EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Michael Macsenaere/Eckhart Knab
Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen (EVAS)
Eine Einführung in Theorie und Praxis
Freiburg im Breisgau: Lambertus 2004
(80 S.; ISBN 3-7841-1530-6; 8,00 )
Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen (EVAS) Die Veröffentlichung über EVAS (Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen) stellt ein Verfahren vor, nach dem "Qualität" in der öffentlichen Erziehung, d.h. in den Erziehungshilfen gemessen werden soll. Seit 1999 – so die Autoren - werde das vorgestellte Verfahren sehr erfolgreich angewandt und von über 150 Trägern der Jugendhilfe genutzt. Entwickelt wurde es vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz (getragen vom Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen) in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe von Trägern der Jugendhilfe.

Nun ist das Vorhaben, die guten oder schlechten Wirkungen öffentlicher Erziehung zu dokumentieren, nichts Neues. Bereits im Waisenhaustreit vor über 200 Jahren argumentierten die Kritiker der Waisenhäuser mit dem mangelnden "Erfolg" (hier die hohe Sterblichkeitsrate) dieser Einrichtungen. Auch Johann H. Wichern überprüfte bereits 1868 den späteren Lebenswandel seiner Zöglinge aus den Rettungshäusern empirisch. Ebenso die Fürsorgeerziehungsbehörden, die ab 1900 regelmäßig in verschiedenen Studien die "Lebensbewährung" der ehemaligen Fürsorgezöglinge" untersuchen ließen, v.a. mit der Frage, ob die von ihnen ausgegebenen Gelder nicht vielleicht kontraproduktiv wirken würden. (Erstaunlicherweise kamen all diese Untersuchungen bis heute – trotz ihrer unterschiedlichen Kriterien - zu einem Prozentsatz von ca. 2/3 Erfolgsfällen, auch wenn die Kriterien hierfür jeweils unterschiedlich waren.)

Untersuchungen über den "Erfolg" von Erziehung außerhalb von Herkunftsfamilien leiden dabei von jeher an mindestens drei Problemen:

* fehlten und fehlen vergleichende Studien zur Erziehung in der Familie (lediglich gibt es Vergleichsdaten zu Sterblichkeit, Bildungsgrad oder Kriminalität)
* tritt öffentliche Erziehung in der Regel eben dann ein, wenn bereits z.T. traumatisierende Ereignisse (Beziehungsabbrüche, Vernachlässigung, Misshandlung) innerhalb der Herkunftsfamilie stattgefunden haben, d.h. hier liegt bereits eine nicht repräsentative Auswahl von Kindern vor, die (selbst und mit ihnen ihre ErzieherInnen) mit besonderen Ausgangsschwierigkeiten in der Erziehung zu kämpfen haben.
* lässt sich "Erfolg" und damit auch die Qualität von Erziehung weder "herstellen", noch aus einer Außenperspektive zuschreiben. Dies gelingt nur für den Teilbereich der Anpassung an bestehende gesellschaftliche Verhältnisse, was nicht gleichzusetzen ist mit erfolgreicher Erziehung.
Ein weiteres Problem solcher "Qualitätsmessungen" bestand und besteht darin, dass sie in ihrer Argumentation je einem bestimmten, gerade vorherrschenden öffentlichen Diskurs folgen, der maßgeblich die Kriterien für den Erfolg mitdefiniert.

Vom "sündigen" Zögling, der "gerettet werden musste, über den "erbkranken", der "behandelt", den "proletarischen", der "agitiert" werden sollte bis zum "besonders problembeladenen", der Expertenhilfe benötigt, hat gerade die öffentliche Jugendhilfe im 20. Jahrhundert ein Wechselbad an Interpretationen ihrer "Zielgruppe" und von Erziehungszielen erlebt.

In Evaluationsstudien finden sich daher auch immer Niederschläge solcher Interpretationen und andererseits auch ein Bezug auf jeweilig vorherrschende Forschungsrichtungen und Theorien. So haben Pongratz/Hübner 1959 in ihrer Untersuchung über die "Lebensbewährung nach öffentlicher Erziehung" mit aufwändigen Methoden einen Prozentsatz von sich "bewährenden", bzw. "teilbewährenden" Erwachsenen errechnet (65%), daneben aber vor allem auch Zeugnis über die damaligen bürgerlichen Vorurteile über abweichendes Verhalten ("Einordnungsmängel" wie uneheliche Sexualität, "Verlogenheit", "Umhertreiben", "Arbeitsunlust" etc.) abgelegt.

In der Studie über "Leistungen und Grenzen von Heimerziehung" (JULE-Studie) von 1998 waren dagegen deutlich die Spuren der Lebensweltorientierung in der sozialpädagogischen Praxis zu merken. Es ging daher neben der Frage nach Straffälligkeit auch um die subjektive Einschätzung der Kinder selbst, um die Frage, ob sie selbst im Rückblick auf ihre Geschichte das Gefühl haben, ein gelingendes Leben zu führen.

Wie ordnet sich nun die vorliegende neue Veröffentlichung in die bereits bestehenden Versuche ein, Aussagen über positive bzw. negative Wirkungen von öffentlicher Erziehung zu machen?

