EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Liane Pluto
Partizipation in den Hilfen zur Erziehung
München: Verlag Deutsches Jugendinstitut 2007
(304 S.; ISBN 978-3-87966-417-7; 24,00 EUR)
Partizipation in den Hilfen zur Erziehung Um es gleich vorweg zu sagen. Liane Plutos Buch ist mehr als sie selbst im Fazit sich zutraut. Dort heißt es: „Die Studie beschäftigt sich empirisch mit der Verwirklichung von Partizipation und den damit verbundenen Struktur- und Handlungsproblemen in den erzieherischen Hilfen“ (277): Tatsächlich handelt es sich bei der vorliegenden Dissertation um eine wissenschaftliche Untersuchung und zugleich um ein Handwerksbuch zur Beteiligung von Mädchen und Jungen und ihren Eltern im Rahmen der Erziehungshilfen. Über eine qualitative Datenerhebung in Form von Interviews mit Fachkräften von Jugendämtern und Erziehungshilfeeinrichtungen einerseits und Jugendlichen und Eltern andererseits hat die Autorin Daten gewonnen, die sie in vorzüglicher Differenzierung darstellt und an die vorhandenen theoretischen und empirischen Erkenntnisse (Kap. 1) anbindet.

Die Ergebnisse lassen heftige Zweifel aufkommen, ob das Arbeitsfeld Erziehungshilfe und die darin tätigen Fachkräfte und Verantwortlichen tatsächlich die rechtlichen Anforderungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und der UN-Kinderrechtskonvention bewusst zur Kenntnis genommen haben und zu Leitlinien ihres Handelns und der Prozessgestaltung werden lassen. Wenngleich also in den Fachdiskursen das Thema in vielfältiger Weise vorkommt, sind „empirische Belege […] dafür schwer zu finden“ (12). Mit diesen Fragen nach den Diskussionszusammenhängen von Partizipation in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und psychosozialer Arbeit sowie mit Begriffsbestimmungen beschäftigt sich das zweite Kapitel. Partizipation ist mehr als ein sozialrechtliches Thema. Sie ist Handlungsprinzip mit unmittelbaren sozialpädagogischen Auswirkungen und verlangt eine entsprechende Praxis im Interesse der AdressatInnen (27ff.).

Im dritten Kapitel werden „Struktur- und Handlungsprobleme in den Hilfen zur Erziehung“ zum Gegenstand der fachlichen Überlegungen. Partizipation ist Weg und Ziel zugleich und vergrößert das Spannungsfeld, das (nicht nur) der öffentlichen Erziehung konstitutiv gegeben ist. Wie lassen sich symmetrische Beziehungen zwischen professionellen ErzieherInnen und in Krisen lebenden Mädchen, Jungen und Eltern fördern? Wie lässt sich der Schutzauftrag mit Eingriffen in die Autonomie von Familien mit einem partizipativen Hilfealltag zusammenbringen? Ist Partizipation eher methodische Anforderung, Qualitätsmerkmal oder gar „nur“ gesetzliche Vorschrift (48)? Hier zeigt die Autorin sich kundig – nicht nur in den theoretischen Diskussionen, sondern auch in den Fragen der praktischen Umsetzung der Partizipation.

In Kapitel 4 wird die Untersuchung und das empirische Vorgehen vorgestellt. Insgesamt wurden 42 Personen an Hand von leitfadengestützten Einzel- (36 Personen) bzw. Gruppeninterviews befragt. Zusätzlich wurden Dokumente wie Konzeptionen, Selbstdarstellungen und Satzungen für Heimräte im Hinblick auf Partizipation ausgewertet (68). Die Auswertung orientiert sich an den Prinzipien der „grounded theory“ (Strauss/Corbin), die ein sehr offenes Annähern an die Erkenntnisse ermöglicht. Spannend ist die Frage nach der Auswahl der ExpertInnen auf der Fachkräfteseite und bei den AdressatInnen. Die Fachkräfte wurden regional gestreut um sowohl solche zu erfassen, die bereits ausgewiesene Erfahrungen mit der Umsetzung von Partizipation gemacht haben wie auch solche, die wenig damit berührt waren (57).

Für die Ergebnisdarstellung in den Kapiteln 5 bis 10 wählt Liane Pluto die Perspektiven der Fachkräfte und der AdressatInnen (5-6). Die Ergebnisse werden zudem auf vier Schlüsselbereiche herunter gebrochen:

  • Hilfeplanung als Aushandlungsort (7);
  • Partizipation als Einrichtungsalltag (8);
  • Partizipation bei der Beendigung von Hilfen (9) und
  • Strukturelle Rahmenbedingungen (10).


