EWR 8 (2009), Nr. 4 (Juli/August)

Sammelannotation Schulsport

Alexander Priebe
Vom Schulturnen zum Schulsport
Die Reform der körperlichen Ausbildung in den Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf von 1898 bis 1933
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007
(225 S.; ISBN 978-3-7815-1561-1; 32,00 EUR)
Sabine Ahrens
Halsbrechende Künste?!
Zur Geschichte des Schulsports in der Region Braunschweig-Gifhorn
Braunschweig/Gifhorn: Forschungsstelle für Schulgeschichte TU / Schulmuseum Steinhorst 2008
(190 S.; ISBN 0936-613-X; 12,50 EUR)
Vom Schulturnen zum Schulsport Halsbrechende Künste?! Als Erweiterung der vorliegenden Untersuchungen zum Themenkomplex ‚Schulsport’ verstehen sich die Publikationen von Priebe und Ahrens, die sich beide der Entwicklung in Fallstudien – hier reformpädagogische Landerziehungsheime (LEH), dort die Region Braunschweig-Gifhorn – widmen.

Alexander Priebe stellt die Gründungen von Hermann Lietz und Gustav Wyneken vergleichend gegenüber, da diese zwar im Hinblick auf ihre „reformpädagogischen Grundzüge“ Gemeinsamkeiten aufweisen, die Unterschiede hinsichtlich der pädagogischen Überzeugungen jedoch groß gewesen seien (11). Zusätzlich mache die personelle Kontinuität auf der einen Seite – nach Lietz übernahm Alfred Andreesen die Oberleitung – und der „fortwährende Schulleiterwechsel“ auf der anderen Seite eine vergleichende Darstellung der „Bedeutung der Reform der körperlichen Ausbildung im Rahmen der allgemeinen pädagogischen Reformen in den Landerziehungsheimen“ reizvoll (12). Auf der Basis des überlieferten Quellenmaterials der beiden LEH und der einschlägigen Literatur beschreibt Priebe nach einer kurzen allgemeinen Darstellung der Reformen im Bereich der Leibesübungen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis 1933 zunächst die körperliche Ausbildung der Schüler in den Lietzschen LEH. Dabei fällt die Sympathie für den vermeintlich „progressiven Zug einer ganzheitlichen Erziehungsauffassung“ (53) Lietzscher Prägung ins Auge. Zwar werden dessen „konservative Haltung“ (ebd.) sowie seine Übertreibungen hinsichtlich der „körperlichen Abhärtung“ (65) mehrfach erwähnt, die kritische Betrachtung der Rolle der körperlichen Ausbildung in der pädagogischen Ideenwelt des Nationalisten und Antisemiten Lietz sowie des Nationalsozialisten Andreesen kommt jedoch viel zu kurz. Die sich anschließende Auseinandersetzung mit der ‚Wickersdorfer Körperkultur’ fällt recht knapp aus, da man zwar etwas über die Rolle von Ästhetik, Gymnastik und Tanz im Rahmen der körperlichen Ausbildung erfährt, die Zuwendung zu Otto Peltzers dortigem Wirken jedoch wesentlich mehr Raum einnimmt. Dabei wird die Behauptung, dass Wickersdorf „unter der Ägide Peltzers als eines der frühen Sportinternate in Deutschland beschrieben werden“ kann, nur unzureichend belegt. Klarere Worte hätte man sich zu Peltzers sexuellem Missbrauch von Schülern gewünscht, die unter dem Deckmantel von Körperkult und Sport keine Einzelerscheinung in dieser Zeit waren. Der Behauptung des Klappentextes, dass die Darstellung „die kanonisierte Rezeption der Reformpädagogik relativiert“, kann man durchaus widersprechen.

Die Publikation von Sabine Ahrens trägt populärwissenschaftliche Züge, da sie als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Schulmuseum Steinhorst konzipiert wurde. Entsprechend führt sie einerseits in gut lesbarer Form und unterstützt durch ein vielfältiges und aussagekräftiges Bildmaterial schwungvoll durch eine 250-jährige Geschichte des Schulsports und stützt sich dabei auf Archivmaterialien und die einschlägige Literatur. Dabei werden in einem chronologisch aufgebauten Teil pietistische und philanthropische Ursprünge erwähnt, der Aufschwung des Turnens und die allmähliche Eingliederung von Leibesübungen in den Stundenplan der Schulen im 19. Jahrhundert beschrieben sowie die Entwicklungen im 20. Jahrhundert skizziert. Der Geschichte des Mädchenturnens wird lobenswerterweise ein eigenes Kapitel gewidmet, bevor im zweiten Teil des Buches einzelne Bereiche des Schulsports, wie z.B. die Verknüpfung von Wehrerziehung und Schulsport, die Verbindung von Sport und Spiel, die Rolle der Wandertage und der Schullandheime für den Schulsport oder die Entwicklung der Turnkleidung, genauer betrachtet werden. Zwangsläufig kommt es andererseits zu Verkürzungen, die Klischees verfestigen, wenn beispielsweise der Mädchensport im Nationalsozialismus – der NS-Propaganda folgend – lediglich im Kontext der Vorbereitung auf die Mutterrolle dargestellt wird und die tatsächliche Wirkung des neuen Angebots auf das Selbstbewusstsein der Mädchen nicht zur Sprache kommt. Gleiches gilt für die behauptete „Aufwertung des Sports im Nationalsozialismus“ (45) für den schulischen Bereich, denn weniger der Schulsport als vielmehr die außerschulische sportliche Betätigung in der Hitler-Jugend war vorrangig. Entscheidender als diese (erweiterbaren) Einwände ist jedoch die Tatsache, dass die Autorin durch ihren Rückgriff auf „Quellen niederer Provenienz“ (7) deren Bedeutung für die regionale (Schul-)Forschung einmal mehr deutlich gemacht und für die weitere Erforschung der historischen Realität des Schulsports Anregungen gegeben hat.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Annotation:
Rüdiger Loeffelmeier: Annotation zu: Priebe, Alexander: Vom Schulturnen zum Schulsport, Die Reform der körperlichen Ausbildung in den Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf von 1898 bis 1933. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 4 (Veröffentlicht am 31.07.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978378151561.html