EWR 16 (2017), Nr. 5 (September/Oktober)

Martin Dust / Ingrid Lohmann / Gerd Steffens (Hrsg.)
Jahrbuch für Pädagogik 2016
Events & Edutainment
Frankfurt am Main: Peter Lang 2016
(316 Seiten; ISBN 978-3-631-71979-4; 25,60 EUR)
Jahrbuch für Pädagogik 2016 Die fortschreitende Eventisierung und Unterhaltungskultur in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien, Sport, Freizeit und Alltag etabliert sich zunehmend auch im Bildungsbereich. Damit einhergehenden Fragen, inwiefern die heutige Gesellschaft vom Event, Erlebnis, Edutainment sowie von öffentlicher Inszenierung, Ästhetisierung und vom Amüsement geprägt ist, welche Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen damit verbunden sind bzw. welche Veränderungen sich unter diesen Bedingungen in Bildungsprozessen ergeben können, geht das Jahrbuch für Pädagogik 2016 mit dem Titel Events & Edutainment näher auf den Grund. Die darin enthaltenen Beiträge von Autor_innen verschiedener Disziplinen und Arbeitsfelder, die jeweils im Autor_innenspiegel nachgelesen werden können, liefern einen spannenden und gleichzeitig vielfältigen Einblick in die umfangreiche Thematik. Die Aufsätze sind inhaltlich in fünf Themenbereiche gegliedert: I Bildung in einer eventisierten Gesellschaft – eine Annäherung, II Brot und Spiele – Zur Aktualität einer antiken Metapher, III Erlebniswelten und Eventkultur, IV Edutainte Subjekte und V Sozialisation in medialen Erlebniswelten – eine Spurensuche.

Mit Überlegungen zur systematischen Indienstnahme kulturindustrieller Techniken zur Fabrikation von Unmündigkeit führt Edgar Weiß in das erste Kapitel ein. Unter Bezugnahme auf Adornos Konzept der Halbbildung gelingt es ihm, aus kritischer Perspektive die Wechselwirkung von Manipulationsmöglichkeiten bzw. -strategien durch elektronische Medien, einem vom warenförmigen Bildungsverständnis geprägten Bildungssystem und der Idee von Mündigkeit, die er im Postmodernismus als gefährdet sieht, zu reflektieren. In weiterer Folge beschäftigt sich Gerd Steffens mit den sich im Zuge der Digitalisierung zwischenmenschlicher Beziehungen ändernden Kommunikationsverhältnissen und deren Inszenierung im privaten und öffentlichen Raum, die er anhand von zwei zeitkritischen Romanen anschaulich untersucht. Überzeugend verknüpft er seine aktuelle Gegenwartsanalyse mit dem Konzept der Resonanz und macht sich aufgrund des vorherrschenden Verlangens nach Responsivität, das oft mit der Vernachlässigung individueller Autonomie einhergeht, für den Mut zur Resonanzverweigerung stark.

Warum der Ausdruck Brot und Spiele heutzutage aktueller denn je zu sein scheint, erläutern Lore und David Salomon in ihren jeweiligen Artikeln. Nach einer Schilderung historischer Charakteristika von Gladiatoren- und Zirkusspielen im alten Rom zeigen sie auf, wie noch heute vermehrt auf „Brot und Spiele Strategien“ zurückgegriffen wird, um Menschen durch Unterhaltung in eine politische Passivität zu versetzen und gleichzeitig jene Zerstreuung als gezieltes Mittel zur Ankurbelung des Kapitalismus einzusetzen.

Die Autor_innen des dritten Themenblocks Erlebniswelten und Eventkultur beschreiben, dass und auf welche Weise Politik, Sport, Museen, erlebnispädagogische Angebote, ja sogar der eigene Körper eventisiert werden können. Während versucht wird, Jugendliche u. a. über Freizeitangebote wie Konzerte zu politisieren, ermöglicht die Eventisierung und Medialisierung des Fernsehsports nicht nur oberflächliche, jedoch intensive emotionale Gemeinschaftserlebnisse, sondern auch eine zu hinterfragende Kommerzialisierung. Horst Steffens illustriert diese Tendenz der Ökonomisierung, die sich auch in der musealen Ausstellungspolitik – deren Bildungsangebote auf Emotionalisierung und „Verzauberung“ statt kritische Auseinandersetzung seitens des Publikums abzielen – finden lässt. Von Vermarktungskonzepten geleitet, verschwinden sozialkritische, provokante Themen zugunsten einer Anpassung der Angebote an Durchschnittsinteressen, was er anhand von Beispielen aus der Praxis ausführlich untermauert. Germo Zimmermann analysiert im weiteren Verlauf des Jahrbuchs Erlebniswelten wie Abenteuerparks oder Outdoor-Events für Firmen in Bezug auf deren Konzeptualisierung und Inszenierung. Die als „erlebnispädagogisch“ bezeichneten Angebote entpuppen sich oft als reine Vergnügungsmaschinerien mit Fokus auf Action, Abenteuer und Konsum. Der Autor demonstriert, dass nach der Aktionsphase die fehlenden Reflexionsmöglichkeiten von Erfahrungen und Erlebnissen einen inhaltlichen Transfer in den eigenen Alltag erschweren. Elisabeth Rohr hingegen interpretiert die Eventisierung des menschlichen Körpers durch Tattoos oder Piercings als einen solchen potentiellen „Ort“ für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verschwinden des Körpers in abstrakten Welten virtueller bzw. digitaler Räume und in der Arbeitswelt.

