EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

Sammelrezension zum Thema: „Soziale Ungleichheiten beim Bildungserwerb vom Kindergarten bis zur Hochschule“

Birgit Becker / David Reimer (Hrsg.)
Vom Kindergarten bis zur Hochschule
Die Generierung von ethnischen und sozialen DisparitÀten in der Bildungsbiographie
Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften 2009
(316 S.; ISBN 978-3-5311-6224-9; 39,95 EUR)
Heinz-Hermann KrĂŒger / Ursula Rabe-Kleberg / Rolf-Torsten Kramer / JĂŒrgen Budde (Hrsg.)
Bildungsungleichheit revisited
Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule
Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften 29,9
(324 S.; ISBN 978-3-5311-6672-8; 29,95 EUR)
Vom Kindergarten bis zur Hochschule Bildungsungleichheit revisited Soziale Ungleichheiten beim Bildungserwerb sind seit der PISA 2000-Studie wieder verstĂ€rkt in den Fokus der öffentlichen wie der wissenschaftlichen Diskussion gerĂŒckt. Die PISA-Studie machte deutlich, dass der Bildungserwerb in Deutschland stĂ€rker an die soziale Herkunft gekoppelt ist als in jedem anderen der teilnehmenden OECD-LĂ€nder. Zudem verlĂ€sst etwa ein FĂŒnftel der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler – deutsche wie Jugendliche mit Migrationshintergrund – das deutsche Schulsystem, ohne ausreichende Kompetenzen erworben zu haben, um als ausbildungsfĂ€hig zu gelten.

Soziale Ungleichheiten beim Bildungserwerb entstehen ĂŒber den Verlauf individueller Bildungskarrieren hinweg im Zusammenspiel von Bedingungen des Elternhauses, individuellen Lernvoraussetzungen und institutionellen Angebotsstrukturen, die wiederum von der Ausgestaltung der Bildungssysteme abhĂ€ngen. Mit Bezug auf die individuellen Bildungskarrieren werden in Anlehnung an Boudon in der Theorie primĂ€re von sekundĂ€ren Ungleichheitsfaktoren unterschieden. PrimĂ€re Ungleichheiten drĂŒcken sich in unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen von Kindern zu Beginn ihrer Schullaufbahn sowie in unterschiedlich sich entwickelnden Leistungen im weiteren Verlauf des Schulbesuchs aus. Die Hauptursache fĂŒr primĂ€re soziale Ungleichheiten wird in der unterschiedlichen Ausstattung von Familien mit sozialen und kulturellen Ressourcen und den damit verbundenen ungleichen Fördermöglichkeiten fĂŒr die Kinder gesehen. SekundĂ€re Ungleichheiten entstehen ĂŒberall dort, wo im Bildungssystem Entscheidungen getroffen werden mĂŒssen. In solche Entscheidungen fließen in der Regel die primĂ€ren Ungleichheiten in Form der bisher gezeigten Schulleistungen ein, darĂŒber hinaus spielen aber vielfĂ€ltige weitere ErwĂ€gungen eine Rolle, die sowohl Ungleichheiten verstĂ€rkend, in bestimmten FĂ€llen aber auch Ungleichheiten verringernd wirken können.

Der Versuch, das Zusammenspiel von primĂ€ren, sekundĂ€ren und institutionellen Faktoren ĂŒber die gesamte Bildungsbiographie hinweg und mit all ihren Etappen in den Blick zu nehmen, ist bisher nur selten oder auch gar nicht unternommen worden. Beide der im Folgenden zu besprechenden SammelbĂ€nde haben das Anliegen, diese LĂŒcke zu fĂŒllen.

