EWR 3 (2004), Nr. 2 (März/April 2004)

Herbert Gudjons
Frontalunterricht - neu entdeckt
Integration in offene Unterrichtsformen
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2003
(277 Seiten; ISBN 3-7815-1124-3; 17,90 EUR)
Frontalunterricht - neu entdeckt Wer die Buchproduktion von Herbert Gudjons verfolgt, erkennt rasch, dass hier konsequent weitergeführt wird, was der Autor an anderer Stelle eine "Didaktik zum Anfassen" nannte (3. Aufl. 2003). Eine "Methodik zum Anfassen" (ders. 2001) gibt es auch schon, und wer sich in Sachen Gruppenunterricht, handlungsorientiertem Unterricht und Projektunterricht informieren und (fort)bilden will, wird bei Gudjons ebenfalls fündig. Nach diesen, die Themen ‚modernen’ Unterrichts aufgreifenden Büchern, gibt es aus der "Feder" Gudjons’ nun also auch eines zum Frontalunterricht - zum neu entdeckten, wohlgemerkt. Wie wichtig diese Nachstellung im Titel ist, lässt sich angesichts des noch immer Verpönten, das allein dem Wort Frontalunterricht anzuhaften scheint, erklären.

Beginnend mit dem Vorwort und noch am Ende seines Buches wird denn auch von Gudjons gegen ideologische Vorbehalte angeschrieben, gegen das schlechte Gewissen, das frontal unterrichtende Lehrer nach öffentlich harschen Kritiken am Frontalunterricht umtreibe. Dies ist selbst nach Relativierungen jüngeren Datums (dezidiert H. Meyer oder Aschersleben [1], abwägend Terhart oder Weinert [2]) wohl noch immer notwendig, obwohl sich die von den meisten geteilte Kritik vor allem gegen die Dominanz dieser Sozialform und die damit verbundene "methodische Monokultur" (24) des Unterrichtens richtet. Dieser Kritik schließt sich Gudjons an; er will keinen "traditionellen Frontalunterricht", keine "Monokultur" (ebd.), sondern einen Frontalunterricht, der sich durch seine Integration in offene Unterrichtsformen als Modernisierungsinstrument erweist.

Kann man das eine Neuentdeckung nennen? Vielleicht. Vielleicht ist hier über den Umweg Frontalunterricht aber auch nur auf den Begriff gebracht, was einen Teil der Professionalität von Lehrerhandeln ausmacht, zu der ein reichhaltiges Methodenrepertoire gehört, in dem Frontalunterricht dort, wo er Sinn macht, selbstverständlich seinen Platz hat. Dass dieser Frontalunterricht schließlich auch gut sein muss, steht für den Autor außer Frage. Mit diesem Plädoyer und dem Wunsch, Lehrern in ihrer täglichen Unterrichtsarbeit mit Wissen und Rat zur Seite zu stehen, ist dieses Buch geschrieben. Es soll, so der Klappentext – "Mut" machen "zu einer zeitgemäßen Form des Frontalunterrichtes – ohne schlechtes Gewissen".

Wer den Klappentext gelesen hat, weiß schon, dass die in der Überschrift der Einleitung gestellte Frage: "Frontalunterricht – zurück zur Unkultur des ‚Beybringens’?" rein rhetorisch ist. Das altertümliche Wort wird gleichwohl geschickt aufgenommen, denn es erklärt das gegenteilige Motiv des Autors und leitet zum ersten Kapitel über, in dem unter illustrativer Nutzung von Abbildungen aus Schiffler/Winkelers bekanntem Bilderwerk "Tausend Jahre Schule" [3] knapp auf die Geschichte "vom mittelalterlichen Haufen zum modernen Klassenunterricht" eingegangen wird. Gudjons diskutiert dann verschiedene Definitionen von Frontalunterricht und greift auf die formale Charakteristik als Sozialform zurück. Begrifflich unterscheidet Gudjons zwei Formen von Frontalunterricht, den "traditionellen Frontalunterricht" (im Sinne der methodischen Monokultur) und den "integrierten Frontalunterricht" (als Konzept, "das sich auf den Zusammenhang frontalunterrichtlicher Phasen mit eigentätigen, selbstverantworteten und selbstgesteuerten Schülerarbeitsformen richtet") (24). Letzteres Konzept hat Gudjons seinem Buch zugrunde gelegt.

Im zweiten Kapitel werden "Argumente gegen den Frontalunterricht" (27 ff.) vorgestellt, die unter Rückgriff auf Hilbert Meyers Frage, warum der Frontalunterricht "so schön" (39) sei, im dritten Kapitel den Vorteilen gegenübergestellt werden. In nützlicher Zusammenstellung findet man hier die bekannten, inzwischen mehr als zwanzig Jahre alten Studien, nach denen Frontalunterricht als die mit fast 77 Prozent am meisten verbreitete Sozialform im Unterricht ausgemacht wurde, durch jüngere Untersuchungen [4] ergänzt, in denen es z.B. um die Beliebtheit des Frontalunterrichts – auch bei Schülern – oder die bei Lehrern und Schülern unterschiedliche Wahrnehmung von Handlungsmustern im Unterricht geht.