„Beteiligt werden alle. Er kommt nur darauf an, in welcher Form“ (76), diese Aussage eines Einrichtungsleiters, könnte als Generalaussage der Auswertung der Fachkräfteinterviews vorangestellt werden und ist gleichzeitig ein Kennzeichen der Erziehungshilfepraxis. Pluto zeigt wie unter diesem Motto eine Teilgruppe von Fachkräften einen eigenen Anspruch und eine partizipative Praxis begründet, während eine andere Teilgruppe eher Schwierigkeiten, Grenzen und Unmöglichkeiten ausdrückt sowie „Beteiligungsansprüche tendenziell ab(wehrt)“ (74ff.).

Partizipation, so bestätigt die Untersuchung, entsteht aus einer wertschätzenden Haltung der Fachkräfte. Fachkräfte überwinden damit den Defizitblick, schaffen Transparenz, nehmen die AdressatInnen als Subjekte mit ihren Kompetenzen wahr und erreichen damit, dass aktive Verhaltensweisen der jungen Menschen und ihrer Eltern möglich werden. Partizipation setzt zudem eine entsprechende Kultur der Einrichtung oder des Dienstes voraus.

Aus ihrem Datenmaterial generiert die Autorin zum partizipationskritischen Teil der Fachkräfte drei Abwehrmuster. Die Haltung bzw. das Abwehrmuster „Partizipation hat ihre Grenzen“ (80) ist gekennzeichnet durch mangelndes Zutrauen in die Kompetenzen der AdressatInnen und die Überbetonung der strukturellen Rahmenbedingungen. Es wird auf Regeln und Bedingungen verwiesen, formal eng begrenzte Wahlfreiheiten gelassen oder den Mädchen und Jungen schriftliche Formen der Kommunikation abverlangt. Dies hat zur Folge, dass sich „Fachkräfte häufig enttäuscht darüber (äußern), dass die Adressaten ihren so offerierten Beteiligungsangeboten nicht nachkommen“ (85). Daraus lässt sich leicht eine Bestätigung für die eigene Skepsis ziehen. Das Abwehrmuster „Bedrohung der eigenen Fachlichkeit“ zeigt eine weitere Schlüsselfrage in der fachlichen Diskussion der Erziehungshilfe und im Partizipationsdiskurs (88ff.). Mit Verweis auf die eigene Kompetenz und die Verantwortlichkeit der Fachkräfte werden Ansprüche der AdressatInnen abgewehrt. Dies bestätigt sich in der Aussage: „Ich habe so viel Berufserfahrung, ich weiß bereits nach einer Viertelstunde, worauf das Ganze rauslaufen wird, warum soll ich da noch lange mit den Eltern über andere Hilfeformen, die nicht geeignet sind, reden“ (93). Wenn überhaupt, dann müssen sich die AdressatInnen Beteiligung verdienen oder das was als Beteiligung verstanden wird, kommt einer lästigen Pflichterfüllung gleich. Eine Parallele lässt sich von diesen Ergebnissen zu den Arbeiten von Klaus Wolf (1999) über die „Machtprozesse in der Heimerziehung“ [1] ziehen. Als drittes Abwehrmuster wird schließlich „Beteiligung ist zum Scheitern verurteilt“ beschrieben. Die Ansprüche sind so hoch gehängt, dass Misserfolg produziert wird. Die AdressatInnen werden zur Hilfe überredet, ausbleibender Widerspruch oder ausbleibende Gegenwehr werden als Zustimmung zur eigenen Praxis verstanden (102ff.).

„Zwischen positiver Utopie und Skepsis“ formuliert Liane Pluto zusammenfassend die Haltungen der Fachkräfte. Als zentrale Voraussetzung für eine partizipative Praxis in der Hilfeplanung wie im Erziehungsprozess erweist sich die ausreichend dafür vorhandene und zugestandene Zeit (109). Dies markiert eine zentrale Frage in der gegenwärtigen Situation der Jugendhilfe: Die Feststellung unzureichender Zeitressourcen darf jedoch nicht dazu führen, dass die mögliche Partizipation (und vieles ist ohne mehr Zeit möglich) nicht stattfindet. Die Haltung der Fachkräfte scheint zudem oft über Argumentationen geprägt zu sein, dass AdressatInnen über zu wenige soziale und intellektuelle Kompetenzen verfügen. Gerade der Kompetenzbegriff suggeriert, so die Autorin, „dass es Situationen gibt, in denen eine Beteiligung nicht möglich ist, weil die entsprechenden Kompetenzen (noch) nicht vorhanden sind“ (114).