(1) Birgit Becker / David Reimer (Hrsg.): Vom Kindergarten bis zur Hochschule

Der Band „Vom Kindergarten bis zur Hochschule“, herausgegeben von Birgit Becker und David Reimer, bildet eine Zusammenstellung von empirischen BeitrĂ€gen, in denen aktuelle Ergebnisse aus Forschungsprojekten des Mannheimer Zentrums fĂŒr EuropĂ€ische Sozialforschung (MZES) sowie der FakultĂ€t fĂŒr Sozialwissenschaften der UniversitĂ€t Mannheim berichtet werden. GemĂ€ĂŸ den Herausgebern bieten die Projekte „einen detaillierten Einblick in die gesamte Bildungskarriere von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen.“ (7)

Bildungskarrieren beginnen nicht erst mit der Einschulung, sondern schon in der Vorschulzeit. Folgerichtig sind die ersten beiden BeitrĂ€ge diesem noch wenig beforschten Gebiet gewidmet. Der erste Beitrag von Birgit Becker gilt der Wahl von KindergĂ€rten, also der ersten Bildungsentscheidung, welche Eltern fĂŒr ihre Kinder mit Blick auf ihre Bildungslaufbahn zu treffen haben. Im Beitrag wird gezeigt, dass sich Eltern mit tĂŒrkischem Migrationshintergrund hĂ€ufiger als deutsche Eltern fĂŒr KindergĂ€rten mit einem hohen Migrantenanteil entscheiden und dass die Entscheidung davon abhĂ€ngt, wie gut Eltern ĂŒber KindergĂ€rten informiert sind, welchen zeitlichen und rĂ€umlichen Restriktionen sie unterliegen und wie ihr soziales Netzwerk zusammengesetzt ist.

Der zweite Beitrag von Nicole Biedinger und Birgit Becker baut direkt auf dem ersten auf, indem er die möglichen Folgen der Kindergartenwahl beleuchtet. Ein interessanter Befund ist darin zu sehen, dass die allgemeinen FĂ€higkeiten der Kinder beim Schuleintritt höher lagen, wenn die Kinder zuvor einen Kindergarten besucht hatten. Außerdem verringerte sich fĂŒr Kinder mit Migrationshintergrund, tĂŒrkischem wie russischem, mit der Dauer des Kindergartenbesuchs bis zum Schuleintritt der Förderbedarf in der deutschen Sprache. Bei Kindern mit Migrationshintergrund wirkte sich zudem ein hoher Anteil an Kindern aus der eigenen ethnischen Gruppe negativ auf die Sprachentwicklung aus. FĂŒr die Entwicklung der allgemeinen FĂ€higkeiten spielte dagegen vor allem die soziale Zusammensetzung der Kindergartengruppe eine Rolle.

Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I gehört zu den besser untersuchten Etappen von Bildungskarrieren, hier konzentrieren sich die BeitrĂ€ge deshalb auf zwei bisher seltener berĂŒcksichtigte Aspekte. Volker StockĂ© untersucht in seinem Beitrag zum Einfluss von „schulbezogenem Sozialkapital“ wĂ€hrend der Grundschulzeit die Wirkung, die ein hĂ€ufiger Besuch von Elternabenden auf die Notenvergabe in den FĂ€chern Deutsch und Mathematik zum Ende der Grundschulzeit hat. Beide Noten gehen maßgeblich in die Übergangsempfehlungen der GrundschullehrkrĂ€fte ein.

Cornelia Kristen und Jörg Dollmann gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, wie sich die niedrigeren Übergangsquoten in höhere Schulformen bei Kindern mit tĂŒrkischem Migrationshintergrund erklĂ€ren lassen. Die Analysen zeigen zunĂ€chst, dass die niedrigeren Übergangsquoten fast vollstĂ€ndig durch Leistungsunterschiede, also durch primĂ€re Herkunftseffekte gedeckt sind. DarĂŒber hinaus ergaben sich sekundĂ€re Effekte, also Effekte, die auf das Entscheidungsverhalten der Eltern zurĂŒckzufĂŒhren sind. Überraschenderweise scheinen diese eher Kinder tĂŒrkischer Herkunft zu bevorzugen als zu benachteiligen. TĂŒrkische Eltern haben bei vergleichbaren Leistungen ihrer Kinder offenbar höhere Bildungsaspirationen als deutsche Eltern.

