EWR 5 (2006), Nr. 2 (März/April 2006)

Gabriele Rosenthal
Interpretative Sozialforschung
Eine Einführung
Weinheim, München: Juventa 2005
(244 S.; ISBN 3-7799-1482-4; 17,00 EUR)
Interpretative Sozialforschung Das vorliegende Buch ist von einer Sozialwissenschaftlerin verfasst, die zum Thema „Qualitative Forschung“ bereits verschiedene fundierte Beiträge geliefert hat und nun einen Einführungstext für Studenten vorlegt. An solcherlei Einführungstexten mangelt es auf dem Markt nicht. Dennoch möchte ich bereits vorab das vorliegende Buch zu den hervorragenden Arbeiten zählen. Es zeichnet sich insbesondere durch eine Vielzahl empirischer Beispiele aus, welche das komplexe Thema sehr gut fassbar werden lassen und qualitative Forschungsstrategie und -methodik meisterhaft schildern und sehr verständlich machen.

Rosenthal konzentriert sich bei ihrer Vorstellung von Erhebungs- und Auswertungsmethoden auf diejenigen, die interpretativen Paradigmen (z. B. Offenheit) verpflichtet sind und die einer Logik der Entdeckung von Hypothesen und gegenstandsbezogenen Theorien (Grounded Theory) folgen. Diese Eingrenzung ist aber immer noch so weit gefasst, dass sich der Text meines Erachtens als allgemeine Einführung in die qualitative Forschungsmethodik bezeichnen lässt und diesem Anspruch gerecht wird.

Es ist kein Überblick, sondern eine Abhandlung, die anhand verschiedener Kapitel ausgewählte Themenfelder qualitativer Forschung ausführlich zusammenfasst und tiefergehend problematisiert. Rosenthal konzentriert sich nicht nur auf methodologische und methodische Aspekte, sondern geht immer auch auf die historische Entwicklung von Denkansätzen und Methoden ein, was entscheidend und wichtig für das weitere Verständnis ist. Die Kapitel sind – Vorkenntnisse vorausgesetzt – an sich auch einzeln verständlich. Auffallend gut ist der ausführliche Erklärungsstil der Autorin, der einer Vorlesung gleichkommt. Im Text werden die wichtigsten Punkte in Tabellen, Zusammenfassungen, Vorbemerkungen und Zwischenüberschriften sehr lesefreundlich gebündelt.

Insgesamt sind es sieben Kapitel, in denen folgende Aspekte zur Sprache kommen: Methodologische Grundlagen und Prinzipien, Forschungsprozess und -design, Ethnographische Feldforschung und Teilnehmende Beobachtung, Leitfadeninterview und narratives Interview, Biographieforschung und Fallrekonstruktion, Inhaltsanalyse, Grounded Theory, Diskursanalyse.

In jedem Kapitel führt Rosenthal nach einer allgemeinen thematischen Darstellung ein empirisches Beispiel an, an dem das methodische Vorgehen explizit erklärt wird. Diese Beispiele stammen zumeist aus früheren Forschungsarbeiten der Autorin; sie sind passend gewählt und mitunter sehr spannend zu lesen (z. B. wenn sie zusätzlich auf Kriminalautoren wie A. C. Doyle und dessen Kriminalhelden Sherlock Holmes Bezug nimmt). Manchmal wie nebenbei werden dem Leser die Methoden anhand der Beispiele einleuchtend skizziert.

Herausgreifen möchte ich hierbei die Ausführungen zur „Abduktion“ (Kap. 2.5). Im Kontext qualitativer Forschung (wo es sehr unterschiedlich diskutiert wird) erfährt dieses kenntniserweiternde Schlussverfahren eine besondere Bedeutung. Anders als bei den logischen Schlussverfahren der Induktion (vom Besonderen zum Allgemeinen) und der Deduktion (vom Allgemeinen zum Besonderen) entsteht beim abduktiven Verfahren neues Wissen nicht allein durch Ableitung oder Verallgemeinerung, sondern zudem in einer Art erweiternder Auffächerung von vorhandenen Erfahrungen und sich anhäufenden Einfällen des Forschers. Auf diese Weise ist Abduktion auch „die einzige Methode, bei der die Hypothesengewinnung und nicht nur der Hypothesentest reflektiert wird“ (62).

Es gelingt der Autorin – hier am Beispiel einer sehr vertrakten Familiengeschichte (Kap. 2.5.3) – durch exemplarische Schilderungen, sukzessive Erläuterungen und differenzierte Fallrekonstruktion, was in vergleichbaren Einführungstexten bei anderen Autoren nicht so gut klappt, nämlich eine deutliche Vorführung, wie Forschung abläuft bzw. ablaufen sollte. So wird in diesem Buch insbesondere deutlich vorgeführt, wie das Prinzip der Offenheit bei der Erhebung von empirischen Daten praktiziert werden kann. Rosenthal zeigt zudem sehr anschaulich, nach welchen Regeln eine an den Prinzipien der Rekonstruktion und Sequenzialität ausgerichtete Datenauswertung erfolgen kann.

Wenngleich die Vermittlung qualitativer Forschungsmethoden in den pädagogischen Studiengängen im Vergleich zur Statistik-Ausbildung noch keineswegs gleichberechtigt ist, findet doch qualitative Forschung in den Erziehungswissenschaften immer weitere Verbreitung. Die hier besprochene Einführung von Rosenthal bewerte ich als wichtige Lektüre, die bei der Aus- und Fortbildung zum Thema „Qualitative Forschungsmethodik“ unbedingt herangezogen werden sollte.

Empfehlenswert ist diese Einführung besonders für Studierende und junge Forscher, die mit den Grundbegriffen qualitativer Forschung einigermaßen vertraut sind, die aber noch eine eingehende Darstellung methodischer Vorgehensweisen suchen, wie z. B. das oben erwähnte abduktive Verfahren. Dies bietet Rosenthal in hervorragender Weise und mit Hilfe sehr interessanter Beispiele. Sie selbst spricht von dem Anliegen, das Buch als eine Art „offenen Leitfaden“ für studentische Forschungsarbeiten zu konzipieren – diese Absicht ist gelungen. Der Text ist kenntnisreich und lesefreundlich verfasst und kann zum grundlegenden und zum erweiternden Verständnis sehr empfohlen werden.
René Börrnert (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
René Börrnert: Rezension von: Rosenthal, Gabriele: Interpretative Sozialforschung, Eine Einführung. Weinheim, München: Juventa 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 2 (Veröffentlicht am 04.04.2006), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/77991482.html