Die Evaluationsstudie von Knab/Mascsenaere (wie auch die Jugendhilfe-Effekte-Studie, JES) greift diesen in meinen Augen sehr fruchtbaren Ansatz der JULE-Studie nicht wieder auf. Die Beurteilung von "Qualität" wird hier wieder von den "Experten" gefällt, zudem von denjenigen, die die "Leistung" erbringen, d.h. die ein subjektives Interesse an der Dokumentation eines Erfolges haben. Korreliert werden die Daten eines speziellen Aufnahme- und Abschlussbogens. Hier werden personenbezogene Daten (Nationalität, Einkommen der Eltern, Schulabschlüsse etc.), Aufnahmeanlässe, polizeilich ermittelte Straftaten, psychische Störungen, Hilfeplanprognosen (von "Verschlechterung" bis zu "Ziel übertroffen") festgehalten. Diese werden ergänzt durch Strukturdaten wie Anzahl der Hilfeplangespräche, Art der Erziehungshilfen (Tagesgruppe oder Intensive Einzelbetreuung etc.) , Kooperationsbereitschaft der Eltern, "Schweregrad der Gesamtauffälligkeit" (leicht, mittel, schwer) und "Angabe der aktuellen kindbezogenen Zielerreichung" (wieder von "Verschlechterung" bis "Ziel übertroffen"). Auch geht es um Einschätzungen von gelungener oder nicht gelungener "psychosoziale Anpassung".

Die so gewonnen Daten werden – ganz im Sinne der heute vorherrschenden Theorien des betriebswirtschaftlich orientierten Qualitätsmanagements – in "Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität" unterteilt. Es geht theoretisch dabei v.a. um Fragen der Kosten-/ Nutzenanalysen, d.h. um Effektivität. Um dies zu "messen" werden aus den Daten Kurven erstellt, die als "Ressourcenindex", bzw. "Defizitindex" Aussagen über die Qualität der "Leistungserbringer" machen sollen.

Was ist nun das Ergebnis dieser umfangreichen Datenanalyse von über 11.500 evaluierten Hilfen? Neben Einzelantworten, dass z.B. das Alter zu Beginn der Hilfen steigt oder dass Spezialisierungen in den Einrichtungen für den Abbau von Defiziten förderlich sind, kommt die Studie zu lapidaren Ergebnissen wie diesem: "Es besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Ressourcenanstieg, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu Beginn der Hilfe geringere Defizite aufweisen" (56). Was auf deutsch soviel heißt wie: wer schon zu Beginn weniger Schwierigkeiten hatte, der hat auch nach der Erziehungshilfe weniger – und umgekehrt (wenigstens also macht die Jugendhilfe nichts schlimmer .... Dass Heimerziehung aber auch die Startpositionen bessert, zu diesem Ergebnis kam bereits Walter Gerres 1997 in seinem Buch "Das zweite Zuhause").

Was darüber hinaus neben der betriebswirtschaftlichen Semantik von "Ressourcenaufbauindex" und "Defizitabbauindex" übrig bleibt, ist die "gute alte Statistik", die immer wieder ein wichtiger Ausgangspunkt für Einschätzungen der aktuellen Entwicklungen ist, die aber nach theoretischer und (fach-)politischer Deutung verlangt, die in der vorliegenden Veröffentlichung nicht geschieht.

In einem wichtigen Punkt jedoch kann die Studie möglicherweise positiv noch einmal die Ergebnisse der JULE-Studie bestätigen. Denn EVAS kommt zu einem ähnlichen Ergebnis über die Fachlichkeit der Hilfen: je fachlicher der Umgang mit dem Einzelfall (d.h. z.B. gut dokumentierte Hilfepläne) und je kontinuierlicher die Betreuung (Qualität der Beziehung zwischen ErzieherInnen/Kindern), desto positiver werden die Verläufe eingeschätzt. Dies ist zwar auch kein Ergebnis, das die Fachleute der Jugendhilfe in irgendeiner Weise überraschen kann. Trotzdem kann es in der fachpolitischen Diskussion ein anderes Gewicht erzeugen, als der Verweis auf Bindungstheorie oder den gesunden Menschenverstand. Konsequenz dieses Befundes müsste dann die Einsicht sein, dass nur gesicherte, d.h. v.a. finanziell gesicherte Strukturen und bessere Ausbildung der BetreuerInnen diese Fachlichkeit sichern können.

Aber auch wenn das zuständige Bundesministerium die Studie finanziell gefördert hat, werden dieser Einsicht kaum Taten in Bezug auf eine bessere Finanzierung der stationären Erziehungshilfen folgen. Auch das ist etwas, was sich aus der Geschichte der Jugendhilfe lernen lässt: in finanziellen Krisenzeiten konnte der Staat sich – dank sei dem Subsidiaritätsprinzip - auf diesem Gebiet (stärker noch als im Schulbereich) aus der Verantwortung ziehen.

Und in dem Dreieck aus "Leistungserbringer" (die Träger), "Leistungsgewährer" (Jugendämter) und "Leistungsberechtigter" (das sind die Eltern!) und dem daraus resultierenden Gerangel um die Kosten, geraten diejenigen, um deren "Wohl" es eigentlich gehen soll, aus dem Blick. Sie haben keine Stimme – auch in dieser neuen Evaluationsstudie über die erzieherischen Hilfen nicht. Hier erscheinen sie lediglich als Träger von einer gewissen Ausprägung von Defiziten und Ressourcen, die effektiv verändert werden sollen.

Nicht die Defizite und Ressourcen der kindlichen Umgebung, sondern die Defizite der Kinder selbst stehen im Zentrum der Analyse, nicht was sie brauchen, sondern was sie mitbringen. Dahinter steht ein technologisches und individualisierendes Bild vom Menschen und von Erziehung, das der Realität von Erziehungsprozessen so wenig gerecht wird, wie einem Verständnis vom Kind als Subjekt und nicht als Objekt von Erziehungsbemühungen.
Carola Kuhlmann (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carola Kuhlmann: Rezension von: Macsenaere, Michael / Knab, Eckhart: Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen (EVAS), Eine Einführung in Theorie und Praxis, Freiburg im Breisgau: Lambertus 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/78411530.html