EWR 7 (2008), Nr. 4 (Juli/August)

Andreas Reckwitz
Subjekt
Bielefeld: transcript 2008
(160 S.; ISBN 978-3-89942-570-3; 15,80 EUR)
Subjekt Der Soziologe Andreas Reckwitz wirft die Frage nach dem ‚Subjekt’ und damit die Frage nach den Analysemöglichkeiten jener kulturellen Formen auf, in denen der Mensch zu einem gesellschaftlich zurechenbaren Subjekt wird. Subjektanalysen werden im vorliegenden Buch als zentraler Fokus aktueller Forschungen in den Kultur- und Sozialwissenschaften vorgestellt. Das mit 150 Seiten überschaubare Buch will in dieses vielseitige und auch unübersichtliche Forschungsfeld einführen: Eine kulturwissenschaftliche Subjektanalyse „zielt darauf ab herauszufinden, welches Know-how und welche Wunschstrukturen, welche körperlichen Routinen und welches Selbstverständnis, welche Abgrenzungsformen nach außen, welche Kompetenzen, welche psychisch-affektiven Orientierungen und Instabilitäten der Einzelne ausbildet, um jener ‚Mensch’ zu werden, den die jeweiligen gesellschaftlichen Ordnungen voraussetzen“ (10). Jene Diskurse, in denen diese Subjektformationen (re-)präsentiert, problematisiert und auch wieder aufgebrochen werden, kommen dabei ebenso in den Blick wie die alltäglichen sozialen Praktiken, die subjektivierend wirken. Die Analyse- und Untersuchungsweisen moderner Subjektivität verweisen dabei auf unterschiedliche theoretische Räume, wie beispielsweise auf Poststrukturalismus, Psychoanalyse, Praxeologie, Postkolonialismus oder Medientheorie.

Das erste von drei Hauptkapiteln nimmt einleitend die „schwankenden Gestalten“ (5) der Subjekte in den Blick und stellt „die Analyse von Subjekten im Zeitalter der Dezentrierung“ (5) vor. Darin klärt Andreas Reckwitz zentrale Begrifflichkeiten wie Subjekt oder Subjektivierung und stellt einen kurzen subjektphilosophischen und subjekttheoretischen Abriss vor, um die Subjektanalyse davon abzugrenzen. Ein argumentativ wichtiger Teil des Einführungskapitels bezieht sich auf den Strukturalismus, der „von kaum zu überschätzendem Einfluss gewesen ist und ist“, weil alle „subjektanalytisch relevanten Autoren ihre Ressourcen“ (19) daraus zögen.

Die Autorinnen und Autoren, die Andreas Reckwitz als zentrale Referenzpunkte für die Subjektanalyse ausmacht, werden im zweiten Hauptkapitel als „zeitgenössische Programme der Subjektanalyse“ (23) vorgestellt. Auf jeweils nur einigen wenigen Seiten werden jene acht „Programme“ in den Blick genommen, die nach Andreas Reckwitz Subjektanalysen in den Sozial- und Kulturwissenschaften motivieren können. Das Kapitel wird mit Michel Foucaults ‚Assujettissement’ am Kreuzungspunkt von Diskursen, Dispositiven, Gouvernementalität und Selbsttechnologien eröffnet und zeigt so, dass und wie er das Subjekt im Zentrum seiner historisch orientierten Forschungsarbeiten platziert. Alternativ dazu wird bei Pierre Bourdieu das Subjekt als Träger eines inkorporierten Ensembles von Dispositionen, eines Habitus, rekonstruiert, der in sozialen Feldern zur praktischen Anwendung kommt. Jacques Lacans psychoanalytisch ausgerichtete Subjektanalyse setzt demgegenüber an der Frage an, wie sich die kulturelle Formierung eines affektiven, „seine eigene Unbefriedigtheit auf Dauer stellenden Begehrens im Subjekt rekonstruieren lässt“ (21f). Lacan entwickelt dafür das Modell eines dynamischen, sich selbst fortwährend destabilisierenden Triangels von Symbolischem, Imaginärem und Realem. Bei Ernesto Laclaus Subjektanalyse zeigt sich eine Verknüpfung von Poststrukturalismus und Postmarxismus, wenn im Zentrum die Analysen der kulturellen Antagonismen bezüglich der (De-)Stabilisierung von Hegemonien stehen. Judith Butlers Analysen des Subjekts kreisen um ein Verständnis von Performativität, das aus der Sprechakttheorie weiterentwickelt wird und zugleich einige psychoanalytischen Elemente enthält. Besondere Aufmerksamkeit kommt darin den kulturellen und psychischen Prozessen der Selbstsubversion zu. Das Forschungsfeld der postcolonial studies sensibilisiert die Subjektanalyse für Rekonstruktionen der widersprüchlichen Konstitution eines kulturellen Anderen. Neue Ansätze der Kulturtheorien der Materialität analysieren das Subjekt als Korrelat von medialen Apparaturen und Artefakt-Netzwerken. Solche Perspektiven eröffnen Medientheorien von Walter Benjamin bis Friedrich Kittler wie auch die Theorien der Artefakte bei Bruno Latour. Ein letzter Ansatz zur Subjektanalyse wird von Andreas Reckwitz in Theorien (post-)moderner Subjektivitäten ausgemacht. Darin findet sich ein Überblick über neuere Vorschläge, Subjektkulturen zwischen Ästhetisierung und Ökonomisierung zu rekonstruieren.

