EWR 12 (2013), Nr. 2 (März/April)

Marcel Naas
Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln
Zürich, Bern, Luzern (1800-1850)
Göttingen: V&R unipress 2012
(403 S.; ISBN 978-3-89971-975-8; 49,90 EUR)
Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln Im Fokus der Dissertation von Marcel Naas steht die exemplarische Analyse der didaktischen Konstruktion des Kindes in den Kinderbibeln dreier Schweizer Kantone (Zürich, Bern und Luzern) für den Zeitraum von 1800 bis 1850. Dabei werden die analysierten Kinderbilder sowohl im innerkantonal diachronen Wandel als auch interkantonal vergleichend für den genannten Zeitraum dargestellt und die Ergebnisse im Zusammenhang mit dem zeithistorischen Kontext betrachtet.

Nach einer Einleitung, die bereits die defizitäre Forschungslage andeutet, wird in gründlicher und überzeugend strukturierter Form der Forschungsstand zum Thema Kinderbibelforschung dargestellt (Kapitel 2). Hierbei spielen sowohl die Geschichte der Kinderbibelforschung als auch Themenfelder kontemporärer Forschungen eine Rolle. Erfreulich und bereichernd wäre darüber hinaus aufgrund der interdisziplinären Ausrichtung des Projektes (11) und des thematischen Fokus auf die didaktische Konstruktion der Kinder eine ergänzende Auseinandersetzung mit bereits vorhandenen Untersuchungen über Kinderbilder gewesen (s. „childhood studies“, „sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung“). Einige hierfür relevante Publikationen werden jedoch an anderer Stelle der Arbeit exemplarisch und in einem anderen Zusammenhang genannt (Kapitel 9).

In Anknüpfung an eine ausführliche Darstellung der Kinderbibelentwicklung vor dem 19. Jahrhundert anhand bereits vorhandener Studien (Kapitel 3) findet eine gründliche, definitorische Auseinandersetzung mit dem Schüsselbegriff der „Kinderbibel“ statt (Kapitel 4). Ausgehend von der kontrastierenden Gegenüberstellung verschiedenster definitorischer Ansätze, die Lexika unterschiedlicher Disziplinen entnommen wurden, wird für das Projekt eine prinzipiell weite Definition gewählt, die alle Gattungen umfasst und zwischen Kinder- und Schulbibel wie auch biblischer Erzählung nicht differenziert (76). Später erfolgt jedoch aus forschungspragmatischen Gründen trotzdem eine Reduktion der analysierten Kinderbibeln auf solche, die „auch als Lehrmittel an Züricher, Berner oder Luzerner Schulen gebraucht wurden“ (80).

Der zweite Schlüsselbegriff der „didaktischen Konstruktion des Kindes“, oder wie später herausgestellt wird, das „rekonstruierbare, implizite Bild des Kindes“ (83), erfährt im Vergleich zur Auseinandersetzung mit der definitorischen Annäherung an die „Kinderbibel“ eine relativ vage Umreißung, die auf die Grundfragen „Was ist das Kind?“ und „Wie lernt das Kind?“ (81f) zugespitzt wird (Kapitel 5). Auch die im Anschluss aufgeführten didaktischen Fragen, die „zur Rekonstruktion des Kindbildes“ (82) dienen sollen, konkretisieren das Begriffsverständnis weniger, als dass sie auf mehreren Ebenen weitere, teilweise in der eigentlichen Untersuchung wenig berücksichtigte Fragen aufwerfen (82f). Im Anschluss an diese definitorischen Setzungen zur „Kinderbibel“ und zur „didaktischen Konstruktion des Kindes“ wird als zentrale Forschungsfrage formuliert: „Welche implizite didaktische Konstruktion des Kindes findet sich in Kinderbibeln, die in der Schweiz publiziert und in Züricher, Berner und Luzerner Schulen zwischen 1800 und 1850 verwendet wurden?“ (80). Die ergänzend genannten Teilforschungsfragen konzentrieren sich entsprechend der methodologischen Fundierung der Untersuchung durch die intellectual history sowohl auf das Kinderbild als auch auf die Bildungskontexte, fungieren aber eher als grobe Orientierung für das weitere Vorgehen und nicht als Vorgabe für dezidiert erhobene Teilaspekte (81).

