EWR 9 (2010), Nr. 4 (Juli/August)

Bart Hellinckx / Frank Simon / Marc Depaepe
The Forgotten Contribution of the Teaching Sisters
A Historiographical Essay on the Educational Work of Catholic Women Religious in the 19th and 20th Centuries
Leuven: Leuven University Press 2009
(120 S.; ISBN 978-90-5867-765-5; 29,50 EUR)
The Forgotten Contribution of the Teaching Sisters Die Feminisierung des Lehrerberufs wurde bisher fast ausschließlich im Blick auf nichtklösterliches Lehrpersonal untersucht. Überblicksdarstellungen zum Engagement weiblicher Ordensgemeinschaften in Bildung und Erziehung fehlen trotz der großen Zahl von Werken zur Ordensgeschichte weitgehend. Um neue Forschungswege zum komplexen Thema der Feminisierung des Lehrens zu eröffnen, entstand dieser Überblick der historiographischen Darstellung, den die Lehrtätigkeit von Ordensfrauen in den letzten Jahren fand.

Um das Vorhaben möglich zu machen, bedurfte es einer mehrfachen Beschränkung: Vorgestellt werden nur Arbeiten zu katholischen Schwesterngemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts in der westlichen Hemisphäre (mit Ausnahme Afrikas). Das Lehren im Rahmen missionarischer Tätigkeit in Asien und Afrika fand keine Beachtung, ebenso wenig der Aspekt der kirchlichen Verortung der behandelten Schwesterngemeinschaften. In den Blick kommen Untersuchungen, die im Zeitraum von 1985 bis 2009 publiziert wurden. Ungedrucktes wurde nicht herangezogen. Einen Schwerpunkt bilden Veröffentlichungen in erziehungswissenschaftlichen Zeitschriften und Reihen. Bei der Erhebung des Forschungsstands wurde besonders danach gefragt, welche Themen breite Beachtung fanden oder im Gegenteil kaum berührt wurden. Was sind die hauptsächlichen Theorien, welche Zugänge wurden gewählt und welche Methoden angewandt? Gibt es einen Fortschritt in der Behandlung der Frage?

Das wissenschaftliche Interesse an der erzieherischen Tätigkeit weiblicher Ordensgemeinschaften war lange Zeit lediglich ein marginales. Kongresse zu diesem Thema sucht man vergeblich, ebenso fehlen Ordensfrauen in biographisch orientierten Darstellungen der Erziehungswissenschaft. Für die Historiographie weiblicher Ordensgemeinschaften stellte Claude Langlois’ Untersuchung „Le catholicisme au féminin“ aus dem Jahr 1985 einen Meilenstein dar und inspirierte weitere Forschungsvorhaben, vor allem in der Zeit seit 1993. Einen Schwerpunkt bildete dabei Kanada.

Betonten frühere Darstellungen vor allem die religiöse Dimension der Tätigkeit, fanden jetzt politische, soziale und ökonomische Fragen Interesse. Fotographien, Filme, Schularchitektur werden als relevant herangezogen, ebenso Interviews und Ego-Dokumente. Die Verfasser betonen die Bedeutung, die der Sichtweise von Schülerinnen und Schülern und von den Orden angestellter Lehrkräfte zukommt, und laden die künftige Forschung ein, vorgefasste Meinungen und Bilder zu überwinden und den Blick für die kulturelle Interaktion zu weiten.

Der kommentierende Überblick über die Literatur konzentriert sich auf folgende Themen:

1 Der Beitrag der weiblichen Ordensgemeinschaften zur Erziehung.

Es wird deutlich, dass den Orden eine bedeutende Funktion in der Öffnung von Erziehung für marginalisierte Gruppen zukam. Mädchen mit unterschiedlichen sozialen, ethnischen, kulturellen und religiösen Hintergründen fanden Zugang zur Bildung. Das ganze Spektrum von Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Universität, von der Allgemein- bis zur Spezialschule (Lehr- und Pflegeberufe, Haushalt und Landwirtschaft, Musik und Verwaltung) wurde von den Orden ebenso in den Blick genommen wie der Einsatz für Waisen und Behinderte. Schwestern waren in Privat-, aber auch in öffentlichen Schulen tätig.

2 Lehrorden und Schulen.

Der bei weitem größte Teil der vorgestellten Untersuchungen wendet sich der Lehrtätigkeit einer einzelnen Kongregation zu. Meist geschieht dies im Rahmen von Gesamtdarstellungen zur Geschichte, die oft mehr Wert auf Spiritualität und Ausbreitung als auf die erzieherische Tätigkeit legen. Jubiläumsschriften spielen eine große Rolle. Ihr historiographischer Ertrag bleibt bisweilen bescheiden, da es an einer klaren Fragestellung fehlt. Der Wandel zum Besseren auch in diesem Genre ist aber unübersehbar. Auch die Frage, ob es bei der großen Ähnlichkeit verschiedener Gemeinschaften Sinn hat, die Geschichte jeder Kongregation zu untersuchen, wird gestellt und mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit nationaler und regionaler Überblicksdarstellungen beantwortet.