Mit den BemĂŒhungen um eine grĂ¶ĂŸere DurchlĂ€ssigkeit des dreigliedrigen Schulsystems in der Bundesrepublik Deutschland wird hĂ€ufig die Hoffnung verbunden, gerade sozial benachteiligte Jugendliche könnten durch eine spĂ€tere Korrektur der Übergangsentscheidung nach der Grundschule ihre Bildungschancen verbessern. Marita Jacob und Nicole Tieben stellen in ihrem Beitrag eine dieser Annahme entgegen gesetzte Vermutung auf und zeigen, dass Schulformaufstiege wie auch Schulformabstiege sozial selektiv und in AbhĂ€ngigkeit von Statuserhaltsmotiven der Eltern erfolgen. Die DurchlĂ€ssigkeit des deutschen Schulsystems scheint demnach die Problematik der starken Kopplung von BildungsabschlĂŒssen an die soziale Herkunft der Eltern eher zu verschĂ€rfen als abzumildern.

Die folgenden drei BeitrĂ€ge richten sich auf den nĂ€chsten Übergang im deutschen Bildungssystem, auf den Wechsel in eine Ausbildung oder auf eine Hochschule. Tobias Roth, Zerrin Salikutluk und Irena Kogan beschĂ€ftigen sich mit den Bildungsaspirationen von MĂŒttern von Haupt-, Gesamt- und RealschĂŒlern am Ende der Sekundarstufe I. Sie untersuchen den Einfluss, den das soziale Netzwerk der MĂŒtter auf deren EinschĂ€tzung hat, ob ihre Kinder erfolgreich ein Studium abschließen könnten, und beleuchten dabei die Unterschiede, die sich in dieser Hinsicht zwischen MĂŒttern mit tĂŒrkischem, russischem und deutschem Hintergrund ergeben.

Christian Hunklers Beitrag ist dem Übergang in die duale Berufsausbildung gewidmet. Gezeigt wird, dass tĂŒrkische Jugendliche beim Übergang und beim Abschluss einer dualen Berufsausbildung sowohl deutschen Jugendlichen als auch Jugendlichen mit anderem Migrationshintergrund unterlegen sind. Diese Unterlegenheit ließ sich zum grĂ¶ĂŸten Teil durch die soziale Herkunft und die SprachfĂ€higkeit der Jugendlichen erklĂ€ren. Insbesondere bei tĂŒrkischen mĂ€nnlichen Jugendlichen scheinen jedoch noch weitere Mechanismen, etwa statistische Diskriminierung durch Arbeitgeber oder besondere Übergangsstrategien der Jugendlichen, zu greifen.

David Reimer und Steffen Schindler schließlich analysieren in differenzierter Weise die Ausbildungsentscheidungen von Studienberechtigten, die nicht nur auf UniversitĂ€ten und Fachhochschulen wechseln, sondern zu höheren Anteilen auch in Berufsakademien und Verwaltungsfachhochschulen, in betriebliche Ausbildungen, in schulische Ausbildungen sowie den direkten Berufseinstieg wĂ€hlen. Vor dem Hintergrund angenommener Kosten und Nutzenerwartungen formulieren sie eine Reihe von Thesen zu sozial selektiven Entscheidungen.

Der letzte Beitrag des Bandes ist dem Nachholen von BildungsabschlĂŒssen gewidmet. Marita Jacob und Felix Weiss untersuchen anhand eines Kohortenvergleichs, inwieweit sich zwischen den Geburtskohorten von 1955 und 1971 die Wege zur Hochschule verĂ€ndert haben. Die Ergebnisse sind zu differenziert, um sie hier darstellen zu können.

