EWR 16 (2017), Nr. 5 (September/Oktober)

Manfred Berger
Geschichte des Kindergartens
Von den ersten vorschulischen Einrichtungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kindertagesstätte im 21. Jahrhundert
Frankfurt: Brandes & Apsel 2016
(223 Seiten; ISBN 978-3-95558-183-1; 19,90 EUR)
Geschichte des Kindergartens Warum, mag man sich zunächst fragen, wird erneut eine Geschichte des Kindergartens veröffentlicht? Bieten die bislang rekonstruierten und durchaus umfassenden ‚Geschichten‘ frühpädagogischer Institutionen von Jürgen Reyer [1], von Günther Erning, Karl Neumann und Jürgen Reyer [2], von Franz-Michael Konrad [3], von Wilma Aden-Grossmann [4] sowie auch die jüngsten Untersuchungen von Diana Franke-Meyer [5], Elsbeth Krieg [6] oder Helge Wasmuth [7] nicht bereits erschöpfende Deutungen der historischen Quellenlage? Mitnichten! Zum einen sind längst nicht alle historischen Quellen, die in Archiven lagern und Einblicke in die Ursprünge sowie den Verlauf öffentlicher Kleinkindererziehung bieten, aufgearbeitet. Zum anderen lassen sich – je nach historisch-methodologischem Paradigma – auch durchaus verschiedene Zugänge zur Rekonstruktion einer Geschichte frühpädagogischer Institutionen finden; Zugänge die zugleich Einfluss auf die Darstellung und damit auch den rekonstruierten Verlauf einer solchen Geschichte nehmen.

Einige Teile der von Manfred Berger veröffentlichten Geschichte des Kindergartens bieten tatsächlich neue Einblicke in die historische Entstehung und Entwicklung, in Kontinuitäten und Diskontinuitäten institutionalisierter Frühpädagogik, wenngleich er – ähnlich wie auch die bisherigen ‚großen‘ Darstellungen [1, 2 , 3] – notgedrungen „nur die Hauptströmungen“ der „über 200-jährigen Entwicklung“ öffentlicher Kleinkindererziehung herausarbeiten kann (S. 11). Dies scheint bei der Zeitspanne, für die das Buch die Geschichte des Kindergartens vom 18. bis zum 21. Jahrhundert auswählt, auch kaum anders möglich. Bergers Buch ist in acht Kapitel gegliedert und bezieht sich nahezu ausschließlich auf frühpädagogische Institutionen in Deutschland bzw. in dem Territorium aus Königreichen, Kleinstaaten und Fürstentümern, die rückblickend auf das 18. und den Großteil des 19. Jahrhunderts gern etwas unscharf mit dem Begriff ‚Deutschland‘ bezeichnet werden.

Nach einer knappen Einleitung in Kap. 1, das unter anderem darauf aufmerksam macht, dass zwar der Begriff des Kindergartens erst durch Friedrich Fröbel in die Diskussion eingebracht worden war, dass dieser aber nur eine von zahlreichen Personen war, deren frühpädagogisches Wirken historisch beachtet werden sollte, folgt mit Kap. 2 die Beschreibung der Entwicklung öffentlicher Kleinkindererziehung von ihren Anfängen im 18. Jahrhundert zunächst bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs 1918. Berger gliedert die Darstellung dabei in die Vorläuferinstitutionen (a.) sowie in die weitgehend parallel verlaufenden Institutionengeschichten: des Kindergartens (b.), der evangelischen (c.) sowie der katholischen Kleinkindererziehung (d.) im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ergänzt wird diese Darstellung von einem gesonderten Blick auf den Kindergarten in der Zeit des ersten Weltkriegs (e.). In Kap. 3 wird daraufhin die Entwicklung des Kindergartens in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus rekonstruiert, gefolgt von Kap. 4, in dem die parallelen Verläufe der Institutionen in der SBZ bzw. der DDR und in der BRD beschrieben werden. Kap. 5 bietet eine stärker zeithistorische Darstellung von 1990 bis in die Gegenwart hinein. Besonders zu erwähnen ist darüber hinaus die in Kap. 6 als Exkurs ausgewiesene Skizze „[z]ur Entwicklung des jüdischen Kindergartens“ (S. 183). Kap. 7 enthält eine Zusammenfassung samt Ausblick. Das abschließende Kap. 8 umfasst das Literaturverzeichnis, das zugleich die verwendeten historischen Quellen enthält.

