EWR 8 (2009), Nr. 6 (November/Dezember)

Tim Rohrmann
Zwei Welten?
Geschlechtertrennung in der Kindheit
Opladen & Farmington Hills: Budrich 2008
(426 S.; ISBN 978-3-940755-14-8; 42,00 EUR)
Zwei Welten? Tim Rohrmanns Studie „Zwei Welten? – Geschlechtertrennung in der Kindheit“ legt aktuelle Ergebnisse zum Verhalten von Mädchen und Jungen in Institutionen der Elementar- und Primarbildung vor. Der Autor analysiert Voraussetzungen, Funktionen, Chancen und Probleme der Bildung geschlechtshomogener (Spiel-)Gruppen von Kindern im Kleinkind- und Grundschulalter vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes. Rohrmanns empirische Studie beinhaltet Gruppendiskussionen im Experten/innenkreis und deren Analyse im Kontext des wissenschaftlichen Diskurses. Durch die Präsentation seiner Forschungsergebnisse gelingt Rohrmann eine Erweiterung vorherrschender Perspektiven auf Geschlechtertrennung in der Kindheit.

Das große Verdienst dieses Buches ist seine interdisziplinäre und differenzierte Betrachtungsweise. Über die Vorstellung ethnographischer Studien und die Sekundäranalyse bereits vorliegender Arbeiten aus Psychologie und Genderforschung bis zur Auswertung eigener Forschungsergebnisse verdeutlicht der Autor die Uneindeutigkeit sowohl im Verhalten der Kinder bezogen auf Geschlechtertrennung als auch bezogen auf dessen Bewertungsschemata. In Ergänzung zu einer großen Studie Maccobys aus dem Jahre 2000, die Geschlechtertrennung in der Kindheit als generelle Tendenz beschreibt, führt Rohrmann neue Ergebnisse an, die sowohl die Durchlässigkeit der Jungen- und Mädchengruppen hin zu geschlechtergemischtem Spiel darstellen als auch die Kontextabhängigkeit der Entstehung geschlechtshomogener Gruppen betonen. Im Gegensatz zu Maccoby misst der Autor der familiären Sozialisation besonders im sehr jungen Alter eine entscheidende Bedeutung bei. Um diese These zu untermauern, bezieht Rohrmann aktuelle Forschungsergebnisse zur familiären Arbeitsteilung und zur Väterforschung in seine Argumentation ein. So seien Erfahrungswelten sehr junger Kinder in der Kinderkrippe, im Kindergarten oder in der Kernfamilie von Geschlechtertrennung weit mehr geprägt als von einem geschlechtsneutraleren Miteinander, wie es in erwachsener Erwerbsarbeit vorkomme.

Das Buch stellt nach eigener Aussage eine Neuorientierung der Auseinandersetzung mit geschlechtsbezogenen Fragen dar. Rohrmann bezeichnet die Kernuntersuchung als Linse, durch die die Genderthematik betrachtet wird. „Gegenstand der empirischen Studie war zum einen eine Einschätzung des vorliegenden Wissensstandes zum Thema Geschlechtertrennung, zum anderen eine Analyse von Fachdiskursen und kollektiven Orientierungsmustern von ExpertInnen im Bereich der geschlechtsbezogenen Forschung und Pädagogik.“ (326). In den dargestellten Befragungen der Experten/innen wird deutlich, dass das pädagogische Personal die entscheidende Bedeutung der geschlechtergetrennten Spielgruppen für die Kinder selbst betont. Gleichzeitig wird herausgestellt, dass die positiven Effekte der selbst gewählten Geschlechtertrennung bisher zu wenig fokussiert würden.

Die vom Autor befragten Experten und Expertinnen interpretieren die Bildung geschlechtshomogener Gruppen als selbst gewähltes, aber kontextabhängiges Verhalten. Jedoch werden übergeordnete Strukturen als Begründung vernachlässigt. Pädagogische Interventionen werden für nötig und richtig befunden, um eine Erweiterung der Verhaltensoptionen beider Geschlechter zu erreichen. Allerdings finden die Befragten in der alltäglichen Praxis nur wenig Möglichkeit, die Bildung der Spielgruppen zu beeinflussen. Rohrmann belegt, dass die Voreinstellungen der Erzieher/innen häufig die Perspektive bestimmen, aus der geschlechtsbezogenes Verhalten der Kinder betrachtet wird und somit argumentative Zirkelschlüsse entstehen, die die „mitgebrachte Sichtweise“ bestätigen.

Alle interviewten Personen geben „Jungenthemen“ mehr Raum als denen der Mädchen. Rohrmann interpretiert dieses Verhalten als Abbildung des aktuellen Benachteiligungsdiskurses um Jungen im allgemein bildenden Schulsystem. Um auf mehr Geschlechtergerechtigkeit hinzuwirken, seien Selbstreflexionsfähigkeit und Genderkompetenzen der pädagogisch Tätigen als relevante Bestandteile pädagogischer Professionalität anzusehen.

