EWR 4 (2005), Nr. 4 (Juli/August 2005)

Karl-Oswald Bauer
Pädagogische Basiskompetenzen. Theorie und Training.
Weinheim/München: Juventa 2005
(232 S.; ISBN 3-7799-0377-6; 16,00 EUR)
Pädagogische Basiskompetenzen. Theorie und Training. „Pädagogische Basiskompetenzen“ – „Der neue Bauer“ ersetzt seit März 2005 seine kleinere Vorgängerversion „Professionelles Handeln in pädagogischen Feldern“ [1]. So liest man auf der Homepage von Karl-Oswald Bauer, der sich als Fürsprecher für eine wissenschaftlich kontrollierte pädagogische Praxis bezeichnet. „Der alte Bauer“, ein Übungs- und Trainingsbuch zur Ausbildung der bereits früher herausgearbeiteten Kategorie des professionellen Selbst, stellte die Lehr-, Lern- und damit Formbarkeit des professionellen Agierens in den Mittelpunkt und bot Pädagogen, Andragogen und Bildungsmanagern dafür zahlreiche erprobte Übungsbausteine an.

Warum nun ein neues Buch? Ist der „alte Bauer“ überholt? Kann Resümee gezogen werden, ob die Leser jetzt über mehr Handlungskompetenzen verfügen? Rücken pädagogische Kompetenzen nach PISA und IGLU unter veränderter Perspektive in das Zentrum der Betrachtung von Pädagoginnen und Pädagogen? Gibt es neue Studien und Befunde? Mitnichten. Die von Bauer zugrunde gelegte Datenbasis stammt aus der Feldstudie „Pädagogische Professionalität und Lehrerarbeit“ von 1996 [2]. Diese Daten wurden schon im „alten Bauer“ hinsichtlich des pädagogischen Handelns analysiert und interpretiert. Der neue Band hebt sich von diesem Vorgänger durch eine Neugliederung und die Erweiterung der Inhalte ab. Bauer verfolgt unter der Überschrift „Pädagogische Basiskompetenzen“ nach wie vor das Ziel, die umstrittene Position der Theorie des professionellen Selbst weiter zu entwickeln. Er verspricht Erfolge in Teilbereichen beruflichen Pädagogen-Handelns und damit einen Zuwachs an beruflicher Zufriedenheit (vgl. 12).

Das Buch ist in einen Theorie- und einen Praxisteil gegliedert. Im Theorieteil wird zunächst die Kategorie der pädagogischen Kompetenz als Forschungsgegenstand vorgestellt. Gemäß der Überzeugung von Bauer, dass der Weg zu einer Verbesserung pädagogischer Kompetenzen in der systematischen Förderung des eigenen Bildungsprozesses und nicht in einer Schulung oder Therapie liege, bietet der Praxisteil Hinweise zur Übung, Reflexion und intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit.

Als pädagogische Basiskompetenzen bezeichnet der Autor überfachliche pädagogische Kompetenzen: diagnostische Kompetenzen, mentale Fertigkeiten, Planungs- und Interaktionskompetenzen. Diese sind auf einer Ebene neben fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und spezifisch aufgabenbezogenen Kompetenzen zu sehen. Fähigkeiten zur Diagnostik und Leistungsbeurteilung werden im alten und neuen Buch bewusst nicht weiter betrachtet. Bauer konzentriert sich hingegen auf eine Modellierung und empirische Operationalisierung der Planungs- und Interaktionskompetenzen, die zu sechs Dimensionen führen: Ziele klären und Inhalte strukturieren, Hintergrundarbeit, soziale Strukturen bilden, Kommunizieren, Interaktion steuern und Lernumgebungen gestalten. Bei der Aufzählung und Bearbeitung dieser Dimensionen erhebt der Autor weder Anspruch darauf, alle Basiskompetenzen berücksichtigt noch selbige in sämtlichen Teilkompetenzen erschlossen zu haben. Das vorliegende „Benutzerbuch“ spiegelt vielmehr einen Teil der noch nicht abgeschlossenen theoretischen und empirischen Arbeit wider. Der Autor definiert „pädagogische Qualität“, „pädagogische Prozessqualität“ und unterscheidet diese von „pädagogischer Ergebnisqualität des Unterrichts“ (Effektivität) (vgl. 37f.).

