EWR 11 (2012), Nr. 5 (September/Oktober)

Willi Spiertz
Die Hitlerjugend in Köln
Anspruch und Aufgabe. Alltägliches und Außergewöhnliches in der Erinnerung von ZeitzeugInnen
Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011
(299 S.; ISBN 978-3-86573-611-6; 42,00 EUR)
Die Hitlerjugend in Köln Willi Spiertz unternimmt in der – auf die Stadt Köln fokussierten – Arbeit den Versuch, aufzuzeigen, inwiefern es der nationalsozialistischen Führung in der auf totalitäre Erfassung der deutschen Jugend ausgerichteten Hitlerjugend gelang, diese zur „Staats- und Parteijugend“ zu formieren. Vor diesem Hintergrund möchte der Autor – gestützt überwiegend auf Erinnerungen von ZeitzeugInnen – exemplarisch den Alltag sowie Außergewöhnliches im Leben der Kölner Hitlerjugend anhand sechs ausgewählter Themenbereiche (Heimabend, Wehrertüchtigungslager, Landjahr, Besuch Adolf Hitlers in Köln, Reichspogromnacht, Kinderlandverschickung) darstellen.

Die Materialbasis bilden dreizehn im Jahre 2001 geführte Interviews mit ehemaligen HJ- und BDM-Mitgliedern aus dem Stadtgebiet Köln, die überwiegend aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis des Verfassers stammen. Dabei fand die Forschungs- und Interviewmethode der „Oral History“ Anwendung, wobei der Autor lediglich in wenigen kurzen Sätzen das Für und Wider dieses Zugangs abwägt. Darüber hinaus stützt sich die Darstellung auf einige ungedruckte, aber vorwiegend auf gedruckte zeitgenössische Quellen; so wurden u.a. Artikel und Meldungen der lokalen Presse und sämtliche Ausgaben des zwischen 1933 und 1945 erschienenen parteiamtlichen Organs der NSDAP, des „Westdeutschen Beobachters“ ausgewertet.

Grundlage für diese Arbeit ist die gleichnamige Magisterarbeit aus dem Jahr 2001 des Verfassers, der betont, dass sie aktualisiert und auf den derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung gebracht wurde. An dieser Stelle ist kritisch anzumerken, dass der Autor nicht nur Literatur, die für die Thematik durchaus von Relevanz wäre nicht miteinbezieht – genannt seien beispielsweise Wolfgang Keim, Pahmeyer/Spankeren, aktuelle Veröffentlichungen von Dagmar Reese – , sondern vor allem Grundlagenliteratur unberücksichtigt lässt; es findet keine einzige Publikation von Gisela Miller-Kipp Beachtung, obwohl diese z.B. zuletzt im Jahr 2007 einen Band zu Lebenserinnerungen und Erinnerungsdiskurs im Bund Deutscher Mädel vorlegte.

Zunächst fällt der umfangreiche Anhang auf, der mehr als die Hälfte des Bandes ausmacht (125-299), was in erster Linie durch die transkribierten Interviews zustande kommt. Obendrein ist die Fahrtenchronik des Landjahrlagers Lesse aus dem Jahre 1937 abgedruckt, die dem Verfasser von einer Zeitzeugin überreicht wurde. Neben einer kleinen Bilddokumentation aus elf Bildern zu unterschiedlichen im Band behandelten Themen, die aus zwei Privatfotoalben entnommen sind, finden sich das obligatorische Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Aufgabenkalender der Hitlerjugend aus dem Gebiet Köln-Aachen sowie eine Schautafel zur Gliederung der Hitlerjugend.

