EWR 2 (2003), Nr. 6 (November/Dezember 2003)

Joachim von Puttkamer
Schulalltag und nationale Integration in Ungarn
Slowaken, Rumänen und Siebenbürger Sachsen in der Auseinandersetzung mit der ungarischen Staatsidee 1867-1914
München: Oldenbourg 2003
(531 Seiten; ISBN 3-486-56741-1; 64,80 EUR)
Kaum ein anderes politisches Phänomen hat in den beiden letzten Jahrhunderten so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie der Nationalismus. Im Prozess des langsamen Zusammenwachsens Europas sind frühere Geschehnisse immer von Bedeutung und zu analysieren. Sprachgebrauch, Tradition, Integration, Selbstständigkeit sind solche dauerhaften Probleme. Joachim von Puttkamer wählte als Thema seiner Habilitationsschrift eben solche Fragen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Dem verlorenen Freiheitskampf gegen Österreich von 1848 folgte im Jahre 1867 der "Ausgleich". Damit begann in Ungarn eine Aufbauperiode die bis zum Ersten Weltkrieg dauerte. Der Autor entdeckt und erklärt solche in der Schulwelt vorkommenden Hintergründe, die dann die späteren Spannungen und Auseinandersetzungen verursachen.

Wer sich im Bereich der ost- und ostmitteleuropäischen Geschichte mit vergleichender Nationalismusforschung beschäftigt, der muss mit enorm großen Schwierigkeiten rechnen. Da sind zuerst die Sprachen. Ungarische, slowakische, rumänische, serbische und kroatische Sprachkenntnisse sind unbedingt nötig, da man nur so die primären Quellen lesen kann. Für ein Vorhaben wie dieses muss man auch die sprachlichen Nuancen kennen. Dafür liefert der Autor ein schönes Beispiel, wenn er bemerkt, dass in der slowakischen und rumänischen wissenschaftlichen Literatur häufig zwischen "ungarisch" in einem politischen und "magyarisch" in einem sprachlich-ethnischen Sinne unterschieden wird. Man spricht von "Magyaren", wenn ausdrücklich von ethnischen Verhältnissen die Rede ist, und das Attribut "ungarisch" bezeichnet sowohl die politische Zugehörigkeit als auch die Sprache. Dieser Unterschied ist übrigens in der ungarischen Sprache nicht zu bemerken, da für beide Ausdrücke nur ein Wort zur Verfügung steht. Selbst mit den Ortsnamen zurechtzukommen ist nicht einfach, denn einige Städte und Dörfer haben drei, manchmal sogar vier unterschiedlichen Namen in verschiedenen Sprachen. Eine weitere Schwierigkeit bildet die einseitige Behandlung der Themen in der jeweiligen nationalen Fachliteratur. Es kommt nur ganz selten vor, dass die Themen von allen Seiten behandelt werden. Die größte Leistung dieses Bandes ist eben diese auf sprachlicher Vielseitigkeit beruhende, exakte Erklärung der Geschehnisse.

Da der Autor sich ein weites Ziel setzt – er will durch Analyse des Schulalltags auf seine Fragen Antworten finden – verwendet er auch eine Vielfalt an Quellen. Gesetzestexte, Rundschreiben sowie die Angaben der Volkszählungen dienen als Ausgangspunkte. Die wichtigsten Quellen für die Rekonstruktion nationaler Geschichtsbilder und ihrer Vermittlung im Schulunterricht sind die Schulbücher. Am schwersten lässt sich aber ermessen, wie die Schüler selbst ihren Schulalltag erlebten. Die von Schülerhand stammenden Aufsätze und Gedichte zu entdecken und für die Analyse zu nutzen ist eine bedeutende Leistung des Autors.

Als Organisationsprinzip des multiethnischen ungarischen Staates diente auch die kirchliche Zugehörigkeit. In diesem Sinne unterscheidet man Katholiken, die in allen Nationen vertreten waren, orthodoxe Rumänen, Protestanten, die meistens zum Ungarntum gehörten, und Juden. Geografisch gesehen lebten in Oberungarn: Magyaren, Slowaken und Zipser; im Zentrum des Landes: Magyaren, Deutsche und Juden; in Siebenbürgen: Magyaren, Rumänen und die Siebenbürger Sachsen.

Wie artikuliert sich die Nationale Idee im Unterricht? So lautet die Grundfrage des Bandes. Zu ihrer Beantwortung werden zuerst die Gesetze und Lehrpläne studiert. Das Ungarische Volksschulgesetz von 1868 ist von besonderer Bedeutung, einerseits wegen der darin deklarierten Toleranz, andererseits weil die Volksschulen im Bereich der zuständigen Kirche blieben. Leider verlor die Toleranzidee im Laufe der Zeit viel von ihrer Kraft. Im Jahre 1874 kam es sogar zur Schließung der drei slowakischen Gymnasien, wodurch eine Nation ganz ohne Mittelschulen blieb. Die Lex Apponyi von 1907 brachte dann wieder neue Richtlinien mit sich.

Was zeigen aber die Schulbücher und die Schulbuchkontrolle? Aufgrund einer breiten Auswahl von ungarischen, deutschen, slowakischen und rumänischen Schulbüchern wird danach geforscht, wie einige umstrittene Themen behandelt wurden, darunter zum Beispiel folgende: die magyarische Landnahme, der Mythos Großmähren, der Streit um die dako-rumänische Kontinuität. Ausführlich wird die Assimilation der Zipser Sachsen und der Juden dargestellt. Die Darstellung der Revolution von 1848 wird an authentischen Beispielen behandelt. Zum Schluss gelangt der Autor zu dem Fazit: " … das Kultus und Unterrichtsministerium (war) einseitig darum bemüht, rivalisierende Geschichtsbilder zu unterdrücken" (395). Die Zipser Sachsen und die Juden hatten sich auf das ungarische Assimilationsangebot eingelassen und auch das Bild der eigenen Geschichte entsprechend angepasst. Demgegenüber versuchten die siebenbürger-sächsischen, die rumänischen und die slowakischen Schulbuchautoren ein solches Bild der Anfänge Ungarns zu zeichnen, das die ungarische Sichtweise erheblich modifizierte oder gar zurückwies.

Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit den Schulfesten, da die Schule der Ort war, wo Kinder erstmalig Vorstellungen von gesellschaftlichen Strukturen begegneten. Dabei unterscheidet v. Puttkamer dynastische und nationale Feste, wie den Namenstag des Königs und der Königin usw. Die Analyse des bei allen Nationalitäten üblichen Maifestes zeigt, dass es bei den Slowaken nationale Züge trug, während bei den anderen vor allem die Freude am Frühling hervorgehoben wurde. Die Millenniumsfeiern des tausendjährigen Ungarn im Jahr 1896 wurden ebenfalls ganz unterschiedlich behandelt: einige blieben nur distanzierte Zuschauer (404), andere zeigten aufreizende Passivität. Die ungarischen Schulen waren aber durchdrungen von den Vorbereitungen. Ein schönes Andenken davon sind die damals geschriebenen Schulgeschichten.

Zum Schulalltag gehören auch Konflikte zwischen Lehrern und Schülern. Ab und zu passierte es, dass ein Lehrer wegen mangelnder Ungarischkenntnisse den einen oder anderen Schüler als Dummkopf in die "Eselbank" setzte oder beschimpfte. Ein ganzes Vokabular von Schimpfwörtern ist aufgezählt. Natürlich kam es auch zu ethnisch motivierten Spannungen unter den Schülern. Es löst Unbehagen aus zu lesen, dass, während anderswo "Räuber und Gendarm" gespielt wurde, es hier um "Slowaken und Magyaren" ging (425). Zum Glück findet man auch positive Beispiele: manche Schüler erinnerten sich sogar an eine harmonische Schulzeit, in der ethnische Konflikte kaum eine Rolle spielten. Es sind auch zahlreiche Schüler-Aufsätze überliefert, die aber leider nur bedingt als Beweismaterial betrachtet werden können, da die Schüler meistens wussten, was von ihnen erwartet wurde. Ein weiterer Aspekt des Schulalltags ist die Kleidung, die ebenfalls die nationale Zugehörigkeit symbolisierte. Auch über den Sprachgebrauch liegen interessante Aufzeichnungen vor: an manchen Orten wurde im Privaten slowakisch, in der Öffentlichkeit hingegen ungarisch gesprochen.

Im Schulalltag hatten die Selbstbildungskreise eine besondere Rolle, da die Schüler hier das selbständige kritische Denken praktizieren konnten. In den ungarischen Selbstbildungskreisen wurde nach 1867 immer mehr Freizeitbeschäftigung ausgeübt, die patriotischen Verpflichtungen waren nicht mehr so wichtig. In den slowakischen Zirkeln war es aber anders, denn als die Gymnasien geschlossen wurden, blieben nur noch die Zirkel zur Pflege der Muttersprache. Hier haben die Gymnasiasten im Geheimen slowakische Zeitschriften und Bücher gelesen. Der Reiz des Verbotenen gab hier allem, was gelesen und worüber gesprochen wurde, noch eine zusätzliche, verstärkende Bedeutung. Ähnlich verhielt es sich mit rumänischen Zirkeln. Öfter wurden gegenüber Gymnasiasten Disziplinarverfahren eingeleitet. Bei siebenbürger-sächsischen Mittelschülern war die Lage wieder anders: Da sie zu dem von magyarischer Seite anerkannten deutschen Kulturkreis gehörten, kam es zu keinen Reibungen.

Insgesamt kommt der Autor zu dem folgenden Ergebnis: "Während Slowaken, Ruthenen und die Deutschen außerhalb Siebenbürgens sich beinahe nahtlos in die ungarische Gesellschaft einfügten, hatten Rumänen und Siebenbürger Sachsen am Vorabend des Ersten Weltkrieges den Wandel zu nationalen Minderheiten weitgehend vollzogen." (451)

Das Buch informiert über schulrelevante Entwicklungen in Ost-Mitteleuropa und analysiert nationale Konflikte dort, wo sie sich angehäuft haben, das heißt in der schulischen Welt in einem multiethnischen Staat wie Ungarn. Nicht nur Leser, die ohne slowakische, ungarische oder rumänische Sprachkenntnisse mehr über Ost-Mitteleuropa erfahren wollen, werden hier gut bedient. Auch die vorhandene Forschung in den jeweiligen Ländern kann von Puttkamer etwas lernen. Insofern ist der Selbsteinschätzung des Autors, dass sein Buch für die Erforschung der Geschichte Ungarns und seiner heutigen Nachbarn eine gute Ergänzung ist, zuzustimmen. Vielleicht hilft es auch dabei, dass aus der Geschichte doch etwas gelernt wird und die früheren Fehler nicht noch einmal begangen werden.
György Mikonya (Budapest)
Zur Zitierweise der Rezension:
György Mikonya: Rezension von: von Puttkamer, Joachim: Schulalltag und nationale Integration in Ungarn, Slowaken, Rumänen und Siebenbürger Sachsen in der Auseinandersetzung mit der ungarischen Staatsidee 1867-1914, München: Oldenbourg 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/48656741.html