EWR 3 (2004), Nr. 4 (Juli/August 2004)

Ilse Lenz / Lisa Mense / Charlotte Ullrich (Hrsg.)
Reflexive Körper?
Zur Modernisierung von Sexualität und Reproduktion
Opladen: Verlag für Sozialwissenschaften 2004
(311 Seiten; ISBN 3-8100-3922-5; 24,90 EUR)
Der von Lenz u.a. herausgegebene Sammelband umfasst zehn Beiträge, die sich mit den Folgen gesellschaftlicher und technischer Modernisierung für weibliche und männliche Körperbilder und -empfindungen beschäftigen. Es eint die Beiträge ein Verständnis von Weiblichkeit und Männlichkeit als historisch und kulturell je verschieden hergestellte Konstrukte, die aber – so jedenfalls die Mehrheit der AutorInnen – in den Körpern materiell wirksam werden. Am Beispiel so unterschiedlicher Themen wie Orgasmusdebatten, Tamponwerbung, Videoclips, Reproduktionstechnologien oder männlicher Sozialisationserfahrungen wird deutlich, welchen Normierungen unsere Körperlichkeit unterliegt.

Für die Erziehungswissenschaft sind diese Themen insofern relevant, da diese Normen – heute eher subkutan - auf Mädchen und Jungen einwirken und immer wieder scheinbar naturhafte Unterschiede zwischen den Geschlechtern reproduzieren. Eine geschlechtsbewusste Erziehung kann nur durch eine Reflexion dieser auf den Körper gerichteten Disziplinierungen gelingen.

Ilse Lenz geht eingangs in ihrem Beitrag davon aus, dass weltweit weibliche Sexualität nach wie vor mit Unterordnung verbunden wird, auch wenn sich in der "reflexiven Moderne" einer Informationsgesellschaft neue Spielräume entwickelt haben und frühere feste Rollenbilder und Erwartungshaltungen aufgebrochen wurden. Anhand einer "Ereignisdatenbank" zweifelt Lenz darüber hinaus die These an, dass sich die neue Frauenbewegung seit den 1990er Jahren in einem Niedergang befindet. Zwar ändern sich die Diskurse - so Lenz -, aber die Aktionen bspw. gegen Vergewaltigung im Krieg in Jugoslawien oder für Migrantinnen etc. und die rechtlichen Reformen schreiten voran.

Der Beitrag von Christine Kenning über die Geschlechterdisziplinierung durch Orgasmusdiskurse untersucht die verschiedenen Phasen, in denen der Orgasmus in der Zeitschrift "Psychologie heute" (1975-2000) thematisiert wurde. Ob und wie ein Orgasmus zu einer erfüllten Sexualität dazugehörte, wurde zu Beginn intensiv diskutiert. Dann wurde der Befreiungsaspekt zu Beginn der sexuellen Revolution in den 90ern durch die Thematisierung von Gefährdung (AIDS, sexuelle Gewalt) und Lustlosigkeit in längeren Paarbeziehungen abgelöst. Aus dem Recht auf Orgasmus, wurde eine Pflicht zum Orgasmus, sein Fehlen Ausdruck einer Störung. Dies kann interpretiert werden als eine Übertragung vom Mythos der Leistungsfähigkeit auf die Vorstellung von einer "normalen", "gesunden" Sexualität. Unterschiedlich thematisiert wurden in der Zeitschrift dabei Frauen und Männer – Frauen erschienen als diejenigen, die Probleme haben, einen Orgasmus zu bekommen, Männer dagegen als diejenigen, die Probleme haben, Frauen einen Orgasmus zu verschaffen.

Dass es problematisch ist, eine Frau zu sein, vermittelt auch die Tamponwerbung, die – so Charlotte Ullrich -, zwar die Menstruation einerseits zum "Natürlichsten" der Welt erklärt, die aber vermittelt, dass frau selbst und ihre Umwelt davon auf keinen Fall etwas riechen oder spüren darf. Leibliche Befindlichkeit – so lernt das Mädchen in der Tamponwerbung, - darf öffentlich nicht thematisiert; "Unwohlsein" nicht auf Weiblichkeit zurückgeführt werden. Die Modernisierung im Umgang mit Menstruation durch "Hygieneartikel" drückt sich auch darin aus, dass Menstruation nun nicht mehr Frauen von Öffentlichkeit ausschließt, jedoch um den Preis, dass Frauen dieses Erleben individuell verantwortet "weghygienisieren" müssen (S. 118).

