EWR 4 (2005), Nr. 5 (September/Oktober 2005)

Rolf Schörken
Die Niederlage als Generationserfahrung
Jugendliche nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft
Weinheim/München: Juventa 2004
(190 S.; ISBN 3-7799-1134-5; 24,50 EUR)
Die Niederlage als Generationserfahrung Im April diesen Jahres fand in Frankfurt unter dem Titel „Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa 60 Jahre nach Kriegsende“ ein internationaler Kongress statt, in dem es „nicht nur um die unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegsjahre, sondern auch um die vielfältigen Folgen der Kriegskindheit für die weitere individuelle und generationelle Lebensgeschichte der Betroffenen“ ging [1]. Dort wies der Psychoanalytiker Hartmut Radebold in einem Vortrag „auf die Langzeitfolgen des Krieges bei den zwischen 1930 und 1945 Geborenen“ hin und stellte fest, dass von der häufig anzutreffenden jahrzehntelangen Verdrängung der vielfältigen, zum Teil schmerzlichen Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit für viele Betroffene schwerwiegende Folgen für „Gesundheit und Wohlbefinden“ ausgehen. Erst in den letzten Jahren und in einem weit fortgeschrittenen Lebensalter „brächen nun in einer Phase der Lebensbilanzierung, oftmals bedingt durch den Tod der Eltern und dem Ausscheiden aus dem Beruf, schmerzliche Kindheits- und Jugenderinnerungen wieder hervor“ [2].

Als Teilnehmer an diesem Kongress dürfte Rolf Schörken nicht nur diesem Vortrag aufmerksam zugehört haben, findet sich das Thema doch in seiner neuesten Veröffentlichung wieder. Wie bereits in früheren Werken, in denen nicht nur die Erfahrungen der Luftwaffenhelfer, sondern überhaupt Fragen der Sozialisation von Jugendlichen im nationalsozialistischen Staat im Vordergrund standen [3], beschäftigt er sich hier mit der Frage, welche Wirkung das Aufwachsen im Nationalsozialismus bzw. die Erfahrung der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg auf das Weiterleben nach dem Krieg hatte.

Dazu geht er in einem ersten Schritt auf 32 Autobiographien ein, die in den letzten Jahren von einer Autorin (Carola Stern) und vielen Autoren der Geburtsjahrgänge 1922 bis 1933 vor allem im Hinblick auf ihre Erlebnisse im Nationalsozialismus und im Krieg verfasst wurden. Nach einer kurzen Inhaltsangabe wertet er diese unter der Fragestellung aus, ob bestimmte Erfahrungen „besonders häufig zur Sprache kommen und so geartet waren, daß sie die Jugendlichen in ihrem Kern berührten oder prägten, so daß sie zeit- und generationenspezifisch erscheinen“ (34). Die Aussagekraft dieser Biographien betrachtet Schörken nur ansatzweise kritisch. So merkt er an, dass es einen „notorischen Mangel an detaillierten Erinnerungen von NS-Sympathisanten“ gebe und somit „die Bannung jeglicher NS-Sympathie in der Erinnerung“ als „ein wichtiges Strukturmoment der Niederlagenverarbeitung“ in den meisten Autobiographien zu finden sei (22). Sein Hinweis darauf, dass diese „in der Regel von schreibkundigen Leuten“ verfasst werden, ist richtig und wichtig, doch hätte er hier noch zusätzlich darauf hinweisen können, dass diese Menschen auch in der Lage sind, ihre Biographie in einer Weise zu konstruieren, die ihnen selbst und der anvisierten Leserschaft opportun erscheint. So sei das Kriegsende ausnahmslos von allen als „eine ungeheure Erleichterung“ erlebt worden. Man hatte überlebt, die Gefahr war vorüber (34). Dass nicht wenigstens einer verzweifelt oder verärgert darüber war, den Krieg verloren zu haben, erscheint nicht überzeugend.

Weitere Ergebnisse seiner Analyse (35-69) ergeben für ihn zusammenfassend eine „Revisionsbedürftigkeit bestimmter Öffentlichkeitsbilder“ von der Jugend des Nationalsozialismus, zumal die in den Autobiographien anzutreffenden Innenansichten nicht mit der heute in den Medien vermittelten Botschaft übereinstimmen, dass „die Jugend damals war, wie die Propagandabilder des Nationalsozialismus sie zeichnete“ (69). Mit anderen Worten: Die Macher/innen von Sendungen oder Büchern dieses Themenschwerpunktes halten es in den Augen von Schörken „politisch gesehen“ für besser, „den NS-Propagandabildern zu glauben und den ‚Nachweis’ dafür immer wieder auf den Bildschirm zu holen, als einmal näher an die triviale Erlebniswirklichkeit heranzugehen, obwohl diese doch [...] längst dokumentierbar oder reproduzierbar ist“ (ebd.).