Das Kapitel 6 über die Perspektive der Adressatinnen ist überschrieben mit „Und dass man sich halt wirklich, also wie eine Nummer abgeschoben fühlt“. Es dreht sich um Schwierigkeiten in der Realisierung von Partizipation aus der AdressatInnenperspektive. Ein Grundproblem wird sichtbar gemacht, wenn die Autorin als Erkenntnis herausarbeitet, dass „weder AdressatInnen noch die KooperationspartnerInnen der Jugendhilfeinstitutionen ein hohes Maß an Offenheit für gleichberechtigte Aushandlungsprozesse erwarten“ (120). Dabei haben die Adressatinnen eine schwierige Balance zwischen Integrationsleistungen und Wunsch nach Autonomie herzustellen. Eine weitergehende Frage an die Praxis ist, wie diese Tatsache im Alltag von Hilfeplanung und -prozess kommuniziert wird. AdressatInnen (er)leben eine Notwendigkeit und Strategie der Anpassung. Dies scheint nach den Erkenntnissen von Liane Pluto so weit zu gehen, dass es eine Gruppe von AdressatInnen gibt, die „Strukturen (aus-) nutzen, sozial erwünschte Muster vorspielen“ (128) um damit den von ihnen gewünschten Erfolg zu erreichen. Das trifft auf Eltern wie auf Mädchen und Jungen zu. Jugendliche berichten häufig ihre Ohnmachterfahrungen, die manche mit Entzug oder Anpassung, andere durch Abwehr und Widerstand zum Ausdruck bringen. Während Vertrauen und Wertschätzung als Grundlage für die Bereitschaft von AdressatInnen zu Partizipation anzusehen ist, berichten Jugendliche häufig gegensätzliche Erfahrungen. Zusammenfassend geht es den AdressatInnen um emotionale Anerkennung, die Selbstvertrauen und Vertrauen entstehen lässt, erst dann kann Bereitschaft zur aktiven Partizipation und entsprechendes Verhalten wachsen.

Hilfeplanung als Aushandlungsort ist das Thema des siebten Kapitels. An erster Stelle geht es darum, dass die jungen Menschen und ihre Eltern Wissen um den Ablauf und die Inhalte des Klärungs- und Entscheidungsprozesses erhalten, da sie „häufig nur ungenaue oder bruchstückhafte Informationen haben, was im Kontakt mit dem Jugendamt passiert“ (147). Hieraus entsteht die „Gefahr der Formalisierung“ (150). Hilfeplangespräche sind als Orte der Kontaktaufnahme von großer Bedeutung. Dies kann Liane Pluto mit ihrem Datenmaterial eindrücklich belegen. Dazu gehört die Schaffung einer gesprächsfördernden Atmosphäre im Hilfeplangespräch ebenso wie Unterstützung durch Vertrauenspersonen: „Die Fachkräfte nehmen nicht wahr, dass es für die Jugendlichen eine Erleichterung wäre, könnten sie eine Vertrauensperson mitnehmen“, ja sie formulieren es sogar als lästig (160f.). Diese und weitere herausgearbeitete Aspekte sind Themen, die in der Ausbildung von SozialarbeiterInnen und in der Fortbildung der Fachkräfte der Jugendhilfe eine Rolle spielen müssen, so ließe sich das Fazit aus diesem Teil ziehen.

Im achten Kapitel über den Erziehungsalltag bezieht Liane Pluto sich auf die Erziehungswelt in den Einrichtungen. Sie zeigt Formen der Beteiligung wie Heimräte, Gruppenversammlungen, Beschwerdemöglichkeiten u. a. auf. Gewählte Beteiligungsgremien sind nur bei einem Fünftel der Einrichtungen zu finden, während es in drei von vier Einrichtungen Gruppen- bzw. Einrichtungsversammlungen gibt. Die Familienorientierung in Heim-Wohngruppen wird häufig als Argument gegen formalisierte Beteiligungsformen angeführt. Zudem bezeichnen die Fachkräfte Heimräte als unnatürlich; Beteiligungsanforderungen widersprächen den fachlichen Ansprüchen familienanaloger Erziehung und seien letztlich nur Alibiveranstaltungen.
Ein besonderes Thema der Erziehung und Partizipation in Einrichtungen ist die Erstellung von und die Kommunikation über Regeln (Gruppen-, Heimordnung). Die Autorin formuliert auf der Basis ihrer Erkenntnisse daher Anforderungen an Entscheidungsprozesse (188ff.):

