EWR 2 (2003), Nr. 2 (März/April 2003)

Erwiderung zu Henning Schluss Rezension:

Uta Dietze-Münnich
Pädagogische Führung und Erziehung – Selbsttätigkeit und Selbsterziehung
Zur Diskussion pädagogischer Grundkategorien, insbesondere in der Pädagogik der DDR
Berlin: Kovac 2002
(527 Seiten; ISBN 3-8300-0615-2; 128,00 DM)
Interessiert las ich die Rezension von Henning Schluss, die ich nicht unerwidert lassen möchte, obwohl mir die gemachten kritischen Anmerkungen teilweise wenig konstruktiv, weil häufig recht polemisch, erscheinen.

1. Das zweite Kapitel mit dem historischen Abriss über ausgewählte Positionen zur Frage von Erziehung und Selbsterziehung, Lenkung und Selbstbestimmung war ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum auf die DDR-Pädagogik bezogenen Kernthema der Arbeit und stellt die Ergebnisse von Recherchen dar, die auf einen Überblick über grundlegende Denkrichtungen zielten. Es ging hier weniger darum, Neues zu denken. Vielmehr sollte - unter anderem - dem Leser in kompakter und gebündelter Form eine rasche, einführende Überschau geboten werden, die mittels der unmittelbaren Auseinandersetzung mit Quellentexten verschiedene Ausprägungen pädagogischen Denkens exemplarisch deutlich macht. Zudem sollten die jeweiligen historischen Antworten als Hintergrundfolie für die Erläuterung eines von mir als angemessen erachteten Verständnisses der Thematik dienen. In diesen zwei Dimensionen sehe ich nach wie vor den Stellenwert dieses theoriegeschichtlichen Exkurses. Einzuräumen ist, dass er durchaus gestraffter hätte ausfallen können.

2. Henning Schluss hat mein Herangehen an das Thema Selbsterziehung in der DDR-Pädagogik mit einer "zeitlichen und persönlichen Distanz" in einer Weise interpretiert, die nicht meinen Ansichten und Intentionen entspricht. Bei der Zitation entsprechender Textstellen verfuhr er selektiv, so dass Missverständnisse nicht auszuschließen sind. Insgesamt hat er sich an dieser Stelle m.E. zu vordergründig an einzelnen Formulierungen festgehalten, statt den Gesamttenor der Arbeit, der in ihr vorgenommenen Wertungen und Begründungen im Blick zu haben.

Meine Auseinandersetzung mit Selbsterziehungskonzeptionen in der Erziehungswissenschaft der DDR zielt gerade nicht auf vermeintlich objektive Ergebnisse bzw. Bewertungen ab, und ich unterlag an keiner Stelle einem "positivistischen Optimismus der Welterkennbarkeit", wie ihn mir Schluss unterstellt. Mehrfach betone ich, dass die Arbeit gerade wegen ihres vielschichtigen Themas, dessen Diskussion und Interpretation von einem ganzen Faktorenkomplex beeinflusst sind, zu keinen konsistenten, gar eindeutigen Schlüssen gelangen könne (vgl. z.B. S.347f., S.352ff.). Die ambivalente Grundstruktur, die für die Selbsterziehungsdiskussion in der DDR-Pädagogik kennzeichnend ist, geht qualitativ über die der Thematik ohnehin immanente Grundspannung hinaus: Die Erkenntnis der Notwendigkeit und Bedeutung von Selbsterziehung bleibt in ideologischen Prämissen befangen. In Anbetracht dieser Ambivalenz ist die Frage, ob die Auffassungen von Selbsterziehung in der DDR einen explosiven Gehalt hatten bzw. von einer systemstabilisierenden Ausrichtung geprägt waren, letztlich nicht eindeutig oder abschließend zu beantworten.

Genaueres Lesen bzw. größere Sensibilität für von mir gemachte Bemerkungen zu Interpretationshürden angesichts der konkreten, in der Tat "sperrigen" Materie und des mit ihr verbundenen Phänomens einer Doppelbödigkeit und Mehrdeutigkeit der Sprache hätten Aufschluss über mein Anliegen geben können, das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und eben nicht nur meine eigene - distanzierte - Perspektive ins Spiel zu bringen (vgl. z.B. Kapitel I.4 zum methodischen Zugriff, vor allem S.37ff., ebenso S.221f., S.347f.). Nicht zuletzt entstand aus diesem Bemühen geradezu die Notwendigkeit, auch Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen und ihren Reinterpretationen als einer Deutungsmöglichkeit Raum zu geben.

