EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Eveline Wuttke / Klaus Beck (Hrsg.)
Was heisst und zu welchem Ende studieren wir die Geschichte der Berufserziehung?
Beiträge zur Ortsbestimmung an der Jahrhundertwende
Opladen & Farmington Hills: Budrich Unipress 2010
(229 S.; ISBN 978-3-940755-55-1; 28,00 EUR)
Was heisst und zu welchem Ende studieren wir die Geschichte der Berufserziehung? Manchmal ist es ein schwieriges Unterfangen, Sammelbände und Festschriften zu rezensieren, denn oft fehlt der rote Faden und die Beiträge behandeln oft ohne eine gemeinsame Fragestellung unterschiedliche Gegenstände. Anders verhält es sich mit dem Band „Was heisst und zu welchem Ende studieren wir die Geschichte der Berufserziehung?“ Er versammelt zwar Beiträge von unterschiedlicher Qualität namhafter Autoren und Autorinnen aus dem Bereich der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, doch hat der Band ein klares, durch den Titel vorgegebenes Konzept. Gleichzeitig ist er eine Festschrift für Manfred Horlebein anlässlich seines Ausscheidens aus dem Amt eines Professors für Wirtschaftspädagogik an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt. Da ihn ein historiographisches Interesse auszeichnet und er zur Geschichte der kaufmännischen Berufserziehung in Deutschland geforscht und publiziert hat, verbinden sich die Zielsetzungen Würdigung der akademischen Tätigkeit von Manfred Horlebein und Bestimmung von Sinn, Zweck und Ort der historischen Berufsbildungsforschung aufs Beste. Der Titel des Bandes ist dabei eine Abwandlung des Titels der Vorlesung, mit welcher Friedrich Schilller seine Tätigkeit an der Jenaer Universität 1789 antrat und darin sein Konzept des Studiums der Universalgeschichte vorstellte [1].

Die Geschichte der Berufserziehung ist keine Universalgeschichte, doch kann die historische Berufsbildungsforschung grundlegende Fragen für das Selbstverständnis der Disziplin der Berufs- und Wirtschaftspädagogik klären. Sie kann aber insbesondere auch aktuelle Problemlagen und Herausforderungen für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik aus einer historischen Perspektive beleuchten und damit Orientierungs-, Interpretations- und Verstehenshilfen bieten, wie dies verschiedene der Beiträge demonstrieren.

Thomas Deissinger verweist so darauf, dass die „Europäisierung“ der Berufsbildung im Rahmen der Einführung des Europäischen Qualifikationsrahmens auf je unterschiedliche, kulturell geprägte Berufsbildungssysteme trifft, was zu Adaptionsproblemen führt. Historisch-vergleichend werden dabei die nationenspezifischen Entwicklungen der Berufsbildungssysteme von Großbritannien und Deutschland in den Blick genommen und auf die Begrenzungen der Beeinflussbarkeit nationenspezifscher Traditionen von außen verwiesen.

Ein anderes Beispiel für dieses Argument für die historische Berufsbildungsforschung gibt der Beitrag von Günter Pätzold und Julia von Burg mit einer historisch-systematischen Analyse des Konzepts von beruflicher Arbeit. Sie stellen fest, dass sich das Verständnis von Beruf und Arbeit gewandelt hat und sich basierend auf diesem Wandel heute die Frage stellt, inwiefern das Berufsprinzip „als Orientierung in der modernen, permanent sich wandelnden Arbeitswelt und angesichts der in diesem dynamischen Prozess eingebetteten Veränderung von Tätigkeitsstrukturen und Berufsmustern (noch) Gültigkeit beanspruchen kann” (161).

Explizit oder implizit nehmen diese und andere Beiträge des Bandes von Alfons Backes-Haase, Philipp Gonon, Antonius Lipsmeier, Ingrid Lisop und Karlheinz Fingerle für ihre Geschichtsschreibung dabei Bezug auf das Prinzip der „Gegenwartsbedeutsamkeit“, wie es Jürgen Zabeck in seiner „Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie“ formliert hat [2]. Das Prinzip besagt, dass das historisch Gewordene nur in Bezug zur Gegenwart besteht, und auch nur von der Gegenwart aus historisch rekonstruiert werden kann. Jürgen Zabeck exemplifiziert in seinem Beitrag zum Band, was unter einer kritischen Geschichtsschreibung in Anlehnung an Friedrich Nietzsches Schrift „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ zum Gegenstand der Institutionalisierung der Berufserziehung zu verstehen ist [3]. Zabecks Beitrag spricht damit einer theoretisch und methodisch anspruchsvollen Historiographie der Berufserziehung das Wort und scheint, wie der gesamte Band, davon Zeugnis abzulegen, dass die historische Berufsbildungsforschung lebendig ist.

