EWR 16 (2017), Nr. 4 (Juli/August)

Carola Groppe / Gerhard Kluchert / Eva Matthes (Hrsg.)
Bildung und Differenz
Historische Analysen zu einem aktuellen Problem
Wiesbaden: Springer VS 2016
(386 Seiten; ISBN 987-3-658-10002-5; 39,99 EUR)
Bildung und Differenz „Bildung und Differenz“ war der Titel der Tagung der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und unter diesem Titel ist auch der Sammelband erschienen, für den aus den mehr als 40 Vorträgen sechzehn ausgewählt wurden. Ausschlaggebend für die Wahl des Themas, so die Herausgeberinnen und der Herausgeber, sei der „irritierende Befund“ gewesen, dass „historische Betrachtungsweisen“ zu Bildung und Differenz „in der aktuellen [erziehungswissenschaftlichen] Diskussion und Forschung bislang [...] kaum zur Kenntnis genommen“ worden seien (1-2), obwohl sich die Historische Bildungsforschung seit den 1960er/70er Jahren mit der Thematik auseinandergesetzt habe. Angesichts dieses Befundes sei die für die Publikation getroffene Auswahl „von dem Bemühen bestimmt [gewesen], ein möglichst breites Spektrum einschlägiger bildungshistorischer Forschung – hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunkte, zeitlicher und lokaler Bezüge, theoretischer Referenzen und methodischer Vorgehensweisen – abzubilden und neben bekannten und bewährten vor allem auch neuere[n] und noch wenig erprobte[n] Ansätze der Themenfassung und -bearbeitung“ vorzustellen (2), die „im Wesentlichen einem konstruktivistischen, auf die pädagogische, politische und wissenschaftliche Herstellung und Bearbeitung von Differenz fokussierenden Ansatz [...] transzendierender Zugriffe auf das [jeweilige] Thema“ darstellen (13). Auch das Spektrum der Differenzlinien ist breit gefächert. Sozialstatus und Geschlecht sind zwar vorrangig im Fokus, aber thematisiert werden auch Ethnizität („Rasse“), Sprache, Behinderung, Region, Altersstatus, Leistung sowie disziplinäre und professionelle Ausdifferenzierung.

Mehrheitlich steht in den Beiträgen jeweils eine Differenzlinie im Zentrum, nur in wenigen Aufsätzen wird explizit das „Zusammenspiel“ von mehreren resp. zwei Differenzlinien untersucht. Untersuchungsfelder sind vor allem Bildungsinstitutionen, insbesondere die (öffentliche) Schule, aber auch pädagogische Praktiken, bildungspolitische Entscheidungen, Bildungsmedien und professionspolitische Entwicklungen. Zeitlich steht insbesondere das (lange) 19. Jahrhundert im Zentrum; räumlich sind die Beiträge auf verschiedene Länder bzw. Regionen bezogen (Deutschland, Österreich, Schweiz und Japan), in denen die jeweiligen Autorinnen resp. Autoren forschen bzw. aus denen sie stammen. Ein Beitrag ist als Auslandsstudie (USA) und zwei Artikel sind international vergleichend angelegt; bei Letzteren geht es einmal um Bildungsreform und soziale Ungleichheit in Deutschland und Großbritannien im Vergleich und einmal um die Durchsetzung der Leitdifferenz Erwachsene_r / Kind in vier europäischen Ländern (Frankreich, Spanien, Irland, England).

Bei der Durchsicht und Lektüre des Bandes gewinnt man den Eindruck, dass sich vor einem ein weites, interessantes, aber wenig geordnetes Forschungsfeld öffnet. Die Beiträge werden – mehr oder weniger zueinander passend – sechs Teilkapiteln zugeordnet: „Begriffliche Klärungen“ (Teil I); „Konstruktion von Differenz“ (Teil II-IV) mit drei unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen („Pädagogische Ordnungen“ (Teil II), „Curricula, Methoden, Medien“ (Teil III) und „Institutionen und Disziplinen“ (Teil IV). Teil V ist mit „Handeln in Differenz“ überschrieben und Teil VI mit „Bearbeitung von Differenz: Bildungspolitik“. Den Herausgeberinnen und dem Herausgeber ist bewusst, dass die Entscheidung, mit der getroffenen Auswahl „ein möglichst breites Spektrum einschlägiger bildungshistorischer Forschung“ zu präsentieren, Kritik hervorrufen wird, daher halten sie – sozusagen präventiv – am Schluss der Einleitung fest, dass das, „[w]as so mit diesem Band präsentiert wird, [...] kein geschlossener Überblick und keine abgerundete (Zwischen)Bilanz historischer Forschung zum Thema Bildung und Differenz“ darstelle, sondern dass es sich vielmehr „um eine (von manchen Zufällen abhängige) Momentaufnahme“ handele, die eine Forschung „in starker Bewegung“ zeige, in einem Neben- und Miteinander von – älteren und neueren – Ansätzen und Versuchen“, die „als Anregung und Aufforderung zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema“ zu lesen seien (14).