3 Erziehungsphilosophie, -inhalt und -praxis.

Dem allgemeinen Willen der Lehrschwestern, gute Christen heranzubilden, korrespondierte eine Vielfalt von Wegen zur Erreichung dieses Ziels, die unter anderem in Konstitutionen, Lehrerhandbüchern und Schulzeitschriften greifbar werden. Wertvolle Informationen bieten die „oral history“ und der Blick auf die Rahmenbedingungen, wie etwa die Lage und Art der Schulgebäude. Der Inhalt des Gelehrten, das Curriculum, traf in der Forschung auf großes Interesse und vielfache Darstellung, während die konkrete Erziehungspraxis (fassbar unter anderem in Begriffen wie Disziplin, Gehorsam, Respekt) erst spät und selten zum Gegenstand von Untersuchungen wurde.

4 Biographien von Lehrerinnen und Schülerinnen und Schülern.

Von der neuen Wertschätzung eines biographischen Zugangs zur Geschichte konnten die Lehrorden bisher kaum profitieren, vor allem die „’ordinary’ teaching sister“ findet kaum Beachtung. In den vorhandenen Biographien von leitenden Ordensfrauen kommt dem Aspekt der erzieherischen Tätigkeit oft nur geringe Bedeutung zu. Vergleichende biographische Untersuchungen, deren Ergebnisse Bedeutung über die individuelle Lebensgeschichte hinaus haben, sind selten. Um das Leben von Schülerinnen wahrzunehmen, fanden vor allem die Methoden der „oral history“ Anwendung.

5 Professionalisierung von Lehre und Erziehung.

Wird gemeinhin die Säkularisierung als entscheidende Voraussetzung der Professionalisierung benannt, offenbaren manche Studien, wie sehr staatliche Erziehungseinrichtungen von den Curricula der Ordensschulen profitieren konnten. Die Karikatur der unfähigen Lehrschwester, die aus ideologischen Gründen lange Zeit verbreitet wurde, kann sich nicht auf die Forschung berufen. Auf eine gediegene Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte wurde größter Wert gelegt. Verschiedene Untersuchungen beschäftigen sich mit Karrieremustern, Spezialisierungen, der Zusammenarbeit mit Lehrerverbänden und Bildungsorganisationen und der Beteiligung an Schulbuchpublikationen.

6 Veränderungen in der Zusammensetzung des Lehrkörpers.

Die Rolle der weiblichen Ordensgemeinschaften bei der Feminisierung der Bildung fand in der Forschung wenig Beachtung, ebenso der rasch abnehmende Anteil von Ordensfrauen im Lehrkörper aufgrund fehlender Eintritte in die Kongregationen.

In ihrer Schlussfolgerung betonen die Verfasser die hohe Qualität der Lehrtätigkeit von Ordensfrauen, die in fast allen Untersuchungen zum Ausdruck kommt. Die Bedeutung gerade des Beitrags von Frauen in der Erziehung herauszustellen, geht ihres Erachtens aber mit der Gefahr einer Hagiographie neuer (feministischer) Art einher. Nichtsdestotrotz erachten sie als Ziel ihres Unterfangens, den oft vergessenen Ordensfrauen den ihnen gebührenden Platz in der Geschichte der Erziehung zu eröffnen. Dazu leistet das hier angezeigte Werk einen zentralen Beitrag, indem es die in der umfangreichen Bibliographie (87-125) genannten Monographien und Aufsätze – leider ohne Berücksichtigung der gewichtigen Monographie von Christl Knauer [1] – in thematischen Zusammenhängen vorstellt und wertet und im Blick auf den je eigenen Zugang zur Thematik eine Fülle von Themen für neue Forschungen bietet (9-86).

Der Überblick benennt zielführende Themen und Methoden und öffnet den Weg für vergleichende Untersuchungen. Trotz der bedeutenden Zunahme an Untersuchungen im Berichtszeitraum wird deutlich, dass der Forschung noch ein weites Feld offen steht und die Fokussierung auf Bildung und Erziehung in der Ordenshistoriographie häufig erst noch geleistet werden muss: „There is still a long way to go“ (55).

[1] Knauer, Christl (1995): Frauen unter dem Einfluss von Kirche und Staat. Höhere Mädchenschulen und bayerische Bildungspolitik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. München: Uni-Druck.
Sr. Angela Morgenstern (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sr. Angela Morgenstern: Rezension von: Hellinckx, Bart / Simon, Frank / Depaepe, Marc: The Forgotten Contribution of the Teaching Sisters, A Historiographical Essay on the Educational Work of Catholic Women Religious in the 19th and 20th Centuries. Leuven: Leuven University Press 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978905867765.html