EWR 4 (2005), Nr. 1 (Januar/Februar 2005)

Heike Kahlert
Gender Mainstreaming an Hochschulen
Anleitung zum qualitätsbewussten Handeln
Opladen: Leske & Budrich 2003
(254 Seiten; ISBN 3-8100-3824-5; 19,90 EUR)
Gender Mainstreaming an Hochschulen Gender Mainstreaming als Prinzip der öffentlichen Organisationsentwicklung ist für die EU-Mitgliedsstaaten seit 1996 verbindlich - viele Kommunen befinden sich derzeit im Entwicklungsprozess (z.B. die Stadt Freiburg). Im Kontext von Hochschulen wird hier hingegen weitgehend Neuland betreten. Heike Kahlert betrachtet in ihrem Buch Gender Mainstreaming als mögliches Instrument der Gender-Analyse für hochschulbezogene Organisationsentwicklung und –beratung und stellt die Anwendung an einem Beispiel vor. Dabei verfolgt sie das Ziel, einerseits weitere Forschungsvorhaben zu Hochschulentwicklung, die gleichstellungsbezogen vorgeht, anzuregen und andererseits Hilfestellung für ebendiese Praxis zu geben. Heike Kahlert vertritt die These, dass sich eine Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse an Hochschulen problemlos mit der derzeitigen Ökonomisierung des öffentlichen Sektors vereinbaren ließe. Geschlechtergerechte Hochschulreform erweise sich als "zukunftsfähige und nachhaltige Hochschulreform" (225).

Grundlage des Buches bildet eine Expertise zu "gleichstellungsbezogenen Chancen und Risiken einer Fusion der Universitäten-Gesamthochschulen Essen und Duisburg" (13), die die Autorin im Auftrag der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Essen in den Jahren 2001/02 erstellte.

Heike Kahlert stellt nach einigen einleitenden Überlegungen (Kap. 1) "Geschlechterpolitik im Hochschulreformprozess" dar (Kap. 2). Hierbei beschreibt sie neben allgemeinen Demokratisierungs- und Ökonomisierungsprozessen von Hochschulen Perspektiven der Gleichstellungspolitik an Hochschulen. Frauen- und Geschlechterforschung als eine Wurzel der Veränderungsprozesse auch in der Wissenschaft werden in den Blick genommen. In Kapitel 3 erörtert Kahlert fünf verschiedene Handlungsfelder, in denen eine Gender-Analyse als Instrument der Organisationsentwicklung und -beratung für Hochschulen genutzt werden kann: in der Hochschulsteuerung, in der Personalentwicklung und Nachwuchsförderung, in der Forschung, in Lehre und Studium und bei der Gestaltung der sozialen Rahmenbedingungen. Diese Überlegungen werden an dem Beispiel der fusionierten Universität Duisburg-Essen konkretisiert (Kap. 4). Zusammenfassend diskutiert Kahlert Geschlechtergerechtigkeit als Qualitätsmerkmal in Hochschulen.

Heike Kahlert beginnt ihre Ausführungen mit einer detaillierten Beschreibung der Situation an Hochschulen und unterschiedlichen bereits vorhandenen Ressourcen für die Implementierung von Gender Mainstreaming. So sind in Deutschland erstmals Frauen auf allen Ebenen an den derzeitigen Hochschulreformprozessen beteiligt. Dennoch bilden deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich das "Schlusslicht", betrachtet man die Gleichstellung von Frauen und Männern (17). Daher besteht seit Jahren ein gesetzlicher Auftrag zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Im Zuge dessen wurde eine Reihe von Frauenförderprogrammen entwickelt. Gender Mainstreaming sei nun, so Kahlert, eine zusätzliche Strategie, Geschlechterdemokratie herzustellen.

Die Verbreitung von Gender Mainstreaming als Konzept der Gleichstellungspolitik weist eine gewisse Parallelität zum Perspektivenwechsel der Frauenforschung hin zur Geschlechterforschung auf. Heike Kahlert beschreibt ausführlich die Entstehungsgeschichte der Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung und die Verbindung dieser Forschungen mit Geschlechterpolitik. Hierbei betont sie die Bedeutung der Frauen- und Geschlechterforschung als "kritisch–innovative Kraft" (55) für die Wissenschaft. Zudem liefere die Forschung Argumente für Geschlechterpolitik und habe so "Politik beratende Funktion" (70). Diese Verschränkung von Frauen- und Geschlechterforschung einerseits und Gleichstellungspolitik auf der anderen Seite zeige sich zudem in Lehrinhalten an Hochschulen: Theorie und Praxis der Gleichstellungspolitik sind Lehrgegenstand der Frauen- und Geschlechterforschung.