Den versammelten BeitrĂ€gen kann durchaus bescheinigt werden, dass sie „in ihrer Gesamtheit wichtige Erkenntnisse“ liefern, „wann und wie soziale und ethnische Ungleichheit im deutschen Bildungssystem entsteht“ (15). Zudem wird durch die Zusammenstellung der BeitrĂ€ge die „kumulative Natur“ dieses Prozesses ĂŒber „den Verlauf der Bildungskarriere“ hinweg tatsĂ€chlich gut sichtbar gemacht. In einem Ausblick am Ende der Einleitung verweisen die Herausgeber darauf, dass in Zukunft „eine ganzheitlichere Betrachtung von BildungsverlĂ€ufen sicher weiter zunehmen“ wird. Ermöglicht werde dies durch die GrĂŒndung des Nationalen Bildungspanels (NEPS), das „die Kompetenzentwicklung und die BildungsverlĂ€ufe von Individuen langfristig und in großer Fallzahl verfolgen“ wird. Dass sich auch schon auf der Grundlage der vorhandenen Datenbasis ein hoher empirischer Informationsgehalt erzielen lĂ€sst, dokumentiert der vorliegende Band eindrucksvoll. Als kleiner Kritikpunkt bleibt anzumerken, dass zwei der BeitrĂ€ge vorab schon an anderer Stelle publiziert wurden.

(2) Heinz-Hermann KrĂŒger u.a. (Hrsg.): Bildungsungleichheit revisited

Der zweite hier vorzustellende Band ist in Art, Methodik und fachlicher Herkunft der BeitrĂ€ge deutlich heterogener zusammengestellt als der soeben besprochene. Er bildet das Ergebnis einer im Jahre 2008 an der Martin-Luther-UniversitĂ€t Halle-Wittenberg durchgefĂŒhrten internationalen Fachtagung, die vom Promotionskolleg „Bildung und soziale Ungleichheit“ und dem Zentrum fĂŒr Schul- und Unterrichtsforschung (ZSB) organisiert und ĂŒber die Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde. Der Titel „Bildungsungleichheit revisited“ hebt auf die „Wiederentdeckung“ der in den 1960er Jahren schon einmal diskutierten Thematik ab (vgl. dazu die Einleitung und den Beitrag von Hartmut Wenzel). Der Band ist in fĂŒnf Abschnitte eingeteilt, die vom Elementarbereich ĂŒber die allgemeinbildende Schule bis zur Hochschule reichen, aber auch je einen Abschnitt zur außerschulischen Bildung sowie zur Berufsbildung umfassen.

Der Vorschulbereich wird durch zwei BeitrĂ€ge abgedeckt. ZunĂ€chst zeigt Friedhelm Pfeiffer auf der Grundlage der „Mannheimer Risikokinderstudie“, dass die allgemeinen FĂ€higkeiten von Kindern beim Schuleintritt vor allem von der vorangegangenen emotionalen FĂŒrsorge in den Familien, weniger von deren ökonomischer Lage abhĂ€ngen. Vor dem Hintergrund einer bildungsökonomisch inspirierten Simulation argumentiert er, dass öffentliche Bildungsinvestitionen möglichst frĂŒh ansetzen sollten, weil sich so höhere Bildungsrenditen erzielen ließen. Insgesamt – so sein Fazit – mĂŒsse es der Bildungspolitik vor allem darum gehen, benachteiligten Kindern einen Zugang zu angemessener emotionaler FĂŒrsorge zu eröffnen. Dies sollte möglichst schon im Vorschulalter geschehen, da frĂŒhe Bildungsdefizite spĂ€ter kaum mehr aufholbar seien. Im zweiten Beitrag diskutiert Ursula Raabe-Kleeberg die Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die mit einer aus ihrer Sicht notwendigen Neuausrichtung des Kindergartens von einem Ort der Betreuung hin zu einem Ort der Bildung verbunden sind.

Dem Bereich der Schule sind vier BeitrĂ€ge zugeordnet. Zu Beginn gibt Hartmut Wenzel einen Überblick ĂŒber die Hauptlinien der Diskussion ĂŒber soziale Ungleichheiten beim Bildungserwerb von den 1960er Jahren an bis heute. Anschließend bieten Kai Maaz, JĂŒrgen Baumert und Ulrich Trautwein einen Überblick ĂŒber Befunde zu vier, wie sie meinen, zentralen Entstehungs- und VerstĂ€rkungsmechanismen von sozialen Ungleichheiten. Zum Ersten sind dies die ÜbergĂ€nge im Bildungssystem, fĂŒr die ein schichtspezifisches Entscheidungsverhalten von Eltern, weniger von LehrkrĂ€ften, gut dokumentiert ist. Zum Zweiten werden innerinstitutionelle Wirkungen des schulischen Angebots betrachtet. Hier sprechen die vorhandenen Befunde fĂŒr geringfĂŒgig soziale Ungleichheiten verstĂ€rkende, aber auch fĂŒr kompensatorische Wirkungen der Lernangebote. Drittens wird die leistungsdifferenzierte Aufteilung in Lerngruppen, sowohl innerhalb von Schulen als auch durch eine Verteilung auf unterschiedliche Schulformen, in den Blick genommen. Solche Aufteilungen wirken, wenn sie ungleiche KompetenzzuwĂ€chse zur Folge haben, soziale Ungleichheiten verstĂ€rkend. Und viertens werden Befunde zur Wirkung außerschulischer Faktoren wie Familie, Nachbarschaft und Region, zusammengetragen.

