EWR 1 (2002), Nr. 4 (September 2002)

Manfred Fuhrmann
Bildung
Europas kulturelle Identität
Stuttgart: Philipp Reclam jun 2002
(111 Seiten; ISBN 3-15-018182-8; 2,60 EUR)
Studienbücher, die englischsprachige Studierende, nichtdeutsche wohl im allgemeinen, in die Geschichte und Gegenwart des deutschen Bildungswesens einzuführen versuchen, beginnen häufig mit einem Kapitel zur Klärung des spezifisch deutschen Begriffs Bildung. Hat man als undergraduate dann begriffen, dass mit diesem nicht etwa nur education, sondern vor allem culture verstanden wird, und sich dahinter ein Konzept verbirgt, das auf große Namen und eine lange Tradition zurückgeht, wird man diese "Eigenart" der Deutschen wohlwollend akzeptieren. Man wird sie als eine Art intellektuell-elitäre, deutsche Englishness verstehen (Stichwort: sophisticated Germans), aber sich nicht erst nach TIMSS und PISA fragen, was diese deutsche "Bildung" der eigenen oder der anderer Länder voraushat. So meint man, griffe ein britischer, amerikanischer oder sonstiger Studierender, der deutschen Sprache mächtig, bereitwillig zu dem freundlich schmalen Bändchen, das da verspricht aufzuklären über Bildung, aber kein Studienbuch ist. Der Untertitel verheißt sogar Einblicke in "Europas kulturelle Identität" zu geben – und das auf nur gut 100 Seiten und zu einem unschlagbaren Preis.

Eine erste Ernüchterung stellt sich allerdings ein, wenn man gewahr wird, dass es sich bei dem Bändchen um den Abdruck einer Reihe von Vorträgen handelt, die der Verfasser in Anlehnung an sein 1999 erschienenes Buch Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters gehalten hat. Wie schon dieses Buch ist auch Bildung als Essay angelegt. Es ist eine Sammlung von Texten, in denen der emeritierte Konstanzer Altphilologe, dem Genre gerecht werdend, z.T. polemisch-zornig über "Verlust", "Verfall" und "Deformation" donnert, und die Bildungsreform der 1960/70er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland als den Todesstoß für die Bildung und das Ende des humanistischen Gymnasiums ausmacht. Damit hat der Autor abgesteckt, worum es ihm geht: Er will beschreiben, was Bildung ist, worin und wodurch sie ihren Ausdruck findet und welche Rudimente im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart wo zu lokalisieren waren und sind. Abschließend benennt Fuhrmann die Defizite des gegenwärtigen (gymnasialen) Religionsunterrichts. Die Übergänge sind fließend, einzelne Argumentationsstränge finden sich in verschiedenen Abschnitten wieder, so dass eine gewisse Redundanz unübersehbar ist.

Es geht um "alte Bildung", solche aus der "Vergangenheit", als eine "Form des Bewahrens", wie Fuhrmann einleitend feststellt bzw. einschränkt. Die von ihm nicht näher benannte "neue Bildung für die Zukunft" habe eine so geartete Streitschrift nicht nötig. Bildung nach Fuhrmann bedarf christlicher und humanistischer Inhalte. Sie rekurriert demnach auf tradiertes Wissen, auf Erfahrungen und Überlieferungen aus der Antike und des Humanismus. Die Orte ihrer Vermittlung waren die europäischen Fürstenhöfe und vor allem das humanistische Gymnasium. Beide orientierten sich an der Idee eines "europäischen Schulwesens", waren Vermittlungsorte eines "europäischen Bildungskanons", der wiederum die Grundlage einer "deutschen Bildungsidee" war. (S. 6) Dabei gehen europäischer "Bildungskanon" und deutsche "Bildungsidee" oft ineinander über, werden "Bildung" und "Kanon" eins, wird in einem Europa "kommunizierender Röhren" seit der Zeit der Völkerwanderung das Phänomen Bildung lokalisiert, dessen Grundbestand und Bindeglied Latein war.

Fuhrmann beschreibt ideal, kurz und komplex die Bildungs-, namentlich die Schulentwicklung in der europäischen Geschichte von der Spätantike über das karolingische Mittelalter, den Humanismus und die Reformation hin zum 19. Jahrhundert, mit dem humanistischen Gymnasium als Ziel. Er endet mit einem eher pessimistischen Ausblick auf das 20. Jahrhundert. Dabei stellt er fest, dass es der Zweck des europäischen gelehrten Unterrichts bis zum 19. Jahrhundert gewesen sei, den Lernenden "eine geistige Orientierung angedeihen zu lassen: Sie sollten ihr Leben im Hinblick auf Werte oder Ideale einrichten, die vorgegeben waren, die nicht der jeweiligen Wirklichkeit entstammen." (S. 12) Nicht das "Verwertbare" stand im Mittelpunkt, nicht ökonomisches Kalkül, nicht Anwendungs- und Prüfungswissen.

