EWR 4 (2005), Nr. 3 (Mai/Juni 2005)

Ralf Koerrenz
Otto Friedrich Bollnow
Ein pädagogisches Portrait
Weinheim/Basel: Beltz(UTB) 2004
(134 S.; ISBN 3-8252-2484-8; 14,90 )
Otto Friedrich Bollnow Vor dem Hintergrund der Lebensphilosophie und der Existenzphilosophie, der Hermeneutik und der Phänomenologie sowie unter dem Vorzeichen der "Rationalität des Irrationalen" lässt sich die Pädagogik von Otto Friedrich Bollnow als Unschärfe-Theorie der Erziehungswirklichkeit interpretieren und in eine gestimmte, eine gebrochene und eine geleitete Erziehungswirklichkeit unterscheiden. Dies ist die zentrale These des Buches "Otto Friedrich Bollnow" von Ralf Koerrenz, das in der von Alfred Schäfer herausgegebenen Reihe "Ein pädagogisches Portrait" bei UTB 2004 erschienen ist. Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt, die aufeinander aufbauen, von methodischen über philosophische zu pädagogischen Gesichtspunkten führen und durch einen Ausblick, in dem Anschlüsse an Bollnow aufgezeigt werden, abgerundet wird. Eine kurze Biographie liefert Einblicke in das Leben Bollnows, eine Auswahlbibliographie und ein Sekundärliteraturverzeichnis weiterführende Anregungen.

Koerrenz beginnt seine Überlegungen im 1. Kapitel "Zwischen Unschärfe und Besser-Verstehen" mit dem Hinweis auf die umfangreiche Bibliographie Bollnows, um das Problem eines Zugangs zu seinem Werk zu verdeutlichen. Dieses scheint sich durch Bollnows Ablehnung gegenüber jeglicher Systematik zu verschärfen. Gerade darin sieht aber Koerrenz einen möglichen Zugang zum Werk Bollnows – und glaubt, ihn hier ein erstes Mal überlisten zu können (8). Er stellt folgende These auf: Es sei gerade der – von Bollnow nicht offen gelegte – immanente systematische Zusammenhang der erweiterten Interpretation der "Erziehungswirklichkeit", der Bollnows Werk geprägt und rezipierbar gemacht hat (9). Damit weist er zudem auf die heute eher seltene Tatsache hin, dass sich im Umkreis von Bollnow eine "Schule" entwickelt hat, was auch als Argument für die Behandlung in der Reihe der pädagogischen Portraits angeführt hätte werden können. Die Gründe für diesen Erfolg Bollnows sieht Koerrenz in der Ausblendung zweier Fragestellungen: Zum einen vernachlässige er konkrete gesellschaftliche Veränderungen, die durch Erziehung bewirkt werden oder durch welche Erziehung beeinflusst wird. Zum anderen schenke Bollnow konkreten pädagogischen Handlungsstrategien im Kontext wie Schule, Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung kaum Beachtung. Vor diesem Hintergrund charakterisiert Koerrenz gleich zu Beginn seines Buches die Pädagogik Bollnows als "Unschärfe-Theorie" – unscharf, weil Bollnow selbst keine Systematisierung genannt habe und weil Bollnow einzelne Aspekte vernachlässigt habe. Methodisch orientiert sich Koerrenz an seinem Portrait und glaubt, ihn hiermit ein zweites Mal überlisten zu können (12). Für Bollnow nämlich bedeute Verstehen immer ein Besser-Verstehen, womit er sich in die Tradition um Dilthey einreiht. Dieses Vorgehen scheint dem Zweck nach geeignet zu sein und einen gangbaren Weg zu eröffnen. Allerdings ist er nicht der Einzige, wie die späteren hermeneutischen Studien, von denen nur Gadamer erwähnt sei, belegen.