Im letzten Hauptkapitel des Buches bündelt und verarbeitet Andreas Reckwitz Elemente einer kulturwissenschaftlichen Subjektanalyse aus den vorgestellten Konzepten und setzt so einen heuristischen Bezugsrahmen kulturwissenschaftlicher Subjektanalysen. Damit ist keine Subjettheorie intendiert, sondern ein „praxeologisch-poststrukturalistischer Katalog möglicher forschungsleitender Gesichtspunkte, die helfen können, nach Subjektformen zu suchen“ (135). Dieser Katalog, diese Clusterung möglicher Forschungsperspektiven, umfasst beispielsweise Praktiken und Codes, (textuelle und visuelle) Diskurse, Performanz, soziale Felder und Klassen, Homologien und Hegemonien, historische Kulturkonflikte, Hybriditäten, Diskontinuitäten und Intertextualitäten u.v.m.

Das Projekt kulturwissenschaftlicher Analysen von Subjektivierungsweisen weist Andreas Reckwitz als ein „interdisziplinäres Programm“ (147) aus, das aus der Kultursoziologie die Frage nach den kollektiven Mustern ‚hinter’ den individuellen Mustern entnimmt, aus der Kulturgeschichte die explizite Historisierung und Kontextualisierung einer nur scheinbar universalen Subjektivität, aus der Kulturanthropologie das Verständnis für die Partikularität sozialer Praxen sowie aus der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte/Bildwissenschaft die Frage nach der textuellen und visuellen Konstitution von Subjektivität (vgl. 147, vgl. auch 10).

Die Disziplin Erziehungswissenschaft bleibt in diesem Kontext der Kultur- und Sozialwissenschaften ungenannt. Sehr wohl finden sich immer wieder exemplarisch Forschungsperspektiven auf Bildungsdiskurse oder Erziehungsratgeber, die auf anstehende Subjektanalysen verweisen. Da auch Pädagogik modern wie postmodern immer diesseits jener Praktiken und Diskurse zu verorten ist, in denen sich Subjektformen wie Subjektordnungen bilden, scheint es mir an der Zeit zu sein, dass diese Fragen nach den Formierungen des Menschen als Subjekt auch in pädagogischen Diskursen weiter Raum greifen. Nicht zuletzt, weil keine Bildungs-, Erziehungs-, Lern- oder Lehrtheorie denkbar ist, die nicht eine Vorentscheidung über den Menschen als (wie auch immer zur Gesellschaft relationiertes) Subjekt getroffen hat. Pädagogische Einsätze auf diesem Analysefeld können den interdisziplinären Raum verändern, manchen Blick verschieben, neu fokussieren und für andere Analysefragen eröffnen. Der vorliegende Band vermag hier – erfreulicherweise – zu inspirieren, indem er sowohl Lust auf weitere Fragen, Forschungsperspektiven und Analysen macht als auch dafür eine methodisch diverse heterogene Werkzeugkiste an die Hand gibt.

Andreas Reckwitz legt so ein das Forschungsfeld und dessen Problemstellungen eröffnendes Werk vor, das keineswegs Subjektphilosophie im Verständnis moderner Subjekttheorie betreibt 1. Das Subjekt ist hier viel eher als heuristisches Schlüsselkonzept und Werkzeug, als „ein pragmatisches, modifizierbares ‚sensitizing instrument’ für materiale Analysen zu verstehen, nicht als Endpunkt einer selbstgenügsamen Theorie“ (11). Die unterschiedlichen Analysewerkzeuge, die im zweiten Hauptkapitel vorgestellt werden, erschließen sich zum Großteil auch einer selektiven Lektüre und erweisen sich so auch als einzeln studierbar. Für jene Leserinnen und Leser, die mit den Analysetheorien und -methoden bereits vertraut sind, wäre der ein oder andere Blicks auch hinsichtlich der Differenzen zwischen den verschiedenen Analyseinstrumentarien spannend gewesen. Dennoch gelingt Andreas Reckwitz durch (auch sprachliche) Achtsamkeit und Umsicht die Balance zwischen Einführung des Forschungsfeldes und Eröffnung seiner inhärenten Problemstellungen bzw. Tücken.

Insgesamt liefert das Buch eine klare Strukturierung des Terrains der Subjektanalyse. Es führt damit im besten Sinne ein, indem es auf wenigen Seiten theoretisch und methodisch komplexe Perspektiven leichtgängig pointiert und exemplarisch zeigt, welche Forschungspraxis über die unterschiedlichen Perspektiven in den Blick kommt. Über weite Strecken des Buches gelingt ein klärender Einblick in derzeit aktuelle Diskurse um Subjektanalysen, der in erstaunlich lesbarer wissenschaftlicher Sprache verfasst ist, ohne diese Lesbarkeit mit der Reduktion von Differenzen bezahlen zu müssen.

[1] Das vorliegende Buch versteht sich in diesem Sinne ergänzend zu Andreas Reckwitz Monographie: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2006.
Elisabeth Sattler (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Elisabeth Sattler: Rezension von: Reckwitz, Andreas: Subjekt. Bielefeld: transcript 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 4 (Veröffentlicht am 06.08.2008), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978389942570.html