EWR 20 (2021), Nr. 3 (Mai/Juni)

Bettina Bello
Diversitätsbezogene Einstellungen von Lehramtsstudierenden
Eine quantitative Studie
Lüneburg: Springer VS 2020
(195 S.; ISBN 978-3-658-27803-8; 54,99 EUR)
Diversitätsbezogene Einstellungen von Lehramtsstudierenden Implementierung von interkulturellen Kompetenzen in der erziehungswissenschaftlichen Lehramtsausbildung – so könnte das übergeordnete Resümee der Studie von Bettina Bello lauten. Sie füllt mit ihrer Studie mit dem Titel „Diversitätsbezogene Einstellungen von Lehramtsstudierenden“ in zweifacher Hinsicht ein Forschungsdesiderat: einerseits durch das Aufgreifen einer bislang in der Fachdebatte eher marginal berücksichtigten Fragestellung und andererseits durch den gewählten methodischen Zugang, einer quantitativen Studie.

In der Kultusministerkonferenz 2014 wurde die Forderung laut, dass der professionelle Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt in der Schule eine Selbstverständlichkeit sein sollte, die es in der Lehramtsausbildung zu vermitteln gelte. Die Bundesregierung äußerte zusätzlich dazu die Prämisse, dass angehende Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte aufgrund ihrer biografischen Erfahrungs- und Wissenshintergründe interkulturelle Kompetenzen besäßen und diese voraussichtlich im Unterricht zur Anwendung brächten. Die Autorin nimmt diese Debatten zum Anlass, die Einstellungen zu interkulturellen Kompetenzen von Lehramtsstudierenden mit und ohne Migrationsgeschichte zu untersuchen.

Sie erstellte dazu auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands zur Interkulturalität im Klassen- und Lehrer*innenzimmer einen 59 Fragen umfassenden Fragebogen bestehend aus offenen und geschlossenen Items. Diesen beantworten insgesamt 493 Lehramtsstudierende für Grund-, Real-, Haupt-, und berufsbildende Schulen mit und ohne Migrationsgeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg. Die Autorin merkt trotz der umfangreichen Stichprobe an, dass es begrüßenswert wäre, diese Studie „im Sinne der Replikation“ (177) an mehreren Universitäten durchzuführen. Sie betrachtet es selbst als Einschränkung, dass die Studie nur an einer Universität durchgeführt wurde. Eine weitere Limitation der Studie, auf welche die Autorin ebenfalls selbst verweist, sind die unterschiedlichen Größen der Studierendengruppen ohne und mit Migrationsgeschichte, was bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss.

Die teilnehmenden Lehramtsstudierenden wurden aufgefordert, selbst zu definieren, was interkulturelle Kompetenzen für sie bedeuten. Zudem befragte Bello die Teilnehmenden zu ihrer Migrationsgeschichte und untersucht, inwiefern die Lehramtsausbildung in ihrer Wahrnehmung diversitätsbezogene Kompetenzen fördert, welche Relevanz sie diesen Kompetenzen in der Arbeit mit migrationsbezogenen heterogenen Schulklassen beimessen und welchen Bedarf sie im Hinblick auf ihre Ausbildung bezogen auf ihre spätere Arbeit in migrationsbezogenen heterogenen Schulklassen äußern. Die Annäherung an die Thematik erfolgt unter einer vergleichenden Perspektive zwischen „Studierende[n] ohne und mit Migrationsgeschichte“ (49), sodass Aussagen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Einstellungen zur migrationsbezogenen heterogenen Arbeit in Schulklassen und die erwartbare Anwendung dieser getroffen werden können.

Bettina Bello unterteilt ihre Studie in fünf Kapitel: Nach der Erläuterung der Fragestellung und deren Relevanz erfolgt im zweiten Kapitel eine theoretische Rahmung. Folgende Themenaspekte, hervorgehend aus aktuellen empirischen Forschungen zu Handlungsorientierungen im Umgang mit migrationsbezogener Heterogenität in der Schule, wurden berücksichtigt und bilden gleichzeitig die Grundlage zur Auswertung der Fragebögen: Die Bedeutung „interkulturelle[r] Kompetenzen, individueller und antizipierter berufsbezogener Umgang mit Mehrsprachigkeit, kulturelle und sprachsensible Gestaltung von Unterricht, die migrationsbezogene Heterogenität der Schülerschaft, Unterstützung spezifischer Zielgruppen, antizipierte Vorbildfunktion als Lehrkraft, sowie die Rolle des Studiums für die Arbeit in migrationsbezogenen heterogenen Schulklassen“ (145). Die Lesenden werden systematisch durch die theoriebasierten Ansätze und die interpretierten Studienergebnisse geleitet, was dem Verständnis zuträglich ist. Die Autorin legt eindrücklich die Operationalisierung ihrer begrifflichen Werkzeuge dar. Es gelingt ihr dabei, überzeugend ihre Entscheidung für den Begriff der Migrationsgeschichte zu begründen, ohne dabei die Widersprüche, die mit diesem Begriff verbunden sind, auszublenden.