Im Hinblick auf die Professionellen stellt Bauer erfolgreiche Pädagogentypen z.B. als ‚Pioniere’, ‚Kunsthandwerker’, ‚Experten’ und ‚interessante Persönlichkeiten’ vor. Die Typen konstruiert er unter Rückgriff auf die qualitative Datenanalyse seiner früheren Feldstudien, wobei er darauf hinweist, dass in der Realität verschiedenartige Profile pädagogischen Könnens aufgrund unterschiedlicher Zusammenstellungen von Kompetenzausprägungen existieren (vgl. 39). Somit rückt die Person der Pädagogin bzw. des Pädagogen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese personenbezogene Sichtweise ist auch für die Theorie bedeutsam. Bauer führt die Kategorie der ‚Arbeit am eigenen Lebensentwurf’ ein und spricht sich für „Muße und Selbstüberschreitung im Zeitalter der Bildungseffizienz“ (45ff.) aus. Im Anschluss daran legt Bauer seinen Weg der systematischen Förderung der pädagogischen Professionalität detailliert dar. Den Leserinnen und Lesern werden Konzepte pädagogischer Professionalisierung nahe gebracht; sie lernen die Vorstellungen des Autors über die Lehrerarbeit der Zukunft kennen. Dabei sind mentale Techniken des Entspannens, Konzentrierens und Aktivierens zentral. Daneben gibt es Ausführungen zu den Themen Burnout, Modelllernen bei Team- oder Partnerarbeit, Methodenauswahl und Personalentwicklung unter Berücksichtigung des professionellen Selbst.

Der im Vergleich zum Theorieteil weitaus umfangreichere Praxisteil enthält eine Fülle von Übungsanweisungen, praxisnahen Literaturhinweisen und Informationen über Medien (u.a. Videos, DVDs) zu den oben genannten Dimensionen der pädagogischen Basiskompetenzen. Zudem gibt es Querverweise zum ersten Teil des Buches, die die Grundlage für eine wissenschaftliche Reflexion pädagogischer Praxis schaffen sollen. Bauer hat gegenüber dem Vorgängerbuch mehrere lohnende Erweiterungen hinsichtlich derjenigen Dimensionen vorgenommen, die die Tätigkeiten des Unterrichtens und Beratens umfassen (z.B. „Erfolgreich Kleingruppen unterrichten“ [156ff.], „Ein Unterrichtsgespräch führen“ [175ff.]) oder „Pädagogisches Feedback geben und empfangen“ [178ff.]). Das Buch endet mit einem Ausblick, in dem Bauer seine visionären Vorstellungen der Entwicklung des Themas „Pädagogische Basiskompetenzen“ skizziert. Die von ihm präsentierte Auswahl pädagogischer Irrtümer (beispielsweise „Junge Lehrerinnen und Lehrer bringen Schwung in die Schule“ [223]) vermag zuweilen zu einem Schmunzeln zu verleiten.

Warum denn nun ein neues Buch? Offensichtlich oder insbesondere nach PISA, IGLU und anderen Vergleichsstudien bieten sich weiterhin zahlreiche pädagogische Praxisfelder, deren Bearbeitung professionelles Handeln erfordert. Nach wie vor wollen sich viele in pädagogischen Feldern Tätige auf den Weg zu einer ausdifferenzierten Professionalität ihrer pädagogischen Praxis machen. Karl-Oswald Bauer lädt ‚Praktiker’ ein, um sich auf eine Perspektive der Distanz zur eigenen Praxis einzulassen und ‚Theoretiker’, um „den langen Weg vom Denken und Wissen zum Können und Handeln“ (15) Revue passieren zu lassen. „Der neue Bauer“ kann zur Arbeit an überfachlichen pädagogischen Kompetenzen für Lernende, Lehrende und sich selbst Reflektierende (alleine, in Paaren oder Kleingruppen) in zweifacher Hinsicht einen gewinnbringenden Beitrag leisten: Zum einen für eine wissenschaftlich begründete pädagogische Praxis, die als professionell bezeichnet werden kann, zum anderen für eine Prävention von Burnout-Symptomen. Die revidierte und veränderte Neuauflage des „alten Bauer“ unterstreicht die Bedeutsamkeit und (Aus-)Bildbarkeit der Qualität pädagogischer Arbeit. Durch die Neustrukturierungen und Erweiterungen steht mit den „Pädagogischen Basiskompetenzen“ ein aktuelles Theorie- und Trainings-Konzept zur Verfügung.