Dieser Vorwurf ist nicht neu und immer wieder dann zu hören, wenn die nachgeborene Generation sich ‚anmaßt’, über den Nationalsozialismus zu urteilen, dazu aber vor lauter ‚political correctness’ angeblich gar nicht in der Lage ist. Verfällt Rolf Schörken jetzt auch in diese Haltung? Immerhin betont er, dass das „oft gehörte Urteil, man müsse die NS-Zeit miterlebt haben, um sie beurteilen zu können“, nur „halb richtig“ sei (140). Um diese Aussage zu untermauern, rückt er im zweiten und dritten Teil des Buches seine eigene Biographie in den Mittelpunkt (78-138). Hier beschreibt er einerseits seine Erfahrungen der letzten Kriegswochen in strikter Abgrenzung zu dem von ihm als „Fiktion“ bezeichneten Film ‚Die Brücke’ und schildert sehr eindringlich die Kämpfe, an denen er als 16-jähriger bis zu seiner schweren Verwundung beteiligt war. Einen Zusammenhang des hier deutlich werdenden Funktionierens in der Kriegsmaschinerie der Erwachsenen zur HJ-Sozialisation stellt er indes nicht her. Andererseits skizziert er seine Rückkehr ins zivile Leben der Nachkriegszeit und versucht damit die bereits zuvor getroffene Behauptung, dass „die nationalsozialistische Gedankenwelt [...] schneller in sich zusammenbrach, als je vorher eine politische Ideologie dieses Ausmaßes zusammengebrochen war“ (64), am eigenen Beispiel zu belegen. Eine überzeugende Antwort auf die Frage, warum der Übergang in die Demokratie so reibungslos gefunden wurde, bleibt er dabei aber weitgehend schuldig.

Sein Plädoyer für eine Verbindung von Erfahrungs- und Realgeschichte (185) setzt Schörken im letzten Teil des Buches fort, indem er zum einen das schwierige Verhältnis der „45er Generation“ zur „68er Generation“ beschreibt (139-170) und sich zum anderen kritisch mit den Forschungsmethoden und –ergebnissen von Harald Welzer und seinem Team auseinandersetzt (170-183). Es überrascht nicht, dass Schörken sowohl für den Umgang der „68er“ mit dem Nationalsozialismus als auch für Welzers Analysen der erinnerten Geschichte viele kritische Worte übrig hat. Aber – und dies gilt für das ganze Buch – Schörken überzeugt nicht mit seiner Sicht der Dinge, da seine Ressentiments gegen die Forschungsliteratur, die ja durchaus schon seit längerem Erinnerungen und Erfahrungen wahrnimmt und berücksichtigt, zu sehr im Vordergrund stehen. Ein Beispiel für das sich so andeutende Verlangen nach einer unangetasteten Verfügungsgewalt über die eigene erlebte Geschichte möge dies verdeutlichen. Die von der psychologischen Forschung und auf dem oben angeführten Kongress thematisierte Traumatisierung der jugendlichen Kriegsgeneration lehnt Schörken für sich selbst rundweg ab. Trotz seiner Erlebnisse in der Flakstellung, seiner Beteiligung an Kämpfen, seiner Verwundung, die den Verlust eines Beines mit sich brachte, der langen Zeit im Lazarett kommt er zu dem Schluss: „Du lieber Himmel, [...], was müßte ich bei den Situationen, die ich durchlaufen hatte, denn geradezu für ein Teufelsbraten von Traumatisierung sein. Ich bin’s aber nicht und möchte mich deshalb nicht einmal entschuldigen“ (100).

Selbstverständlich ist diese Selbsteinschätzung statthaft, aber gleichzeitig deutet dieser Satz und die damit verbundene Bezugnahme auf eine „feinfühlige Jugendhistorikerin aus der 68er-Generation“ (ebd.), die eben jene Möglichkeit der Traumatisierung thematisierte, eine gewisse Blockadehaltung an, die einen unbefangenen Umgang mit den Forschungsergebnissen der nicht ‚Dabeigewesenen’ verhindern dürfte. Das vorliegende Buch bestätigt diesen Eindruck.


[1] Vgl. den Tagungsbericht von Lu Seegers unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/...

[2] Ebd.

[3] Neben anderen seien hier genannt:
Schörken, Rolf (1984): Luftwaffenhelfer und Drittes Reich. Stuttgart.
Schörken, Rolf (1994): Jugend 1945. Politisches Denken und Lebensgeschichte. Frankfurt a.M.


Rüdiger Loeffelmeier (Hamburg/Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rüdiger Loeffelmeier: Rezension von: Schörken, Rolf: Die Niederlage als Generationserfahrung, Jugendliche nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft. Weinheim/München: Juventa 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991134.html