EWR 9 (2010), Nr. 3 (Mai/Juni)

Sören Flachowsky
Von der Notgemeinschaft zum Reichsforschungsrat
Wissenschaftspolitik im Kontext von Autarkie, Aufrüstung und Krieg
Stuttgart: Steiner 2008
(545 S.; ISBN 978-3-515-09025-4; 60,00 EUR)
Von der Notgemeinschaft zum Reichsforschungsrat Die institutionen- und politikgeschichtliche Arbeit zur Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Vorläuferin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), analysiert die Entwicklung der Forschungsförderung in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945 v.a. mit Blick auf die Notgemeinschaft/DFG sowie auf die Rolle verschiedener Ministerien, des Militärs, der Wissenschaft und Wirtschaft. Der Kompetenzwirrwarr in der Zeit des Nationalsozialismus sowie dessen Wissenschaftsfeindlichkeit hätten, so die übliche These, eine erfolgreiche Wissenschaftsorganisation zwischen 1933 und 1945 verhindert. Der Autor kommt in seiner akribischen Studie zu dem ganz entgegen gesetzten Ergebnis, dass nämlich die Wissenschaftspolitik des NS-Regimes v.a. für einige natur- und technikwissenschaftliche Felder effektiv gewesen sei – ein zweischneidiges Ergebnis, wenn man bedenkt, welche Forschung dabei gefördert wurde. Ein weiterer Befund zur Stellung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (RMWEV oder kurz Reichserziehungsministerium, REM) in diesem Zusammenhang relativiert zudem die ebenfalls gängige Ansicht, dass dieses Ministerium eher schwach gewesen sei. Gerade im Bereich der Wissenschaftsorganisation und –förderung, so Flachowsky, habe das RMWEV sich weitgehend gegen die Konkurrenz durchgesetzt, indem es den entstehenden Reichsforschungsrat so mit der von ihm kontrollierten DFG verschränkte, dass letztendlich das RMWEV die zentralen Machtpositionen innehatte bzw. deren Besetzung kontrollierte. Zur DFG-Geschichte trägt die Studie viele Details hinsichtlich der Entstehung bei und zeigt auf, wie aus einer aus der Wissenschaft heraus sich entwickelnden selbstverwalteten Forschungsförderungseinrichtung (Fachausschüsse gewählt von der wissenschaftlichen Community) im Nationalsozialismus eine staatlich kontrollierte Organisation zur Förderung der weltanschaulich, politisch und militärisch geforderten Forschung wurde (Fachspartenleiter, die – Führerprinzip – von oben eingesetzt wurden). Insgesamt liegt damit eine fundierte Darstellung der Frühgeschichte der DFG vor, die manche Urteile der Vergangenheit relativiert und damit zu einem differenzierten Bild der Wissenschafts- und Bildungsgeschichte im Nationalsozialismus beiträgt.
Klaus-Peter Horn (Tübingen)
Zur Zitierweise der Annotation:
Klaus-Peter Horn: Annotation zu: Flachowsky, Sören: Von der Notgemeinschaft zum Reichsforschungsrat, Wissenschaftspolitik im Kontext von Autarkie, Aufrüstung und Krieg. Stuttgart: Steiner 2008. In: EWR 9 (2010), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.06.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978351509025.html