EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

Ulrike Stadler-Altmann (Hrsg.)
Genderkompetenz in pädagogischer Interaktion
Opladen: Verlag Barbara Budrich 2013
(193 S.; ISBN 978-3-8474-0026-4; 22,90 EUR)
Genderkompetenz in pädagogischer Interaktion Am 28. Februar 2012 fand die (erste) Tagung zum Thema „Genderkompetenz in pädagogischer Interaktion. Lehren und Lernen 'trotz' Geschlecht“ an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen statt [1]. Entstanden ist der vorliegende Tagungsband, der die referierten und in den Workshops diskutierten Konzepte von Theoretikerinnen wie Praktikerinnen sammelt und vorstellt.

Anhand aktueller Forschungen werden die zugrundeliegenden Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und der Geschlechterdifferenzierung in Schule und Unterricht nachgezeichnet und Anregungen und konkrete Umsetzungsideen für die schulische Praxis angeboten. Im Mittelpunkt der Beiträge steht die Frage, wie Unterricht Mädchen und Jungen gleichermaßen gerecht werden kann? Der Tagungsband zeigt, welche Rolle die Genderkompetenz von Lehrkräften im schulischen Alltag spielt und wie gewinnbringend sie für den Unterricht sein kann. Für eine wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungen werden einige Eckpunkte eines genderkompetenten Lehrens und Lernens verdeutlicht, wobei die Genderkompetenz als Schlüsselkompetenz im schulischen Alltag fokussiert wird.

Der Band umfasst neun Aufsätze von neun Autorinnen und einem Autor und ist in zwei Hauptabschnitte gegliedert: Im ersten Teil befinden sich die Beiträge der beiden Keynote-Speakerinnen der Tagung und es wird die „Genderkompetenz im erziehungswissenschaftlichen Diskurs “ erörtert; im zweiten Abschnitt geht es um „Ideen für und aus Schule und Unterricht“. Abgerundet wird die Sammlung mit einem „Ausblick“.

Die Beiträge des ersten Abschnitts gehen von Fragestellungen zur Genderkompetenz im erziehungswissenschaftlichen Diskurs aus. Hannelore Faulstich-Wieland zeigt in ihrem Beitrag „Geschlechterdifferenzen als Produkt geschlechterdifferenzierenden Unterrichts“ auf, welche Paradoxien einer Geschlechtertrennung (Mechanismen) zur Manifestierung und Weitergabe von Geschlechterdifferenzen und -stereotypen in der Schule führen und wie Genderkompetenz bei Lehrkräften Lehr- und Lernprozesse qualitativ verbessern kann.

Marianne Horstkemper geht im Kontext der Professionalisierung der Frage nach, wie sich Genderkompetenz im Lehrerberuf erwerben und ausbauen lässt. Sie beschreibt hierfür die Schule als geeigneten Ort der Lerngelegenheiten.

Ulrike Stadler-Altmann und Sebastian Schein ergänzen diesen Abschnitt mit dem Beitrag „Genderkompetenz als Thema in der Lehreraus- und -weiterbildung“. In einer explorativen Studie wurden Seminarangebote der drei unterschiedlichen Ausbildungsphasen (Studium, Vorbereitungsdienst, Weiterbildung [2]) in Bezug auf die Vermittlung von Genderkompetenz evaluiert [3]. Die Analysen zeigen, dass Genderkompetenz ein Thema in der Lehrkräfte-Ausbildung darstellt, dass bisher zwar vereinzelte Angebote existieren, jedoch überwiegend kein systematischer Zugang ermöglicht wird und dass im Prinzip eine strukturelle Verankerung der Genderthematik fehlt.

Im zweiten Abschnitt „Ideen für und aus Schule und Unterricht“ werden Anregungen für den Schulalltag angeboten. Warum sollten Lehrkräfte mit dem Thema und dem Begriff Gender in der Schule arbeiten? Und: „Wie bringt man Gender in den Unterricht ohne die Schülerinnen und Schüler anzuöden?“. Diesen Fragen nähern sich Andrea Abele-Brehm und Ulrike Stadler-Altmann aus psychologischer und erziehungswissenschaftlicher Perspektive. Den Autorinnen nach liegt die Relevanz des Themas – also die Frage des „Warum sollte“ – in der Chance, Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe einen souveräneren Umgang mit der Geschlechterrolle zu ermöglichen und sie so in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Das „Wie“ wird in der Darstellung eines Vorgehens beantwortet, dass fächerunabhängig das Genderthema bearbeitet, indem die Begrifflichkeit geklärt, gesellschaftliche Implikationen erläutert, Interesse an der Geschlechterfrage geweckt und der Begriff Geschlecht infrage gestellt und diskutiert werden.

Im Beitrag „Gendersensible Berufsorientierung“ thematisiert Katharina Iseler wie alltägliche Denkmuster im Rahmen der Berufswahlorientierung in der Schule durchbrochen werden können. Ausgangspunkt ist die Darstellung des geschlechtersegregierten Arbeitsmarktes in Deutschland. Theoretische Überlegungen zu der Begrifflichkeit „gendersensibel“ folgen und die Notwendigkeiten und Anforderungen an eine gendersensible Berufsorientierung und deren Aufgaben werden ausformuliert. Den Ausführungen schließt sich eine Materialsammlung mit Methodenbeispielen des österreichischen Projekts „mut!- Mädchen und Technik“ an.

