EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Sammelannotation
Erziehung in der DDR

Peter Helmberger
Blauhemd und Kugelkreuz
Konflikte zwischen der SED und den christlichen Kirchen um die Jugendlichen in der SBZ/DDR
(Forum Deutsche Geschichte 16)
München: m-press 2008
(346 S.; ISBN 978-3-89975-658-6; 49,90 EUR)
Dirk Moldt
Zwischen Haß und Hoffnung
Die Blues-Messen 1979 – 1986
Eine Jugendveranstaltung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg in ihrer Zeit
(Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs 14)
Berlin: Robert-Havemann-Gesellschaft 2008
(430 S.; ISBN 978-3-938857-06-9; 19,80 EUR)
Marlene Becker
"In unseren Händen liegt es, die Zukunft zu gestalten."
Jugend und evangelische Kirche in der SBZ/DDR vor dem Mauerbau
(Oldenburger Beiträge zur DDR- und DEFA-Forschung 6)
Oldenburg: BIS-Verlag der Carl-von-Ossietzky-Universität 2007
(162 S.; ISBN 978-3-8142-2058-1; 8,00 EUR)
Blauhemd und Kugelkreuz Zwischen Haß und Hoffnung Die Kirche hatte in der DDR einen schweren Stand, nicht nur in ihrer Haupteigenschaft als religiöse Institution, sondern auch in ihrer damit zusammenhängenden Jugendarbeit. Die sich hieraus ergebenden Reibungspunkte und Vorfälle sind bereits vielfach behandelt worden, und dennoch widmen sich eine angehende Lehrerin in ihrer Staatsexamensarbeit und zwei Historiker dieser Thematik erneut, was die Frage aufwirft, ob sich neue Perspektiven auf dieses Forschungsfeld mit diesen Arbeiten verbinden.

Für Marlene Beckers Arbeit ist dies eindeutig zu verneinen. Sie legt ihrer Arbeit die These zugrunde, dass die „Repressionen gegen die kirchliche Jugendarbeit“ ihren Grund im „Kampf um die Jugend“ (15) gehabt hätten, den sich die SED auf die Fahnen geschrieben habe, und möchte das ‚Wie?’ und ‚Warum?’ „der kirchlichen und staatlichen Jugendpolitik“ (ebd.) in den Blick nehmen, wobei im Hauptteil der Arbeit die Junge Gemeinde, die Evangelische Studentengemeinde und die Jugendweihe im Mittelpunkt stehen. Wie in einer Staatsexamensarbeit üblich, beschäftigt sie sich mit der vorliegenden Literatur und legt eine gründliche, durchaus geschickte Zusammenfassung der dort zu findenden Befunde vor. Für denjenigen, der sich schnell einen Überblick verschaffen möchte, ist die Lektüre sicherlich hilfreich. Insgesamt gesehen ist diese Darstellung jedoch nicht dazu angetan, den Sinn der Publikation solcher Prüfungsarbeiten zu belegen.

Die 2001 an der Humboldt Universität Berlin angenommene Dissertation von Peter Helmberger versteht sich als „Beitrag zur Geschichte der Jugendlichen innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft“ (18) und benennt als Untersuchungsgegenstand die Auseinandersetzungen des SED-Staates und der Kirchen in der DDR, wie sie sich im Rahmen der jeweiligen Jugendarbeit ergaben. Dazu analysiert er in einem ersten Teil die Differenzen zwischen Kirche und SED und betrachtet jeweils deren Vorstellungen von Jugend und Jugendarbeit. Im zweiten Teil untersucht er „einzelne Brennpunkte der jugendpolitischen Auseinandersetzung zwischen dem Staat und den christlichen Kirchen“ (20), die er in den Themenfeldern ‚Religionsunterricht’, ‚Junge Gemeinde’, ‚Studentengemeinden’, ‚Jugendweihe’, ‚Wehrdienst’ und ‚Freizeitbereich’ verortet. Herausgekommen ist eine akribische historische Arbeit, die mit umfangreichem, größtenteils edierten Quellenmaterial arbeitet und immer dann interessant wird, wenn sie die dominierende deskriptive Ebene verlässt und zur eigenen Interpretation übergeht. Dabei wird der Bedeutungswandel der Kirche in der DDR-Gesellschaft nicht nur im Hinblick auf deren Jugendarbeit ebenso deutlich herausgearbeitet wie das stete, nicht immer erfolgreiche Bemühen des Staates, die kirchliche Jugendarbeit zu unterbinden. So gelang eine informative Darstellung, die jedoch den Blick der Beteiligten auf die behandelten Vorgänge nicht mit einbezieht.

Völlig anders ist dies in dem Buch von Dirk Moldt, das sich ausdrücklich als Dokumentation versteht und eine ungewöhnliche Zusammenkunft von Kirche und Jugendkultur betrachtet: die Blues-Messen. Nach einer Skizzierung des staatlichen und kirchlichen Umgangs mit der „Problemjugend“ (35) der DDR beschreibt Moldt die ersten Kontakte der Blues-Szene in Person des Musikers Günter Holwas mit der Kirche in Person von Rainer Eppelmann. Das Ansinnen Holwas’, die Kirche durch ein Blues-Konzert mit jugendlichem Publikum zu füllen, erschien Eppelmann interessant, und nach einigen Gesprächen einigte man sich auf eine Veranstaltung, die durch ihre Mischung aus christlichen, mündlich vorgetragenen Texten und live gespieltem Blues beide Interessen miteinander verband. So kam es von 1979 bis 1986 zu insgesamt zwanzig Blues-Messen in verschiedenen Kirchen Ost-Berlins, die Moldt in sehr lebendiger Form und unter ständigem Rückgriff auf Interview- und Archivmaterial unter Berücksichtigung vielfältiger Aspekte beschreibt. Dabei werden die Bedenken der Kirche, die Diskussionen mit der staatlichen Ebene, die Störversuche der Staatssicherheit und das sich mit den Jahren wandelnde Publikum eingehend betrachtet. Auf diese Weise wird zum einen die Frage beantwortet, warum diese zunächst überaus erfolgreiche Veranstaltung – in der Hochzeit kamen mehrere tausend Besucher – zuletzt kaum noch Zuspruch fand. Zum anderen wird eine besondere Leistung der Ost-Berliner Kirche gewürdigt, die – trotz zahlreicher, hier ebenfalls erwähnter Widerstände aus den eigenen Reihen – einer in der DDR unerwünschten Jugendkultur und den darin vorherrschenden kritisch-oppositionellen Gedanken Raum zur Entfaltung bot. Eine dem Buch beigefügte CD enthält neben schriftlichen auch Ton- und Bilddokumente und ergänzt die sehr lesenswerte Darstellung.

Was allen drei Büchern fehlt, sind pädagogische Fragestellungen an das Thema. Begriffe wie „Individualisierungstendenzen“ oder „offene Jugendarbeit“ tauchen zwar auf, werden aber in ihrem Bezug zur Thematik nur kurz angerissen. Eine im engeren Sinne bildungshistorische Interpretation der Materialien steht also noch aus, aber die erziehungswissenschaftliche Forschung kann den Publikationen durchaus Anregungen entnehmen.
Rüdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Annotation:
Rüdiger Loeffelmeier: Annotation zu: Helmberger, Peter: Blauhemd und Kugelkreuz, Konflikte zwischen der SED und den christlichen Kirchen um die Jugendlichen in der SBZ/DDR (Forum Deutsche Geschichte 16) . München: m-press 2008. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/annotation/978389975658.html