Allerdings verweisen verschiedene der Beiträge darauf, dass trotz der Verankerung der Historiographie oder historischer Fragestellungen im Curriculum des Studiums der Berufs- und Wirtschaftspädagogik die historische Berufsbildungsforschung einen schweren Stand hat. Holger Reinisch zeigt etwa, wie historiographische Schriften aus dem Bereich des kaufmännischen Bildungswesens früher dazu dienten, die Reputation des Fachs zu befördern und damit einen Beitrag zur Bildung der wissenschaftlichen Disziplin leisteten. Heute allerdings, nachdem sich die Berufs- und Wirtschaftspädagogik als wissenschaftliche Disziplin etabliert hat, werde die Reputation vielmehr durch Drittmitteleinwerbung oder Publikationen in internationalen Fachjournalen hergestellt. Deshalb müsse sich die Historiographie der Berufs- und Wirtschaftspädagogik auf ihre innerdisziplinäre Aufgabe besinnen, nämlich zur Vergewisserung der Identität der Disziplin einen Beitrag zu leisten.

Wolf-Dietrich Greinert schlägt in seinem Beitrag in die gleiche Bresche und konstatiert, dass die historischen Bestandteile in den berufs- und wirtschaftspädagogischen Studiengängen abgewickelt werden. Gegen diese Tendenz bringt er eine sozialhistorisch angelegte Analyse in Anschlag, die unter anderem aufzuzeigen vermag, weshalb Reformen des Berufsbildungswesens in Deutschland auf Widerstände stoßen.

Am weitesten im Konstatieren von Missständen geht allerdings Hanns-Peter Bruchhäuser, der in seinem Beitrag gleich einen Nachruf auf die historische Berufsbildungsforschung verfasst. Das Selbstverständnis der Berufs- und Wirtschaftspädagogik führte zur nicht vorhandenen Legitimität historischen Arbeitens in der Disziplin. Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik entstand nämlich gegen die Geschichte, gegen die deutsche Bildungstradition mit ihrer Betonung von zweckfreier Bildung gegenüber bloßem Utilitarismus. Deshalb ging die Berufs- und Wirtschaftspädagogik andere Wege der Selbstvergewisserung und orientierte sich an ihrer didaktischen Bezugsdisziplin der Betriebswirtschaftslehre. Auch die historischen Arbeiten zur gewerblichen Berufserziehung vermochten keine Einheit zu stiften und wurden in der Auseinandersetzung zwischen der Berufs- und der Wirtschaftspädagogik aufgerieben. Obwohl die Aussichten der historischen Berufsbildungsforschung prekär seien, formuliert Bruchhäuser – ungewöhnlich für eine Grabesrede – Erkenntnispotenziale und Forschungsdesiderata einer historischen Berufsbildungsforschung. Die Geschichte des Bildungsbegriffs könne erforscht und damit die Berufspädagogik bildungstheoretisch begründet werden, womit die historische Berufsbildungsforschung innerhalb der Disziplin Legitimität erhielte, indem sie wissenschaftliche Legitimität für die Disziplin stifte.

Mit Bruchhäusers Beitrag hätte man den Band auch betiteln können: Die historische Berufsbildungsforschung ist tot – Lang lebe die historische Berufsbildungsforschung. Um weiterleben zu können, bedarf die Historiographie der Berufsbildung im deutschen Sprachraum allerdings auch der Orientierung nach außen und des konsequenteren Einbezugs von fachfremden methodischen Konzepten, etwa aus den Geschichtswissenschaften oder der Politologie, was im Band teilweise nicht berücksichtigt wird. Es leuchtet nämlich nicht ein, dass die Historiographie der Berufsbildung allein und vor allem der Selbstvergewisserung der Disziplin der Berufs- und Wirtschaftspädagogik und damit der Binnenlegitimierung dienen soll und damit gewissermaßen auf sich selbst bezogen bleibt. Indem die Historiographie der Berufsbildung konsequent über den Tellerrand der Berufs- und Wirtschaftspädagogik blickte und die Außenbeziehungen zu Geschichtswissenschaften und Politologie suchte, könnte sie selbstbewusst zeigen, auf welchen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen die Etablierung und Entwicklung von Berufsbildungssystemen beruht und welche gesellschaftlichen Probleme mit und durch die Berufserziehung gelöst wurden. Historisch selbstbewusst könnte die Berufs- und Wirtschaftspädagogik damit gewissermaßen auf ein historisch gewordenes Lösungspotenzial verweisen, das auf andere wissenschaftliche Disziplinen und gesellschaftliche Teilbereiche verweist.

[1] Schiller F.: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische Antrittsrede. In: Schillers sämmtliche Werke 10. Band. Stuttgart und Tübingen: Verlag der JG Cotta’schen Buchhandlung 1789/1836, 414-442.

[2] Zabeck J.: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie. Paderborn: Eusl 2009.

[3] Nietzsche F: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: Ders.: Unzeitgemässe Betrachtungen. Leipzig: Kröner, 95-195.
Hans Jakob Ritter (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Hans Jakob Ritter: Rezension von: Wuttke, Eveline / Beck, Klaus (Hg.): Was heisst und zu welchem Ende studieren wir die Geschichte der Berufserziehung? , Beiträge zur Ortsbestimmung an der Jahrhundertwende. Opladen & Farmington Hills: Budrich Unipress 2010. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978394075555.html