EWR 4 (2005), Nr. 5 (September/Oktober 2005)

Werner Helsper / Jeanette Böhme (Hrsg.)
Handbuch der Schulforschung
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004
(994 S.; ISBN 3-8100-3659-5; 69,90 EUR)
Handbuch der Schulforschung Handbücher erfreuen sich zunehmender Resonanz bei Wissenschaftlern, Studierenden und interessierten Laien, aber selbst Spezialisten ziehen einigen Gewinn aus ihrer Benutzung. Der Verlag Leske + Budrich hat sich in den letzten Jahren große Verdienste in diesem Bereich erworben, man denke nur an die Handbücher zur Kindheits- und Jugendforschung und zur Bildungsforschung [1]. Sein Nachfolger, der Verlag für Sozialwissenschaften, setzt diese Tradition mit dem vorliegenden voluminösen Werk fort.

Die beiden Herausgeber von der Universität Halle haben mehr als 50 namhafte Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen vereint, um die neuesten Ergebnisse auf dem Gebiet der Schulforschung (in der Regel bis zum Jahr 2002) in systematischer Form zu präsentieren. Im Unterschied zu vorhergehenden Kompendien [2] verzichten sie bewusst auf eine Unterscheidung zwischen Schul- und Unterrichtsforschung zugunsten eines komprimierten, sich auf zentrale Schwerpunkte konzentrierenden Ansatzes. Dass diese Kombination, wie die Herausgeber selbst feststellen, zu Einschränkungen vor allem im Unterrichtsbereich – etwa im Hinblick auf die Fachdidaktiken – führt, tut dem Werk insgesamt wenig Abbruch.

In ihrer Einleitung platzieren Helsper/Böhme die Schulforschung im Gesamtfeld erziehungswissenschaftlicher Forschungsfelder und geben einen kurzen Abriss zur Geschichte der Handbücher und Nachschlagewerke zur Schul- und Unterrichtsforschung in Deutschland, dem sich ein auf wichtige Zäsuren und Konjunkturen konzentrierender Überblick zur Geschichte der deutschen Schulforschung anschließt. Damit leiten sie zum ersten der insgesamt vier übergreifenden Kapitel, „Die Entwicklung der Schulforschung“, über.

Während Peter Drewek die Geschichte der Schulforschung in Deutschland und den USA von den Anfängen bis zu den 1970er Jahren vergleichend betrachtet, analysiert Achim Leschinsky die Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung der Schul- und Unterrichtsforschung in Deutschland in den letzten drei Dekaden. Wie rasch Fachveränderungen allerdings Bewertungen überholen können, zeigt sich an der Aussage Leschinskys, dass das Paradoxe an der gegenwärtigen „empirischen ‚Wendung’“ der Erziehungswissenschaft darin bestünde, dass zu einem Zeitpunkt, wo die empirische Erziehungswissenschaft besonderes öffentliches und politisches Gewicht erhält, ihre quantitative Bedeutung innerhalb der Disziplin zurückgeht. (82) Dies wird man angesichts der disziplinären Verschiebungen innerhalb vieler erziehungswissenschaftlicher Institute in den letzten Jahren, die sich vor allem in entsprechenden Stellenbesetzungen im Bereich der empirischen Bildungsforschung niederschlagen, nicht mehr behaupten können, auch wenn Leschinskys Befürchtung, dass mit einer möglichen Überpräsenz der pädagogischen Psychologen Modifikationen und Verengungen in der Interpretation der Forschungsergebnisse verbunden sein können, nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Das zweite Kapitel behandelt wichtige Forschungsansätze in der Schulforschung, wobei der Fokus auf quantitativen (OliverBöhm-Kasper/Horst Weishaupt) und qualitativen (Jeanette Böhme) Methoden und ihrer Triangulation (Heinz-Hermann Krüger/Nicolle Pfaff) liegt. Zudem werden Methoden der Handlungs-, Praxis- und Evaluationsforschung in den Blick genommen (Annedore Prengel/Friedrike Heinzel/Ursula Carle).