Methodisch umgesetzt wird die Untersuchung durch eine als „kontextuelle Textanalyse“ (83) bezeichnete Vorgehensweise. Zudem findet im methodischen Kapitel eine weitere, bedeutende thematische Fokussierung statt, da sich aus der „konkrete[n] Arbeit an den Quellen“ (84) ergeben hat, dass zur Analyse der impliziten Bildes des Kindes nur „die Analyse des didaktischen Aufbaus […] der Kinderbibeln“, der „Umgang mit Sünde und Moral“ und der „Umgang mit dem Übernatürlichen, Widersprüchlichen und der Implementation von wissenschaftlichem Wissen“ (85) herangezogen wird. Diese Reduktion ist sicherlich sinnvoll und eröffnet – wie die im weiteren Verlauf dargestellten Ergebnisse belegen – interessante Erkenntnisse in den angeführten Kategorien. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob durch diese Maßnahme in Orientierung an den ursprünglichen definitorischen Setzungen noch der didaktischen Konstruktion des Kindes im Generellen nachgegangen wird. Als Abschluss der theoretischen Fundierung der Untersuchung wird der sorgfältig zusammengestellte Quellenkorpus als Basis der Datenerhebung hinsichtlich der Fokussierung auf zwei reformierte Kantone (Zürich, Bern) und stellvertretend einen katholischen (Luzern) wie auch bezogen auf die Auswahlkriterien für die einzelnen, deutschsprachigen Kinderbibeln überzeugend begründet. Im Gesamten hätte der Teil der „Präzisierung der Fragestellung, Methode und Quellenauswahl“ (Kapitel 5) vielleicht einer weiteren Konturierung und Zuspitzung auf das tatsächlich Erhobene bedurft. Ungeachtet dessen belegen bereits diese Schilderungen der theoretischen Basis des Projekts die äußerst gründlichen und umfassenden Recherchen, die der Untersuchung zugrunde liegen und im umfänglichen Anhang dokumentiert sind.

Die eigentlichen Untersuchungsergebnisse werden ausführlich und in leserfreundlicher Manier parallel strukturiert kantonweise dargestellt (Kapitel 6 bis 8). Im Rahmen der Dateninterpretation erfolgt pro Kanton zuerst im Sinne einer Kontextualisierung die Darstellung schulgeschichtlicher Entwicklungen innerhalb des Untersuchungszeitraumes und wichtiger Hintergrundinformationen zu den Kinderbibeln, bevor dann die didaktische Konstruktion des Kindes anhand der o.g., ausgewählten Aspekte abgehandelt und mit Hilfe eines abrundenden Fazits, das wichtige Tendenzen innerhalb der Kinderbibeln des jeweiligen Kantons herausstellt, auf zentrale Aussagen konzentriert wird. Ohne auf die Fülle der Erkenntnisse im Detail einzugehen, fällt als höchst positive Grundtendenz der Dateninterpretation auf, dass die Ergebnisse konsequent im Verhältnis zum zeithistorischen Kontext betrachtet und damit wichtige, informative Erklärungsmuster rekonstruiert werden. Einschränkend ist anzumerken, dass aufgrund der Vielschichtigkeit der Erkenntnisse und vielleicht auch wegen der vagen Definition der „didaktischen Konstruktion des Kindes“ (s.o.) die Daten gelegentlich nur in einem indirekten Bezug zum in der Untersuchung zentralen Kindbild stehen (bspw. Aussagen über das Menschenbild im Allgemeinen, Darstellung des erwarteten Lehrerhandelns), was direkt auf die Vorstellungen über das Kind referenzierende Rückschlüsse passagenweise etwas erschwert.

Das abschließende Fazit der Untersuchung fasst gut strukturiert und in aller Kürze die wichtigsten Erkenntnisse zusammen (Kapitel 9). Dabei werden sowohl interkantonal parallele, diachrone Wandlungsprozesse als auch Differenzen zwischen allen Kantonen bzw. speziell den protestantischen und katholischen durch einprägsame Zwischenüberschriften markant gekennzeichnet dargestellt. Außerdem erfolgt als gelungener Abschluss die Einordnung der Untersuchungsergebnisse in bisherige Forschungen über Kinderbilder, die im Zusammenhang mit dem hier untersuchten Zeitraum stehen.

Insgesamt trägt die Dissertation von Marcel Naas sicherlich mehr als „nur einen Mosaikstein […] zum deutlicheren Bild des Kindes des 19. Jahrhunderts“ (332) bei. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuell interdisziplinär betriebenen Auseinandersetzung mit Kinderbildern in verschiedenen Zeiträumen und Quellenkorpora und liefert spannende Einblicke in die Entstehungszusammenhänge der analysierten, didaktischen Konstruktionen des Kindes. Dass dabei im Laufe der Untersuchung gelegentlich der zentrale Untersuchungsfokus in verschiedene Richtungen erweitert, an anderer Stelle dann jedoch auch wieder eingeengt wird, ist eher eine Sache einer vielleicht stringenter formulierbaren, theoretischen Fundierung des Projektes und tut dem eigentlichen Erkenntnisgewinn des Lesenden keinen Abbruch. Somit stellt die Publikation eine höchst empfehlenswerte Lektüre dar, die die Komplexität des zugrundeliegenden Forschungsansatzes über weite Strecken souverän gemeistert hat.
Michaela Vogt (Würzburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michaela Vogt: Rezension von: Naas, Marcel: Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln, Zürich, Bern, Luzern (1800-1850). Göttingen: V&R unipress 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.04.2013), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978389971975.html