Im dritten Beitrag weisen Rolf-Torsten Kramer und Werner Helsper auf den Erkenntnisgewinn hin, der sich durch eine Wiederaufnahme der vor allem im Umfeld der PISA-Studien ihrer Meinung nach nur verkĂŒrzt rezipierten und zunehmend vernachlĂ€ssigten Theorie Bourdieus erzielen ließe. Zu verdeutlichen suchen sie dieses Anliegen mit einer qualitativen Studie, in der Typen eines „sekundĂ€ren schulischen Habitus“ herausgearbeitet und auf ihre „Abstoßungslinien“ gegenĂŒber primĂ€ren, sozialmilieuspezifischen familiĂ€ren Habitus hin untersucht werden.

Im vierten Beitrag arbeiten Katrin U. Zaborowski und Georg Breidenstein – ebenfalls anhand einer qualitativen Studie, die auf Beobachtungsprotokollen von Zeugnisausgaben fußt – heraus, dass LehrkrĂ€fte auf die Strukturprobleme von Hauptschulen auf eine Weise reagieren, die es guten SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern erschwert, einen Schulformwechsel nach oben in ErwĂ€gung zu ziehen. Schließlich unterzieht John Pryor in einem englischsprachigen Beitrag das im internationalen Bildungsdiskurs zunehmend positiv rezipierte Konzept des „formative assessement“ einer kritischen WĂŒrdigung, indem er herausstellt, dass es bestimmter Bedingungen bedarf, um es als eine PĂ€dagogik der Gleichheit etablieren zu können.

Unter der Überschrift des außerschulischen Bereichs versuchen Hans-Uwe Otto und Mark Schrödter das Vermögenskonzept (Capability Approach) von Amartya Sen und Marta Nussbaum fĂŒr die aktuelle Diskussion des Kompetenzkonzepts der OECD (Weinert und danach) nutzbar zu machen. Anschließend untersuchen Heinz-Hermann KrĂŒger und Ulrike Deppe den Stellenwert von Peers fĂŒr die schulische Bildungsbiografie von ElfjĂ€hrigen, indem sie in einer qualitativen Studie fĂŒnf unterschiedliche Varianten herausarbeiten, die von Peers als funktionelle Begleiter einer bisher erfolgreichen Bildungskarriere (z.B. „Bildung als Distinktion in Schule und Peerwelt“) ĂŒber Peers als ambivalente Gegenwelt zur Welt schulischer Leistungen (z.B. „Pragmatische schulische Bildungsorientierung und Peers als Parallelwelt“) bis hin zu Peers als Risikofaktoren fĂŒr eine bisher wenig erfolgreiche schulische Laufbahn (z.B. „Bildungsferne schulische Orientierung und Peers als Risikopotential“) reichen. Schließlich diskutiert Manuela du Bois-Reymond Chancen und WiderstĂ€ndiges der Ganztagsbildung am Beispiel der niederlĂ€ndischen „brede school“.

Im ersten Beitrag zum Bereich der Hochschule stellt Rolf Becker die Frage, welche Maßnahmen am ehesten geeignet sind, um Studienberechtigte aus bildungsfernen Haushalten zur Aufnahme eines Studiums zu bewegen. Auf der Grundlage einer Simulation kommt er zu dem Schluss, dass es vor allem Finanzierungshilfen bedarf. Im zweiten Beitrag untersucht Reinhard Kreckel anhand eines internationalen Vergleichs, wie unterschiedlich einzelne LĂ€nder das Dilemma zwischen Breitenbildung und Spitzenforschung lösen, welches sich vor dem Hintergrund wachsender Studierendenzahlen zwangslĂ€ufig in vielen LĂ€ndern stellt.

