EWR 8 (2009), Nr. 2 (März/April)

Sammel-Annotation
Kindheit - Heterogenität - Bildung

Helga Kelle / Anja Tervooren (Hrsg.)
Ganz normale Kinder
Heterogenität und Standardisierung kindlicher Entwicklung
Weinheim/München: Juventa 2008
(226 S.; ISBN 978-3-7799-1545-4; 21,00 EUR)
Jürgen Budde / Katharina Willems (Hrsg.)
Bildung als sozialer Prozess
Heterogenitäten, Interaktionen, Ungleichkeiten
(Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung)
Weinheim/München: Juventa 2009
(238 S.; ISBN 978-3-7799-1792-2; 23,00 EUR)
Ganz normale Kinder Bildung als sozialer Prozess Zwei Bände aus dem Juventa Verlag stehen in einer gemeinsamen Annotation zur Vorstellung an. Beide haben ein unterschiedliches Themenspektrum, die Untertitel verweisen auf den gemeinsamen Blick im Umgang mit Heterogenität (oder im Plural: Heterogenitäten). Während das Buch von Kelle/Tervooren den Fokus auf Kindheit legt und vor allem aus Sicht der Normalismus-Theorie (Jürgen Link) argumentiert, nimmt der Sammelband von Budde/Willems den pädagogischen Handlungsraum Schule in den Blick. Darin entstehen nachhaltig Bildungsungleichheiten, die in dem vorliegenden Band aus unterschiedlichen Blickwinkeln theoretisiert und empirisch belegt werden. Aber nicht nur die Kategorie Geschlecht wird in dem Band thematisiert (was die Widmung des Buches für Hannelore Faulstich-Wieland nahelegt), auch andere Differenzlinien werden in ihren Wechselwirkungen analysiert. Vera King diskutiert beispielsweise class, gender und ethnicity als Barrieren im Bildungsverlauf, die biographisch bearbeitet werden müssen; Martina Weber untersucht Hierarchisierungsprozesse in schulischen Interaktionen und bringt dabei den gegenwärtig diskutierten Ansatz der Intersektionalität ins Spiel. Vereinigen lassen sich die verschiedenen Beiträge des Bandes innerhalb der Klammer „Bildung als sozialer Prozess“, der aus subjektorientierter Perspektive rekonstruiert wird. Untersucht wird dieser Prozess innerhalb der drei Schwerpunkte Ausgangspunkte, Abläufe und Vereinbarkeiten, mit einem kritischen Blick auf den nach wie vor misslingenden Umgang mit Heterogenität im deutschen Bildungssystem.

Heterogenität und der Prozess der Normalisierung mittels Standardisierungen ist das Thema des Bandes, den Kelle/Tervooren herausgegeben haben. Sie wählen für die versammelten Beiträge eine Perspektive auf die kulturellen Praktiken, mit denen die Entwicklung von Kindern beobachtet, untersucht, verglichen, kategorisiert, klassifiziert und diagnostiziert wird. Der Band analysiert folglich an der Schnittstelle von sozialwissenschaftlicher und historischer Kindheitsforschung, Erziehungswissenschaft und Medizinsoziologie die heterogene Entwicklung von Kindern. Die Herausgeberinnen verfolgen die starke These, dass sich nicht die Kinder (allein), sondern die entwicklungsbezogenen Evaluations- und Diagnoseinstrumente, das Bild des Kindes und auch die institutionellen Arrangements gewandelt haben. Die elf spannenden Beiträge des Buches bestätigen diese These durchgehend. Das Bild einer geplanten, verplanten und überwachten zeitgenössischen Kindheit bekommt dadurch einen deutlichen Umriss.
Sven Sauter (Gießen)
Zur Zitierweise der Annotation:
Sven Sauter: Annotation zu: Kelle, Helga / Tervooren, Anja (Hg.): Ganz normale Kinder, Heterogenität und Standardisierung kindlicher Entwicklung. Weinheim/München: Juventa 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 2 (Veröffentlicht am 27.03.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978377991545.html