Mehr Spielräume lassen – so jedenfalls Paula Irene Villa – die Videoclips, die insgesamt als Vorreiter für postmoderne Identitäten gelesen werden können. Die Zuordnung zu geschlechtlichen Vorlieben (Bsp. Daniel Küblböck) bleiben in vielen neuen Videos uneindeutig. Die Frage, ob Videoclips vorherrschende Geschlechterbilder bestätigen oder diese subversiv unterlaufen, hält Villa für obsolet, denn das Spezifische heute sei, dass sie eben beides täten.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, welche Konsequenzen die Existenz und zunehmende Bedeutung variabler Identitäten – besonders durch die Vermittlung virtueller Scheinwelten - für die bisherigen Entwicklungs- und Sozialisationstheorien hat. Das Jugendalter, das in diesen Theorien als Phase der Identitätsbildung beschrieben wird, verliert zunehmend diese Bedeutung. Es gibt die eine Identität nicht mehr. Alles ist (scheinbar?) möglich – zumindest virtuell. Durch die gleichzeitige Vermittlung eines Stereotyps und seiner Persiflage vermitteln Medien Geschlechtsidentitäten, die damit m.E. nicht weniger normierend auftreten, im Gegenteil sind sie damit gegen mögliche Kritik bereits abgefedert.

Ebenfalls in seinen Konsequenzen für Erziehung und Sozialisation noch kaum absehbar sind die neuen Verwandtschaftsverhältnisse, die durch Reproduktionstechnologien möglich werden. Lisa Mense beschreibt diese "fragmentierten" Elternschaften, bei denen ein Kind heute drei verschiedene Mütter haben kann: eine genetische, von der die Eizelle abstammt, eine austragende (Leihmutter) und eine soziale, die das Kind erzieht. In Amerika können so bspw. unfruchtbare Paare (oder auch schwule Paare) mit gekauften Eizellen, Spendersamen und unter Nutzung einer Leihmutter "Eltern" werden und tun es auch in wachsendem Maße. Welche Verwandtschaftsbeziehungen auf diese Weise entstehen und welche Konsequenzen solche Elternschaften wiederum auf Prozesse der Identitätsbildung dieser Kinder im Jugendalter haben, ist noch kaum abzusehen.

Die wesentliche Tendenz dieser und weiterer drei Artikel zur Reproduktionsmedizin ist jedoch eine kritische Haltung zu den eugenischen und familienpolitischen Wirkungen dieser Medizin, die Menschen "nach Wunsch" herstellt.

Abgerundet werden die Beiträge durch zwei Artikel zur Männerforschung, ersterer von Torsten Wöllmann über die medizinische Neuerfindung des Männerkörpers in der Andrologie. Der zweite Aufsatz, der neuere Forschungen über Männer und Jungen zusammenfasst ist von dem wohl bekanntesten "Männerforscher", dem Australier Robert Conell verfasst und für den Sammelband übersetzt worden. Conells These von der "hegemonialen Männlichkeit", der sich Männer und Frauen unterordnen müssen, durchzieht auch diesen Aufsatz. Er bietet darüber hinaus einen internationalen Überblick über wissenschaftliche Arbeiten, die sich in den letzten Jahren mit den kulturell und milieubedingt je verschiedenen Männerbildern befassten (Männer beim Militär, am Stammtisch, in Bodybuildingstudios, Hollywoodfilmen etc.). An zwei Fallstudien vollzieht Conell nach, wie männliche Körper sich im Verlauf ihrer Sozialisation einfügen in Rituale, die von älteren Männern vermittelt werden und die Frauen, i.d.R. noch immer als untergeordnete Objekte wahrnehmen ("... ich zögerte irgendetwas zu tun, das als weibisches Verhalten kritisiert werden könnte"; 297).

Insgesamt thematisiert diese interessante und anregende Veröffentlichung immer wieder die Macht, die technische und politische Veränderungen, aber auch immer neu entstehende Mythen auf die Geschlechtskörper ausüben und macht so konkret, was als Schlagwort über vielen Veröffentlichungen der neueren Geschlechterforschung steht: dass Geschlecht nicht "an sich" da ist, sondern täglich neu entworfen wird. Sie macht aber auch deutlich, dass Geschlecht nicht "frei" zur Verfügung steht, sondern bestimmten Interessen unterworfen ist (z.B. den Profitinteressen der Tampon- ; Musik- oder Medizinindustrie), denen es nicht um eine freie Entfaltung der Geschlechter geht, sondern um den Nachweis, dass der Körper ohne den Konsum ihrer Produkte oder den Eingriff ihrer Wissenschaft ein allenfalls unzulänglicher Männer- , aber vor allem ein "verdächtiger" Frauenkörper bleibt.
Carola Kuhlmann (Bochum)
Zur Zitierweise der Rezension:
Carola Kuhlmann: Rezension von: Lenz, Ilse / Mense, Lisa / Ullrich, Charlotte (Hg.): Reflexive Körper?, Zur Modernisierung von Sexualität und Reproduktion, Opladen: Verlag für Sozialwissenschaften 2004. In: EWR 3 (2004), Nr. 4 (Veröffentlicht am 05.08.2004), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/81003922.html