EWR 8 (2009), Nr. 3 (Mai/Juni)

Harald Bierbaum / Peter Euler / Katrin Feld / Astrid Messerschmidt / Olga Zitzelsberger (Hrsg.)
Nachdenken in WidersprĂĽchen
Gernot Koneffkes Kritik bürgerlicher Pädagogik
Wetzlar: BĂĽchse der Pandora 2007
(182 S.; ISBN 978-3-88178-328-6; 14,00 EUR)
Nachdenken in Widersprüchen Der vorliegende Band „Nachdenken in Widersprüchen“ ist, das sei schon vorweg gesagt, eine überaus angemessene Würdigung von Gernot Koneffkes Kritik an der bürgerlichen Pädagogik, weil es den Herausgeber/innen gelingt, sein Wirken als Wissenschaftler und Pädagoge nicht nur facettenreich darzustellen, sondern mehr noch, sein Denken in kritischer Absicht weiterzuentwickeln.

Gernot Koneffke, der im März 2008 mit 80 Jahren verstorben ist, war Vertreter einer kritischen Bildungstheorie, in deren Zentrum die historisch-systematische Analyse der widersprüchlichen Reproduktionsbedingungen einer bürgerlichen Gesellschaft steht. Bildung, verstanden als Mittel der Erkenntnis und als Instrument der Befreiung ist im Zuge der Aufklärung selbst zu einer widersprüchlichen Kategorie geworden, insofern sie nämlich einerseits eine Antwort auf die arbeitsteilige Marktwirtschaft war und daher stets auch schon als Trägerin einer häufig entmenschlichenden Technologie gilt, andererseits aber nach den gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen fragt, unter denen ein humanes Zusammenleben möglich ist. Das heißt, kritische Bildungstheorie in diesem Sinne ist materialistisch fundiert, gesellschaftstheoretisch ausgewiesen und politisch engagiert. Dabei ist in diesem Begriff eine Dialektik aufgehoben, die sich dort zeigt, wo es darum geht Zwänge, Einschränkungen und Unterdrückung klar zu benennen, um eine Vorstellung davon gewinnen zu können, dass es etwas Besseres als das Bestehende geben kann. Gernot Koneffke hat seine Theorie der Bildung 1969 in dem Aufsatz „Integration und Subversion“ programmatisch Ausdruck verliehen. Dieser Aufsatz ist es auch, den die meisten der Beiträger/innen gewissermaßen zum Ausgangspunkt ihrer Kommentare machen. Sie bleiben dabei dem Anspruch verpflichtet, die eigene (Theorie-)
Geschichte im Modus der (Selbst-)Kritik bis in die letzte Konsequenz durchzuarbeiten und der Methode Koneffkes Rechnung zu tragen, die einen stets skeptischen Blick auf die eigene Position fordert.

Die Einteilung des Bandes ist klug gewählt. Er wird mit einem Gespräch eröffnet, in dem Gernot Koneffke selbst noch einmal zusammen mit seinem Darmstädter Kollegen Hans-Jochen Gamm zu Wort kommt, wo er Fragen zur Entstehung, den theoretischen Hintergründen und Besonderheiten der Darmstädter Pädagogik beantwortet. Schon dieses Gespräch mit Ali Cankarpusat und Godwin Haueis zeigt, wie sehr es ihm darauf ankam, zur Kritik im Namen von Mündigkeit und Urteilsvermögen zu ermutigen und dies auch in seine Hochschullehre einfließen ließ, deren Methode von Katrin Feld und Christine Winkler unter dem Stichwort „Hochschullehre als gemeinsam verantworteter Bildungsprozess“ vorgestellt wird. Dieser erste Teil demonstriert auf unverwechselbare Weise, wie es Koneffke verstand, Forschung und Lehre in ein produktives Wechselverhältnis zu bringen. Der zweite Teil des Bandes „Anknüpfungen an Gernot Koneffkes Kritik der bürgerlichen Bildung“ ist seinen theoretischen Ausführungen gewidmet. Peter Euler denkt in einem überaus dichten Text mit Koneffke über die Dialektik von Freiheit nach. Freiheit ist nur aus einer materialistischen Geschichtsphilosophie heraus zu bestimmen und hat gesellschaftliche Freiheit zur Voraussetzung. Daraus ergibt sich aber gleichwohl nicht notwendiger Weise eine individuelle Freiheit zur Selbstständigkeit, weil Bildung immer auch schon misslingen kann oder in den Worten Eulers: weil „Missbildung“ (57) unter dem Gesetz der Gesellschaft wahrscheinlich ist. Yvonne Kehren und Olga Zitzelsberger haben jede auf ihre Weise, Koneffkes kritische Bildungstheorie auf eigene Fragestellungen übertragen. Yvonne Kehrens Interesse gilt dabei in besonderer Weise dem Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit als Dilemma des bürgerlichen Grundwiderspruchs von Ökonomie und Menschlichkeit. Olga Zitzelsberger indes konzentriert sich auf die Selbstorganisation von Migrantinnen und deren Anspruch auf einen im Medium der Bildungsarbeit zu vollziehenden „uneingeschränkten Zugang zur bürgerlichen Subjektsetzung“ (69). Auch hier steht die Koneffkesche Frage nach Integration und Subversion im Vordergrund. Ralf Meyer problematisiert zum Schluss dieses Kapitels noch einmal den Begriff der Willensfreiheit im Hinblick auf die sich im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs durchsetzenden neuro- und evolutionstheoretischen Paradigmen.

