EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Martina G. Lüke
Zwischen Tradition und Aufbruch
Deutschunterricht und Lesebuch im Deutschen Kaiserreich
(Beiträge zur Geschichte des Deutschunterrichts 60)
Frankfurt a.M.: Lang 2007
(407 S.; ISBN 978-3-631-56408-0; 71,70 EUR)
Zwischen Tradition und Aufbruch Mit ihrer Untersuchung möchte die Autorin zum einen „die faktisch bestehenden Lehrinhalte und Vorgaben“ des Deutschunterrichts im Kaiserreich untersuchen und zum anderen die These seiner gesinnungsbildenden Wirkung überprüfen, die – so die verbreitete Forschungsmeinung – Antiintellektualismus, Nationalismus und Volkstumsideologie hervorgebracht habe. Dabei steht jedoch nicht die Gesamtentwicklung von Deutschunterricht und Lesebuch im Kaiserreich im Mittelpunkt des Buches – lediglich in Kapitel 2 und 3 wird auf ca. 140 Seiten eine Gesamtbetrachtung der Entwicklung in Preußen versucht – sondern die exemplarische Betrachtung von drei Lesebüchern, die an drei Hamburger Traditionsschulen (Johanneum, Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, Christianeum) in dieser Zeit Verwendung fanden. Deren Inhalte werden im vierten Kapitel auf einer deskriptiven Ebene analysiert, indem die in den Büchern versammelten Texte nach Themenkreisen (Geographie, Natur, Geschichte, Religion bzw. sittlich-erbauliche Texte, Familie und menschliches Zusammenleben sowie Epen, Sagen, Legenden) geordnet, anhand vielfältiger Beispiele vorgestellt und mit zuweilen recht kurzschlüssigen Interpretationen kommentiert werden. In Bezug auf die historischen Lesebuchtexte kommt die Autorin beispielsweise zu dem Schluss, dass hier die deutsche Vergangenheit „durch authentische Texte vermittelt“ vermittelt worden sei und „Achtung der Vorfahren und vorbildlicher historischer Figuren […] zu den Lernzielen der Lesebuchtexte“ gezählt habe (230). Da die Wirkung der Lesebuchtexte auf die Schülerinnen und Schüler nach Ansicht der Autorin nicht wissenschaftlich ermittelt werden könne (35), belässt sie es bei ihren mitunter fragwürdigen Interpretationen und zieht abschließend das Fazit, dass der Deutschunterricht im Kaiserreich keineswegs einen „übersteigerten Nationalismus“ gefördert habe (291). Aufgrund der Engführung und nicht ausreichenden Kontextualisierung bleibt die vorliegende Publikation vor allem eine Fleißarbeit – die deskriptive Wiedergabe der Lesebuchinhalte wird noch durch eine Auflistung im Anhang ergänzt – die den Bedarf weiterer Forschungen, vor allem hinsichtlich der Wirkungsgeschichte, anzeigt.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Annotation:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Lüke, Martina G.: Zwischen Tradition und Aufbruch, Deutschunterricht und Lesebuch im Deutschen Kaiserreich (Beiträge zur Geschichte des Deutschunterrichts 60) . Frankfurt a.M.: Lang 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978363156408.html