Im ersten Teil des Buches beschränkt sich der Verfasser auf eine kurz gehaltene, allgemein deskriptive Geschichte der Entstehung und Entwicklung der Hitlerjugend und des darin integrierten Bundes Deutscher Mädel und rekonstruiert sehr skizzenhaft den historischen Raum, in den die Erinnerungserzählung eingebettet ist. Im Kapitel „Kriegs- und Wehrdienst“ (43) wird, wie der Autor schreibt; „exemplarisch für die vielen Hitlerjungen, die in der Endphase des Krieges noch zum Wehrdienst herangezogen wurden [...] das Schicksal des Kölner Hitlerjungen Heinrich S. nachgezeichnet“ (45), welches in der Länge, der Art und Weise und der dahinter stehenden Aussage unpassend im Gesamtkontext erscheint. Das geschieht auf achteinhalb Seiten (45-53) einerseits im militäroperationsgeschichtlichen Fachjargon andererseits durch eingestreute längere Zitate der Erinnerungsliteratur im Stil von Landserromanen, um letztlich festzustellen: „Viele Tausend Soldaten fielen den der Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/43 vergleichbaren Kämpfen um das Mährisch Ostrauer Industriegebiet um Lauban, Oderberg, Ratibor, Leobschütz, Jägerndorf und Troppau zum Opfer. Bei einem dieser Gefechte zwischen dem 15. März und dem 7. Mai 1945 ist auch der Kölner ‘Hitlerjunge‘ Heinrich S. für ,Führer, Volk und Vaterland‘, 18jährig gefallen.“ (53)

Im zweiten Teil der Arbeit wird auf Alltägliches der Kölner Hitlerjugend eingegangen und mit den Erinnerungen von ZeitzeugInnen kontrastiert, um vermittels der Themenschwerpunkte Heimabend, Wehrertüchtigungslager und Landjahr Anspruch und Wirklichkeit gegenüberzustellen. Der Themenschwerpunkt Heimabend erscheint sehr irreführend, da unter dieser Rubrik u.a. auch der allgemeine Dienst und die körperliche Ertüchtigung mitbehandelt werden. In diesem Abschnitt setzt sich der Verfasser wesentlich intensiver mit der Praxis und den Intentionen nationalsozialistischer Formationserziehung auseinander und bestätigt – auch für die Kölner Hitlerjugend – die bisherigen Forschungsergebnisse, dass Erziehungsprogramme nicht unbedingt mit Erziehungswirklichkeit gleichzusetzen sind.

Und auch im letzten Kapitel, wo es um Außergewöhnliches in der Erinnerung von ZeitzeugInnen geht, wird nichts Neues präsentiert, so dass der Autor letztlich selbst resümiert: „Die Schilderungen aller Befragten hinsichtlich ihrer Aktivität und ihres Einsatzes in der Hitlerjugend stimmen mit denen von außerkölnischen ZeitzeugInnen weitgehend überein. In der zur Verfügung stehenden Erinnerungsliteratur zeigen sich im Allgemeinen keine Unterschiede zum Alltag der Kölner Hitlerjugend, allenfalls verschobene Schwerpunkte“ (122f). Außerdem fällt auf, dass im Band – bis auf einen – sämtliche Verweise auf Dokumente in den acht Anhängen ohne die Angabe von Seitenzahlen erfolgen, was die Handhabung bzw. schnelle Auffindung der betreffenden Stellen bei diesem Umfang etwas einschränkt.

Insgesamt werden die bisherigen Forschungsergebnisse zur nationalsozialistischen Jugenderziehung innerhalb der HJ und des BDM zwar „nur“ bestätigt, dennoch stellt die Arbeit trotz der genannten Kritikpunkte lokale Ergebnisse vor, die mit anderen auf dieser Ebene durchgeführten Studien eine Vergleichbarkeit und somit Differenzierung bei der Umsetzung der nationalsozialistischen Erziehungsprogrammatik ermöglichen.
Martin Woda (Göttingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Martin Woda: Rezension von: Spiertz, Willi: Die Hitlerjugend in Köln, Anspruch und Aufgabe. Alltägliches und Außergewöhnliches in der Erinnerung von ZeitzeugInnen. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 5 (Veröffentlicht am 12.10.2012), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386573611.html