Die sich ergebenden Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung pädagogischen Personals schildert Rohrmann eindrücklich, vor allem vor dem Hintergrund der Funktionen, die der Bildung geschlechtshomogener Gruppen zugeschrieben werden. So finden Kinder in geschlechtergetrennten Gruppen einerseits einen Schutz- und Orientierungsraum besonders in neuen Situationen, in dem sie ungestört miteinander Spaß haben können. Daneben begünstigen diese Gruppen die Identitätsentwicklung sowie die Entstehung einer geschlechtsgebundenen Solidarität. Allerdings können als negative Funktionen das Erlernen oder zumindest Verstärken geschlechtsstereotyper Verhaltensweisen genannt werden und das Einüben der vorhandenen Geschlechterhierarchie. Letzteres mache sich bereits früh durch Konflikte zwischen Mädchen und Jungen und durch eine Dominanz der Jungen bemerkbar, so ein Ergebnis der Gruppendiskussionen.

Für Pädagogen und Pädagoginnen sind die Ergebnisse Rohrmanns von großer Bedeutung. Vor allem die Forderung nach selbstreflexiver, interdisziplinärer Forschung betont die Relevanz eines veränderten Blickwinkels sowohl für theoretische Konzeptionen als auch die praktische Arbeit. Zu den Kontextfaktoren, die die Bildung geschlechtshomogener Gruppen beeinflussen, gehören neben den institutionellen und situativen Bedingungen die pädagogischen Grundhaltungen und Bildungskonzepte des pädagogischen Personals. Wie sehr die eigenen Voreinstellungen und verwendeten Konzepte die pädagogische Arbeit prägen, sei ein analytisches Forschungsdesiderat, das auch zur aktuellen Benachteiligungsdebatte um Jungen im allgemein bildenden Schulsystem fundierte Argumente beitragen könne, so Rohrmann.

Als Beispiel für eine offene Forschungsfrage in diesem Kontext führt der Autor an, dass zur Bedeutung geschlechtshomogener Gruppen für sprachliches Interesse empirische Belege bisher fehlen, dass aber die Annahme, insbesondere in Jungengruppen sei ein Mangel an sprachlichem Interesse festzustellen, die öffentliche Diskussion präge. Die Bedeutung geschlechtshomogener Gruppen für die geschlechtsspezifische Sozialisation und die Entstehung von Vorlieben und Interesse sei von der Forschung also mehr als bisher in den Blick zu nehmen.

Ebenso unklar ist nach Rohrmann die Art der Bedeutung des Geschlechts der betreuenden Personen. Zwar sieht der Autor durch mehrere der dargestellten Studien die Relevanz des Geschlechts der Betreuer/innen für das Verhalten von Jungen und Mädchen sowie die Qualität der Bindungen belegt. Auch seien die Strukturen, die in der nahen Erwachsenenwelt vorzufinden sind, Vorbilder für das Spiel der Kinder in Gleichaltrigengruppen. Aber ob eine gleichberechtigte Zusammenarbeit beider Geschlechter zu mehr gemischtgeschlechtlichen Spielgruppen führe, ist nach Rohrmann eine Forschungsfrage, die sich über Modellprojekte in Kindertagesstätten und Grundschulen beantworten ließe.

Rohrmanns Fazit, dass die Geschlechtertrennung in der Kindheit einen Kristallisationspunkt der geschlechtsbezogenen Entwicklung und Sozialisation darstelle, aber weder naturgegeben noch zwangsläufige Folge kognitiver Entwicklung sei, ist aufgrund der dargestellten Ergebnisse und Argumentationslinien sehr gut nachvollziehbar und schlüssig belegt. Rohrmann stellt die Diskussion um geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede auf eine breite argumentative Basis, die ein deutliches Plädoyer für mehr unvoreingenommene und vor al¬lem interdisziplinäre Forschung in sich trägt. Darüber hinaus gelingt die Darstellung einer reflektierten pädagogischen Praxis, die auf solche Forschungsergebnisse angewiesen ist und diese nutzen möchte. Die vielschichtige Betrachtungsweise und die Hervorhebung der immer noch zahlreich vorhandenen Forschungsdesiderate zum Thema Geschlechtertrennung und geschlechtsspezifischen Verhaltens machen dieses Buch zu einer wichtigen Lektüre für pädagogisch arbeitende Personen und zu einer Anregung, weiter und intensiv am Thema zu forschen. Eindrücklich gelingt auch die Betonung, dass in der Struktur, wie Kinder sie in der Gesellschaft, in der Familie und in der pädagogischen Einrichtung vorfinden, sowohl Antworten als auch Ankerpunkte für eine Veränderung des immer noch hierarchischen Geschlechterverhältnisses liegen könnten, die insbesondere für das Feld der Politikberatung genutzt werden können.
Ilka Benner (Gießen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ilka Benner: Rezension von: Rohrmann, Tim: Zwei Welten?, Geschlechtertrennung in der Kindheit. Opladen & Farmington Hills: Budrich 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978394075514.html