Den mit Abstand größten Umfang mit mehr als 700 Seiten nimmt das dritte Kapitel zu den Forschungsfeldern der Schulforschung ein. Dabei werden von der Makro- zur Mikroperspektive voranschreitend neun Felder behandelt. Der historischen Entwicklung und Differenzierung des Schulsystems mit Beiträgen zur Geschichte des Schulwesens und des Lehrerberufs (Bernd Zymek) sowie zur Bildungsökonomie und Schulstatistik (Manfred Weiß/Dieter Timmermann) folgt ein zweiter Bereich zum Schulsystem und seiner Ausdifferenzierung. Hier finden sich Studien zu Schulformvergleichen und zur Bedeutung der Einzelschule sowie zum Berufs-, Sonder- und Reformschulwesen. Während der dritte Bereich zur Schulentwicklungsforschung, der sich mit der Organisations- und Schulkulturentwicklung (Hartmut Wenzel) sowie der Handlungs- und Praxisforschung (Herbert Altrichter/Andreas Feindt) befasst, thematisiert der vierte Abschnitt das Verhältnis von Schule zu angrenzenden Feldern wie Familie, Sozialpädagogik, Medien und Freizeitkultur.

Im fünften Bereich werden die verschiedenen schulischen Übergänge zwischen Kindergarten und Grundschule, zwischen Grund- und Sekundarschule, zwischen Schule und Berufsausbildung sowie Statuspassagen von der Schule ins Studium untersucht. Dem schließt sich die soziokulturelle Dimension von Schule, nämlich Ungleichheit, Ethnizität, Geschlecht und Generation, an. Die letzten drei Themenfelder sind der „inneren“ Schulentwicklung in den Bereichen der Unterrichts- und Lehr-Lernprozesse mit dem Fokus auf Lehr- und Lernforschung, Didaktik und Interaktion, der Lehrerforschung und der Schülerforschung gewidmet. In diesen beiden letztgenannten Bereichen werden zum einen die Forschungen zur Lehrerpersönlichkeit, zu Berufskarrieren, Lehrerinteraktion, Professionalität des Lehrerberufs und die Lehrerbildung vorgestellt, zum anderen die Themen Schülerpersönlichkeit, Schulkarrieren und Peer-Kultur behandelt.

Das vierte und abschließende übergreifende Kapitel befasst sich mit zwei Aufsätzen zur Universalisierung von Schule (Christel Adick) und der vergleichenden Bildungsforschung (Gero Lenhardt) nicht, wie die Kapitelüberschrift suggeriert, der „Schulforschung in internationaler Perspektive“, sondern präsentiert ausgewählte Forschungen über die Internationalisierung der Schule und Schwerpunkte der vergleichenden Bildungsforschung unter besonderer Berücksichtigung von Weltsystem- und Weltgesellschaftsmodellen.

Eine Einzelkritik, ja selbst die Nennung aller vierzig Einzelbeiträge ist an dieser Stelle ausgeschlossen. Jeder Leser wird seinem Interessengebiet entsprechend seine eigene Lektüreauswahl treffen. Verwiesen sei an dieser Stelle auf drei Beiträge, die Forschungsfelder in den Blick nehmen, die – wie die Bildungsökonomie – bisher eher unterbelichtet blieben oder – wie im Falle des Curriculum – eine Renaissance erleben. Während Zymek aus historischer Perspektive zeigt, dass die Entwicklung des deutschen Schul- und Hochschulwesens nicht von ökonomischen Konjunkturen und Anforderungen des Beschäftigungssystems, sondern von einem permanenten Prozess der Bildungsexpansion gesteuert war, widmen sich Weiß und Timmermann aus wirtschaftswissenschaftlichem Blickwinkel der Frage der Bildungssteuerung. Lässt sich zwar in der empirischen Forschung kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Ressourcenwirksamkeit und Schulleistungen feststellen, so impliziert die rezente Forderung nach einer stärker evidenzbasierten Ausgabenpolitik im Schulbereich ein Effizienzpostulat. Die mit diesem Postulat verbundene Frage nach einem Paradigmenwechsels in der Steuerungsphilosophie, ob nämlich ein am Markt orientiertes oder ein staatlich-bürokratisches Steuerungssystem geeigneter ist, die Effizienzziele zu erreichen, ist bisher noch nicht eindeutig beantwortet worden. Sie hat aber zur Einführung neuer Konzepte wie dem der „Quasi-Märkte“ geführt, die nun der empirischen Untersuchung harren.