Kritische Bildungstheorie ist stets auch damit konfrontiert, die Bedingung der Möglichkeit von Bildung gesellschaftstheoretisch zu analysieren. Daher haben sich die Herausgeber/innen dazu entschlossen, in einem dritten Teil der Kritik des Bildungssystems Raum zu geben. Die Beiträge von Rose Boenicke, Ludwig Pongratz, Gerd Steffens und Christoph Türcke thematisieren die Ökonomisierung von Bildung und deren Auswirkungen auf den klassischen Bildungsbegriff sowie den damit verbundenen Subjektivierungsformen aus unterschiedlichen Perspektiven. Konsequent ist es, den Band mit einem Kapitel abzuschließen, in dem „Beunruhigungen“ über die eigene Weise zu reflektieren geäußert werden – und zwar in einer ganz und gar produktiven Weise. Gerade weil sich kritische Bildungstheorie mit dem eigenen Standpunkt nie zufrieden geben darf, muss sie ihren Anteil am Kritisierten aufdecken und sich kritisch gegen sich selbst wenden. Kritische Bildungstheorie ist daher immer auch beunruhigend. Dies bringen Harald Bierbaum und Carsten Bünger in einer Diskussion via E-Mail auf den Punkt, indem sie die Möglichkeit nach einer Politisierung von Bildung im Modus eines „kritischen Habitus“ ausloten. Der Kern ihrer Frage umfasst das, was kritische Bildungstheorie seit je formuliert: Wie kann aus einer Empörung über die herrschenden Zustände politisches Engagement entstehen? Werner Sesink als versierter Medientheoretiker verbindet auf eine originelle Weise die Rousseauschen Erziehungsgrundsätze mit der Virtualität des Internets als Lernplattform. Hier wie dort beobachtet er eine beunruhigende Übereinstimmung; denn in beiden Fällen vollzieht sich etwas hinter dem Rücken der zu Erziehenden, von dem sie nur Glauben, es entspräche ihrem eigenen Willen. In Wirklichkeit folgen sie einem vorher festgelegten Konzept: bei Rousseau dem Plan des Erziehers, in der virtuellen Lernumgebung den formal festgelegten Lernprozessen. Damit ist Konformität programmiert und die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Astrid Messerschmidt geht in ihren Anmerkungen zur kritischen Bildungstheorie über Koneffke hinaus, indem sie darauf aufmerksam macht, dass angesichts der Globalisierung die eigene Machtposition als Resultat einer bürgerlichen Vergesellschaftung zur Disposition zu stellen ist und keine wie auch immer geartete Projektion auf den (kolonialisierten) Anderen stattfinden darf, weil diesem immer auch Selbständigkeit und Selbstbestimmung zuzugestehen ist. Letztlich bedeutet das, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, aus einer privilegierten Position heraus zu sprechen, auch nicht als kritische Wissenschaftlerin. Die Sensibilisierung für die Perspektive der Anderen kann dann auch heißen, „Bildung zu unterlaufen, sich ihr zu entziehen, wenn sie zu einer affirmativen Veranstaltung verkommt, bei der immer alle schon wissen, was gemeint ist, ohne sich selbst als gemeint zu erkennen“ (153f.). Bildung als Beunruhigung, so könnte man das Credo des Bandes lesen, entspricht der unausgesetzten Suche nach einer Wahrheit, die Menschlichkeit zur Voraussetzung und zum Ziel hat, die nicht versöhnt, sondern im offenen Dialog und in der Anstrengung des Begriffs sich konstelliert. Mit einer umfassenden Bibliographie zu Gernot Koneffkes Schaffen schließt der Band ab.

Das Buch ist wichtig und notwendig. Wichtig, weil mit ihm nicht nur das Gedenken an einen bedeutenden Bildungstheoretiker des 20. / 21. Jahrhunderts wach gehalten wird, sondern auch, weil mit ihm eine Tradition fortgesetzt wird, die in der gegenwärtigen Erziehungswissenschaft und in der Pädagogik völlig zu Unrecht fast vollständig an den Rand gedrängt ist. Notwendig, weil die neoliberalen Heilsversprechungen einen antizivilisatorischen Impuls hervorrufen, gegen den kritische Bildungstheorie schon immer opponiert hat.
Eva Borst (Mainz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Eva Borst: Rezension von: Bierbaum, Harald / Euler, Peter / Feld, Katrin / Messerschmidt, Astrid / Zitzelsberger, Olga (Hg.): Nachdenken in WidersprĂĽchen, Gernot Koneffkes Kritik bĂĽrgerlicher Pädagogik. Wetzlar: BĂĽchse der Pandora 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 3 (Veröffentlicht am 05.06.2009), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/978388178328.html