EWR 10 (2011), Nr. 2 (März/April)

Waltraut Kerber-Ganse
Die Menschenrechte des Kindes
Die UN-Kinderrechtskonvention und die Pädagogik von Janusz Korczak
Versuch einer Perspektivenverschränkung
Opladen & Farmington Hills, MI.: Barbara Budrich 2009
(265 S.; ISBN 978-3-86649-259-2; 29,90 EUR)
Die Menschenrechte des Kindes „Die Menschenrechte des Kindes“ von Waltraut Kerber-Ganse ist 2009 – rechtzeitig zum 20-jährigen Bestehen der UN-Kinderrechtskonvention – erschienen. Es handelt sich dabei um ein bemerkens- und lesenswertes Buch, in dem sich die Autorin eine bisher noch nicht vorgenommene Perspektivenverschränkung zum Ziel gesetzt hat: Zum einen wird die UN-Kinderrechtskonvention präsentiert, zum anderen die Pädagogik von Janusz Korczak vorgestellt. Schließlich unternimmt die Autorin den Versuch, beide Konzepte miteinander zu verbinden. Zu beiden Themenbereichen existiert zwar Literatur, die hier angepeilte Perspektivenverschränkung ist jedoch ein neuer und bisher einzigartiger Versuch, der bereits vorneweg sehr positiv hervorzuheben ist.

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut:

Im ersten Teil zeichnet Kerber-Ganse die Geschichte der Menschenrechte und der Kinderrechte nach. Sie geht dabei auf solch wichtige Aspekte wie die „Menschenrechte im Spannungsfeld von Vision und Völkerrecht“ ein, begibt sich auf die Spuren von Eglantyne Jebb und Janusz Korczak, zwei Pionieren der Kinderrechte, und erläutert die Funktion von Kinderrechten als völkerrechtlich bindende Selbstverpflichtung von Staaten. Hier befasst sie sich auch mit der Geschichte der UN-Kinderrechtskonvention – ein „Übereinkommen über die Rechte des Kindes“, das 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen einstimmig verabschiedet wurde und 1992 in Deutschland in Kraft getreten ist – und ihren „Vorläufern“: der Genfer Deklaration des Völkerbundes oder der UN-Deklaration der Rechte des Kindes von 1959. In der zusammenfassenden Betrachtung dieses ersten Teils weist die Autorin auf die zentrale Herausforderung hin: „Das Kind im Besitz seines Menschenrechts als Subjekt zu begreifen, das ist die Herausforderung der Rechte des Kindes“ (64). Hier betont sie auch die „umfassende Verantwortung von Staaten gegenüber der heranwachsenden Generation und dem individuellen Kind, jedem Kind“ (65).

Im zweiten Teil wird die Kinderrechtskonvention intensiv in den Blick genommen, sei es, dass sie in ihren inhaltlichen Dimensionen und Prinzipien ausgelotet wird, sei es, dass die Stellung der Kinderrechtskonvention im Menschenrechtssystem der UN aufgezeigt wird. Schließlich ermöglicht Kerber-Ganse den Lesern auch einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise des Kinderrechtsausschusses der UNO, welcher die Umsetzung der Kinderrechtskonvention auf nationaler Ebene überprüft. Auch dieser Teil wird durch einen resümierenden Text abgerundet, in dem das auf diesem Gebiet Erreichte herausgestellt, jedoch auch betont wird, dass „das Elend von Kindern auf dieser Welt immer noch immens“ ist (116).

Der dritte Buchteil ist der Pädagogik Janusz Korczaks gewidmet. Kerber-Ganse erläutert die zentralen Bestandteile von Korczaks Menschenrechtspädagogik und bezeichnet ihn zu Recht als konstitutionellen Pädagogen, der das Recht des Kindes auf Achtung vor allem durch konkrete konstitutionelle Elemente festschrieb und auch umsetzte. So gab es in dem von ihm geleiteten Warschauer Waisenhaus nicht nur das „Kameradschaftsgericht“ und ein „Parlament“, sondern auch Konferenzen, eine Zeitung und weitere Instrumente, die als „unmittelbarer Ausdruck der Rechte des Kindes, auch und gerade gegenüber den Erziehern“, verstanden werden können (136).

Kerber-Ganse geht in einem Kapitel auf das Generationenverhältnis ein, zeigt aber vor allem, wie sich die Kinderrechtskonvention – von Korczaks Gedanken angeregt – neu lesen lässt. Korczaks Texte – so die Autorin – haben eine Tiefendimension, welche Vertragstexte wie die Konvention nicht entfalten können (155). „Man kann sich die Konvention mit Hilfe der Kenntnis von Korczaks Praxis in meinen Augen tiefer erschließen und man kann Korczak in seiner menschenrechtlichen Wirksamkeit mit Hilfe der Konvention neu begreifen. Man kann lernen, das Menschenrecht des Kindes in der UN-Kinderrechtskonvention lebendiger zu begreifen, als es der bloßen Oberflächengestalt des Konventionstextes nach den Anschein hat“ (157).

