EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Gunter Geiger / Anna Spindler (Hrsg.)
Frühkindliche Bildung
Von der Notwendigkeit frühkindliche Bildung zum Thema zu machen
Opladen und Farmington Hills, MI: Verlag Barbara Budrich 2010
(136 S.; ISBN 978-3-8664-9295-0; 24,90 EUR)
Frühkindliche Bildung Gunter Geiger und Anna Spindler verstehen den von ihnen herausgegebenen Band als Einladung, sich dem Themenbereich der frühkindlichen Bildung zu nähern. Entstanden ist er im Kontext einer Fachtagung und einiger Akademieabende im Bonifatiushaus Fulda.

Im Zentrum der Publikation steht die Fragestellung, was mit frühkindlicher Bildung gemeint ist und was sie für die Entwicklung von jungen Kindern bedeutet. Bereits im Vorwort wird darauf hingewiesen, dass es um die Würde, das Wohlbefinden sowie das Recht auf eine umfassende Bildung für alle Kinder gehen soll. Gunter Geiger und Anna Spindler haben acht verschiedene Beiträge zusammengestellt, die sie selber als “gute Mischung“ (9) aus Praxis und Forschung bezeichnen. Sie wollen mit ihrer Auswahl auch dem Anspruch gerecht werden, Themenbereiche zu berücksichtigten, die seltener im Zentrum frühkindlicher Debatten stehen, was beispielsweise mit Beiträgen über den Einfluss spiritueller Erziehung oder die Bedeutung neuer Medien in der frühen Kindheit realisiert wird. Sämtliche Beiträge des vorliegenden Bandes beziehen sich auf die pädagogische Arbeit mit jungen Kindern und sollen zur Gestaltung von kindsgerechten und entwicklungsfördernden Bildungsprozessen beitragen. Die „Notenwendigkeit frühkindlicher Bildung“, wie sie der Untertitel der Publikation ankündigt, wird dabei nicht explizit thematisiert, sondern vielmehr als Prämisse der tendenziell praxisorientierten Ausführungen in den einzelnen Beiträgen verstanden.

Dagmar Bergs-Winkel vermittelt in ihrem Beitrag einen Einblick in aktuelle nationale und internationale Entwicklungen im frühkindlichen Bildungsbereich. Unter anderem analysiert sie auf der Grundlage von Studien der OECD und UNICEF die Strukturen der frühen Bildung und Erziehung in Deutschland. Besonders deutlich wird der Anspruch an eine höhere Qualität des frühkindlichen Bildungsbereichs, der in Deutschland letztlich die Einforderung einer verbesserten Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher auslöste. Diesem bildungspolitischen Desiderat wird unter anderem mit der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF)“ begegnet. Ebenso kommt sie in der Tertiarisierung der Aus- und Weiterbildung zum Ausdruck, die zu einer stetig wachsenden Anzahl von Bachelor- und Masterstudiengängen für Erzieherinnen und Erzieher führt.

Die Relevanz von neuen Medien in der frühen Kindheit wird von Nadia Kutscher thematisiert. Dabei legt sie einen speziellen Fokus auf den Zusammenhang von neuen Medien und wachsender Bildungsbenachteiligung. Unter anderem bezieht sie sich auf die KIM-Studie (Kinder + Medien, Computer + Internet) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, die auf die Unterschiede vom Gerätebesitz einzelner Kinder in Abhängigkeit zum Haushaltseinkommen verweist. Diese Studie bezieht sich auf Kinder zwischen 6 und 13 Jahren. Aufgrund weniger empirischer Hinweise für jüngere Kinder kann angenommen werden, dass diesbezüglich große Forschungsdesiderate bestehen. Von der Autorin werden abschließend pädagogische Implikationen für die Medienbildung von Erzieherinnen und Erziehern sowie Eltern entworfen, die dazu beitragen sollen, dass Kinder einen sinnvollen Umgang mit unterschiedlichen Medienangeboten erlernen.

Uta Meier-Gräwe setzt sich in ihrem Beitrag mit Kinderarmut auseinander, einem Themenbereich, der bildungspolitisch von hoher Bedeutung ist. Dies kommt unter anderem in der Tatsache zum Ausdruck, dass das Jahr 2010 als „Europäisches Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ (41) ernannt worden war. Nach einer Bestandsaufnahme der Armutsentwicklung in Deutschland werden die Zusammenhänge von Armut und Bildung diskutiert und es wird empirisch belegt, dass sich frühe Investitionen in den Bildungsbereich finanziell lohnen. In Anlehnung an eine haushaltsbezogene Armutstypologie nach Meier et al. [1] zeigt die Autorin vier verschiedene Armutstypen auf und verdeutlich damit eine ihrer Kernaussagen: Armut hat viele Gesichter. Abgeschlossen wird der Beitrag mit bildungspolitischen Desideraten, die unter anderem eine differenzierte lokale Sozialberichterstattung als Grundlage für kommunalpolitische Entscheidungen beinhalten.

Mit dem Beitrag „Geist in Windeln – Spiritualität in frühen Erziehungs- und Bildungsprozessen“ thematisiert Anton Bucher die Auswirkungen spiritueller Erziehung auf Kinder. Dabei versteht er Spiritualität als Verbundenheit, die eine positive Auswirkung auf die frühe Entwicklung von Kindern haben kann. Ebenso ermöglicht Spiritualität Kindern „eine Beziehung zu einem Göttlichen aufzubauen“ (74), die auch außerhalb der Kirche zum Ausdruck kommen sollte. Weiter argumentiert er, dass durch eine sichere Bindung und eine vertrauensvolle Beziehung von jungen Kindern zu ihren Eltern und Erzieherinnen die erforderlichen Grundlagen geschaffen werden, damit frühkindliche Bildungsprozesse überhaupt stattfinden können. Ein zentrales Desiderat bestehe darin, die Thematisierung von Spiritualität in die deutsche Familienpsychologie und Kleinkindforschung aufzunehmen, wie dies teilweise im angloamerikanischen Raum bereits der Fall sei.