In den Kapiteln vier und fünf werden unter jeweils gleicher Hauptüberschrift, nämlich "Guter Frontalunterricht", zum einen "Methodische Möglichkeiten" (151 ff.) und zum anderen "Raumregie, Körpersprache und Interaktion" (215 ff.) in den Blick genommen und mit Praxistipps versehen. Studierende und sicher auch Lehrer dürften dankbar dafür sein, zumal diese Tipps anschaulich, mit Erzählungen, Unterichtsszenen und Fotos unterlegt werden und durch die Einbeziehung auch fehlgeschlagener Inszenierungen empirischen Rückhalt glaubhaft machen. Angemerkt sei freilich, dass diese Anschaulichkeit auch Widerspruch hervorruft, so könnten z.B. die Bilder, auf denen die Körperhaltung von Lehrern zu sehen ist, auch ganz anders untertitelt und damit subjektiv interpretiert werden, als Gudjons das gemacht hat. Hier zeigen sich denn auch die Gefahren eines didaktisch aufbereiteten Buches, das sich mit Praxisrelevanz und Anschaulichkeit auch dort Reduktion und Eindeutigkeit einhandelt, wo sie nicht am Platz sind.

Das Buch, das mit der "Perspektive: Frontalunterricht in offene Unterrichtsformen integrieren" (255 ff.) schließt, wird es wohl dennoch schaffen, von den "Praktikern" in die Reihe der nützlichen und brauchbaren Bücher eingereiht zu werden. Der Rezensentin kommt es über weite Strecken zu salopp und vertraulich, gelegentlich auch martialisch ("Frontalunterricht - keine Allzweckwaffe", 46) daher. Nicht alle wollen vielleicht mit Du angesprochen und mit parolenartigen Tipps der Art "Despotismus der Lehrerfrage – nein, Qualität der Frage – ja!" oder "Lobe also die ganze Klasse, nicht nur einzelne. Sorge dafür, dass die Klasse ein positives Leistungsbild entwickelt, dann hat auch der Einzelne etwas davon!" versorgt werden. Wer Kästchen mit Ausrufezeichen aber mag, wird sich an dieser Form nicht stoßen und auch die vielen (zwölf) Cartoons, die dem Buch eine ausgesprochen populäre Note geben, mögen.

Auf der Habenseite des Buches steht die Dichte, mit der zentrale Handlungsmuster und Elemente von Unterricht (von "Planen – inszenieren – motivieren" über Anschauung und Gesprächsformen bis hin zu Interaktionsübungen) beschrieben und in ihrem Stellenwert für guten "integrierten Frontalunterricht" analysiert werden. Es wirkt zwar eher auf die Lehrerfortbildung zugeschnitten, ist aber für universitäre Lehrveranstaltungen durchaus akzeptabel. Mit der lehrbuchartigen Aufmachung des Buches (Schriftfarben blau und schwarz, Kästchen mit und ohne blaue Füllfarbe, Ausrufezeichen, grafische Darstellungen) sind Studierende – nicht im schlechtesten Sinn – von der Schule her vielleicht noch vertraut. Die Literatur jedenfalls ist auf dem neuesten Stand, die Fälle und Geschichten sind gut erzählt und der Umgang mit unterschiedlichen Wissensformen kann Studierenden auch nicht schaden. In der Konfrontation mit Erlebnissen in Praktika kann in der Perspektive eines neu zu entdeckenden Frontalunterrichts sehr viel genauer und kritischer auf die Qualität von erlebtem und selbst veranstaltetem Unterricht gesehen werden.



Anmerkungen:

[1] Aschersleben, Karl: Frontalunterricht - klassisch und modern. Eine Einführung. Neuwied, Kriftel 1999; Meyer, Hilbert: Plädoyer für die Wiederbelebung des Frontalunterrichts (1990/2000). In: Ders.: Türklinkendidaktik. Berlin 2001, S. 92-118.
[2] Terhart, Ewald: Lehr-Lern-Methoden. Weinheim 3. Aufl. 2000; Weinert, F. E.: Psychologie des Unterrichts und der Schule. Enzyklopädie der Psychologie. Bd. 3. Göttingen 1997.
[3] Schiffler, Horst/Winkeler, Rolf: Tausend Jahre Schule. Eine Kulturgeschichte des Lernens in Bildern. 4. Auflage. Stuttgart, Zürich 1994.
[4] Gudjons zitiert u.a. Kanders, M.: Das Bild der Schule aus der Sicht von Schülern und Lehrern II. Dortmund 2000.
Heidemarie Kemnitz (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heidemarie Kemnitz: Rezension von: Gudjons, Herbert: Frontalunterricht - neu entdeckt, Integration in offene Unterrichtsformen, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 2 (Veröffentlicht am 31.03.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78151124.html