Ob dieser „Wunsch“ in Erfüllung geht, sei dahingestellt. Einzelne Beiträge (und die entsprechenden Forschungsprojekte) haben dieses Potential sicherlich, und die beiden Artikel in Teil I „begriffliche Klärungen“ bieten Argumente und Anregungen für die weitere Befassung und Positionierung der Historischen Bildungsforschung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion zu Differenz und Bildung: Rita Casale geht ausführlich auf den „begriffsgeschichtlichen Unterschied von Bildung und Differenz“ ein; sie kritisiert den „reifizierten Umgang mit Differenzen“, die „formelhafte technische Rede vom „Umgang mit Heterogenität“ und plädiert für einen „kritischen Differenzbegriff“, der einen neuen Begriff vom Allgemeinen erfordere, eine Neubestimmung dessen, was als tertium comparationis gelten könne. Katharina Walgenbachs Beitrag wirbt für die Verschiebung von Differenz zu Differenzen und eine „intersektional orientierte“ Historische Bildungsforschung, die das Spezifische der Historischen Forschung beachtet, z.B. indem „die Grenzregionen von Differenz“ nachgezeichnet werden und der Frage nachgegangen wird, wo Differenzen (im Sinne von Ungleichheiten) verschoben, transformiert werden. Damit kommt die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Geschichte von Erziehung und Bildung in den Blick sowie die Fragen nach der ‚Rolle’ der Historischen Bildungsforschung in der Erziehungswissenschaft und den jeweils als aktuell diskutierten Problemlagen. Beide Aufsätze können als Teil des Rahmens gelesen werden, innerhalb dessen die Diskussion über den Zuschnitt bildungshistorischer Projekte zu führen ist.

Die Lektüre der einzelnen Beiträge des Sammelbandes zeigt, dass es nicht allein darauf ankommt, ob eine oder mehrere Differenzlinien Gegenstand der Untersuchung sind. Entscheidend ist der Gesamtzuschnitt des Beitrags und ob bzw. wie die Frage der Wirksamkeit von Differenz(en) thematisiert wird und ob mit den gewonnenen Erkenntnissen ein Bezug zu gegenwärtigen Fragen möglich ist. Dies unterscheidet Beiträge „klassischen Zuschnitts“, in denen es vor allem darum geht, aufzuzeigen, dass Differenz(en) konstruiert worden ist (sind) und in welcher Form (z.B. in Bezug auf Unterrichtsfächer, bildungspolitische oder regionale Entwicklungen) von Beiträgen, in denen systematisch der Frage nach der Wirksamkeit von Differenz(en) nachgegangen wird, wie z.B. in der international vergleichenden Studie zur Leitdifferenz Erwachsene_r / Kind, in der Untersuchung zu „Leistung“ und Jahrgangsklasse oder in dem Beitrag zur Differenzierung von Orten des (wissenschaftlichen) Wissens bzw. der Trennung von Disziplin und Profession.

Dies führt zur Frage nach der disziplinären Verortung bildungshistorischer Forschung zu Differenz(en) und Bildung. Diese Frage wir in dem Sammelband an mehreren Stellen implizit, aber an keiner explizit angesprochen. Konkret: Was unterscheidet Studien zur Geschichte der Differenzlinien Geschlecht, sexuelle Identität oder Ethnizität, Sprache/Mehrsprachigkeit oder Behinderung bzw. ability/disability, die disziplinär in der Historischen Bildungsforschung verortet sind, von historisch angelegten Studien aus einer der auf Differenz basierenden Teildisziplinen (z.B. Geschlechterforschung, Interkulturelle Pädagogik, Sonderpädagogik)? Dabei geht es nicht um das Problem von Legitimität, oder um die Frage, wer welche „weißen“ oder auch „blinden Flecken“ erschließt, sondern um eine Präzisierung der Perspektivität, des Forschungsinteresses und der jeweils verfolgten Zielsetzung in Bezug auf aktuelle pädagogische Kontroversen in den Feldern Wissenschaft, Bildungspolitik und Bildungspraxis. In diesem Sinne geht es um das ihnen gemeinsame Interesse, den aktuellen Debatten über Bildung und Differenz(en) „historische Tiefenschärfe“ zu verleihen (13). Für diese Überlegungen bietet der Band auch über den Abschnitt „Begriffliche Klärungen“ hinaus viele Anknüpfungspunkte, u.a. wird deutlich, dass Intersektionalität nicht nur eine Herausforderung für die „Einzelforschung“ ist, sondern eine disziplinäre Herausforderung angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der Erziehungswissenschaft einerseits und vielfältiger Versuche und Ansätze (teil-)disziplinübergreifend zu arbeiten.
Marianne Krüger-Potratz (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marianne Krüger-Potratz: Rezension von: Groppe, Carola / Kluchert, Gerhard / Matthes, Eva (Hg.): Bildung und Differenz, Historische Analysen zu einem aktuellen Problem. Wiesbaden: Springer VS 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/987365810002.html