Erwartet man sich in diesem 1. Kapitel, wie gewöhnlich für wissenschaftliche Bücher, eine Darlegung der Intention und der Zielgruppe, einen Überblick über die Arbeit sowie die Einordnung in die Forschungslandschaft, so wird man leider und aufgrund des bereits Gesagten unnötigerweise enttäuscht. Weder werden allgemeine Hinweise zur Reihe gegeben, was durch den Herausgeber getan hätte werden können, noch klärt Koerrenz selbst den Entstehungshintergrund seines Buches. Insofern bleibt offen, welchen Anspruch das Buch erhebt und an wen es sich richtet. Das Urteil von Glaser und Priem hinsichtlich der Reihe insgesamt scheint auch für das Bollnow-Portrait von Koerrenz angemessen zu sein: Das Buch ist geeignet als Studientext, setzt eine intensive Lektüre von Quellentexten und ihrer Kontexte voraus und will historische und systematische Fragestellungen erörtern [1].

Im 2. Kapitel "Zwischen Lebensphilosophie und Existenzphilosophie" erfolgt in weitestgehender Anlehnung an Bollnows Darstellungen eine Zusammenfassung beider philosophischer Richtungen. Die Begründung für dieses Kapitel erfolgt am Ende der einleitenden Worte und somit etwas spät: Die Beschäftigung mit der Lebensphilosophie und der Existenzphilosophie gehöre unmittelbar zum Verständnis der Pädagogik Bollnows hinzu, da in diesen Strömungen das Fundament für Bollnows Sichtweise des Menschen und die damit verknüpfte Lehre von der Erziehungswirklichkeit gelegt werde (18). Insgesamt betrachtet gelingt es Koerrenz, das Spannungsverhältnis zwischen Lebensphilosophie und Existenzphilosophie herauszukristallisieren, was angesichts der Komplexität der Aufgabenstellung ein schwieriges Unterfangen ist. Die wenigen Ungenauigkeiten, die vor allem in der Darstellung der Existenzphilosophie und in der Auseinandersetzung mit Heidegger auftreten (z. B. 31 und 33), stören daher nicht. Weitaus fragwürdiger erscheint die in diesem Zusammenhang zum ersten Mal auftretende und bis ans Ende des Buches weitergeführte Position des "Ja, aber!" (z.B. 37), mit der Bollnows grundsätzliche Einstellung charakterisiert wird: Kann diese damit (sprachlich und inhaltlich) angemessen umschrieben werden? Der Schlussgedanke, dass Bollnow letzten Endes dem Denkrahmen der Lebensphilosophie verbunden bleibe, überzeugt hingegen wieder.

Das 3. Kapitel umschreibt Koerrenz mit "Die Rationalität des Irrationalen" und stellt darin (nochmals) einzelne wissenschaftstheoretische und methodische Überlegungen Bollnows vor, ohne sie aber explizit in den Gesamtzusammenhang des Buches einzuordnen. Insofern erscheint dieses Kapitel isoliert, worauf auch die Wiederholung der Ausgangsthese des Buches am Ende des Kapitels hindeutet (57). Bis zu dieser Stelle ist beinahe die Hälfte des Buches erreicht und fast ausschließlich philosophischen Überlegungen gewidmet worden. Dass Bollnow ein Grenzgänger zwischen Philosophie und Pädagogik ist, hat er selbst bekundet und wird von Koerrenz auch erwähnt (11). Insofern ist eine derartig ausführliche Beleuchtung des philosophischen Hintergrundes vertretbar, vielleicht sogar notwendig. Aber: Für einen pädagogisch interessierten Einsteiger kann dies, vor allem wenn nicht offen gelegt wird, an wen sich das Buch richtet und was damit erreicht werden soll, ernüchternd und unter Umständen abschreckend wirken. Dies muss nicht als ein Mangel des Interpreten gedeutet werden. Es kann auch ein Mangel des philosophischen Pädagogen oder, vielleicht besser gesagt, des pädagogischen Philosophen Bollnow sein.

Daran schließt das 4. Kapitel "Die Lehre der Erziehungswirklichkeit" an, das aus pädagogischer Sicht das größte Interesse verdient: Während die vorausgehenden Kapitel viel Hintergrundwissen erörtern, geht es in diesem Kapitel um pädagogische Fragen als solche. Im Mittelpunkt steht dabei die für Bollnow zentrale Aufgabe der "deutenden Erforschung der Erziehungswirklichkeit" (59), wobei Koerrenz drei Dimensionen herauskristallisiert: Die gestimmte, die gebrochene und die geleitete Erziehungswirklichkeit. Mit dieser Unterteilung gelingt es ihm, die von Bollnow selbst nie genannte Systematisierung seiner Pädagogik durch ein Besser-Verstehen offen zu legen.