Der letzte Block an BeitrĂ€gen ist dem Bereich der Berufsbildung gewidmet. Christian Imdorf geht auf der Grundlage von Leitfadeninterviews mit EntscheidungstrĂ€gern in Schweizer Kleinbetrieben den betrieblich bedingten Selektionsmechanismen nach, die jenseits von Qualifikationsunterschieden zu einer Benachteiligung von auslĂ€ndischen Jugendlichen bei der Ausbildungsplatzvergabe fĂŒhren. Martin Baethge betrachtet vor dem Hintergrund des spezifisch deutschen Schismas von dualer beruflicher Ausbildung und Hochschulbildung, wie sich innerhalb des Bereichs der beruflichen Bildung neue Segmentationsmuster ausgebildet haben. Ingo Wickert und Reinhold Sackmann schließlich stellen die Frage, inwieweit die im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung in grĂ¶ĂŸerem Umfang mit öffentlichen Mitteln finanzierten, ĂŒberbetrieblichen Ausbildungsmöglichkeiten nicht nur, wie ursprĂŒnglich intendiert, ein Übergangsproblem lösen, sondern zu einer dauerhaften Verfestigung neuer Strukturen in der dualen Ausbildung beigetragen haben.

Bereits der Überblick ĂŒber die BeitrĂ€ge verdeutlicht, dass der Band seinem Anspruch, „das PhĂ€nomen der Bildungsungleichheit gleichsam multiperspektivisch in den Blick zu nehmen“ (9), durchaus gerecht wird. Es werden „unterschiedliche Bildungsorte“ entlang des „gesamten Lebenslaufs“ betrachtet und „Bildungsungleichheiten in den verschiedenen Bereichen des Bildungssystems“ vom Kindergarten bis zur Hochschule thematisiert. Die MultiperspektivitĂ€t wird noch dadurch erweitert, dass BezĂŒge zur internationalen Diskussion hergestellt sowie sowohl qualitative als auch quantitative empirische Untersuchungen berĂŒcksichtigt wurden. Dahingestellt sei, inwieweit die BeitrĂ€ge tatsĂ€chlich „von den methodischen und theoretischen AnsĂ€tzen die gesamte Bandbreite der erziehungswissenschaftlichen und bildungssoziologischen Diskussion abdecken“.

Beide SammelbĂ€nde liefern wichtige BeitrĂ€ge zum Thema Bildungsungleichheiten vom Kindergarten bis zur Hochschule und fĂŒllen mit ihrer jeweiligen Zusammenstellung eine vorhandene LĂŒcke. Beide BĂ€nde enthalten zudem zusammenfassende Darstellungen der wesentlichen Ergebnisse. Die BeitrĂ€ge des ersten Bandes entstanden ausnahmslos unter Anwendung komplexer statistischer Analyseverfahren, weshalb dieser Band besonders einem quantitativ empirisch vorgebildeten Publikum zu empfehlen sein dĂŒrfte. Der zweite Band ist heterogener gestaltet und bildet einen ertragreichen Fundus sowohl fĂŒr ein bildungstheoretisch als auch fĂŒr ein empirisch interessiertes Publikum. DarĂŒber hinaus wird aber auch eine breitere, fachlich interessierte Leserschaft auf ihre Kosten kommen, denn in den einzelnen BeitrĂ€gen wird durchweg allgemeinverstĂ€ndlich auf den jeweiligen Stand der Diskussion eingegangen.
Christine Schmid (Göttingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christine Schmid: Rezension von: Becker, Birgit / Reimer, David (Hg.): Vom Kindergarten bis zur Hochschule, Die Generierung von ethnischen und sozialen DisparitĂ€ten in der Bildungsbiographie. Wiesbaden: VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978353116224.html