  • Transparenz und Nachvollziehbarkeit – die Vermittlung von Regeln scheint nicht selbstverständlich;
  • Regeln als Möglichkeitsraum – nur in der Hälfte der Einrichtungen wirken Kinder und Jugendliche an den Regeln mit, diese sind mehr Verbote als Ermöglichungsraum;
  • Ergebnisoffenheit – Fachkräfte kennen im Gesprächsprozess bereits die Ergebnisse und dirigieren die Jugendlichen dorthin; der Kommunikationsprozess um Regeln wird nicht als Lernprozess gestaltet;
  • Hindernde Loyalität der Fachkräfte – die Aufrechterhaltung von Loyalität der Fachkräfte untereinander wirkt als Partizipationshemmnis;
  • Heimräte als Persönlichkeitsbildungsrahmen – hier entstehen Verantwortungserfahrungen, Kommunikationsfähigkeit ebenso wie spezifisch geförderte Kompetenzen z. B. Mediatoren, Gesprächsführung.


Ein sehr interessantes Thema wird mit der Mitwirkung der Eltern im Einrichtungsalltag aufgenommen. Eltern haben aus Perspektive Fachkräfte eine „randständige Position“, ihnen wird Mitsprache in Einrichtungsbelangen verweigert (213). So durchschauen sie die Abläufe in der Einrichtung nicht bzw. die Entscheidungsfindung in Institutionen wird nicht nachvollziehbar. Dies ist ein Aspekt, der in der Diskussion über die „Familien- und Elternarbeit“ von Erziehungshilfeeinrichtungen eine Rolle spielen müsste.

Mit dem neunten Kapitel zur Partizipation bei der Beendigung von Hilfen weist Liane Pluto auf ein bisher eher vernachlässigtes Thema hin. Die Beendigung entziehe sich weitgehend fachlicher Kontrolle und häufig spiele Kostendruck eine wichtige Rolle (222ff.). Dabei müsse die Entscheidung eher um die Frage gehen, ob ausreichend Hilfe gewährt worden ist. Genau diese Frage aber lässt sich ohne eine qualifizierte Beteiligung und Mitsprache der Mädchen, Jungen und Eltern nicht entscheiden. Entscheidungskriterien müssen die Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit der Eltern oder die erreichte Selbständigkeit der jungen Frau bzw. des jungen Mannes sein. Im Buch werden dazu die Perspektiven des Jugendamtes, der Einrichtung und der AdressatInnen dargestellt. Aufmerken lässt dabei besonders die Aussage einer Jugendamtsmitarbeiterin: „Im Grunde, wenn ich die Maßnahme eingeleitet habe, kann man so innerlich sagen, mache ich den Deckel zu“ (234).

Mit ihrem Fazit gibt die Autorin Empfehlungen Partizipation im Spannungsfeld von strukturellen und individuellen Anforderungen zu verstehen sowie als Gestaltung der Welt des Aufwachsens junger Menschen in der Erziehungshilfe, als Interessenvertretung auf verschiedenen Ebenen und als integraler Bestandteil des Organisationshandelns.

Insgesamt wird deutlich, dass in die Darstellung ein breites Hintergrundwissen und eine langjährige Beschäftigung mit dem Thema eingeflossen sind. Wie bereits formuliert, ist das vorliegende Buch weit mehr als die Präsentation von Forschungsergebnissen zur Partizipation. Es enthält eine Fülle von Anregungen zum Nachdenken über Partizipation in der Praxis der Jugendämter und den Einrichtungen der Erziehungshilfe. Einzelne Teile des Buches sind herausragend gute Grundlagen für Fortbildungen oder Seminare mit Studierenden der Sozialen Arbeit. MitarbeiterInnen in Jugendämtern und Einrichtungen, aber auch den aktiven Mädchen und Jungen in der Partizipationsarbeit kann es als Anregung für Diskussionen zur eigenen Situation eine gute Basis geben. Auf der Basis ihres empirisch abgesicherten Wissens hätte die Autorin ruhig etwas Mut zu schärferer Kritik und konkreten Forderungen haben können.

PessimistInnen können das Buch mit dem Ergebnis lesen: Von Partizipation wird viel geschrieben, für die Praxis hat sie keine große Bedeutung. Das Buch kann im Gegenteil fachliche Diskussionen fördern, wie die Erfahrungen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein bei Mädchen, Jungen und ihren Eltern verhindert werden können. In diesem Sinne wünsche ich dem Buch viele LeserInnen.

[1] Wolf, Klaus (1999): Machtprozesse in der Heimerziehung. Münster: Juventa
Ullrich Gintzel (Dresden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ullrich Gintzel: Rezension von: Pluto, Liane (Hg.): Partizipation in den Hilfen zur Erziehung. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978387966417.html