EWR 8 (2009), Nr. 6 (November/Dezember)

Henrik Simojoki
Evangelische Erziehungsverantwortung
Eine religionspädagogische Untersuchung zum Werk Friedrich Delekats (1892–1970)
Tübingen: Mohr Siebeck 2008
(430 S.; ISBN 978-3-16-149568-7; 59,00 EUR)
Evangelische Erziehungsverantwortung Mit großer Sorgfalt und weit reichenden Bezügen wird in dieser Arbeit ein heute sowohl in der zünftigen Erziehungswissenschaft als auch in der evangelischen Theologie und Religionspädagogik nicht mehr vielen bekannter Teilnehmer am pädagogischen Diskurs von den 1920er bis zu den 1960er Jahren vorgestellt und sein Werk analysiert. F. Delekat bewegte sich an der Schnittstelle von (evangelischer) Theologie und Erziehungswissenschaft, wurde als Theologe promoviert und habilitierte sich mit einer erziehungstheoretischen Arbeit an der Berliner Universität unter Mitwirkung von Eduard Spranger. In den 1920er und frühen 1930er Jahren war er relativ häufig Autor in der Zeitschrift „Die Erziehung“, wo er sich u.a. kritisch mit der von Herman Nohl und Wilhelm Flitner vertretenen Theorie der Autonomie der Pädagogik befasste. In diese Zeit fällt auch seine Auseinandersetzung mit der Thematik der Grenzen der Erziehung. Vor diesem Hintergrund und von einem theologischen Bezugspunkt aus hat Delekat eine pädagogische Theorie entwickelt, die die Auseinandersetzung mit je herrschenden zeitgenössischen Konzepten nicht scheute. Angesichts der These vom verdrängten religiösen Erbe in der Erziehungswissenschaft (vgl. J. Oelkers/F. Osterwalder/H.-E. Tenorth: Das verdrängte Erbe. Weinheim, Basel 2003) bietet die Darstellung von Delekats Versuch einer expliziten Verknüpfung dieser beiden Bereiche in einer evangelischen Erziehungstheorie und dessen Scheitern eine bedeutsame Erweiterung unserer Kenntnisse über den Zusammenhang bzw. die Distanz zwischen Erziehungswissenschaft und Theologie. Zugleich wird die Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft bereichert. Simojoki zeigt, wie es gehen kann, mit Sympathie für den Autor, doch ohne dabei unkritisch zu werden, ein Werk im Kontext der Zeitläufte zu analysieren und dabei herauszuarbeiten, wie wichtig es ist, den Blick von den immer wieder genannten Heroen ab- und ihn den Personen in der zweiten oder dritten Reihe zuzuwenden. Die Geschichte der Erziehungswissenschaft wird damit nicht umgeschrieben, aber die veränderte Perspektive zeigt doch viele interessante neue Details.
Klaus-Peter Horn (Tübingen)
Zur Zitierweise der Annotation:
Klaus-Peter Horn: Annotation zu: Simojoki, Henrik: Evangelische Erziehungsverantwortung, Eine religionspädagogische Untersuchung zum Werk Friedrich Delekats (1892–1970). Tübingen: Mohr Siebeck 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978316149568.html