Eine Diskussion des Buches fällt nicht leicht, da Berger sich durchaus etwas von wissenschaftlichen Debatten abgrenzt, indem das Buch sich bereits im Klappentext zwar „an alle an der Geschichte des Kindergartens Interessierten“ wendet, sich zugleich aber „besonders“ […] an die, die in der öffentlichen Kleinkindererziehung tätig sind oder dafür ausgebildet werden und ihr Hintergrundwissen erweitern wollen“ (Rückseite des Klappentextes) richtet. Letztlich bildet dieser Ansatz auch die Zielsetzung des Buches ab, die innerhalb des Werkes dann nicht weiter konkretisiert wird. Hier wird vor allem ein Überblick geliefert. Als gut lesbares Kompendium eines solchen Hintergrundwissens über die Entstehung und Entwicklung des Kindergartens für die praktischen Berufsfelder ist das Buch zweifellos als wertvoll einzuschätzen, doch damit allein wären die zusammengestellten historischen Kenntnisse und Einsichten sowie das Diskussionspotential, das sie bieten, noch nicht ausgeschöpft. Bergers Buch darf, ja es muss sogar, nicht zuletzt aufgrund der durchaus umfangreichen Quellenverweise im Text und im Literaturverzeichnis, auch als an die Disziplin gerichtete wissenschaftliche Publikation gelesen werden; und dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Ausbildung für frühpädagogische Berufe möglicherweise mit weiter zunehmender Tendenz in Berufsakademien und (Fach-)Hochschulen verlagert wird, in denen Forschung stattfindet. Bemerkenswert sind an Bergers Werk zunächst einmal die Auszüge aus historischem Quellenmaterial, die im Band mit abgedruckt sind (insgesamt 46) und die in diesem nicht nur zur bloßen Veranschaulichung dienen, sondern mit denen auch im Rahmen der historischen Rekonstruktion Bergers gearbeitet wird. Unter diesen Quellen befindet sich außerdem unveröffentlichtes Material aus dem Bestand des von Berger selbst betriebenen privaten Ida-Seele-Archivs zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens und der Sozialpädagogik/-arbeit in Dillingen. Eindrücklich sind hier vor allem die Bildquellen, die Günther Ernings (bislang in der Forschung leider nur selten genutzte) Edition „Bilder aus der Geschichte des Kindergartens“ [8] um wichtige Einblicke in die Gestaltung des Kindergartenalltags ergänzt. Hervorgehoben werden kann auch die Art und Weise, wie es Berger gelingt, das zum Teil eng vernetzte Wirken der zahlreichen Personen, auf die er in seinem Buch verweist, zu beschreiben. Neben den ‚altbekannten‘ elementarpädagogischen Akteuren wie Theodor Fliedner, Johann Georg Wirth, Johannes Fölsing und Friedrich Fröbel sowie – im 20. Jahrhundert – Erika Hoffmann und Jürgen Zimmer geraten in Bergers Werk unter anderem Hannah Mecke, Anna Borchers, Clara Grunwald und Monika Seifert in den Blick. Weitgehend ausgeblendet bleiben in Bezug auf die Vorläufereinrichtungen der öffentlichen Kleinkindererziehung im 18. und 19. Jahrhundert leider Impulse aus dem Ausland, wie sie etwa von Friedrich Oberlin sowie von Robert Owens und später von Samuel Wilderspins ‚infant school‘ ausgingen. Letztgenannter hatte insbesondere auf Kleinkinderschulen wie die von Fliedner in Kaiserswerth, aber auch auf die Kleinkinderbewahranstalten von Wirth in Augsburg einen starken Einfluss, ja sogar Fröbel war Wilderspins konzeptueller Ansatz zumindest in Grundzügen bekannt [9]. Berger führt darüber hinaus leider keine Auseinandersetzung mit seinem Zugang zu den historischen Quellen und den seine Geschichte des Kindergartens strukturierenden Gesichtspunkten. Implizit deutlich wird immerhin, dass er in seinem Werk – ähnlich wie auch in früheren Publikationen [10] – vor allem personengeschichtlich arbeitet. Dies mag in der gegenwärtigen Pädagogik der frühen Kindheit, aber auch in der historischen Bildungsforschung vielleicht etwas ‚altbacken‘ erscheinen, fanden doch inzwischen zahlreiche Perspektivwechsel etwa von der Ideen-, über die Institutionen- und Sozialgeschichte bis hin zur Mentalitäts-, Kulturmuster- und Wissenschaftsgeschichte statt. Das elementarpädagogische Wirken einzelner Personen und die Vernetzung von Personengruppen sollte im Kontext dieser wichtigen historischen Perspektivwechsel jedoch keineswegs aus dem Blick geraten.