Solche virtuellen Welten kommen aber auch bewusst zum Einsatz, um Subjekte zu „Edutainten Subjekten“, mit denen sich der vierte Themenschwerpunkt näher beschäftigt, zu machen. Am Beispiel von inszenierten Zombie-Apokalypsen als Freizeitangebot deckt John Preston die dahinter verborgenen Intentionen, z. B. Mobilisierung zum Einsatz von Gewalt und Waffen sowie Förderung eines skrupellosen Umgangs mit dem Gegenüber, auf und beschreibt die fatalen Folgen dieses eventisierten Verlusts jeglicher ethischer Dimension für das menschliche Zusammenleben. Andreas Eis schildert exemplarisch an der Politischen Bildung im Schulbereich, wie diese nach und nach einer Digitalisierung unterworfen ist und hinterfragt aus didaktischer Sicht die tatsächliche Lernwirksamkeit und dadurch angestrebten Möglichkeiten zur Partizipation solcher digitaler Lernumgebungen bzw. sozialer Netzwerke. Ein ähnliches Vorhaben verfolgen Tim Engartner und Balasundaram Krisanthan, indem sie die Inhalte von privaten Wirtschaftskonzernen erstellten Unterrichtsangeboten und -unterlagen kritisch unter die Lupe nehmen. Dadurch gelingt es ihnen, das privatwirtschaftliche Interesse von Unternehmen, Schüler_innen durch versteckte Werbungen und verfälschte Informationen zu beeinflussen und für ihren Betrieb anzuwerben, aufzudecken. Infolgedessen stellen sie eine derartige Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft in Frage. Fabian Schmidt thematisiert diesen Imperativ heutiger Kulturindustrie – „Mach mit!“ – mit spannenden Betrachtungen zur damit einhergehenden umgeformten Autonomie von edutainten Subjekten.

Der einleitende Beitrag von Anke Wischmann in den fünften Themenblock Sozialisation in medialen Erlebniswelten – eine Spurensuche fügt sich, obwohl sie ein wichtiges Thema bearbeitet, weniger in das Konzept des Bandes ein, da der Text hauptsächlich auf die Kritik an der wissenschaftlichen Vorgehensweise der Studie Jugend 2015 abzielt. Eventisierung und Edutainment arbeitet jedoch Bertram Gugel mit einem Blick hinter die Kulissen des Videoportals YouTube auf anschauliche Weise heraus. Dabei analysiert er den feststellbaren Trend zur Bewegtbild-Kommunikation und das damit verbundene Resonanzverlangen, das sich im Bewerben, Unterhalten und Erweitern von Followern, Usern etc. zeigt.

Insgesamt betrachtet, liefert der Band Events & Edutainment einen überaus wertvollen Beitrag zur differenzierten Analyse der heutigen Gesellschaft und sensibilisiert auf zahlreichen Ebenen für die immer stärker werdende Eventisierung und Übernahme von Techniken bzw. Vermarktungsstrategien der Unterhaltungsindustrie in den Bereichen Politik, Bildung, Medien, Sport und Freizeit. Somit richtet sich das Jahrbuch für Pädagogik 2016 nicht nur an Wissenschaftler_innen und Pädagog_innen, sondern auch an alle Interessierte, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen, kommunikativen, bildungspolitischen, medialen und sozialen Entwicklungen in diesem Bereich kritisch auseinandersetzen wollen. Die enthaltenen Artikel eignen sich aufgrund ihrer Aktualität und Zugänglichkeit darüber hinaus auch gut als Lektüre und Diskussionsgrundlage in der universitären Lehre.
Klara Strausz (Graz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klara Strausz: Rezension von: Bünger, Carsten (Hg.): Jahrbuch für Pädagogik 2016, Events & Edutainment. Frankfurt am Main: Peter Lang 2016. In: EWR 16 (2017), Nr. 5 (Veröffentlicht am 26.09.2017), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/ueberblick2003-10.html