Bindungssicherheit als Prämisse frühkindlicher Bildung ist die Kernthematik des Beitrags von Julia Berkic. In ihren Erläuterungen in Anlehnung an John Bowlby stellt sie zunächst die frühkindliche Entwicklung von sicherer, unsicher-ambivalenter und unsicher-vermeidender Bindung sowie ihre Auswirkungen auf die Emotionsregulation dar. Über das Verhalten im ersten Lebensjahr hinaus thematisiert Berkic die Auswirkungen auf das Erwachsenenalter. Als bedeutsam für die Entwicklung von Bindung erachtet sie Eltern, professionell Erziehende sowie Gleichaltrige.

Anna Spindler widmet sich den Bildungs- und Lernprozessen sowie der außerfamiliären Betreuung von Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren. Sie spricht damit eine Thematik an, die nicht zuletzt im Hinblick auf den Ausbau von Kindertagesstätten für unter 3-Jährige von hoher bildungspolitischer Aktualität ist. In ihrem Beitrag setzt sie sich zunächst mit möglichen Auswirkungen auf die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern auseinander, wenn es ausserhalb der Familie betreut wird, und zeigt dann in Anlehnung an Ahnert [2] Merkmale guter Erzieher-Kind-Beziehungen auf. Danach befasst sie sich mit der Entwicklung von Kindern von 0 bis 3 Jahren. Abschließend zeigt sie auf, wie Bildungsprozesse innerhalb und außerhalb der Familie stattfinden können und verweist insbesondere darauf, dass diese in der Regel nicht geplant oder gezielt initiiert, sondern vielmehr im Kontext von alltäglichen Routinen stattfinden. Entscheidend ist daher eine entsprechende Sensibilität, die es ermöglicht, potenziellen Bildungsgelegenheiten konstruktiv zu begegnen.

Der nachfolgende Beitrag, der sich damit auseinandersetzt, was es für die Träger, die Leitung und das Team zu beachten gilt, wenn Kinder unter 3 Jahren in Kindergartengruppen aufgenommen werden, ist ebenfalls von Anna Spindler verfasst. Sie erweitert damit ihren vorangehenden Beitrag, der die kindliche Perspektive im Zentrum hatte, um die organisatorische Ebene respektive die Einrichtung. In Anlehnung an die Publikation „Träger zeigen Profil“ von Fthenakis et al. [3] wird eine Liste von zehn Aufgabenbereichen für Träger präsentiert, an denen ausführlich die Veränderungen erläutert werden, die aufgrund der Aufnahme von Kindern unter 3 Jahren in Kindertagesstätten entstehen können.

Abschliessend berichtet Angelika Bärwinkel über ein von ihr entwickeltes Fortbildungsseminar für Erzieherinnen in Hessen, das im Kontext der Implementierung des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans von der katholischen Akademie des Bistums Fulda durchgeführt wurde. In Anbetracht der anhaltenden Weiterbildungsdebatten des frühpädagogischen Personals wird mit diesem Beitrag ein Thema angesprochen, bei dem große Forschungsdesiderate zum Ausdruck kommen. Im Zentrum der vorliegenden Erörterungen steht der modulare Aufbau des Weiterbildungslehrgangs, der auf elf verschiedenen Fähigkeitsbereichen basiert, die von der Autorin als relevant erachtet werden. Ebenso wird dargestellt, wie mit Unterstützung eines Lernjournals (Portfolio) versucht wurde, den Transfer zwischen dem erworbenen Wissen in der Fortbildung und der Umsetzung im pädagogischen Alltag zu unterstützen.

Den Herausgebenden ist es mit diesem Band wie intendiert gelungen, das Nachdenken über den Gegenstandsbereich der frühkindlichen Bildung anzuregen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wäre es allerdings wünschenswert, dass die Beiträge noch deutlicher zu einer kritisch-distanzierten Reflexion beitragen würden, wozu eine durchgehendere theoretische und/oder empirische Fundierung der Argumentationen hilfreich gewesen wäre. Der vorliegende Band spricht einen Personenkreis an, der sich einen ersten Einblick in den frühkindlichen Bildungsbereich wünscht und weniger einen, der an einer vertieften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert ist.

[1] Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E.: Steckbriefe von Armut. Haushalte in prekären Lebenslagen. Wiesbaden 2003: Westdeutscher Verlag.

[2] Ahnert, L.: Von der Mutter-Kind- zur Erzieherinnen-Kind-Bindung? In: Becker-Stoll, F./Textor, M. (Hrsg.): Die Erzieherin-Kind-Beziehung. Berlin 2007: Cornelsen, S. 31-40.

[3] Fthenakis, W. E./Oberhuemer, P./Schreyer, I./Hanssen, K.: Träger zeigen Profil. Qualitätshandbuch für Träger von Kindertageseinrichtungen. Berlin 2009: Cornelsen.
Doris Edelmann (Fribourg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Doris Edelmann: Rezension von: Geiger, Gunter / Spindler, Anna (Hg.): Frühkindliche Bildung, Von der Notwendigkeit frühkindliche Bildung zum Thema zu machen. Opladen und Farmington Hills, MI: Verlag Barbara Budrich . In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978386649295.html