Im vierten Teil bewegt sich die Autorin hin zur Gegenwart bzw. zur pädagogisch-praktischen Bedeutung der Kinderrechtskonvention in einer von Korczak inspirierten Perspektive. Dabei stellt sie das Aufwachsen von Kindern ohne Eltern sowie die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, z. B. in der Heimerziehung oder in der Schule, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen.

Im fünften und letzten Teil wird die Kinderrechtskonvention als ein neuer Impuls für Gegenwart und Zukunft in den Menschenrechtsdebatten und Janusz Korczak als eine Herausforderung an die Kinderrechtskonvention dargestellt. Ein Verzeichnis ausgewählter und nach Themengebieten geordneter Literatur schließt die Arbeit ab.

Dieses Buch bietet einen sehr guten Einstieg in die Entstehungsgeschichte der Kinderrechtskonvention, die Arbeit des Kinderrechtsausschusses und die damit verbundenen Stolpersteine bzw. Schwierigkeiten. Es führt zudem in einer komprimierten Form in die Hauptaspekte der Pädagogik des Arztes, Pädagogen und Schriftstellers Janusz Korczak (1878/79 - 1942) ein, dessen Werk – im Gegensatz zu anderen Klassikern der Pädagogik – von der deutschen Erziehungswissenschaft insgesamt gesehen bisher eher vernachlässigt wurde. Die neue und nun auch vollständig vorliegende Gesamtausgabe der Werke von Janusz Korczak bietet für eine neue Beschäftigung mit dessen Pädagogik und Lebenswerk eine gute Grundlage.

Gelingt jedoch die von der Autorin anvisierte Perspektivenverschränkung? Es fällt zunächst auf, dass Kapitel über Korczak neben Kapiteln über die Konvention stehen. Außerdem wird die Relevanz von Korczaks Schriften, die als wichtige Ergänzung zum eher „trockenen“ Konventionstext angesehen werden, stets betont. Korczaks Texte sind imstande, die Leser/innen zu sensibilisieren und das „Recht des Kindes auf Achtung“ an plastischen Beispielen zu demonstrieren. Eventuell wäre es für eine wirkliche Perspektivenverschränkung notwendig, alle Artikel der Konvention vor dem Hintergrund von Korczaks Schriften zu lesen. Hierbei würde dann auch auffallen, welche der in einem anderen historischen Kontext entstandenen Texte zeitlosen Charakter haben und welche heute aufgrund veränderter Konstellationen und Lebenslagen von Kindern womöglich nicht mehr eindeutig zutreffen.

Darüber hinaus wäre es sinnvoll, sich nicht nur auf die pädagogischen Haupttexte von J. Korczak zu konzentrieren (Band 4, Sämtliche Werke), sondern aus der Fülle seiner Schriften zu schöpfen, also beispielsweise auch seine Kinderliteratur, seine poetischen und biographischen Texte zu beachten – menschenrechtliches Denken par excellence. So sehr unser Blick schließlich durch Korczak bereichert werden kann, so genau müssen wir die aktuelle kinderrechtliche Situation in der ganzen Welt berücksichtigen und eigene Lesarten der Kinderrechtskonvention entwickeln, die sich nicht zuletzt auch auf Daten, Fakten und Zahlen stützen. Denn mit einer einseitig lobenden oder gar verherrlichenden Lesart Korczaks wäre keinem gedient, weder der Durchsetzung der Kinderrechte noch einer kritisch-reflektierenden Korczak-Forschung.

Das Buch ist für alle geeignet, die sich für Janusz Korczaks Pädagogik, für die UN-Kinderrechtskonvention oder beide Themengebiete interessieren, insbesondere für Studierende, aber auch für Lehrende sowie (sozial-)pädagogisch Tätige. Für einen Studiengang wie den „European Master in Childhood Studies and Children’s Rights“ an der FU Berlin muss „Die Menschenrechte des Kindes“ selbstverständlich zur Basisliteratur gehören, wenn auch darauf hingewiesen werden soll, dass das Werk sich nicht unbedingt für Erstsemester-Studierende eignet, da es stellenweise sehr dicht geschrieben ist und sich die komplexen Sachverhalte auch nicht immer vereinfacht darstellen lassen. Daher wird für eine mögliche zweite Auflage Folgendes empfohlen:

Durch das Einfügen von visuellen Elementen, wie beispielsweise Grafiken, können komplexe UN-Strukturen ergänzend illustriert werden.

Der Konventionstext sowie einige Texte von Korczak sollten als Anhang hinzugefügt werden. Das erleichtert die Übersicht und bietet die Möglichkeit, Textstellen miteinander zu vergleichen.

Schließlich bleibt zu wünschen, dass dieses Buch weitere Studien in diesem Themenfeld nach sich ziehen und den erziehungswissenschaftlichen Diskurs über die Kinderrechte anregen wird.
Irit Wyrobnik (Koblenz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Irit Wyrobnik: Rezension von: Kerber-Ganse, Waltraut: Die Menschenrechte des Kindes, Die UN-Kinderrechtskonvention und die Pädagogik von Janusz Korczak Versuch einer Perspektivenverschränkung. Opladen & Farmington Hills, MI.: Barbara Budrich 2009. In: EWR 10 (2011), Nr. 2 (Veröffentlicht am 27.04.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386649259.html