Bei der Darstellung der drei Dimensionen der Erziehungswirklichkeit unterscheidet Koerrenz drei Aspekte – leider lässt er erst an dieser Stelle den Leser zum ersten Mal expressis verbis an seinem Vorgehen teilhaben: In einem ersten Schritt werde jeweils die Kennzeichnungen erläutert, die Bollnow aus seinen Studien zur Anthropologie der Gestimmtheit, der Gebrochenheit und der Geleitetheit allgemein gewinnt. In einem zweiten Schritt werde jeweils der Beitrag Bollnows zur deutenden Erforschung der Erziehungswirklichkeit dargestellt. In einem dritten Schritt werde auf die Folgerungen eingegangen, die sich daraus für die Haltung der Erziehenden ergeben (60).

Als Erstes behandelt Koerrenz die gestimmte Erziehungswirklichkeit und stellt diese, ausgehend von Lebensphilosophie und Existenzphilosophie, klar und deutlich heraus. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass für Bollnow der Mensch immer irgendwie gestimmt, vor allem das hoffende Wesen sei (66), wonach Geborgenheit, Hoffnung, Vertrauen zentrale Kriterien einer pädagogischen Atmosphäre sind. Diese steht neben einem entsprechenden pädagogischen Bezug, der getragen wird von gegenseitigem Vertrauen, im Zentrum einer gestimmten Erziehungswirklichkeit. Die Räumlichkeit und die Zeitlichkeit des Daseins, die Bollnow zeitlebens beschäftigten, hätten an dieser Stelle intensiver berücksichtigt werden können. Allerdings, so die Argumentation und Überleitung zur gebrochenen Erziehungswirklichkeit von Koerrenz, reiche diese Charakterisierung der Erziehungswirklichkeit nicht aus, um sie angemessen erfassen zu können. In all dieser faktisch erforderlichen und pädagogisch zu fördernden Kontinuität gäbe es auch Brüche und Diskontinuitäten, die Bollnow unter dem Gesichtspunkt der unstetigen Formen der Erziehung thematisiert (77) und von Koerrenz als gebrochene Erziehungswirklichkeit bezeichnet wird.

Diese wird ebenso wie die gestimmte Erziehungswirklichkeit aus dem Spannungsfeld zwischen Lebensphilosophie und Existenzphilosophie abgeleitet, wodurch ein innerer Zusammenhang zwischen beiden bestehe (78). Die gebrochene Erziehungswirklichkeit hat ihren Ursprung in der Bedeutung und der Macht des Augenblickes, wie es die Existenzphilosophie lehrt. Der Augenblick sei es, der zu Unstetigkeiten und zu Diskontinuität führe. Das Leben selbst verlaufe nicht stetig und kontinuierlich. Das Entscheidende und auch Neue an der Lehre der gebrochenen Erziehungswirklichkeit von Bollnow bestehe darin, dass Bollnow als Erster diese Gebrochenheit ins Bewusstsein pädagogischer Überlegungen gebracht und fruchtbar gemacht hat. Denn für die Erziehenden lässt sich nach Auffassung von Koerrenz folgern, dass sie überhaupt in der Lage sein müssen, die Besonderheit von bestimmten Augenblicken wahrzunehmen, sie als positive Situation zu akzeptieren und zugleich ihre begrenzte Planbarkeit einzusehen (96).

In diesem Zusammenhang gelingt es Koerrenz seine Unschärfe-Theorie an einem weiteren Punkt zu belegen: Erziehung verläuft nicht stetig und kontinuierlich, sondern wird durch Unvorhergesehenes unterbrochen, das jedoch nicht ignoriert, sondern in seiner Tragweite beachtet werden muss. Insofern gehe es in der Lehre von der gebrochenen Erziehungswirklichkeit um einen geschulten pädagogischen Blick, der den positiven Eigenwert von Ausnahmesituationen in der Erziehung zu erkennen vermöge (97).

