EWR 3 (2004), Nr. 4 (Juli/August 2004)

Ursula Kessels
Undoing Gender in der Schule
Eine empirische Studie ├╝ber Koedukation und Geschlechtsidentit├Ąt im Physikunterricht
Weinheim und M├╝nchen: Juventa 2002
(256 Seiten; ISBN 3-7799-1439-5; 23,00 EUR)
Undoing Gender in der Schule ├ťber M├Ądchen im Physikunterricht gibt es bereits zahlreiche Untersuchungen, die immer wieder die leidvollen Erfahrungen eines jeden Physiklehrers bzw. einer jeden Physiklehrerin mit pr├Ązisen Aussagen best├Ątigen: M├Ądchen zeigen ein geringes Interesse am Unterrichtsfach Physik und haben ein nur schwach ausgepr├Ągtes fachbezogenes Selbstkonzept, d. h. sch├Ątzen ihre Begabung und Leistungsf├Ąhigkeit f├╝r Physik als gering ein. Ursula Kessels geht von diesen Befunden aus und stellt sich in der Arbeit die Aufgabe, die theoretische Basis zur Erkl├Ąrung dieser misslichen Situation zu sch├Ąrfen und in einer empirischen Studie zu belegen, dass in einem monoedukativen Physik-Anfangsunterricht (in Berlin Klasse 8) die M├Ądchen ein ganz anderes Verhalten zeigen.

Die Autorin begr├╝ndet ihre Annahme, dass monoedukativer Unterricht f├╝r M├Ądchen fachbezogene positive Effekte in den Merkmalen Interesse und Selbstkonzept zur Folge hat, mit dem Identit├Ątsmodell von Bettina Hannover, nach dem es vor allem von dem situativen aktuellen Kontext abh├Ąngt, ob sich Menschen geschlechtstypisiert verhalten oder nicht. In monoedukativen Gruppen sollte den Sch├╝lerinnen (und Sch├╝lern) die eigene Geschlechtsidentit├Ąt weniger bewusst sein als in geschlechtsheterogenen Gruppen, und die M├Ądchen sollten sich daher nicht in dem ├╝blichen Ma├če von dem als maskulin betrachteten Fach Physik zur├╝ckziehen.

Ursula Kessels verweist auf Positionen in der Gender-Forschung, nach denen der sozial konstruierte Aspekt von Gender sehr stark interaktiv und situational gepr├Ągt ist und das Geschlecht in diesem Sinne kein dauerhaftes Merkmal einer Person sei. Dem vom Individuum vorgenommenen, in bestimmten Kontexten interaktional stattfindenden "doing gender" wird als Arbeitshypothese und Interventionsziel ein "undoing gender" entgegengesetzt, das durch das Gestalten eines situativen Kontextes, in dem die Geschlechtsidentit├Ąt der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler nicht aktiviert wird, erreicht werden soll. Eine solche Situation wird in geschlechtshomogenen Gruppen gesehen.

Die Autorin beschreibt ausf├╝hrlich, warum sie gerade den Physik-Anfangsunterricht in Klasse 8 f├╝r eine Interventionsstudie mit monoedukativen Gruppen geeignet h├Ąlt, warum sie den Ansatz der chronischen individuellen Geschlechtsrollenorientierung f├╝r Interventionsma├čnahmen in ihren empirischen Studien nicht verfolgt und wie sich ihr Untersuchungsdesign von bisherigen Forschungsans├Ątzen dadurch abhebt, dass durch die Bildung von geschlechtshomogenen und koedukativen Gruppen jeweils innerhalb von Schulen wichtige Variablen kontrolliert werden k├Ânnen, die bei schultypvergleichenden Studien (M├Ądchenschulen!) nicht in den methodischen Griff zu bekommen sind. Die ├╝berzeugende theoretische Einbettung in den sozialpsychologischen Rahmen, die gr├╝ndliche Aufarbeitung der Berichte ├╝ber bisherige empirische Ann├Ąherungen an das Problem und die ├╝ber jeden methodischen Zweifel erhabene Beschreibung von Design und Messinstrumenten der Untersuchung lassen beim Leser den Eindruck entstehen, in dieser Studie w├╝rde die Frage, in welcher Gruppierung man M├Ądchen im Physikunterricht am besten helfen kann, ein f├╝r alle Mal methodisch einwandfrei gekl├Ąrt.