Einen skeptischen Blick muss man jedoch auf Bauers sehr spezielle Darstellungsweise werfen. Sie fordert zu mindestens drei Anmerkungen heraus: Erstens bleiben nach Auffassung des Rezensenten einige Ausführungen und Betonungen diskutierbar. So, wenn Bauer z.B. zum Stichwort Stressabbau durch Erotik und Sexualität feststellt, dass „die Zeit der asexuellen Knotenfrau oder der kryptoschwulen männlichen ‚Klemmschwester’ im Lehramt … vorbei (ist) und … hoffentlich nicht wieder(kehrt)“, weil „Sinnlichkeit, Genussfähigkeit und körperliche Liebe … keiner Rechtfertigung (bedürfen)“ (48). Es ist nicht nur zu fragen, ob eine solche Bilanzierung überhaupt zutrifft, sondern auch, welcher Stellenwert ihr in Bezug auf pädagogische Basiskompetenzen zukommt. Zweitens wird nicht jede Leserin oder jeder Leser in wissenschaftlicher Literatur Appelle erwarten und zu schätzen wissen, wie Bauer selbst anmerkt (50). Drittens weckt sein Schreibstil beim Rezensenten einerseits auf ungewohnte Art Vertrautheit, andererseits, angesichts der Erwartung eines wissenschaftlichen Textes, aber Befremden. Ausgehend von Bauers These, dass „wir uns alle in den Texten, die wir aus tiefer Überzeugung schreiben“ in „verschlüsselter Form offenbaren“ (13), beschreibt er nämlich ausführlich Selbstoffenbarungen aus seinem privaten, zuweilen intimen Bereich. Man kann sich schon fragen, warum er im Abschnitt „Sich von Sorgen und Ängsten befreien“ (110ff.) auf diese Art seine eigenen Sorgen und Nöte preisgibt, Meilensteine seiner Pädagogenbiographie (129ff.) veröffentlicht, als Modell für eine Geschichte zum Thema „Sexuelle Identität“ (134) seinen ersten gleichgeschlechtlichen Intimkontakt im Waschraum einer Bundeswehrkaserne veröffentlicht oder im „Exkurs: Mein Körper in der Berufsbiographie“ weitere Details von sich als einem „mittelalten Erziehungswissenschaftler“ (195) enthüllt. Spiegelt dies ein Bedürfnis nach vornehmlicher Selbstdarstellung oder ist es Kalkül für den Absatz des Buches? Wird es im bereits angekündigten nächsten ‚Werk’ neue Enthüllungen geben?

Wie dem auch sei, das Thema pädagogische Professionalität ist und bleibt wichtig. Ob und in welchem Maße ‚Praktiker’ und ‚Theoretiker’ den von Bauer in dieser Weise vorgeschlagenen Zugang zu „Pädagogischen Basiskompetenzen“ aber nachvollziehen und wählen werden, dürfte fraglich bleiben.

[1] Bauer, Karl-Oswald (1997): Professionelles Handeln in pädagogischen Feldern. Ein Übungsbuch für Pädagogen, Andragogen und Bildungsmanager. Weinheim/München: Juventa.

[2] Bauer, Karl-Oswald/Kopka, Andreas/Brindt, Stefan (1996): Pädagogische Professionalität und Lehrerarbeit. Eine qualitativ empirische Studie über professionelles Handeln und Bewusstsein. Weinheim/München: Juventa.

Daniel Blömer (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Daniel Blömer: Rezension von: Bauer, Karl-Oswald: Pädagogische Basiskompetenzen. Theorie und Training. Weinheim/München: Juventa 2005. In: EWR 4 (2005), Nr. 4 (Veröffentlicht am 10.08.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77990377.html