Im dritten Kapitel beschreibt die Autorin ihre Methodik. Die Beschreibung der Ergebnisse ist äußerst lesenswert und die relativen Häufigkeiten der Befragung werden zusätzlich graphisch dargestellt. In der abschließenden Diskussion im fünften Kapitel werden die Ergebnisse unter Einbezug des Forschungsstands reflektiert. Folgende Erkenntnisse der Studie werden dabei hervorgehoben:

Zum einen zeigt die Studie entgegen der bestehenden Annahmen der Bildungspolitik, dass nicht automatisch davon ausgegangen werden kann, dass Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte interkulturelle Kompetenzen aufgrund ihrer Biografie besitzen und diese zum Einsatz bringen können. Die Autorin plädiert daher für eine Basisqualifikation aller Lehramtsstudierenden, in der interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Außerdem wird deutlich, dass unter den Studierenden die Annahme besteht, dass Lehrer*innen unabhängig von ihrem Migrationsstatus mit der richtigen Ausbildung ihrer Vorbildfunktion gegenüber Schüler*innen mit und ohne Migrationsgeschichte gerecht werden könnten. Dies spiegelt einen förderlichen Ausgangspunkt wider. Wenn sich Lehramtsstudierende dieser gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind, ist dies eine wesentliche Grundvoraussetzung für den Erwerb interkultureller Kompetenzen.

Die Autorin arbeitet heraus, dass interkulturelle Kompetenzen erreicht werden können, indem Lehrkräfte sich einerseits über die migrationsbezogene Heterogenität der Lernenden bewusst sind und andererseits den Unterricht unter Berücksichtigung von interkulturellen Ressourcen, wie beispielsweise Mehrsprachigkeit im Klassenraum, gestalten. Dies könnte erreicht werden, indem sie beispielsweise innerhalb ihrer universitären Ausbildung lernen, wie die mehrsprachlichen Kompetenzen der Schüler*innen im Unterricht als Ressource zu nutzen sind.

Es scheint trotz der hohen Bereitschaft der Lehramtsstudierenden mit und ohne Migrationsgeschichte zur Erlangung von interkulturellen Kompetenzen noch großen Bedarf innerhalb der Lehramtsausbildung zu geben. Dies wird insbesondere daraus ersichtlich, dass bisher ein monolingualer und monokultureller Habitus den Schulalltag prägt, der sich in den Antworten der Studierenden widerspiegelt. Deshalb sollte es laut Bello zukünftig eine wichtige Aufgabe universitärer Lehramtsausbildung sein, das binäre Denken der Studierenden in den Kategorien „Wir“ und „die Anderen“, durch die Anleitung von Selbstreflexion, durch die „das Erkennen der eigenen Perspektivgebundenheit“ (171) möglich wird, in Praxisübungen zu lösen.

Im Rahmen der Diskussion werden Best-Practice-Beispiele genannt, an denen sich innerhalb der Lehrer*innenbildung orientiert werden kann. Die Autorin wird innerhalb ihrer Arbeit nicht nur ihren eigenen zu Beginn aufgeführten Anforderungen gerecht, indem sie die zentrale Fragestellung der Arbeit innerhalb der Interpretation und der Diskussion der Ergebnisse umfangreich und tiefgreifend beantwortet. Sie legt mit dieser Studie einen Grundstein für die Erweiterung der Lehramtsausbildung, die durch die migrationsbedingte Heterogenität der Gesellschaft neu gedacht werden muss.

Die Studie liefert insgesamt einen umfangreichen Datenfundus mit wertvollen Schlussfolgerungen für die Praxis, die für Bildungswissenschaftler*innen und Fachdidaktiker*innen, aber auch für Studierende und schulische Akteur*innen, die sich mit dem Lehramt auseinandersetzen, von Relevanz sein dürften.
Stephanie v. Steinsdorff (Potsdam)
Zur Zitierweise der Rezension:
Stephanie v. Steinsdorff: Rezension von: Bello, Bettina: Diversitätsbezogene Einstellungen von Lehramtsstudierenden, Eine quantitative Studie. Lüneburg: Springer VS 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 3 (Veröffentlicht am 07.07.2021), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978365827803.html