Die dritte Dimension der Erziehungswirklichkeit, die Koerrenz in der Pädagogik Bollnows ausmachen kann, sieht er weniger im Spannungsfeld von Lebensphilosophie und Existenzphilosophie begründet, als vielmehr in der Biographie Bollnows und seiner Tugendlehre, die insbesondere vom platonischen Denken ausgeht. Koerrenz untermauert dabei seine Aussagen durch interessante Anmerkungen aus dem Leben und dem Werdegang Bollnows, die, vermehrt eingesetzt, die Argumentation aus historischer Perspektive weiter stützen hätten können.

Durch die Bindung des Menschen an eine Kultur sei für Bollnow die Wirklichkeit stets von einer Diskussion über die Begründbarkeit und Gültigkeit von Werten und Normen bestimmt. Gleiches gelte für die Erziehungswirklichkeit, die dementsprechend immer geleitet erscheint (98). Koerrenz fasst unter dem daraus gefolgerten Stichwort der geleiteten Erziehungswirklichkeit zwei Aspekte der Pädagogik Bollnows zusammen und versucht sie zu systematisieren: Zum einen zählt er dazu die Idee der elementaren, einfachen Sittlichkeit, zum anderen die Verhältnisbestimmung von Vernunft und Verstand und dem damit verbundenen Maßhalten. Dabei ist er der Meinung, Widersprüchlichkeiten im Denken Bollnows festzustellen, die er mit "konsequent inkonsequent" umschreibt (z. B. 106). Ob damit die Sachlage angemessen charakterisiert wird, sei auch an dieser Stelle dahingestellt. Überzeugend hingegen ist wieder der Schluss, den Koerrenz aus seiner Systematisierung zieht: Es gelte der Maßstab der elementaren, einfachen Sittlichkeit und die Herrschaft der Vernunft über den Verstand, die sich sowohl im pädagogischen Bezug als auch in den Zielen der Erziehung niederschlagen.

Koerrenz schließt sein pädagogisches Portrait von Bollnow mit einem Kapitel, das er "Anschlüsse" nennt. Hierin werden, wie die Kapitelüberschrift suggerieren kann, nicht nur einzelne positive Anschlüsse (z. B. Giel, Bräuer, Loch und stellvertretend für Japan Morita) erwähnt, sondern auch die für Bollnow schmerzhafte, aber aus historischer Sicht interessante Kritik von Adorno. Das Schlusswort bleibt aber alles in allem in einem Abschlussplädoyer verhaftet. Ein ausführlicher Hinweis auf den aktuellen Forschungsstand bezüglich der Pädagogik Bollnows müsste weitere Aspekte berücksichtigen.

Summa summarum lässt sich festhalten: Koerrenz gelingt es durchaus Bollnow zu "überlisten". Sein Systematisierungsversuch der Pädagogik Bollnows ist überzeugend und ausbaubar. Die Unterteilung der Erziehungswirklichkeit in eine gestimmte, gebrochene und geleitete Dimension eröffnet einen interessanten Zugang zum Werk Bollnows. Mehr Transparenz hinsichtlich der Intention und der Zielgruppe des Buches sowie der Argumentationslinien hätten der Überzeugungskraft dienlich sein können und von vornherein Unklarheiten und Unstimmigkeiten vermieden. Wer sich also für Bollnow interessiert und sich bereits mit ihm (pädagogisch und philosophisch) auseinandergesetzt hat, wird das Buch von Koerrenz mit Gewinn lesen.

[1] Glaser, Edith/Priem Karin: Klassiker-Renaissance? Neue Studienbücher der Erziehungswissenschaft. In: Erziehungswissenschaftliche Revue 2 (2003). Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.8.2003), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/Klassiker.h...>





Klaus Zierer (Regensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klaus Zierer: Rezension von: Koerrenz, Ralf: Otto Friedrich Bollnow, Ein pädagogisches Portrait, Weinheim/Basel: Beltz(UTB) 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 3 (Veröffentlicht am 20.05.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/82522484.html