EWR 8 (2009), Nr. 2 (März/April)

Kathrin Audehm
Erziehung bei Tisch
Zur sozialen Magie eines Familienrituals
Bielefeld: transcript 2007
(224 S.; ISBN 978-3-89942-617-5; 24,80 EUR)
Erziehung bei Tisch In ihrer Dissertationsschrift „Erziehung bei Tisch. Zur sozialen Magie eines Familienrituals“, die im Rahmen eines Teilprojektes des Berliner Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Performativen“ entstanden ist, untersucht Kathrin Audehm in ethnographischen Feldstudien die erzieherische Praxis und Wirkung eines spezifischen Familienrituals: das gemeinsame Essen. Die Frage, wie sich Erziehung in und durch Familienrituale vollzieht, stand bislang nicht im Fokus erziehungswissenschaftlicher Untersuchungen, sodass Audehm mit ihrem Buch einen interessanten Beitrag zu einem noch wenig beachteten Forschungsfeld leistet.

Die Dissertationsschrift lässt sich in drei Teile gliedern, wobei sich der erste vorwiegend der Abgrenzung der Rituale von Gewohnheiten und Routinen widmet, indem konstitutive Momente der rituellen Praxis herausgearbeitet werden. Im zweiten Teil skizziert die Autorin ihre Forschungsmethode und im dritten, umfangreichsten Teil schildert sie detailliert die ethnographischen Befunde des Tischrituals am Beispiel dreier ausgewählter Familien.

Erziehung versteht Audehm in Anlehnung an Pierre Bourdieus Habitustheorie als „diejenigen Handlungspraktiken, die Bedingungen schaffen, die Menschen in die Lage versetzen, ein bestimmtes Handeln und Verhalten zu entwickeln, zu dem sie grundsätzlich in der Lage sind bzw. dessen Voraussetzungen sie bereits besitzen“ (53). Wie sich die familiäre Erziehungspraxis im Ritual genauer vollzieht, untersucht Audehm, indem sie der Frage nachgeht, wie sich im Ritual die Familie als eine Einheit in der Differenz inszeniert. Wie wird im Ritual die familiäre Gemeinschaft und zugleich auch die asymmetrische Beziehung zwischen den Generationen, die Anfragen und Verschiebungen ausgesetzt ist, symbolisiert und anerkannt; wie werden Differenzen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern dargestellt und im Ritual bearbeitet?

Dabei ist es Audehm wichtig, die Vorgänge bei Tisch zunächst überhaupt als Tischritual auszuweisen und von familiären Gewohnheiten oder Routinen abzuheben. Das familiäre Tischritual zeichnet sich durch sein darstellendes Verhalten aus, das Gemeinschaftlichkeit in den Praktiken herstellt und zugleich symbolisiert. Zugleich besteht dieses Ritual, so Audehm, aus verschiedenen Handlungskomplexen, die aufeinander aufbauen und sich in ihrer Verwobenheit von Gewohnheiten und Routinen abheben. Das Tischritual zeichnet sich durch einen expliziten Wechsel der Handlungsebene, der Umstellung der individuellen auf eine kollektive Zeit aus, die zugleich von einem rituellen Entschluss begleitet wird, dieses Ritual zu vollziehen, durch den bestimmte Handlungsverläufe aus dem Alltag herausgehoben werden. Durch dieses Wissen um den Beginn einer rituellen Darstellung ist die Voraussetzung für ein darstellendes Handeln gegeben, das sich durch formalisierte Komponenten auszeichnet. Tischrituale sind nicht nur kodifiziert, normativ und präskriptiv, sondern weisen zugleich eine Unveränderlichkeit in der Abfolge der Speisen, der Gespräche, der Sitzordnung etc. aus, wodurch das Tischritual zum Mittel wird, Gemeinschaftlichkeit darzustellen und es zugleich alle Beteiligten zu Mitgliedern der Familie macht und sie verpflichtet, sich auch als solche zu verhalten. Nicht zuletzt zeichnet sich das Tischritual auch durch das Zusammenspiel von Transzendenz und Transformation aus, das in der Ritualforschung immer wieder hervorgehoben wird. Audehm erklärt das Ineinandergreifen von Transzendenz und Transformation im Rückgriff auf Bourdieus Auffassung des Performativen, womit die Autorin zugleich begründen kann, weshalb für sie die Sprache im und des Rituals, entgegen so mancher Ritualtheorie, nicht in einer kodierten Formelhaftigkeit aufgeht. Die performative Magie zeigt sich für Bourdieu in Einsetzungsriten, in denen Akteuren eine bestimmte Identität und damit einhergehend auch eine bestimmte (neue) soziale Position zugewiesen wird. „Die äußere, höhere und heilige Institution [...] entfaltet erst mit der realen Veränderung der eingesetzten Personen – ihrer Transformation – eine rituelle Wirkung“ (43). Dabei vermag das Ritual nur zu wirken, wenn die Teilnehmenden die es durchführenden Autoritäten und die in ihm erzeugten Werte und Normen anerkennen, was zugleich den habituellen Glauben an das Ritual impliziert.