Angela Ittel und Rebecca Lazarides stellen das Berliner Schulprojekt „GeMiS - Gender, Migration und Schule: Möglichkeiten schülerorientierter Unterrichtsgestaltung“ vor. Auf der Basis der in diesem Projekt durchgeführten Studie zu Schülerinteressen im MINT Bereich werden die Bedeutung gendersensibler Unterrichtsgestaltung für die Motivations- und Interessensförderung Lernender dargestellt. Darauf aufbauend folgt die Skizzierung des sich anschließenden Lehrerfortbildungsangebots zur Kompetenzförderung im Umgang mit differenten Schülervoraussetzungen. Die von den Autorinnen vorgestellten Ergebnisse weisen auf das hohe Bedürfnis einer fächerübergreifenden Thematisierung einzelner Aspekte einer gender- und kultursensiblen Unterrichtsführung hin sowie auf den Wunsch der Lehrenden nach einer stärkeren persönlichen Vernetzung auf Schulebene.

Ein weiterer Beitrag der Herausgeberin mit dem Titel „Jungenkrise und Jungenförderung in der Schule“ befasst sich mit der aktuellen Diskussion um Prinzipien, Wege und Ziele der Jungenförderung. Erklärungsansätze für die Symptome der Jungenkrise werden aus dem erziehungswissenschaftlichen Kontext vorgestellt und um entsprechende Förderstrategien ergänzt und durch Forschungsergebnisse verdeutlicht. Am Schluss des Beitrags werden jungenfördernde Maßnahmen (aus dem Kontext der Jungenarbeit) vorgestellt, die den Bereich des Schullebens, des Unterrichts und des schulischen Umfelds berücksichtigen und laut Autorin nicht nur Jungen fördern, sondern Mädchen gleichermaßen.

Die Praxisbeispiele werden durch einen Erfahrungsbericht abgerundet: Kerstin Jonczyk-Buch beschreibt ein als Jungenfördermaßnahme initiiertes MINT-Projekt der Veit-Stoß-Realschule Nürnberg. Die zeitweilige homogene Trennung in den Fächern Physik und Chemie erzielt nicht nur bei Jungen der 8. und 9. Klasse positive Effekte. Die Mädchen der Versuchsklassen zeigen deutlich bessere Leistungen als die Mädchen der Vergleichsklassen, trauen sich mehr zu und sind wie die Jungen zufrieden mit der Geschlechtertrennung. Lehrkräfte nehmen bessere Lern- und Leistungsbedingungen und geringere Disziplinprobleme wahr. Abschließend merkt die Autorin kritisch eine Überprüfung dieser Effekte an, da sie ggf. Resultat der kleineren Unterrichtsgruppen sein könnten.

Der Schlussbeitrag des Sammelbandes fokussiert „Geschlechterverhältnisse in der Erziehungswissenschaft“. Anna Gstöttner vergleicht den sinkenden Frauenanteil im Studium der Erziehungswissenschaften und unter den Professuren in Deutschland mit Norwegen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Norwegen als ein Vorreiterland in Gleichstellungsfragen und -maßnahmen ebenso wie Deutschland von einem stark abnehmenden Frauenanteil in den Führungspositionen in der Wissenschaft betroffen ist.

Der Sammelband „Genderkompetenz in pädagogischen Interaktion“ ist ein klassischer Tagungsband, der theoretische und praxisorientierte Aufsätze vereint. Neben Anregungen für eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Genderkompetenz als eine wichtige Schlüsselkompetenz im Unterrichtsalltag bietet der Band praktische Implikationen zur Erprobung von vorwiegend differenztheoretisch orientierten Methoden. Der Band sollte nicht im Sinne eines Methodenratgebers genderkompetenten Handelns verstanden werden, sondern als Aufsatzsammlung, die der Zielgruppe von Lehrenden und Studierenden im Bereich Lehramt eine Orientierung zum Thema bietet.

[1] Die Tagung wurde initiiert und durchgeführt von der Frauenbeauftragten der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie der FAU Erlangen-Nürnberg, der Frauenbeauftragten der Stadt Nürnberg, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Erlangen, dem Institut für Pädagogik und Schulpsychologie der Stadt Nürnberg, dem Praktikumsamt für die Realschulen in Mittelfranken, der Regionalen Lehrerfortbildung für die Gymnasien in Mittelfranken und dem Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung FAU Erlangen-Nürnberg. Die Veranstaltung stellt den Auftakt einer Tagungsreihe im Rahmen der Lehrerfort- und -weiterbildung dar, die im regelmäßigen Turnus an der FAU Erlangen-Nürnberg stattfinden wird.
[2] Auf 19 Seiten werden von den AutorInnen die Ergebnislisten der Seminare und der Suchbegriffe aufgeführt (S. 62-81).
[3] Seminarangebote der FAU Erlangen-Nürnberg, der Universität Koblenz-Landau, der bayrischen Seminarschulen, der rheinland-pfälzischen Studienseminare und der Weiterbildungsportale in Bayern und Rheinland-Pfalz von 2008-2012.
Sandra Winheller (Paderborn)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sandra Winheller: Rezension von: Stadler-Altmann, Ulrike (Hg.): Genderkompetenz in pädagogischer Interaktion. Opladen: Verlag Barbara Budrich 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978384740026.html