Die Ergebnisse best├Ątigen die Annahmen: Monoedukative Lerngruppen im Physik-Anfangsunterricht f├╝hren bei M├Ądchen dazu, "dass sie ein besseres fachbezogenes Selbstkonzept und eine h├Âhere unterrichtsbezogene Motivation entwickeln als in koedukativen Lerngruppen und sich bez├╝glich dieser Variablen nicht von den Sch├╝lern des gleichen Jahrgangs unterscheiden" (161). In einem zweiten Teil der Studie wurde u. a. gezeigt, dass diese f├╝r M├Ądchen positiven Effekte sich darauf zur├╝ckf├╝hren lassen, "dass w├Ąhrend des Unterrichts in monoedukativen Gruppen die eigene Geschlechtsidentit├Ąt weniger salient ist" (213).

Diesen eindeutigen und mit den hinzugezogenen Theorien v├Âllig im Einklang befindlichen Resultaten stehen Teilergebnisse gegen├╝ber, die die Autorin nicht befriedigend erkl├Ąren kann. Zwischen der Mitte und dem Ende des Schuljahres ergab sich keine Ver├Ąnderung der positiven Effekte monoedukativen Unterrichts, w├Ąhrend f├╝r die Jugendlichen insgesamt die Motiviertheit durch den Unterricht, die ├ťberzeugung, im Physikunterricht gute Leistungen zu bringen, sowie die Einsch├Ątzung des Nutzens des Unterrichts abnahmen. Gleichzeitig berichten die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler zum Ende des Schuljahres ├╝ber mehr eigene Aktivit├Ąten im Physikunterricht als zur Mitte des Schuljahrs.

Es wird nicht der Versuch gemacht, diese Befunde auf methodische und/oder didaktische Komponenten des Unterrichts zu beziehen, Daten und Beobachtungen dieser Art wurden nicht aufgenommen. K├Ânnen jedoch, so muss im fachdidaktischen Interesse gefragt werden, diese Ergebnisse ohne Einbeziehung inhaltlicher Aspekte angemessen er├Ârtert werden? Welche Unterschiede bestanden zwischen den Halbjahren bez├╝glich der Themen und der Arbeitsformen? Wie sah ÔÇô geschlechtsbezogen ÔÇô die Zusammensetzung der experimentellen Arbeitsgruppen in den beiden Halbjahren aus? Das Fehlen fachdidaktischer Expertise empfindet der Leser als besonderen Mangel bei einem Ergebnis, das Auskunft ├╝ber die Ver├Ąnderung der subjektiven Kompetenz geben sollte: Die Jugendlichen hatten zu beiden Messzeitpunkten einzusch├Ątzen, ob sie vorgelegte Physikaufgaben w├╝rden l├Âsen k├Ânnen. Das Ergebnis: Auch nach einem halben Jahr l├Ąngeren Physikunterrichts ist die Erwartung, die Aufgaben l├Âsen zu k├Ânnen, nicht gestiegen. Die Autorin schlie├čt nicht aus, dass die Aufgaben die Unterrichtsanforderungen nicht abbildeten. Warum wurden nicht einfach die Lehrer(innen) gefragt? Welche Rolle spielten ├╝berhaupt die Physikdidaktiker, die gem├Ą├č dem Vorwort offiziell im Forschungsprojekt involviert waren, in der Untersuchung?

Das Fehlen jeglicher inhaltlicher und unterrichtsmethodischer Bez├╝ge kann die Aussagekraft der Resultate nicht grunds├Ątzlich in Frage stellen, ihre Ber├╝cksichtigung h├Ątte jedoch in dem einen und anderen Fall den Ergebnissen eine ohne fachdidaktische Analysen nicht sichtbare Plausibilit├Ąt verliehen, und die Arbeit w├Ąre damit f├╝r Bem├╝hungen um empirisch gest├╝tzte Ver├Ąnderungen von Unterricht und Schule wesentlich hilfreicher geworden. Auf jeden Fall ist der Bericht eine eindringliche Aufforderung an Lehrer(innen) und Schulen, ├╝ber eine optimale Gruppierung ihrer Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler im Physikunterricht nachzudenken.
Helmut Fischler (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Helmut Fischler: Rezension von: Kessels, Ursula: Undoing Gender in der Schule, Eine empirische Studie ├╝ber Koedukation und Geschlechtsidentit├Ąt im Physikunterricht, Weinheim und M├╝nchen: Juventa 2002. In: EWR 3 (2004), Nr. 4 (Veröffentlicht am 05.08.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991439.html