Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit [3].

Forschungsmethodisch folgt die Autorin dem texthermeneutischen Analyseverfahren und begründet ihr Vorgehen mit der Zielstellung, eine umfassende Interpretation der gegebenen Entwürfe in ihrem historischen Kontext und vor dem soziokulturellen Hintergrund ihrer Verfasserinnen zu leisten, um so nicht zuletzt die beabsichtigte Wirkung mit den tatsächlichen Einflüssen auf die Entwicklung Sozialer Arbeit kontrastieren zu können (33). Dieser Anspruch erscheint – auch im Hinblick auf die große Menge der in die Analyse einbezogenen Quellen (31) – fast nicht einlösbar.

Entsprechend ihrer Forschungsfrage skizziert Braches-Chyrek in den Kapiteln 3 bis 5 zunächst den Kontext ihrer Untersuchung und beleuchtet dabei eingehend die wechselnden Problemstellungen der Sozialen Arbeit in Deutschland anhand der Entwicklung des Armutsbegriffs (Kapitel 3). Außerdem rekonstruiert sie die Entstehung und die Bedingungen spezifischer moderner Krisenlagen und die Reaktionen der verschiedenen sozialreformerischen Bewegungen, besonders der Frauenbewegung, in Deutschland (Kapitel 4), und die Entwicklung der Fürsorge mit dem Fokus auf deren Reformierung durch soziale Bewegungen in den USA (Kapitel 5).

In den Kapiteln 6 bis 8 widmet sich die Autorin der Werkanalyse von Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon. Wie angekündigt bettet sie deren Konzepte in die wirtschaftlichen und politischen Kontexte, die zeitgenössischen Entwicklungsphasen der Sozialen Arbeit und die biografischen Hintergründe der drei Frauen ein. So entsteht ein umfassendes und prozessual angelegtes Bild der Sozialen Arbeit und ihrer wissenschaftlichen und praktischen Entwicklungen. An dieser Anlage ist besonders hervorzuheben, dass die biografischen Motivationen der AkteurInnen als Triebfeder gleichwertig neben andere Beweggründe, wie etwa bürgerlich-sozialreformerische Motive der jeweiligen Reformbewegungen, gestellt werden. Auffällig ist allerdings, dass die Verfasserin besonders die politischen Dimensionen und Einflüsse der Ansätze der drei Protagonistinnen fokussiert. Dem geschuldet ist ein verengter Blick auf die Tragweite der Ansätze für die Professions- und Disziplinentwicklung, da immer wieder die Bedeutung für sozialpolitische Maßnahmen, demokratische Bildungsverständnisse und die Ideen zu sozialer Ethik in den Vordergrund gerückt werden. Eine umfassende Analyse der Beiträge zur Wissens- und Methodenentwicklung und zum professionellen und disziplinären Selbstverständnis der sozialen Arbeit, die der Titel des Werkes erwarten lässt, wird dagegen vernachlässigt.

In Kapitel 9 betont die Autorin die Bedeutung von Geschlecht für die spezifische Ausformung von Sozialer Arbeit. Sie zeigt, inwiefern die soziale Praxis an die Kulturkritik der deutschen Frauenbewegung anknüpft, in welchen Organisationsformen sie stattfindet und inwiefern sie mit dem allgemeinen Ziel, den Frauen gesellschaftliche Partizipation zu ermöglichen, verbunden ist. Das letzte Kapitel dient der Zusammenfassung und dem Vergleich der drei verschiedenen Ansätze.

Obwohl Braches-Chyrek mit der vorgelegten Arbeit zeigen kann, dass die frühen Konzeptionen von Addams, Richmond und Salomon die Soziale Arbeit entscheidende Schritte auf dem Weg der Berufsentwicklung vorangebracht haben (z.B. indem Ausbildungsprogramme entworfen und Forschungsprojekte initiiert wurden), lässt sie einen entscheidenden Schritt, nämlich die systematische Auseinandersetzung mit den Begriffen ‚Profession‘ und ‚Disziplin‘, aus. Das verwundert, da es sich geradezu anbietet, die Forschungsarbeit an die professionssoziologischen Debatten, die mittlerweile auch in der Sozialen Arbeit rege geführt werden, anzubinden. Die hier verwendete Fassung des Professionsbegriffes meint wohl eher ‚professionspolitisch‘, da er sich auf die Effekte der Berufsentwicklung und auf die Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Relevanz bezieht. Bei der Auseinandersetzung mit dem Disziplinbegriff erfolgt eine ähnliche Einschränkung, indem die Bedeutung der empirischen Forschungen auf die mit ihnen verbundenen sozialpolitischen Forderungen reduziert wird, während wissenschaftliche Innovationen weitgehend ausgeblendet bleiben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Band durchgängig von orthographischen Fehlern durchzogen ist, was die Lesbarkeit des Textes deutlich erschwert. Davon sind leider auch die bibliographischen Angaben erheblich betroffen.

[1] Vgl. Riemann, G. / Schütze, F.: Die soziologische Komplexität der Fallanalyse von Mary Richmond. In: Bromberg, K. / Hoff, W. / Miethe, I. (Hrsg.): Forschungstraditionen der Sozialen Arbeit. Opladen: Budrich 2012, 131-202.
[2] Vgl. Miethe, I.: Forschung in und um Hull House als Beispiel einer frühen Sozialarbeitsforschung. In: Bromberg, K. / Hoff, W. / Miethe, I. (Hrsg.): Forschungstraditionen der Sozialen Arbeit. Opladen: Budrich 2012, 113-130.
[3] Vgl. Hoff, W.: Verstehende Zugänge zum ‚Familienleben in der Gegenwart‘. In: Dollinger, B. / Schabdach, M. (Hrsg.): Zugänge zur Geschichte der Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Siegen: Universitäts-Verlag 2011, 69-88.
Dayana Lau (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Dayana Lau: Rezension von: Braches-Chyrek, Rita: Jane Addams, Mary Richmond und Alice Salomon, Professionalisierung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit. Opladen: Barbara Budrich 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.04.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978384740015.html