Man vermisst bei Fuhrmann, wie der Titel des Buches es verspricht, eine Auseinandersetzung mit dem deutschen oder wenn man will europäischen Bildungsbegriff, vermisst die Abgrenzung zu Erziehung und Ausbildung, die Deutung der Spezifik des Begriffs Bildung aus der Geschichte heraus: Bildung als bürgerliches Gut, das vor allem dem Erkennen des Selbst genügt, das wiederum Ausgangspunkt und Endzweck aller Bildung ist (Stichwort: Subjektkonstituierung). Bildung im Wandel, der anders als Verfall darauf aufmerksam macht, dass sich dahinter nichts Statisches verbirgt, sondern Bildung dynamisch gedeutet werden kann, demokratisiert, emanzipierend, milieuübergreifend und -transferierend.

Stattdessen eine melancholische Klage über das Verschwinden der "alten Bildung", der Bildungsbürger, weil deren Schule, sprich das humanistische Gymnasium, ebenso untergegangen sei, und diese folglich nicht mehr hervorbringen könnte. Das Verschwinden der "kultivierten Familien", das noch in Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters beklagt wurde, kommt hier nur am Rande vor. Fuhrmann konstatiert jedoch das Vorhandensein von Rudimenten der nach "alter Bildung" Gebildeten einerseits in der Erlebnisgesellschaft Schulzes [1], die er als Modell zur Beschreibung gegenwärtiger Gesellschaft heranzieht. Anderseits konstatiert er keineswegs einen Untergang der Geisteswissenschaften. Hüterfunktion nehmen danach jene Milieus in der Erlebnisgesellschaft ein, die auf Selbstbestimmung und Niveau setzten, dem "Hochkulturschema" zuzurechnen sind (S. 62 ff.). Zudem existierten "vereinzelt Glieder des einstigen Kanons" an den Gymnasien weiter, gibt es Feuilleton, Theater und Belletristik (S. 82). Schließlich sind da noch die universitären Disziplinen der Geisteswissenschaften und eine Koexistenz und Kooperation der "two cultures" (wieder der Kulturbegriff) der Geistes- und Naturwissenschaft, die über die Menschenkenntnis "kluger Leute" verbunden bleibt (90).

Die erziehungswissenschaftliche Zurückhaltung gegen Fuhrmanns positive Sicht auf diese Bildung und das humanistische Gymnasium des 19. Jahrhundert, auf das die Idealisierung hinausläuft, ließe sich fortführen. Insbesondere wenn man danach fragt, in welcher Weise der tägliche "Grammatikdrill" in Latein und Griechisch , Fuhrmann bedauert sein Verschwinden (S. 68), "wirkte". Ist philologischer Drill Bildung? Welcher "geheime Lehrplan" wirkt im Latein- und Griechischunterricht, usw.? Einerseits sei an dieser Stelle ein kurzer Blick rund 700 Jahre vor den Beginn des von Fuhrmann gepriesenen Aufstiegs der Schule des europäischen Bildungskanons erlaubt und der bekannten Einsicht Senecas Platz gegeben: "Non vitae, sed scholae discimus" (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir).[2] Andererseits ist daran zu erinnern, dass der "Lehrplan des Abendlandes", die Septem artes liberales mit Trivium und Quadrivium, nicht erst nach 1945 in die Kritik geraten ist/sind. Beispielhaft schrieb Saul B. Robinsohn in seiner 1967 erstmals erschienenen Schrift Bildungsreform als Revision des Curriculum von seinem Unbehagen gegenüber dem traditionellen, klassisch-humanistischen Bildungskanon, der nichts anderes sei als "humanistisch orientierte Selektion". Er spricht vom Versagen der klassisch-humanistischen Bildung und besonders vom Versagen der "‘humanistisch‘ Gebildeten vor der nationalsozialistischen Barbarei". Robinsohn stellte fest, dass "[w]eder ‚Bindung‘ noch ‚klassisches Kulturgut‘ ... die notwendige Stärkung von Autonomie, von Widerstand und Kritik erbracht (hätten)", an denen es gemangelt habe und an denen es in den 1960er Jahren der Bundesrepublik Deutschland noch immer mangeln würde.[3]

Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht fehlt insgesamt das kritische Hinterfragen der Institution Schule, hier des humanistischen Gymnasiums, der Schule als Sozialisationsinstanz. Das ist wohl auch nicht Fuhrmanns Absicht, wäre aber eine Bereicherung, wenn nicht sogar notwendig gewesen, wenn man den Zusammenhang von Bildung und Schule (Gymnasium) beleuchten möchte, um die vermeintlichen Fehlentwicklungen zu markieren und zum Besinnen anzuregen.

Anmerkungen:

[1] Gerhard Schulze: Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt a. M.: Campus Verlag 1992.
[2] Lehrbriefe an Lucilius, Brief 106.
[3] Saul B. Robinsohn: Bildungsreform als Revision des Curriculum, Neuwied und Berlin: Luchterhand Verlag 51975, S. XVII ff.
Thomas Koinzer (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Thomas Koinzer: Rezension von: Fuhrmann, Manfred: Bildung, Europas kulturelle Identität, Stuttgart: Philipp Reclam jun 2002. In: EWR 1 (2002), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2002), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/15018182.html