Die von mir als optimale Forschungsprämisse konstatierte "zeitliche und persönliche Distanz" beziehe ich nicht auf eine Unkenntnis der Situation in der DDR oder auf ein Betrachten des Themas aus einer vermeintlichen Außenperspektive. Und meine von Schluss zitierte und kritisierte Vorurteilsfreiheit meint keineswegs eine Perspektivenungebundenheit meiner Arbeit. Das vollständige Zitat weist die Dimension aus, auf die ich meine weitgehende Vorurteilsfreiheit beziehe: "Der Blick zurück macht nunmehr aus heutiger Perspektive eine weitgehend vorurteilsfreie Annäherung an Strukturen und Zusammenhänge im gesellschaftlichen Kontext der DDR möglich, unbehindert durch staatliche Reglementierungen, Informationsdefizite oder sanktionierte Frage- und Beurteilungskategorien" (S.11, Hervorhebung d. Verf.). Es ist folglich eine Vorurteilsfreiheit i.S. des Freiseins des Denkens von verfestigten Argumentationsstrukturen sozialistischer Ideologie sowie von äußeren wie inneren ideologischen Kontrollmechanismen gemeint. Ich behaupte zudem, dass sich mir infolge fehlender ideologischer Involvierung andere Zugangs- und Erkenntnismöglichkeiten bieten (keinesfalls objektive i.S. absoluter Wahrheiten!) als jenen, die aufgrund ihrer Einbindung als ehemalige Akteure Verantwortung tragen und deshalb vor Rechtfertigungsversuchen und Verklärungen nicht gefeit sind. Gemeint ist also ein sachlicher Abstand, der nicht auf Unkenntnis der Situation oder Unverbundensein mit ihr gründet, sondern auf dem Tatbestand des "Nichteingebundengewesenseins" und damit des "Nichtverantwortlichgewesenseins" als Akteur innerhalb des ideologisch beeinflussten Wissenschaftssystems der DDR.

3. Anliegen bzw. Ziel meiner Untersuchungen zur Selbsterziehungsdiskussion in der DDR-Pädagogik war nicht, zu "spektakulären Schlüssen" zu gelangen. Vielmehr war an einem spezifischen, für die Erziehungswissenschaft zentralen Gegenstandsfeld zu prüfen, inwieweit hier die schon bekannten Thesen von der Heterogenität der Wissenschaft in der DDR allgemein und der Erziehungswissenschaft im Besonderen ihre Bestätigung und ihren Ausdruck finden und an welchen Stellen sich mit Blick auf das gewählte Thema evtl. Ansätze von Pluralität manifestieren. Im Vordergrund stand daher ein Vorgehen, das auf eine ausführliche und detaillierte exemplarische Fundierung und Ausdifferenzierung derartiger Thesen ausgerichtet war. Wenn auch gegen die Behauptung der umfassenden Uniformität der DDR-Pädagogik mittlerweile wiederholt Belege geliefert wurden und damit die Erkenntnis als solche nicht neu ist, sehe ich auch weiterhin die Frage nach dem Verhältnis einer Öffnung erziehungswissenschaftlichen Denkens und seiner systembedingten Begrenzung - bezogen auf jeweils begründet auszuwählende Themenfelder der Erziehungswissenschaft der DDR - als immer wieder neu aufschlussreich und deshalb wissenschaftlicher Erforschung wert an.

Im Übrigen betrachte ich die Präsentation überraschender, unerwarteter, gar "spektakulärer" Ergebnisse nicht als zwingendes Kriterium der Beurteilung von Dissertationsschriften bzw. wissenschaftlichen Arbeiten.

4. Möglicherweise wirkt die Darstellungs- und Interpretationsweise der Arbeit auf jenen Leser, der spektakulärere Ergebnisse erwartet, als zu zurückhaltend (und "konservativ"?). Dazu ist zu sagen, dass bei allen Argumentationen in Auseinandersetzung mit der DDR-Pädagogik der gesellschaftlich-politische Kontext damaligen wissenschaftlichen Arbeitens nicht aus dem Blickfeld geraten und folglich nicht versäumt werden darf, die Frage nach dem Raum für abweichendes Denken zu stellen. Die von mir vorgenommene Analyse erziehungstheoretischer Vorstellungen in der pädagogischen Wissenschaft der DDR sollte Potenzen und Grenzen, Öffnungen und Beschränkungen wissenschaftlichen Denkens in einer ideologisch geschlossenen Gesellschaft herausarbeiten helfen. Vor diesem Hintergrund sind Interpretationen kritisch, verantwortlich und behutsam zugleich vorzunehmen. Mit diesem Anspruch sollte meine Arbeit weder in einseitige Verurteilungen systemkonformen Denkens und Handelns ehemaliger Akteure münden, noch sollte aus dem meiner Herangehensweise zugrunde liegenden Versuch des Verstehens ein Gestus der Entschuldigung und Bagatellisierung unterlassener Systemkritik erwachsen.

5. Die Frage nach nichtintendierten Folgen der in Teilen kontroversen Diskussion über Selbsterziehung in der DDR-Pädagogik stellte sich aufgrund ihrer Kanalisierung und Kontrolle durch übergeordnete Instanzen (laut Reinterpretationen einiger der interviewten Erziehungswissenschaftler) bzw. in jedem Fall aufgrund ihrer fehlenden Breitenwirkung zunächst nicht. Nichtsdestotrotz lassen sich in den Interviews wenigstens implizit auch hierzu Aussagen finden. Möglicherweise können vor allem Ergebnisse empirischer Untersuchungen, die auf dem Hintergrund der erziehungstheoretischen Diskussion über Selbsterziehung angelegt waren, diesbezügliche Erkenntnisse liefern.
Uta Dietze-Münnich ()
Zur Zitierweise der Rezension:
Uta Dietze-Münnich: Erwiderung zu Henning Schluss: Rezension von Uta Dietze-Münnich: Pädagogische Führung und Erziehung - Selbsttätigkeit und Selbsterziehung. Zur Diskussion pädagogischer Grundkategorien, insbesondere in der Pädagogik der DDR. Hamburg: Kovac 2002. In: Erziehungswissenschaftliche Revue 1 (2002) Nr. 5 (veröffentlicht am 5.12.02), URL: <http://www.klinkhardt.de/ewr/83000615.htm> In: EWR 2 (2003), Nr. 2 (Veröffentlicht am 01.04.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/RE_1_+83000615.html