Trotz der angeführten Kritik: In der Gesamteinschätzung ergänzt und vertieft Manfred Berger an nicht wenigen Stellen die bisherige historisch-pädagogische Forschung zur Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung. Seine ‚Geschichte des Kindergartens‘ bildet allein vor diesem Hintergrund einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu einer künftig weiter zu entwickelnden historischen Frühpädagogik.

[1] Reyer, J.: Wenn die Mütter arbeiten gingen … Eine sozialhistorische Studie zur Entstehung der öffentlichen Kleinkinderziehung im 19. Jahrhundert in Deutschland. Köln: Pahl-Rugenstein 1985; Reyer, J.: Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2006; Reyer, J.: Die Bildungsaufträge des Kindergartens. Geschichte und aktueller Status. Weinheim u.a.: Beltz Juventa 2015.
[2] Erning, G. / Neumann, K. / Reyer, G. (Hg.): Geschichte des Kindergartens. Bd. 1 und Bd. II. Freiburg i.Br.: Lambertus 1987.
[3] Konrad, F.-M.: Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2., überarb. und aktualisierte Auflage. Freiburg i. Br.: Lambertus 2012.
[4] Aden-Grossmann, W.: Der Kindergarten. Geschichte – Entwicklung – Konzepte. Weinheim u.a.: Beltz 2011.
[5] Franke-Meyer, D.: Kleinkindererziehung und Kindergarten im historischen Prozess. Ihre Rolle im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik, Familie und Schule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011.
[6] Krieg, E.: Immer beaufsichtigt – immer beschäftigt. Kleinkinderziehung im Kaiserreich im Kontext der Stadt- und Industrieentwicklung. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften 2011.
[7] Wasmuth, H.: Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945. Bad Heilbrunn/Obb.: Klinkhardt 2011.
[8] Erning, G.: Bilder aus dem Kindergarten. Bilddokumente zur geschichtlichen Entwicklung der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland. Freiburg i.Br.: Lambertus 1987.
[9] vgl. Sauerbrey, U.: Der Kindergarten in der Globalisierung. Zur Verbreitung der öffentlichen Kleinkindererziehung im 19. Jahrhundert, in: Pädagogische Rundschau, Jg. 68., Nr. 2 2014, S. 145-152, hier S. 147.
[10] vgl. etwa: Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel 1995.
Ulf Sauerbrey (Jena)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ulf Sauerbrey: Rezension von: Berger, Manfred: Geschichte des Kindergartens, Von den ersten vorschulischen Einrichtungen des 18. Jahrhunderts bis zur Kindertagesstätte im 21. Jahrhundert. Frankfurt: Brandes & Apsel 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 5 (Veröffentlicht am 26.09.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978395558183.html