Erziehung und Rituale greifen nach Audehm insofern ineinander, als sie die gleiche Struktur aufweisen. Sie formieren durch Adressieren. Wer als etwas oder jemand angesprochen wird, passt sich früher oder später den in den Adressierungen mitgeführten Vorstellungen an. Ein spezifischer Erziehungsstil, der sich in der rituellen Praxis zeigt, bringt einen entsprechenden Habitus und zugleich damit auch einen entsprechenden Glauben an das Ritual hervor, sodass die Familienmitglieder durch die Befolgung der im familiären Raum vollzogenen rituellen Praxen aller erst zu ‚wirklichen‘ Mitgliedern der Familie werden.

Die verbalen und nonverbalen Adressierungen untersucht Audehm am Beispiel dreier Familien der mittleren Bildungsschicht, sodass diese sich hinsichtlich ihres Bildungs- und Sozialstatus ähneln. Die Auswahl dieser relativ homogenen Familien erwies sich als durch die Rahmenbedingungen des Projektes der Kulturen des Performativen bedingt, dessen Mittel- und Ausgangspunkt eine reformpädagogische Grundschule bildete.

Die Schwierigkeit ethnographischer Feldforschung, darauf weist Audehm immer wieder hin, verlangt der Forscherin eine Verfremdung des eigenen Verstehens und Wissens und zugleich einen verstehenden Nachvollzug ab, sodass sie sich gleichsam in einem Zwischenbereich bewegt, der immer wieder eine kritische Reflexion verlangt, bei der sich Audehm vor allem auf die dokumentarische Methode und Einsichten aus teilnehmender Beobachtung stützt. Erlaubt es die dokumentarische Methode, die Genese des sprachlichen Sinngehalts der Handlungspraxis und somit den Prozess des Vollzuges und der Strukturierung ritueller Praktiken nachzuvollziehen, ermöglicht die teilnehmende Beobachtung eine Aufmerksamkeit auf die körperlichen Praktiken und szenischen Arrangements.

Das Interessante an Audehms Untersuchungen sind die feinen Unterschiede zwischen den relativ homogenen Familien, die alle an der Hervorbringung und Kultivierung eines ihrem gemeinsamen Milieu entsprechenden Habitus „arbeiten“. Die Differenzen werden in voneinander abweichenden Erziehungsstilen sichtbar, in denen ein spezifisches ethos der Eltern zum Ausdruck kommt. In der ersten Familie verkörpern die Eltern ein protestantisches Bildungsideal, das im Familienritual als Bildungsprogramm, „als Aufgabe und Leistung in Szene gesetzt“ (140) wird. Über den Umgang mit spezifischen Dingen und die Einflussnahme auf die Gesprächsthemen wird das Generationenverhältnis als ein hierarchisches inszeniert, das die im- und expliziten Regeln des Rituals absteckt. Dadurch eröffnet sich ein Spielraum, in dem sich ein asketisch-spielerischer Erziehungsstil zeigt, der besonders an der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit des Nachwuchses arbeitet. Die Erziehung der zweiten Familie zeichnet ein disziplinierend-ermunternder Erziehungsstil aus, der der elterlichen Disposition Rechnung trägt, innerhalb normativer institutioneller Rahmenbedingungen Spielräume für eigene Vorstellungen und Wünsche zu suchen und zu nutzen. Die pädagogische Generationendifferenz wird innerhalb des Rituals weitgehend aufgelöst und nur dann als eine asymmetrische inszeniert, wird der normative Rahmen des Rituals überschritten. Im Ritual selbst wird zur „Ausbildung lustbetonter Selbsttechniken“ (203) erzogen, die sich in der Freude am Erzählen, Diskutieren und Erklären zeigen, wobei jedes Familienmitglied als kompetenter Diskurspartner angesprochen und zur individuellen Mitgestaltung des Rituals aufgefordert wird. In der dritten Familie dient die rituelle Praktik vorwiegend als Entspannung und Entlastung von alltäglichen Verrichtungen, sodass das Generationenverhältnis als ein scheinbar antigeneratives inszeniert wird. Implizit zeigt sich ein Erziehungsstil, der auf der diskursiven Macht beruht, den Nachwuchs auf bestimmte Kompetenzen hin anzusprechen und zu verpflichten, die allerdings nicht der Durchführung des Rituals, sondern der gemeinsamen Gestaltung des Familienalltags dienen.

Das Buch von Kathrin Audehm ist sicher nicht nur für Bourdieu-Interessierte lesenswert. Während die detaillierten Analysen einerseits einen Einblick in die Wirkweise der rituellen Hervorbringung eines spezifischen Habitus gewähren, sind sie andererseits doch etwas weitschweifig und ausufernd. Eine Ambivalenz, die der Mikroanalyse des Rituals geschuldet ist.
Christiane Deibl (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christiane Deibl: Rezension von: Audehm, Kathrin: Erziehung bei Tisch, Zur sozialen Magie eines Familienrituals. Bielefeld: transcript 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 2 (Veröffentlicht am 27.03.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978389942617.html