In ihren Ausführungen zu Didaktik und Curriuclum, um einen weiteren Aufsatz hervorzuheben, plädieren Uwe Hericks und Ingrid Kunze für einen erneuten Aufschwung der Curriculumforschung, die nun allerdings nicht mehr bildungsreformerische Ansprüche artikuliert. Vielmehr soll sie mit ihrer Hinwendung zur praktischen Lehrplanarbeit auf allen Ebenen, der Formulierung einer Lehrplantheorie und der Erforschung der gesellschaftlichen Konstruktion von Schulwissen neues Gewicht in der gegenwärtigen curricularen Reformdebatte gewinnen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass alle Beiträger versuchen, der von den Herausgebern vorgeschlagenen (in der Einleitung allerdings nicht explizit erörterten) Systematik zu folgen, was, bei der Autorenzahl nicht verwunderlich, unterschiedlich gut gelungen ist. So fällt beispielsweise auf, dass nur einige Beiträge historische Überblicke zu ihrem Gegenstand anbieten und nicht alle auf Forschungslücken und -perspektiven hinweisen. Zudem machen es die Herausgeber dem Kritiker nicht leicht, da sie die thematischen Lücken – etwa das bereits erwähnte Fehlen der Fachdidaktiken, aber auch die Vakanz von Beiträgen zur DDR-Schulforschung, zur internationalen Leistungsvergleichsforschung und zu Deutungsmustern von Schülern gegenüber der Schule – und die nur gelegentlichen theoretischen Reflexionen selbst als Defizite benennen. Dem ließe sich anfügen, dass die fehlende internationale Perspektive ein großes Manko des Kompendiums darstellt. Das Handbuch der Schulforschung ist tatsächlich ein Handbuch der deutschen Schulforschung. Von Ausnahmen – wie beispielsweise in den Beiträgen von Zymek und Wenzel, die einen „Blick über den Zaun“ (409) wagen oder wie Drewek komparatistisch vorgehen – abgesehen, wird die außerdeutsche Schulforschung kaum thematisiert und damit eine vergleichende Kontextualisierung der deutschen Entwicklung in den internationalen mainstream der Forschung ausgeschlossen. Eine systematische Reflexion hätte wohl den Rahmen des Bandes gesprengt, aber explizite Verweise in den Einzelbeiträgen oder ein zusätzlicher Beitrag über ausgewählte internationale Entwicklungen in der Schulforschung hätten hier Abhilfe schaffen können.

Darüber hinaus fehlt ein Beitrag zum Gegenstand und zur Theorie der Schulforschung in historisch-kritischer Perspektive, auch wenn der intendierte Schwerpunkt des Handbuches auf Forschungsergebnissen liegt. Die kurzen Ausführungen der Herausgeber in der Einleitung deuten jedenfalls an, dass die Selbstreflexion der Schulforscher und ihre Abgrenzungsstrategien von anderen Bereichen der Bildungsforschung ja keineswegs einheitlich waren und sind. Gleichwohl bleibt festzustellen, dass das vorliegende Handbuch angesichts des rezenten Aufschwungs der interdisziplinären empirischen und der inzwischen stark ausdifferenzierten qualitativen Schul- und Unterrichtsforschung ein wachsendes Bedürfnis nach komprimierten Überblickswerken befriedigt. Aus deutscher Sicht fasst es die zentralen Forschungsfelder, -ergebnisse und -desiderata zusammen und bietet damit ein grundlegendes Hilfs- und Orientierungsmittel in einer Erziehungswissenschaft, die sich im Prozess des disziplinären Wandels befindet und durch eine weiter zunehmende Fragmentarisierung und Interdisziplinarität gekennzeichnet ist.

[1] Krüger, Heinz-Hermann/ Grunert, Cathleen (Hrsg.) (2002): Handbuch Kindheits- und Jugendforschung. Leske + Budrich: Opladen.
Tippelt, Rudolf (Hrsg.) (2002): Handbuch Bildungsforschung. Leske + Budrich: Opladen.

[2] Vgl. z.B. Twellmann, Walter (Hrsg.) (1981ff.): Handbuch Schule und Unterricht. Düsseldorf: Schwann.





Eckhardt Fuchs (Mannheim)
Zur Zitierweise der Rezension:
Eckhardt Fuchs: Rezension von: Helsper, Werner / Böhme, Jeanette (Hg.): Handbuch der Schulforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/81003659.html