Der Umgang mit "Geschlechterdifferenz" ist für Hochschulen somit nicht neu. Gender Mainstreaming konfrontiert sie nun jedoch damit, als Organisation "durch und durch ‚vergeschlechtlicht’ zu sein, und […] fordert [sie zugleich auf, R.M.], diese implizite und eher verschwiegene Vergeschlechtlichung explizit und zum Ansatzpunkt von organisationalem Handeln zu machen." (74). Im Gegensatz zu Frauenförderung als personenbezogene Maßnahme ist Gender Mainstreaming organisationale Gemeinschaftsaufgabe. Ausgangspunkt hierfür ist die Gender-Analyse: "Sie untersucht, in welchem Ausmaß und in welcher Form Fragen zu den Geschlechterverhältnissen in das organisationale Denken und Handeln einer Hochschule integriert sind." (75)

Heike Kahlert beschreibt als systematischen Rahmen für die Gender-Analyse fünf Handlungsfelder (s.o.) zur Entwicklung einer geschlechtergerechten Hochschule. Für jedes Handlungsfeld stellt sie abschließend einen Leitfaden zusammen, anhand dessen die Analyse vorgenommen werden kann.

Am Beispiel der Fusion der Universitäten-Gesamthochschulen Essen und Duisburg wird eine Gender-Analyse anschließend konkret vorgestellt. Heike Kahlert entfaltet hierbei Entstehungsweg, damit verbundene Entscheidungsprozesse und begrenzende Faktoren der "Expertise zu gleichstellungsbezogenen Chancen und Risiken einer Fusion" (13). Vor dem Hintergrund des Beispiels nimmt Kahlert abschließend nochmals Stellung zu "Geschlechtergerechtigkeit als Qualitätsmerkmal in Hochschulen" (225). Sie weist auf die Gefahr hin, dass in hochschulpolitischen Argumentationen zur Gleichstellung der Geschlechter schnell traditionelle differenztheoretische Geschlechterkonzeptionen auftreten können: So dient in der Hochschulpolitik der Hinweis auf den demographischen Wandel häufig als Begründung für die Notwendigkeit der Gleichstellung der Geschlechter – eine Hochschule muss das gesamte Begabungspotential ausschöpfen, auch das der Frauen. Damit soll auf der einen Seite die Genusgruppe der Frauen "wieder einmal die ihnen historisch bereits vertraute Rolle der ‚Reservearmee’ einnehmen" (226). Auf der anderen Seite impliziere diese Argumentation schnell die differenztheoretische Vorstellung, Frauen würden ‚andere’ Fähigkeiten und Potentiale einbringen. Heike Kahlert öffnet hier den Blick für einen "modernen Qualitäts- und Geschlechterbegriff": "Organisationales Qualitätsbewusstsein bedeutet dann die Anerkennung und Integration der Stimmen, Haltungen und Interessen auch anderer Anderer, also auch derjenigen, die im hegemonialen Organisationsdiskurs marginalisiert oder sogar ausgeschlossen sind" (227). ‚Andere Andere’ sind in diesem Sinne beispielsweise auch "Männer, die der in Organisationen vorherrschenden ‚hegemonialen Männlichkeit’ […] nicht entsprechen" (227).

Hier zeigt sich zusammengefasst eine der zentralen Stärken des Buches: Heike Kahlert betrachtet differenziert und kritisch distanziert ein derzeit verbreitetes Konzept für die Herstellung von Geschlechterdemokratie. Sie gibt Einblick in die historischen Wurzeln von Hochschulentwicklung einerseits und Geschlechterforschung andererseits. So lässt sie die Anliegen des Gender Mainstreaming nachvollziehbar werden. In der Vorstellung des Konzepts arbeitet sie sowohl Chancen als auch mögliche "Stolpersteine" einer Implementierung heraus. Meines Erachtens wohnt dem Konzept des Gender Mainstreaming die Gefahr inne, Geschlechterdifferenzen und Stereotypen erneut zu konstruieren und damit zu dramatisieren. Diese für die Geschlechterforschung immer aktuelle Frage, die im abschließenden Kapitel angedeutet wird, könnte noch ausführlicher diskutiert werden.

Offen bleiben für mich schließlich die Fragen, wer solch eine ausführliche Analyse angesichts der knappen (finanziellen) Mittel leisten kann und wie ein Bewusstsein für "Geschlechterfragen" in allen Instanzen einer Hochschule verankert werden kann, ohne dass dadurch, dass nach dem Konzept des Gender Mainstreaming niemand mehr zentral für dessen Umsetzung ‚zuständig’ ist, eine große Unverbindlichkeit entsteht.
Ruth Michalek (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ruth Michalek: Rezension von: Kahlert, Heike: Gender Mainstreaming an Hochschulen, Anleitung zum qualitätsbewussten Handeln, Opladen: Leske & Budrich 2003. In: EWR 4 (2005), Nr. 1 (Veröffentlicht am 31.01.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/81003824.html